Wissenschaft

Der Mythos von der „sozialen Konstruktion“

Und warum sich der Sozialkonstruktivismus sehr gut dafür eignet, Lobby- und Klientelpolitik zu betreiben

22. März 2014, von Dr. Alexander Ulfig

Der Begriff „soziale Konstruktion“ spielt eine Schlüsselrolle in den Gender Studies. Die Vorstellung, dass das soziokulturelle Geschlecht (Gender) eine soziale Konstruktion sei, wird dort als eine Selbstverständlichkeit betrachtet.

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Sie bildet das Fundament, auf dem Gender Studies aufgebaut werden, obgleich der Begriff der sozialen Konstruktion dort nicht genauer bestimmt wird.

Nach einführenden Erläuterungen zum Begriff der sozialen Konstruktion werde ich zeigen, dass im Sozialkonstruktivismus die Begriffe „Konstruktion“ und „Produkt“ oft miteinander verwechselt werden. In einem weiteren Schritt möchte ich die Grenze markieren, an die das soziale Konstruieren stößt. Schließlich werde ich die im Untertitel angezeigte Frage diskutieren, inwiefern sich der Sozialkonstruktivismus besonders gut dafür eignet, eine bestimmte Politik zu betreiben.

Begriffliche Unklarheiten

Der Begriff „Konstruktion“ erhält ursprünglich seine Bedeutung im Bereich der Technik: Autos, Flugzeuge, Bauwerke, Maschinen usw. werden konstruiert. In einem weiteren Sinne wird Konstruieren mit planvollem Erzeugen bzw. Herstellen konnotiert. Nach Ian Hacking bezieht sich die Konstruktionsmetapher auf „Bauen“ oder „Zusammensetzen aus Teilen“.(1) Eine Konstruktion ist willentliches, absichtliches, planvolles und zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindendes Bauen.

Eine besondere Rolle spielt der Begriff der sozialen Konstruktion in den Gender Studies. Er bildet das theoretische Fundament, auf dem die Gender Studies als Forschungsprojekt bzw. Theorie aufgebaut werden. In dem Standardwerk des Gender-Konstruktivismus Gender-Paradoxien von Judith Lorber finden wir leider keine genaue Definition des Begriffs der sozialen Konstruktion, was selbst den Herausgeberinnen der deutschen Ausgabe des Werkes aufgefallen ist.(2)

Lorber zufolge ist nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) sozial konstruiert. „Gender-Zeichen“ und „Gender-Signale“ sind „allgegenwärtig“. Die Gender-Konstruktion beginnt schon bei der Geburt:

„Aus einer sex-Kategorie wird durch Namensgebung, Kleidung und Verwendung weiterer gender-Marker ein gender-Status. Ist das gender eines Kindes erst einmal offensichtlich, behandeln andere ein Kind in dem einen gender anders als ein Kind im anderen gender, und die Kinder reagieren auf diese unterschiedliche Behandlung, indem sie sich anders fühlen und anders verhalten. Sobald sie sprechen können, fangen sie an, von sich selbst als Angehörige ihres gender zu reden. „Sex“ kommt erst wieder in der Pubertät ins Spiel, aber zu diesem Zeitpunkt sind die sexuellen Empfindungen, Wünsche und Praktiken bereits durch vergeschlechtlichte („gendered“) Normen und Erwartungen geprägt.“

„Auch das Elternverhalten ist mit seinen unterschiedlichen Erwartungen an Mütter und Väter vergeschlechtlicht, und Personen von unterschiedlichem gender haben unterschiedliche Arten von Arbeit. Die Arbeit, die Erwachsene als Mütter und Väter und als Arbeitskräfte mit niedrigem Status und Bosse mit hohem Status verrichten, prägt die Lebenserfahrungen von Frauen und Männern, und diese Erfahrungen erzeugen unterschiedliche Gefühle, unterschiedliches Bewusstsein, unterschiedliche Beziehungen, unterschiedliche Fähigkeiten – eben die Seinsweisen, die wir weiblich oder männlich nennen. Aus all diesen Prozessen besteht die soziale Konstruktion von gender.“(3)

Lorber beschreibt hier nichts anderes als den Sozialisationsprozess eines Menschen (siehe unten), allerdings nur unter dem Gesichtspunkt von gender. Sie scheint die ganze Realität, nicht nur die soziale, unter diesem Gesichtspunkt zu sehen. Alle Prozesse der Sozialisation werden nach Lorber als Konstruktionsprozesse aufgefasst. Der Begriff der Konstruktion ist hier so weit gefasst, dass er uns keine Klarheit verschafft.

