Wissenschaft:

Schwätzer-Hijacking

Wenn das 21. Jahrhundert durch etwas ausgezeichnet ist, dann dadurch, dass das Verhältnis derer, die über etwas reden, im Verhältnis zu denen, die dieses Etwas tun, immer schiefer wird.

bullshit-meter-6v876789b780n Überspitzt formuliert leben wir in einem Zeitalter des Schwätzer-Hijackings, in dem es immer mehr selbst ernannte Experten gibt, die von dem, wovon sie Experte zu sein vorgeben, überhaupt keine Ahnung haben, weil sie außer Reden in ihrem Leben noch nie etwas getan haben.

Die Experten beraten uns in allen Lebenslagen. Sie kennen sich im Leben von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, von Dicken und Dünnen, von Melancholischen und von Lebensfreudigen in gleicher Weise aus. Sie wissen genau, wie man Ziele erreicht, verbal jedenfalls, sie erklären uns die Verwandtschaftsverhältnisse von Philipp Lahm, während sie ein Fussballspiel kommentieren, sie konstituieren eine Schwätzer-Schicht, die in unzähligen Meetings Probleme wälzt, die es ohne sie nie gegeben hätte.

Vor allem, aber nicht nur, im Genderismus wächst und gedeiht eine Schwätzer-Kultur, die ihresgleichen sucht. Und wie wenig das Geschwätz mit dem zu tun hat, worüber geschwätzt wird, wird am Beispiel der GenderIT-Konferenz an der Universität Siegen deutlich.

Wenn man, ganz unbedarft, erzählt bekommt, dass es an der Universität Siegen eine GenderIT-Konferenz gibt, dann denkt man, dort treffen sich Männer und Frauen, um über Algorithmen, Hardware-Probleme, neue Entwicklungen im IT-Bereich und die Frage zu diskutieren, wie man Windows 8 von seinem Computer entfernen kann. Man denkt, die Konferenz habe die Tätigkeiten zum Gegenstand, die im Bereich des IT anfallen.

Weit gefehlt.

Die Konferenz hat Geschwätz zum Gegenstand. Man trifft sich, um über die zu schwätzen, die im IT-Bereich die Arbeit machen, die Arbeit, von denen die Schwätzer keine Ahnung haben, aber Ahnung, so behaupten sie, haben sie von einem vermeintlichen Missstand:

“Yet the clubhouses of computing have not been open to all, in particular girls and women. Less than 12% of undergraduate degrees are awarded in the last year to women, and this is down from 37% in the 1980's”

Die GenderIT-Konferenz ist eine Lamento-Konferenz, auf der sich Schwätzer treffen, um ihr Lieblingsklagelied anzustimmen: Zu wenig Frauen im IT-Bereich, so geht der Singsang, der drei Tage durch die Hallen der Siegener Uni gehallt ist, auf Kosten der Steuerzahler versteht sich. Und während die Teilnehmer ihre Hymne singen, merken sie gar nicht, dass in den 1980er Jahren, als es noch keine Schwätzer-Konferenzen gab, die sich für Gender in IT interessiert haben, sich mehr Frauen für IT interessiert haben als es nunmehr tun, seit sich Schwätzer aufgeschwungen haben, Probleme von Frauen erst zu erfinden, um sie dann mit Geschwätz lösen zu wollen.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich die gesamte GenderIT-Konferenz ausschließlich um Frauen und IT, vor allem den Mangel an Frauen in IT und eine Reihe anderer, herbeigeschwätzter Probleme rankt.

Hier ein paar Kostproben:

- Frauen und ihre Work-Life-Balance im IT-Consulting in Deutschland
- Der Effekt von IT-Förderprogrammen für Mädchen (Worauf? Auf irgend etwas werden die Programme schon einen Effekt haben)
- Selbstverteidigungs-IT: Migrantenfrauen und IKT Strategien
- Emanzipation durch Medien (das war vermutlich der Spassvortrag)
- Ein eigenes Gleis: Plätze für Frauen in der IT schaffen!

