Politik

Pädosexualität: Wie die Grünen Jungen opferten

15. Dezember 2015, von Lucas Schoppe

Ein Rückblick auf ein Ereignis des Jahres, dessen Bedeutung wohl unterschätzt worden ist: Im Frühjahr erschien der Bericht der grünen „Kommission zur Aufarbeitung der Haltung des Landesverbandes Berlin von Bündnis 90/ DIE GRÜNEN zu Pädophilie und sexualisierter Gewalt gegen Kinder“.

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Er machte – vielleicht gegen die Absicht der Autoren – deutlich, dass die grüne Unterstützung für sexuelle Gewalt gegen Kinder nicht einfach auf naiver Solidarität mit einer pädosexuellen Randgruppe beruhte, sondern auf politischen Kalkülen und auf einer fehlenden Empathie für Jungen.

Von „bis zu tausend Opfern“ müsse möglicherweise gesprochen werden: Der Bericht zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt gegen Kinder im Umfeld des grünen Landesverbandes in Berlin wurde im Frühjahr mit einer ungeheuren Zahl vorgestellt. Auch wenn der Mitautor des Berichts seine Angabe später relativiert hat, ist deutlich, dass es zumindest in direkter Verbindung mit dem Berliner Landesverband „massiven sexuellen Missbrauch von Kindern“ gegeben hat

Obwohl der Bericht organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder beschreibt, obwohl er darstellt, wie die Täter diese Gewalt über mehr als ein Jahrzehnt lang ausüben konnten, und obwohl deutlich wird, dass Funktionsträger der Alternativen Liste zu den Tätern gehörten, dass sie über die Partei ihre politischen Forderungen nach Straffreiheit lancierten und die Taten insgesamt die Rückendeckung des Berliner Landesverbandes hatten: Abgesehen von ein paar Artikeln hat der Bericht relativ wenige Folgen gehabt.

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Dabei ist dann auch über einige seiner erschreckenden Aspekte bislang nur wenig diskutiert worden. Das liegt unter anderem daran, dass der Bericht von einer Kommission verfasst wurde, welche die Grünen selbst eingesetzt hatten: Einerseits ist er – im Hinblick auf eine grüne Imagepflege – an einigen Stellen von einer durchaus selbstverletzenden Offenheit und Klarheit, andererseits vermeidet er eben die Fragen, die er selbst nahelegt. Das sind vor allem Fragen danach, was die Grünen der Achtziger und Neunziger Jahre, die – daran besteht angesichts des Berichts kein Zweifel – institutionell in organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder verstrickt waren, mit den heutigen Grünen gemein haben.

Ungezählte stille Dramen

„Es ist davon auszugehen, dass weitere Aktive des Schwulenbereichs zwischen 1979 und 1995 nicht nur aus politischer Überzeugung, sondern auch im eigenen Interesse für die Abschaffung der §§ 174 und 176 StGB eintraten.“ (S. 34)

Es ist zudem davon auszugehen, dass sich hinter der distanzierend-abstrakten Darstellung des Berichts ungezählte stille Dramen verbergen. Ins Konkrete übersetzt: Diejenigen Aktiven des grünen Schwulenbereichs, die für eine Straflosigkeit der Sexualität Erwachsener mit Kindern eintraten, taten dies nicht einfach als Gedankenspiel, sie formulierten nicht einfach nur theoretische Schlussfolgerungen aus der Idee einer umfassenden Abschaffung des Strafrechts – sondern sie übten regelmäßig sexuelle Gewalt an Kindern aus und wollten dies legalisieren.

Wer sich heute – wie die Autoren des Berichts –  darauf beruft, dass die Unterstützung oder Billigung des Engagements von Pädosexuellen einfach nur auf einem allzu naiven Idealismus, einem „falsch verstandenen ‚libertären Geist’“ (21) gewachsen sei, kaschiert damit etwas Wesentliches: Auch ein fehlgeleiteter Idealismus hätte nicht in der Unterstützung von systematischer sexueller Gewalt gegen Kinder münden können, wenn er nicht von einer Kultur des Wegschauens und einem beunruhigenden Mangel an Empathie mit den Kindern begleitet worden wäre.

