Politik

AfD: Vereint im „Nein“

Die „Alternative für Deutschland" als euphemisierendes NEIN

7. April 2016, von Deborah Ryszka

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Alternativlosigkeit - dies unterstellt Bundeskanzlerin Angela Merkel seit 2009 vielen ihren politischen Entscheidungen, wie auch bei der Euro-Rettungspolitik. Die meisten Bürger beugten sich dem Diktat der Alternativlosigkeit bis sich im Februar 2013 die „Alternative für Deutschland" (AfD) gründete, die von den bereits etablierten Parteien skeptisch beäugt wurde. Nicht zu Unrecht, denn die AfD stellt - wie jede sich neu etablierende Partei - ein Risikopotential für den Verlust von Macht dar. Und Macht ist das Lebenselixier in der politischen Landschaft.

Die diesjährigen Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt verdeutlichten wiederholt dieses latente Machtpotential der AfD, wo die AfD zweit- bzw. drittstärkste Kraft mit Wahlergebnissen von 12,6 % bis 24,3 % wurde. Für viele sind diese Zahlen sowie ein Wahlkreuz für die AfD unvorstellbar. AfD-Wähler werden als von ihrer Angst, ihrer Wut und ihren Ressentiments Getriebene betrachtet, die ihren jeweiligen Impulsen an der Wahlurne freien Lauf lassen können. Es wird jedoch (absichtlich oder unabsichtlich) übersehen, dass diese Handlungsweise als eine rationale angesehen werden kann, die aus Gründen und vernünftiger Überlegung resultiert.

Denn rationales Verhalten ist häufig zweckrational und kann infolgedessen grundsätzlich als systemkonformes Verhalten in Gesellschaftsstrukturen verstanden werden. Man wird für systemkonformes Verhalten nicht mit Repressalien oder Sanktionen von staatlicher Seite bestraft und womöglich in die Peripherie gesellschaftlicher Strukturen gedrängt. Der leichteste Weg wird von den meisten präferiert. Also derjenige mit den wenigsten und geringsten Widerständen, um weiterhin ein Rädchen unter vielen des staatlichen Uhrwerkapparates zu bleiben. Dies sichert den Rädchen aus evolutionsbiologischer Perspektive die besten Überlebens- ergo Aufstiegschancen in einer Gesellschaft.

Daher scheint eine der sichersten Ausdrucksweisen zur Demonstration seines Unmutes über die aktuelle Politik der Gang zur Wahlurne zu sein (zweckrationales Verhalten). Es ist anonym. Denn politikkritische, national-konservative Äußerungen werden schnell als rechtspopulistisch oder rechtsextrem eingestuft und mit dem Stigma einer (demokratie)feindlichen Gesinnung eingestuft. Diese Personen verstecken aus zweckrationalen Gründen ihre wahren, (politischen) Meinungen. Anderweitige ostentative Aktivitäten, wie zum Beispiel PEGIDA sowie deren Anhänger bzw. Sympathisanten werden nicht ernst genommen, sondern sofort mit dem Degen des ideologischen, inhaltlosen Wortes - nicht des Wortes der Vernunft - attackiert. Wie damals die Hexenverbrennung, findet die Verbrennung nun auf rhetorischer Ebene statt.

„Narzissmus und Psychopathie sind mit Feminismus, Vegetarismus und Veganismus nicht vereinbar"

Diese Umgangsformen reflektieren im Besonderen, welche bestimmten menschlichen Eigenschaften in unserem Gesellschaftssystem gefördert werden. Denn durch das System der Gesellschaft mit seinen vielfältigen Institutionen werden jeweils bestimmte Eigenschaften, wie z.B. Persönlichkeitseigenschaften, Verhaltensweisen begünstigt. Diese werden wiederum in ihrem quantitativen und qualitativen Ausmaß unterstützt.

Heutzutage sind es vordergründig das Präferieren (1) narzisstischer und (2) psychopathischer Persönlichkeitseigenschaften, und somit egoistischer, extrem zielorientierter, machiavellischer und leistungsorientierter Verhaltensweisen. Exemplifikationen des Narzissmus stellen das extrem unermüdliche Mitteilungsbedürfnis etlicher Personen in der realen und virtuellen Welt (Facebook, Instagram, „Selfie"-Wahn, usw.) sowie eine aggressive Feindlichkeit gegenüber Andersdenkenden und Andersmeinenden dar.

Für die Bevorzugung psychopathischer Charaktere sprechen etliche Befunde, die Zusammenhänge zwischen der Auftretenswahrscheinlichkeit psychopathischer Züge und Führungspositionen aufzeigen können. Resultat beider Charakterzüge sind egozentrische, eigennützige, intolerante und extremst zielorientierte Verhaltensweisen. Dieses lässt sich auf Gesellungsgebilde (z.B. Geiger, 1967) jeglicher Art generalisieren. Das bedeutet auf Gesellungsgebilde 1. Ordnung, die die Gemeinschaft, also eine seelische Verbundenheit, repräsentieren, sowie Gebilde 2. Ordnung, die die Gesellschaft mit ihrer Zusammengehörigkeit durch Ordnung darstellen (Geiger, 1967).