Karin Knorr Cetina, eine der prominentesten deutschsprachigen Sozialkonstruktivistinnen, liefert eine weitere Bestimmung des Begriffs der sozialen Konstruktion: Das Individuum ist etwas „Erzeugendes“, die Welt ist etwas, was vom Menschen „produziert“ wird. Das Individuum leistet etwas, arbeitet und insofern konstruiert es die Welt.(4) Konstruktion ist die bewusste, willentliche und absichtliche Erzeugung der sozialen Realität.

Als deutschsprachiges Standardwerk des Gender-Konstruktivismus gilt der von Urte Helduser u.a. herausgegebene Sammelband under construction?. Er soll die breite Palette „feministischer Konstruktionsbegriffe“ darstellen.(5) Auch hier finden wir leider keine genaue Definition von „Konstruktion“, „sozialer Konstruktion“ und „konstruiert“. Die Vorstellung, dass Geschlecht eine soziale Konstruktion ist, wird in „feministischer Wissenschaft“ bzw. den Gender Studies als eine Selbstverständlichkeit angenommen. Als Gegensatz bzw. Feindbild zu dieser Vorstellung fungiert das Konzept, dem gemäß Geschlecht eine anthropologische Konstante, eine Wesenheit bzw. Essenz ist, wobei man sich hier fragt, wer heute noch einen solchen Essentialismus – zumal in den Sozialwissenschaften – vertritt.

Für Astrid Deuber-Mankowsky ist der Begriff der sozialen Konstruktion synonym mit den Begriffen „kulturelle Verfasstheit“ und „Gemachtheit“.(6) Katharina Liebsch bestimmt in Anlehnung an Karl Mannheim „Konstruktion“ als „die Etablierung eines Denkstils“:

„Ein ´Denkstil` spezifischer Prägung bringt einen bestimmten Typus von Sprechen, Handeln und Sein hervor. Fokussiert auf ausgewählte thematische Schwerpunkte – im vorliegenden Beispiel die Themen ´Sexualität/Liebe` und ´Geschlechterverhältnisse` - werden mittels des Denkstils erstens habituell-identifizierende Muster transportiert (Sein), zweitens kommunikativ-symbolische Handlungen zum Ausdruck gebracht (Handeln) und drittens ideologisch-diskursive Traditionen fortgeschrieben (Sprechen). Diese begründen gemeinsam den jeweiligen Denkstil, der sich in den gemeinschaftsbildenden Aktivitäten, der verwendeten Sprache und in symbolischen Praktiken zeigt.“(7)

Ein Denkstil ist die Gesamtheit von Annahmen, mit denen wir uns sowohl kognitiv als auch affektiv der Welt bzw. einem Ausschnitt der Welt zuwenden. Hier wird ein sehr weit gefasster, unklarer und problematischer Begriff (Konstruktion) mit Hilfe eines anderen sehr weit gefassten, unklaren und problematischen Begriffs (Denkstil) expliziert. Es ist bezeichnend, dass wir in repräsentativen genderkonstruktivistischen Ansätzen keine genaue Definition des Begriffs der sozialen Konstruktion finden. Es handelt sich vielmehr um einen Allerweltsbegriff, also einen Begriff, der auf alle oder fast alle Phänomene der sozialen Welt bezogen wird.

Die Verwechslung von Konstruktion und Produkt

Der Sozialisationsprozess wird in der Sozialisationstheorie als Anpassung des Individuums an die Umwelt aufgefasst. Das Individuum übernimmt im Laufe seiner sozialen Entwicklung (Sozialisation) von außen bereits vorgegebene, nicht von ihm konstruierte „Inhalte“, wie z.B. Verhaltensweisen, Erwartungen, Anforderungen und Rollenbilder. Meist werden diese Inhalte vom Individuum nicht willentlich, absichtlich, planvoll und aktiv in die eigene Persönlichkeitsstruktur integriert. Vielmehr wird das Individuum von der vorgegebenen sozialen Welt geprägt. Es ist ein Produkt der Sozialisation.