Dieter Ullmann beispielweise wurde 1981 von der Mitgliedervollversammlung der Alternativen Liste auf die Liste des Bezirks Neukölln für das Abgeordnetenhaus gewählt. Bei der Wahl hatte er gerade Freigang:

„Zu dieser Zeit verbüßte er in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit eine Freiheitsstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.“ (32)

Später wurde er dann „wegen vier verschiedener Missbrauchsfälle an Jungen zwischen sieben und zwölf Jahren mehrfach verurteilt“ (33). Über den AL-Abgeordneten Stefan Reis lancierte Ullmann Anfragen im Berliner Abgeordnetenhaus (72), die – so Reis im Rückblick – „dazu gedient (hätten), das Wissen der Behörden über die Aktivitäten der Pädosexuellen, z. B. im Kreuzberger Falckensteinkeller, abzufragen.“

Der Falckensteinkeller wurde in Kreuzberg von dem mehrfach wegen Kindesmissbrauchs verurteilten Fred Karst betrieben – ein Treffpunkt für „Schlüsselkinder“. In ihm und in sogenannten „offenen Wohnungen“ wurden von Karst, Ullmann und anderen „Jungen im Alter von 7 bis 12 Jahren sexuell missbraucht“. (28/29) In vorgeblich sozialen Einrichtungen für vernachlässigte Kinder schufen sich die Männer so systematisch und institutionalisiert Kontakte zu Jungen, die aufgrund ihrer prekären sozialen und familiären Situation besonders verletzbar waren. Karst trat 1983, noch in Haft, in die AL ein, war dort im Schwulenberich aktiv und gründete darin die Gruppe „Jung und alt“.

Auf Bundesebene wurde 1980 auf dem Parteitag der Grünen eine Forderung zur Neugestaltung der Paragrafen 174 und 176 – zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und von Kindern – beschlossen, „dass nur Anwendung oder Androhung von Gewalt oder Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses bei sexuellen Handlungen unter Strafe zu stellen sind.“ (7) Die Forderung blieb bis 1993 Teil des grünen Grundsatzprogramms, die Berliner AL nahm sie 1985 in ihr Wahlprogramm auf. (12) Wie sehr die Partei der Illusion anhing, eine einvernehmliche Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern sei prinzipiell möglich, macht die Reaktion auf eine Zwischenfrage des CDU-Abgeordneten Manfred Jewarowski im Abgeordnetenhaus deutlich. Er verwies damit auf den Beschluss der nordrhein-westfälischen Grünen, die Sexualität von Erwachsenen mit Kindern straffrei machen wollten.

„Darauf erfolgte ein Zwischenruf von Renate Künast: ‚Komma, wenn keine Gewalt im Spiel ist!’, der auf den konkreten Inhalt des Antrags der nordrhein-westfälischen Grünen Bezug nahm.“ (74)

Die Mitgliedervollversammlung der Berliner AL stimmte 1980 einem Antrag des Schwulen- und Lesbenbereichs „zur Aufnahme des Programmpunkts Streichung der §§ 174-176 StGB“ (8) zu – auch hier mit Abgrenzung zu gewalthaftem Handeln, das aber ja ohnehin schon durch das Verbot von Nötigung und Körperverletzung ausgeschlossen sei.

Erst nach der Wahlniederlage der nordrhein-westfälischen Grünen 1985, die mit ihrem Vorstoß zur Straffreiheit der Sexualität Erwachsener mit Kindern Schlagzeilen gemacht hatten, ging die Partie stärker auf Distanz zu den Forderungen Pädosexueller. (13) 1995 erst distanzierten sie sich noch deutlicher: Fred Karst, der nun seit über einem Jahrzehnt bei den Grünen – unter anderem als Vertreter des Schwulenbereichs auf der Landesdelegiertenkonferenz – für die Straffreiheit der Pädosexualität eingetreten war, wurde wegen sexuellen Missbrauchs eines achtjährigen Jungen verurteilt. Als Zeitungen über den Prozess gegen ihn berichteten, wurde ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eingeleitet. (19) Karst kam dem Ausschluss zuvor und trat bei den Grünen aus – das Verfahren gegen ihn stieß parteiintern gleichwohl nicht nur auf Zustimmung, sondern auch auf Kritik. (19)

Nach allem menschlichen Ermessen muss es zu diesem Zeitpunkt längst ein offenes Geheimnis gewesen sein, was Karst und andere im Falckensteinkeller und offenen Wohnungen Jungen antaten. Es wurde faktisch von der Partei gebilligt, politisch machte sie sich immer wieder mit den Forderungen  der Pädosexuellen gemein. Dass es parteiinternen Widerstand gab, ist heute eher eine Be- als eine Entlastung der Grünen. Es wird durch ihn nämlich deutlich, dass sie keineswegs einfach nur durch ihre „offenen Strukturen“ und ihre „Affinität zu Minderheiten“ (84) ausnutzbar gewesen waren, sondern dass sie über viele Jahre hinweg durchaus bewusst ignorierten, wie sehr ihre Partei in organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder verstrickt war.