Diese einseitig quantitative und qualitative Unterstützung von Eigenschaften konfligiert nun mit den Konsequenzen von Pertubationen, konkret von notwendig auftretenden gesellschaftlichen Ereignissen, die soziale Wandlungsprozesse determinieren. Auf gesellschaftlicher Ebene ist dies die sich ausbreitende Digitalisierung, auf politischer Ebene die des gegenwärtigen Flüchtlingszustroms nach Europa und auf wirtschaftlicher Ebene die Weltwirtschaftskrise von 2008, um nur einige Beispiele zu benennen. Doch weiterhin werden starrköpfig bisherige menschliche Eigenschaften aufgrund fehlender institutioneller Veränderungen vom Gesellschaftssystem unterstützt, die dem gesellschaftlichen Wandel diametral entgegengesetzt sind und diesen entgegen seiner natürlichen Dynamik (autopoetisches System nach Niklas Luhmann) hemmen. Ein wahrer Zündstoff, der sich zu einem Feuerwerk entfachen kann.

Bereits der Soziologe Theodor Geiger analysierte als Konsequenz eines Zerfalls von unterschiedlichen sozialen Gebilden (wie z. B. Politik oder Religion) und einer Diskrepanz zwischen den verschiedenen Teilen des sozialen Gesellschaftssystems die mögliche Geburt einer Revolution (Geiger, 1967, 59). Als Beispiel nennt er die Vorepoche der französischen Revolution, in der sich das Wirtschaftssystem mit seinen deutlich liberalen Tendenzen von anderen sozialen Institutionen, insbesondere den feudalen Strukturen, deutlich unterschied. Auf die heutige Situation übertragen, kann man bspw. den gewaltigen Gegensatz zwischen einer Feminisierung der Gesellschaftsmitglieder und verkrusteter patriarchalischer Strukturen betrachten. Genderismus, Frauenquote, Vegetarismus, Veganismus, usw. sind mit den derzeitig bestehenden Gesellschaftsstrukturen nicht vereinbar. Die Umwertung von Werten muss nicht nur auf individueller, sondern auch auf institutioneller Ebene stattfinden.

„Die AfD als NEIN des Volkswillen und der ihr somit gebührende Respekt"

Erstes Menetekel ist der Wahlsieg der AfD und folglich eine Etablierung dieser in der Parteienlandschaft. Wähler der AfD bzw. die AfD spiegeln die Unvereinbarkeit dieser Differenz verschiedener Teile des sozialen Gesellschaftssystems wider, weswegen sie gemeinsam als Negierende des bereits Bestehenden aufbegehren. Das NEIN vereint sie. Das NEIN, das in der politischen Opposition nicht mehr gegenständlich ist. Das NEIN, das aus der Asche des Phoenix als verkörperte AfD auferstanden ist. Und diesem NEIN fühlen sich sowohl die „Gewinner" (Baden-Württemberg) als auch die „Verlierer" (Sachsen-Anhalt) dieser Gesellschaft zugehörig. Einerseits, diejenigen, die Frauen (kopflos) unterstützen, keine Tiere, keine Früchte essen, und andererseits diejenigen, die wirtschaftlich am unteren Rande der Gesellschaft vegetieren; aber auch diejenigen, die mit politisch getroffenen Entscheidungen unzufrieden sind.

Die einen erkennen die Unvereinbarkeit ihrer feministischen, vegetarischen, veganen Lebensweise im bestehenden Gesellschaftssystem, die anderen hält hingegen nichts mehr am derzeitigen System: nur der Aufschrei des NEIN als ihre letzte Hoffnung. „Gewinner" und „Verlierer" sind sich wie selten im NEIN einig. Gut- und schlechtsituierte begehren gemeinsam auf. Ihre Intentionen und Wünsche sind verschieden, aber ihr NEIN ist so stark, dass es hierüber hinweg schauen kann.

Unabhängig also davon, was man von der AfD halten mag, sie ist das NEIN des Volkes; das NEIN aus der Demokratie erwacht. Und dieser Wille muss akzeptiert werden. Was auch bedeutet, ein Gespräch auf gleicher Augenhöhe als gleichberechtigte Partner zu führen. Rhetorische Zungenkämpfe samt Ideologieunterstellung, Diffamierung und Verhöhnung der gegnerischen Parteien weichen somit Respekt und Achtung - insbesondere gegenüber dem Volkswillen und dem Grundgedanken der Demokratie. Denn Demokratie ist Herrschaft des Volkes und augenscheinlich fühlen sich viele von ihrer aktuellen Regierung seit geraumer Zeit nicht mehr repräsentiert. Daher das NEIN. Entweder der aktuelle politische Kurs ändert sich oder der Aufschrei des NEIN wird nur größer. Und das kann zu einem ungewollten Feuerwerk führen….Boom, boom, big bang.

Geiger, Th. (1967). Die Masse und ihre Aktion: ein Beitrag zur Soziologie der Revolutionen. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.

 

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