Zwar wird in dem auf George Herbert Mead zurückgehenden interaktiven Sozialisationsmodell dem Individuum eine aktivere Rolle zugesprochen – es steht in einer Wechselwirkung mit der Umwelt -, doch es muss sich durch die Augen anderer Individuen sehen, um die eigene Identität entwickeln zu können.(8) Auch diesem Modell zufolge findet eine Anpassung an die vorgegebene soziale Umwelt statt. Die vorgegebene soziale Umwelt in Form von Verhaltensweisen, Erwartungen, Rollenbildern usw. wird vom Individuum verinnerlicht. Das Individuum erzeugt nicht die Umwelt.

Auch Rollenbilder, die für die „Konstruktion von Geschlecht“ relevant sind, sind keine Konstrukte, die das Individuum selbst erzeugen kann. Es sind vorgegebene, über lange historische Perioden entstandene Deutungs- und Handlungsmuster, die dem Individuum im Laufe seiner Sozialisation vermittelt wurden.(9)

Beispielsweise hat sich das Rollenbild des Mannes als des alleinigen Familienernährers im Laufe von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten herausgebildet und setzte sich spätestens im sog. bürgerlichen Zeitalter durch. Anders formuliert: Dieses Rollenbild ist im Laufe einer längeren historischen Periode gewachsen. Es hat sich aufgrund von materiellen Verhältnissen (z.B. Arbeits- und Besitzverhältnissen) herausgebildet. Es macht daher nicht viel Sinn, im Falle von Rollenbildern wie dem hier genannten von Konstruktionen zu sprechen.

Dem Soziologen Ulrich Beck verdanken wir ein extrem individualistisches Konzept der Identitätsbildung. Vielleicht finden wir in seinem Ansatz einen brauchbaren Begriff der sozialen Konstruktion. „Individualisierung“ bedeutet nach Beck, „dass die Biographie der Menschen aus vorgegebenen Fixierungen herausgelöst, offen, entscheidungsabhängig und als Aufgabe in das Handeln jedes Einzelnen gelegt wird.“ „Sozial vorgegebene wird in selbst hergestellte und herzustellende Biographie transformiert.“(10) Wie vorgegebene Elemente der Sozialisation in selbst hergestellte transformiert werden können, wird von Beck jedoch nicht ausgeführt. Seine Vorstellung von der Transformierbarkeit bleibt daher illusorisch.

Das Individuum tritt als „Handlungszentrum“ und „Planungsbüro“ hinsichtlich seines eigenen Lebenslaufs auf. Beck spricht in diesem Zusammenhang von der „Bastelbiographie“: Das Individuum bastelt sich seine Identität. Das bedeutet: Es stellt aus den Selbstverwirklichungsangeboten eine je eigene Kombination zusammen. Diese Kombination macht seine Individualität aus. Beck spricht auch von „Bausätzen biographischer Kombinationsmöglichkeiten“.(11) Können diese Bausätze als von dem jeweiligen Individuum hergestellte Konstruktionen aufgefasst werden?

Die Bausätze der individuellen Identitäten sind m. E. nicht konstruiert, sondern vorgegeben. Zu den Bausätzen meiner Identität gehören z.B. die Beschäftigung mit russischer Literatur, mit französischer impressionistischer Musik und mit klassischer deutscher Philosophie, um nur einige von vielen anderen zu nennen. Diese Bausätze wurden von mir nicht konstruiert, sondern sind wie alle anderen Bausätze meiner Identität vorgegeben. Sie wurden von mir in einem langen Prozess der Beschäftigung bzw. Auseinandersetzung mit ihnen angeeignet und in meine „Bastelbiographie“ integriert.