Deutlich wird dies gerade am Umgang mit denjenigen Grünen, die klare Kritik übten.

Die Partei maßregelt nicht Pädosexuelle – sondern deren Kritiker

In der Mitte der Achtziger Jahre setzte sich die Kreuzberger Frauengruppe der AL intensiv und sehr kritisch mit der Haltung ihrer Partei zur Pädosexualität auseinander – ausgehend unter anderem von den bedrückenden Berichten einer Sozialarbeiterin zum systematischen Missbrauch im Bezirk und angeregt auch durch die Kritik an der Broschüre „Ein Herz für Sittenstrolche“ aus dem Schwulenberich der AL. Was der Kommissionsbericht heute von den Kreuzberger Frauen zitiert, ist – endlich einmal in diesem Bericht – unzweideutig und klar: Sie benennen sexuelle Gewalt gegen Mädchen UND gegen Jungen, und sie wenden sich klar gegen die Vorstellung, im Herrschaftsverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern sei eine einvernehmliche Sexualität möglich. (60)

Auch die Redaktion der lokalen Parteizeitung Kreuzberger Stachel setzte sich sehr klar und kritisch mit den Pädosexuellen der Partei auseinander. (62ff.) Aber:

„Artikel, welche die Frauengruppe zur Verfachlichung der Thematik in den Stachligen Argumenten veröffentlichen wollte, erschienen mit großer Verzögerung oder gar  nicht. Auch von den Gremien und offiziellen Parteivertretern fühlten die Kreuzberger Frauen sich eher hingehalten. Sie kamen mit dem Thema einfach nicht durch. Im Gegenteil: AL-Mitglied und Redakteur des Kreuzberger Stachel, Christian Thiel, der 1986 als ‚Egon’ mit und für die Frauengruppe einen Artikel gegen Machenschaften Pädosexueller im Kreuzberger Stachel geschrieben hatte, wurde offiziell und öffentlich von Parteigremien gemaßregelt.“ (65)

Wenn der Kommissionsbericht heute die Kreuzberger Frauen als repräsentatives Beispiel für den frühen Widerstand von Feministinnen gegen die pädosexuellen Strukturen feiert (88), dann ist das zumindest zu einem Teil Legendenbildung. Es waren nämlich auch die Frauenbewegung und der Frauenbereich der AL, von denen die Kreuzberger Frauen behindert wurden.

„Innerhalb der Frauenbewegung, die um die Öffentlichkeit und Akzeptanz des Themas Missbrauch von Mädchen kämpfte und sich durch das Thema Missbrauch von Jungen (‚wieder rücken die Jungen/Männer in den Vordergrund und verallgemeinern das Thema’) wieder übergangen fühlte, war das Thema Pädophilie nicht sehr interessant. Es wurde außerdem als Konkurrenz abgelehnt. Diese Haltung teilte letztlich der (Landes-) Frauenbereich der AL. Das war ein Grund, weshalb es zwischen der Kreuzberger Frauengruppe und dem Frauenbereich kaum Kontakte gab.“ (65f)

Was der Bericht so nüchtern und wie nebenbei feststellt, ist tatsächlich ungeheuer brisant. Es wird nämlich deutlich: Feministinnen hatten keineswegs, wie heutige Selbstdarstellungen das nahelegen, rundweg schon früh eine klare Haltung zum sexuellen Kindesmissbrauch. Die Auseinandersetzungen mit den Zusammenhängen von Sexualität und Herrschaft oder Sexualität und Gewalt hatten einige von ihnen sehr wohl sensibilisiert – aber:

In der Befürchtung, eine offene Auseinandersetzung mit der sexuellen Gewalt gegen Jungen würde die Konzentration auf weiblichen Opfer (72) stören, hatten Feministinnen sogar ein wesentliches gemeinsames Interesse mit den Pädosexuellen des Schwulenbereichs. Beiden war daran gelegen, die systematisch ausgeübte sexuelle Gewalt gegen Jungen zu kaschieren und ihre Dramatik herunterzuspielen.