Und dann gab es ein Diskussionsforum, dessen Thema vielversprechend mit der Aussage eingeleitet wird, dass es nicht gut sei, Frauen monolithisch in den Raum zu stellen, wie dies der Feminismus tue. Haben die was gemerkt, so denkt man und: perish the thought, nein, es sind keine Zweifel daran, dass die manische Fixierung auf das weibliche Geschlecht diejenigen, die damit inkubiert sind, lächerlich macht. Nein, es ist die Überzeugung, dass man Geschlecht differenzieren müsse, in Trans-Frauen (sic!) zum Beispiel – im IT-Bereich natürlich.

Das ist dann auch die Meldung, die den Teilnehmern der Konferenz, in der es um IT und Gender gehen sollte, mit auf den Weg gegeben wird: Wir haben, so weiß Jennifer Rode von der Drexel University, Sex und Geschlecht miteinander vermengt. Das muss enden, damit beide, Männer und Frauen, den ganzen Bereich femininer Geschlechtsidentitäten zur Schau stellen können, während sie versuchen, einer Technologie Herr zu werden. Wie man sieht, besteht keine Gefahr, dass die Mitglieder der Gender-Schwätz-Kultur jemals auf die Idee kommen, ihre Fixierung auf weibliche Geschlechtsteile sei einerseits peinlich und andererseits manisch. Sie sind vor solche Einsichten effizient durch eine Phantasie- und Einfallslosigkeit geschützt, die nur noch durch intellektuellen Stumpfsinn übertroffen wird.

Aber kein Stumpfsinn ist stumpfsinnig genug, als dass man nicht darüber schwätzen könnte. Und damit sind wir beim Beitrag von Bente Knoll und Bernadette Fritz, die die IT-Konferenz zum Anlass genommen haben, um die Selbstrepräsentation von 25 jungen Männern und 21 jungen Frauen im Alter von 14 bis 20 Jahren auf Facebook zu untersuchen. Dabei sind sie zu der für sie erschreckenden Erkenntnis gelangt, dass dann, wenn man junge Männer auffordert, ein Facebook-Profilbild für “starke Jungen” zu erstellen (im Original steht starke in ironischen Anführungszeichen, was an sich schon bezeichnend ist), die resultierenden starken Männer im Profil häufig mit nacktem Oberkörper und mit Muskeln dargestellt sind. Daraus resultiert das folgende Gejammer: “Ähnlich wie in der nicht-digitalen Welt unterwerfen sich Jugendliche genderbestimmten Klischees und Rollenvorgaben”. Fehlt nur noch der alte Gassenhauer: “… auf Facebook haben junge Männer Angst ihre Gefühle zu zeigen”.

Als relativ alter Mann darf ich an dieser Stelle einmal feststellen, dass ich gegenüber Personen wie Knoll und Fritz nur zu gerne meine Gefühle zeigen würde. Ich fürchte nur, sie würden nicht mögen, was sie sehen, denn ihnen scheinen Gefühle nur als narzisstische Äußerung und nicht als Mittel sozialer Interaktion bekannt zu sein. Ebenso wie ihnen der Reiz, der von einem muskulösen männlichen Körper ausgeht, nicht bekannt zu sein scheint, auch eine Form der Deprivation, mit der man vielleicht erklären kann, warum sie sich nicht getraut haben, ihre 21 weiblichen jungen Menschen das Profil eines “starken Jungen” erstellen zu lassen.

Wundert sich eigentilch noch jemand, warum so Wenige Interesse an einer Karriere im IT-Bereich haben? Wer will sich schon dem Geschwätz dieser Experten aussetzen, zur Zielscheibe dieser verbal Onanierer werden, die außer Worten noch nie etwas produziert haben?

Der Artikel erschien zuerst auf ScienceFiles.

 

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