Man könnte höchstens die Kombination von Bausätzen als Konstruktion bezeichnen. Allerdings trifft es bei genauerer Betrachtung nur auf eine bestimmte Menge von Kombinationen zu. In vielen Fällen werden Kombination nicht willentlich, absichtlich und planvoll gestaltet. Das Individuum stößt im Laufe seiner Identitätsbildung auf bestimmte Bausätze und eignet sie sich gegebenenfalls an. Anders ausgedrückt: Die Kombination ergibt sich aus der Konfrontation mit der vorgegebenen Realität. Das bedeutet nicht, dass wir determiniert sind. Wir können nur bis zu einem gewissen Grad frei zwischen vorgegebenen Selbstverwirklichungsangeboten wählen (z. B. zwischen dem Studium der Philosophie oder der Physik).

Die Grenze des sozialen Konstruierens

Für den Gender-Konstruktivismus gilt:

„Die konstruktivistisch-erkenntniskritische Haltung folgt der grundlegenden Einsicht, dass es keinen direkten – empirischen und theoretischen – sozial unverstellten, beobachterInnenunabhängigen Zugriff auf (die) soziale ´Wirklichkeit`gibt. Erkenntnis wird vielmehr stets ´konstruiert`.“(12)

Mona Singer hebt dementsprechend hervor:

„Was als wissenschaftliche Tatsache gilt, verdankt sich entscheidend sozialen Verhältnissen, Konventionen und Kontroversen ...“(13)

Auch Johanna Schaffer betont in Anlehnung an Donna Haraway – eine der bekanntesten Vertreterinnen des Sozialkonstruktivismus -, dass Wissen und die Erkenntnis der Welt immer sozial situiert sind:

„Für eine feministische Konzeption von Wissenschaft geht es folglich nicht um die objektive Beschreibung der Welt, sondern darum, wie und in wessen Namen, aufgrund der Autorität welcher Prozesse welche Wirklichkeit konstruiert, begründet repräsentiert, kurz: effektiv wird oder eben nicht.“(14)

Für den Gender-Konstruktivismus ist die Erkenntnis der Welt sozial situiert, kontextabhängig, durch „Diskurse“ vermittelt, von Interessen und Macht geleitet. Man könnte auch sagen, dass all die genannten Faktoren den gendertheoretischen Begriff der sozialen Konstruktion bilden oder als Bedingungen für das Konstruieren fungieren.

Die genderkonstruktivistische Auffassung von Erkenntnis, Wissen und Wissenschaft trifft sich mit den sog. „postmodernen Ansätzen“, deren Kernpunkte folgendermaßen zusammengefasst werden können:

„- Jeder Aspekt der Unternehmung ´Wissenschaft` kann nur durch seinen lokalen und kulturellen Kontext verstanden werden;
- auch Naturgesetze sind soziale Konstruktionen;
- wissenschaftliche Theorien sind gleichberechtigte ´Texte` oder ´Geschichten` neben anderen;
- da vermeintliche Tatsachen keine eindeutigen Aussagen über wissenschaftliche Ergebnisse ermöglichen, kann über die Wahrheit von Sätzen nicht innerhalb von ´Wissenschaft` entschieden werden;
- da es keine objektive Wissenschaft geben kann, ist es umso wichtiger, explizite Ziele ´emanzipatorischer Wissenschaft` in den Prozess wissenschaftlicher Forschung aufzunehmen.“(15)

Nach Rainer Schnell u.a. haben solche Aussagen keinen empirischen Gehalt und sind insofern nicht nachprüfbar. Postmoderne Ansätze enthalten keine empirisch nachprüfbaren Theorien. Es handelt sich in ihrem Fall entweder um „selbst-ironische Texte“ ohne jeglichen empirischen Gehalt oder ausdrücklich „politisch motivierte Texte“.(16)

„Feministische Ansätze“ nehmen nach Schnell u.a. „teilweise“ Bezug auf empirische Sachverhalte, vermischen jedoch „empirische Beschreibungen“ mit „Werturteilen“ und „politischen Strategien“. Es besteht in diesen Ansätzen keine Trennung zwischen Beschreibungen, Werturteilen, Erklärungen, Wünschen, Hoffnungen, politischen Zielsetzungen usw. Daher entziehen sich solche Ansätze einer systematischen theoretischen und letztlich auch einer systematischen empirischen Analyse, auch wenn in ihnen gelegentlich Bezugnahmen auf empirische Sachverhalte vorkommen.