Hier spielt die Illusion, es gäbe prinzipiell eine gewaltfreie Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern, mit der Vorstellung zusammen, gesellschaftliche Gewaltstrukturen seien Strukturen einer Herrschaft heterosexueller Männer.

„Verschiedene Gruppen (Schwule, Frauen) innerhalb der AL waren auf den heterosexuellen Mann als Sexualstraftäter fixiert. Dies führte dazu, dass gleichgeschlechtlicher Missbrauch durch Männer verharmlost und Missbrauch durch Frauen gar nicht thematisiert wurde.“ (84)

Schlimmer noch: Da Jungen aus dieser Perspektive gleichsam als Herrscher im Wartestand betrachtet wurden, war die Empathie mit ihnen offenkundig deutlich geringer als die mit Mädchen.

„Wir kümmern uns hier um Mädchen.“

Eine damalige Kreuzberger Sozialarbeiterin berichtet:

„Vor allem in den sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen habe es Opfer außerfamiliären pädosexuellen Missbrauchs gegeben. Sie waren zwar unterschiedlicher Herkunft, es handelte sich aber immer um Jungen. Seitens der linken Männer habe es bis Ende der 1980er Jahre für diese Opfer so gut wie keine Unterstützung gegeben. Ihr wurde entgegnet: ‚Wir wollen doch niemanden diskriminieren. Bei Jungen ist es vielleicht nicht so schlimm, bei Mädchen viel schlimmer. Im pädosexuellen Bereich ist das ja einvernehmlich, wir üben keine Gewalt aus.’ Als sie bei Wildwasser berichtete, dass sie von einer großen Gruppe Jungen wisse, die außerhalb der Familie von Pädosexuellen missbraucht werde, wurde ihr entgegnet: ‚Wir kümmern uns hier um Mädchen’.“ (85)

Die fehlende Empathie mit Jungen als Opfer und eine unreflektierte Solidarität mit sozialen Minderheiten verbanden sich hier auf fatale Weise.

„Der Schwulenbereich der Berliner AL, ab 1993 von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, war rund 15 Jahre lang im Landesverband die treibende Kraft für die Forderung, das gesamte Sexualstrafrecht zu streichen – also auch die §§ 174 und 176 StGB. Von Beginn an und insbesondere in den 1980er Jahren wurde der Schwulenbereich von pädosexuellen schwulen Männern dominiert, die in eigener Sache agierten. Er trat somit als ‚Pädolobbygruppe’ auf.“ (28)

Die Verknüpfung der Rechte Homosexueller mit den Ansprüchen Pädosexueller verwischte mit staunenswerter Selbstverständlichkeit wesentliche Unterschiede: dass nämlich die freiwillige Sexualität zweier Erwachsener niemandem schadet, während die Sexualität eines Erwachsenem mit einem immer abhängigen, gar nicht zustimmungsfähigen Kind diesem Kind großen Schaden zufügt. Entsprechend gehörte es auch zum pädosexuellen Kalkül, sich Kinder zu suchen, die besonders schutzlos waren.

Erst sehr spät distanzierten sich grüne Homosexuellenaktivisten allgemein von Pädosexuellen. Der Bericht teilt ausgerechnet Volker Beck dabei eine Heldenrolle zu – er sei gemeinsam mit Günther Dworek Initiator einer „Gegenbewegung“ (51) gegen die Abschaffung der Paragrafen 174 und 176 gewesen (ebenso: S. 32, 43, 44, 45). Kein Wort davon, dass eben Volker Beck noch 1988 in einem Beitrag für das Buch Der pädosexuelle Komplex eine „Entkriminalisierung der Pädosexualität“ für  „dringend erforderlich“ erklärt und vorgeschlagen hatte, die „‘Schutz‘-Altersgrenze zu überdenken und eine Strafabsehensklausel einzuführen.“ Der Begriff „Schutz“ steht schon bei Beck in Anführungszeichen.

Kein Wort auch davon, dass Beck wahrheitswidrig behauptet hatte, es habe niemals grüne Parteitagsbeschlüsse zur Legalisierung sexueller Gewalt gegen Kinder gegeben, und dass er die Öffentlichkeit über seinen Text mit der Behauptung getäuscht hatte, die angreifbaren Passagen seien auf Verfälschungen des Textes durch den Herausgeber zurückzuführen.