Darüber hinaus ist die im Anschluss an Thomas Kuhn oft verwendete Bezeichnung von postmodernen und feministischen Ansätzen als „Paradigmen“ falsch, denn „Paradigmen beinhalten immer auch empirisch bewährte Theorien, die hier aber fehlen“.(17)

Entscheidend für meinen Argumentationsgang ist die Frage, welche Konsequenzen sich aus den obigen Erläuterungen für den Konstruktionsbegriff ergeben. Die empirische Nachprüfbarkeit von Sätzen und die empirische Bewährung von Theorien scheinen die entscheidenden Kriterien dafür zu sein, die Grenze des sozialen Konstruierens aufzuzeigen.

Auch seriöse Wissenschaftstheoretiker sprechen von Faktoren, die unsere Erkenntnis der Welt beeinflussen. Zu ihnen gehören: Annahmen, Erwartungen, Hintergrundwissen, Theoriegeleitetheit der Beobachtung, Vermitteltheit durch Sprache, Kontextabhängigkeit usw. Doch entscheidend ist für sie der Realitätsbezug, genauer: der Bezug auf die empirische Realität. Wissenschaftliche Aussagen müssen empirisch nachprüfbar sein.

Die zentrale Rolle spielt hierbei der sog. Hypothesen-Test: In der Formulierung einer Hypothese legt der Forscher seine Vermutungen offen und unterzieht sie einem kontrollierten Test an der Realität. Die Hypothese wird in der Konfrontation mit der Realität bestätigt oder widerlegt.(18) Dieses Verfahren gilt sowohl für die Natur- als auch die Sozialwissenschaften.

Zwar könnte die Hypothesenbildung als eine konstruktive Tätigkeit bezeichnet werden. Sie geschieht jedoch auf der Basis des bereits vorhandenen Wissens bzw. der bereits vorhandenen Hypothesen über einen Gegenstandsbereich (auch die Theoriebildung erfolgt auf der Basis bereits vorhandener Theorien). Wie dem auch sei: Die Grenze jeglichen Konstituierens bildet die empirische Realität, und zwar in doppelter Hinsicht: Wir können nicht – insofern wir Wissenschaft betreiben – ins Unendliche konstruieren, sondern müssen früher oder später auf die empirische Realität stoßen. Außerdem muss sich jegliches Konstruieren – insofern wir einen Konstruktionsbegriff überhaupt annehmen – an der empirischen Realität ausweisen.

Der Sozialkonstruktivismus als Instrument der Politik

Mona Singer zufolge

„ist für sozialkonstruktivistisch orientierte feministische Epistemologinnen eine zentrale Frage die, welche Subjekte und Problemstellungen aufgrund welcher sozialen Strukturen und Machtverhältnisse wissenschaftlich überhaupt im Spiel sind oder nicht. Mit dem Interesse an Fragen sozialer Ungleichheit und an der Beseitigung epistemischer Ungerechtigkeiten unterscheiden sie sich damit folgenreich von vielen Ansätzen einer soziologisch-empirischen Epistemologie, die sich gesellschaftskritisch in normativer Enthaltsamkeit üben.“(19)

Somit werden zentrale Ansprüche der Wissenschaft wie weltanschauliche Neutralität und Unparteilichkeit abgelehnt. Parteilichkeit wird zum wichtigen Prinzip der wissenschaftlichen Arbeit. Damit wird der Weg frei für eine umfangreiche Instrumentalisierung der Wissenschaft für politische Zwecke.

Ian Hacking hat darauf hingewiesen, dass der Sozialkonstruktivismus das Ziel verfolgt, den Status quo aufzuheben. Die Argumentation der Sozialkonstruktivisten verläuft in Bezug auf X folgendermaßen:

„(1) X hätte nicht existieren müssen oder müsste keineswegs so sein, wie es ist. X – oder X, wie es gegenwärtig ist – ist nicht vom Wesen der Dinge bestimmt; es ist nicht unvermeidlich.“

Wenn gesellschaftliche Phänomene soziale Konstruktionen sind, also von Menschen gemacht sind, dann müssen sie nicht bestehen, wenn wir das wollen. In vielen Fällen behaupten die Sozialkonstruktivisten noch:

„(2) X ist, so wie es ist, etwas Schreckliches,
(3) Wir wären sehr viel besser dran, wenn X abgeschafft oder zumindest von Grund auf umgestaltet würde.“(20)

In Bezug auf die Konstruktion von Gender bedeutet es:

(1) Geschlechtsspezifische Zuschreibungen und Verhältnisse sind weitgehend kontingent; sie hätten auch anders sein können;
(2) sie seien etwas Schreckliches;
(3) es wäre besser, wenn man die gegenwärtigen geschlechtsspezifischen Zuschreibungen und Verhältnisse abschaffen oder grundlegend ändern würde.(21)

Oben wurde die auf postmoderne Ansätze zurückgehende Vorstellung angesprochen, wonach wissenschaftliche Theorien als gleichwertige bzw. gleichberechtigte „Texte“ oder „Geschichten“ nebeneinander bestehen, was Nonsens ist, denn beispielsweise steht die Theorie, dass die Erde eine Scheibe ist – eine Theorie, die lange Zeit Geltung besaß – nicht gleichwertig und gleichberechtigt neben der Theorie, dass die Erde eine Kugel ist. Die erstere Theorie hat sich als falsch erwiesen, falsch im Sinne von wurde empirisch widerlegt.

Im Sozialkonstruktivismus sind wissenschaftliche Theorien natürlich auch Konstruktionen. Aber nicht nur Theorien, auch die Wissenschaft wird von vielen Vertretern des postmodernen Sozialkonstruktivismus als nur eine von „vielen gleichwertigen Weisen ..., die Welt zu verstehen,“ betrachtet.(22)

Diese Position bezeichnet Paul Boghossian als „Gleichwertigkeitsdoktrin“. Sie besagt:

„Es gibt viele grundverschiedene Weisen, die Welt zu verstehen, die aber von `gleichem Wert` sind und unter denen die Wissenschaft nur eine ist.“(23)

Die Gleichwertigkeitsdoktrin kann leicht zu politischen Zwecken missbraucht werden und als eine Legitimation für die Einrichtung von Institution dienen. Wenn Theorien als soziale Konstruktionen gleichwertig und gleichberechtigt nebeneinander bestehen, dann können an Universitäten und Hochschulen zu den entsprechenden Theorien oder Themenfeldern Fachbereiche eingerichtet werden. Wenn die Gender-Theorie gleichwertig und gleichberechtigt neben anderen Theorien besteht, dann können an Universitäten und Hochschulen Fachbereiche, Institute, Zentren usw. für Gender Studies eingerichtet werden.

Heike Diefenbach hat gezeigt, wie aufgrund der vagen Vorstellung, dass Gender eine soziale Konstruktion sei, an Universitäten und Hochschulen ein umfassendes Netzwerk von Instituten, Zentren, Professuren und „staatlich finanzierten Multiplikatoreneinrichtungen“ geschaffen wurde.(24) Dabei wird die Frage, ob Gender als soziale Konstruktion überhaupt relevant ist oder relevanter als andere Konstruktionen von den Inhaberinnen der entsprechenden universitären Stellen von vornherein positiv beantwortet.

Diefenbach zufolge geht es daher in den Gender Studies nicht um Wissenschaft, sondern um politische Interessen, und zwar um die „Durchsetzung des politischen Programms des Gender Mainstreamings“, was konkret die Einrichtung von Stellen, Professuren, Instituten, Zentren usw. für eine bestimmte Gruppe von Frauen, also Lobby- und Klientelpolitik bedeutet.

Gender Studies haben sich von den restlichen Wissenschaften weitgehend abgekapselt, und zwar sowohl von den Naturwissenschaften, z.B. von der Biologie, die auch Einiges zum Thema „Geschlecht“ zu sagen hat, als auch von den empirisch arbeitenden Sozialwissenschaften. Sie führen an den Universitäten und Hochschulen eine Nischenexistenz und betreiben „Forschung“, die sich von den üblichen wissenschaftlichen Standards entfernt hat.(25) Auch das ist m. E. eine Folge des in den Gender Studies dominierenden sozialkonstruktivistischen Ansatzes, der sich – wie oben gezeigt wurde – gegenüber der empirischen Forschung verschließt.