Beck sitzt seit 1994 für die Grünen im Bundestag, war dort bis 2013 menschenrechtspolitischer Sprecher und ist seit 2013 innen- und religionspolitischer Sprecher. Bei der Bundestagsdebatte um die Beschneidung minderjähriger Jungen sprach sich ausgerechnet er, der sich im Hinblick auf Kinderrechte so heillos diskreditiert hatte, für die Beschneidung aus – die „Gesundheit und der Schutz der körperlichen Unversehrtheit des Kindes“ mussten aus seiner Sicht zurückstehen.

Die Heldenrolle, die der Bericht Beck zuteilt, kaschiert also, wie ambivalent sein Verhalten tatsächlich war: Volker Beck ist mit diesen Ambivalenzen weniger als Held geeignet denn als Personifikation einer grünen Schuldabwehr.

Wie die Grünen Jungen opferten

Wie diese Schuld möglich wurde, die der Bericht beispielhaft für die Berliner Grünen darstellt, lässt sich mit einem kurzen Rückblick auf die Entstehung der Partei erklären. Sie speiste sich wesentlich aus dem Widerstand gegen die Atomkraft: gegen deren energiepolitische Nutzung in der Anti-AKW-Bewegung, gegen der militärische Nutzung in der Friedensbewegung. Aus der Perspektive der Gegner stand die Nutzung der Atomenergie für das bewusst eingegangene Risiko des größtmöglichen Übels – das Risiko der Verwüstung ganzer Landstriche bei Reaktorkatastrophen oder gar das Risiko der Vernichtung des irdischen Lebens in einem „atomaren Holocaust“.

Alle im Bundestag vertretenen Parteien aber unterstützten die Atompolitik: Das absolute Böse war damit zugleich selbstverständlicher Bestandteil politischer Normalität. Eine humane Politik schien so nur in Abgrenzung zu dieser Normalität möglich – im Bemühen um eine andere Politik, in der Stärkung alternativer Lebensweisen und auch in der Unterstützung marginalisierter Minderheiten, die außerhalb der Normen lebten. Im Schulterschluss mit Feministinnen konnte zudem die gewaltsame herrschende Politik als männlich, die Suche nach Alternativen dazu als weiblich identifiziert werden.

Wer sich so gegen das absolute Böse stellt, wird sich zwangsläufig als Vertreter einer besseren, menschlicheren Welt wahrnehmen. Kritik lässt sich in diesen zugespitzten Freund-Feind-Mustern leicht abwehren: interne Kritik wird unterbunden mit dem Hinweis, dass sie dem inhumanen Gegner in die Hände spiele und Beifall von der falschen Seite provoziere – Kritik von außen ist leicht umzudeuten in ein Manöver der Herrschaftssicherung.

Auf die schon erwähnte Zwischenfrage des CDU-Abgeordneten Jewarowski zu grünen Forderungen nach Straffreiheit für Pädosexuelle verweigerte die AL-Abgeordnete Ingvild Kiele entsprechend die Antwort: „Sie wollen mich doch hier, so glaube ich, nur vorführen.“ (74)

Wie hätten Grüne diese Situation wohl umgekehrt beurteilt – wenn die CDU in organisierte sexuelle Gewalt gegen Kinder verstrickt gewesen wäre, wenn eine grüne Abgeordnete dazu eine parlamentarische Zwischenfrage gestellt und der CDU-Abgeordnete die Antwort mit dem Hinweis verweigert hätte, dass die Zwischenfrage nicht frei von politischem Kalkül sei?

Dieser moralisierende Hochmut ist von außen betrachtet unverständlich und irreal, für die grüne Partei ist er wohl trotzdem unverzichtbar. Auch wenn die Grünen als Regierungspartei längst selbst den Betrieb von Atomkraftwerken mitgetragen haben, auch wenn sie nach einem pazifistischen Wahlkampf mit bemerkenswerter Schnelligkeit zur Unterstützung von Kriegseinsätzen umschwenkten, auch wenn sie schon lange eine Politik der sozialen Spaltung wesentlich mitverantworten: Sie sind noch immer angewiesen auf das Image, für eine irgendwie humanere, irgendwie progressivere und irgendwie menschlichere Politik zu stehen.

Daraus erklärt es sich wohl, dass ausgerechnet die Grünen aggressiver und offensiver als andere Parteien Kinder für Wahlkampfzwecke benutzen: Kinder stehen für eine Unschuld, die sich die Partei auch selbst noch immer zuschreiben möchte. Auch die grünen Freund-Feind-Bilder sind noch intakt – wer grundsätzliche Positionen der Partei kritisiert, wird von Grünen noch immer gleichsam rituell als reaktionär, als repressiv oder gleich als rechtsradikal hingestellt.

Nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld aber wären diese Freund-Feind-Muster, die übrigens wohl in ganz ähnlicher Weise auch schon die schwerkriminellen Strukturen der Odenwald-Schule ermöglicht haben, nicht mehr haltbar: Die Schuld der Grünen ist zu groß, als dass sie mit einer Fantasie eigener Unschuld noch vereinbar wäre. Andererseits hat die Partei natürlich auch ein Interesse daran, nicht als Partei der Schuldverdränger zu erscheinen und zu riskieren, dass sie im kommenden Bundestagswahlkampf noch einmal mit den Sexualverbrechen an Kindern konfrontiert wird.

Der Bericht stand so vor einer unlösbaren doppelten Aufgabe: Aufklärung zu betreiben, ohne aufzuklären. Er legt viele Fakten offen, doch er betreibt eben dort, wo die Analyse dieser Fakten beginnen müsste, Legendenbildung. Er mündet schließlich in der zentralen Legende, dass die Grünen gleichsam durch ihre eigene Güte in Schwierigkeiten geraten seien: dass ihre Offenheit und ihre Solidarität mit Minderheiten sie ausnutzbar gemacht hätten.

Das ist nach den Fakten, die der Bericht selbst vorlegt, so nicht haltbar. Die Grünen haben, als Partei, Jungen regelrecht geopfert – und dies nicht aus allzu naiver Güte, sondern aus egoistischem und politischem Kalkül, verbunden mit einer erstaunlich stabilen Verweigerung der Empathie mit männlichen Kindern.

Was Pädosexuelle als emanzipatorische Auseinandersetzung mit dem Sexualstrafrecht verkauften, war tatsächlich ein Versuch, die eigenen Verbrechen an Kindern zu legalisieren und institutionelle Unterstützung für sie zu finden. Große Teile der Partei leisteten diese Unterstützung, und die Grünen brauchten mehr als ein Jahrzehnt für klare Distanzierungen: Sie waren und sind nicht bereit, die ihnen so nützlichen Freund-Feind- und Gut-Böse-Strukturen in Frage zu stellen und die Möglichkeit eigener großer Schuld einzuräumen. Das Kalkül, der offene Konflikt mit den für das eigene Selbstbild so bedeutsamen marginalisierten Minderheiten würde der Partei schaden, war vielen wichtiger als der Wunsch, Kinder vor Schaden zu bewahren.

Homosexuelle in der Partei kalkulierten offenbar, die Solidarisierung mit der pädosexuellen Minderheit und die weitgehende Schleifung des Sexualstrafrechts würde auch ihre eigene Position als Minderheit stärken. Dass Homosexuelle damit ihren eigenen politischen Interessen eher schadeten als nützten, macht ihre Schuld nicht geringer.

Feministinnen in der Partei kalkulierten, dass ein offenes Interesse an den Verbrechen, die Jungen angetan wurden, die Konzentration von den Belangen der Mädchen und Frauen ablenken würde. Geschlechterklischees wie das von der Herrschaft des heterosexuellen Mannes verbauten zudem den Blick für die Täterschaft von homosexuellen Männern und von Frauen, und sie blockierten die Empathie mit den vergewaltigten Jungen. Obwohl vorwiegend Jungen Opfer der Pädosexuellen-Aktivisten waren, konzentrierte sich die AL-Fraktion „beim Thema sexueller Missbrauch stark auf Mädchen“. (72) Es waren CDU und FDP, die sich dafür stark machten, „die Präventionsarbeit und die Hilfen bei sexuellem Missbrauch auf Kinder beiderlei Geschlechts zu erweitern.“ (72)

Noch heute aber ist die ausdrücklich pro-feministische Partei nicht bereit, die Konflikte einzugehen, in denen eine Auseinandersetzung mit ihren Geschlechterklischees überhaupt erst möglich wäre. Eine ernsthafte Beschäftigung der Grünen mit ihrer Schuld ist zudem deshalb unwahrscheinlich, weil dies ihr Selbstverständnis viel zu tief berühren würde.

Schließlich sind sie nicht nur, auch sie, eine Partei wie jede andere.  Im betonierten Glauben an die eigene Unschuld können Grüne sogar in ganz besonderer Weise brutal und skrupellos agieren.

Der Beitrag erschien zuerst auf Lucas Schoppes Blog  "man-tau"

 

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