Auch die Formulierung „gleiche Qualifikation“ in der Satzung „Bei gleicher Qualifikation werden Frauen bevorzugt eingestellt“ geht m. E. auf sozialkonstruktivistische Vorstellungen zurück. Es handelt sich um ein weiteres Beispiel für die Instrumentalisierung des Sozialkonstruktivismus für politische Zwecke. Man kann nur dann von „gleicher Qualifikation“ sprechen, wenn man annimmt, dass Bewerber um z.B. Professuren als Forschungssubjekte alle sehr gut und letztlich irgendwie gleich qualifiziert sind. Wenn sie irgendwie gleich qualifiziert sind, kann dann eine Gruppe von Personen – z.B. Frauen – problemlos bevorzugt behandelt werden.

Dabei wird übersehen, dass „gleiche Qualifikation“ in der Wissenschaft, aber auch in den allermeisten Arbeitsbereichen, eine Chimäre ist, also etwas, was es dort gar nicht geben kann. Gleiche Qualifikation würde dann vorliegen, wenn zwei oder mehrere Wissenschaftler gleiche Bücher, Aufsätze und Rezensionen geschrieben und gleiche Vorträge gehalten hätten. Wissenschaftler sind niemals gleich qualifiziert.(26)

Die Satzung „Bei gleicher Qualifikationen werden X bevorzugt eingestellt“ stellt ein wichtiges Mittel zur Bevorzugung bestimmter Gruppen und somit ein wichtiges Mittel einer Lobby- und Klientelpolitik dar.

Anmerkungen

(1) Ian Hacking, „Soziale Konstruktion beim Wort genommen“, in: Matthias Vogel/Lutz Wingert (Hrsg.), Wissen zwischen Entdeckung und Konstruktion. Erkenntnistheoretische Kontroversen, Frankfurt am Main 2003, S. 23.
(2) Judith Lorber, Gender-Paradoxien, Opladen 1999, S. 11.
(3) Ebd., S. 56f.
(4) Karin Knorr Cetina, „Konstruktivismus in der Soziologie“, in: Albert Müller u.a. (Hrsg.), Konstruktivismus und Kognitionswissenschaft. Kulturelle Wurzeln und Ergebnisse, Wien 2001, S. 136ff.
(5) Urte Helduser u.a. (Hrsg.), under construction? Konstruktivistische Perspektiven in feministischer Theorie und Forschungspraxis, Frankfurt/New York 2004.
(6) Ebd., S. 69.
(7) Ebd., S. 154.
(8) George Herbert Mead, Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus, Frankfurt am Main 2008.
(9) Talcott Parsons, Sozialstruktur und Persönlichkeit, Eschborn 20027.
(10) Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 1986, S. 216.
(11) Ebd., S. 217.
(12) Urte Helduser u.a. (Hrsg.), op. cit. 2004, S. 20.
(13) Ebd., S. 85.
(14) Ebd., S. 211.
(15) Rainer Schnell u.a. (Hrsg.), Methoden der empirischen Sozialforschung, München 20119, S. 108.
(16) Ebd., S. 109.
(17) Ebd., S. 109.
(18) Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 200511.
(19) Urte Helduser u.a. (Hrsg.), op. cit. 2004, S. 86.
(20) Ian Hacking, Was heißt „soziale Konstruktion“? Zur Konjunktur einer Kampfvokabel in den Wissenschaften, Frankfurt am Main 1999, S. 19.
(21) Ebd., S. 21.
(22) Paul Boghossian, Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus, Frankfurt am Main 2013, S. 10.
(23) Ebd., S. 10.
(24) Heike Diefenbach, „Brauchen wir Professuren für Genderforschung an Universitäten und Hochschulen?“, in: Kritische Wissenschaft – critical science 9.8.2013.
(25) Günter Buchholz, "Gender Studies – Die Niedersächsische Forschungsevaluation und ihre offenen Fragen", SerWisS 7.2.2014.
(26) Alexander Ulfig, „Qualifikation statt Gleichstellung. Schritte zu einer gerechteren Praxis der Stellenvergabe“, Streitbar.eu.

Für konstruktive Diskussionen („konstruktiv“ nicht im Sinne des Sozialkonstruktivismus, sondern im Sinne von „fruchtbar“, „lehrreich“ und „ergiebig“), insbesondere zur Analytischen Wissenschaftstheorie, danke ich Herrn Artur Zenon Zielinski.

 

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