Gesellschaft

Leitkultur? Leitkultur!

14. Oktober 2016, von Prof. Günter Buchholz

Wenn wieder einmal der von Bassam Tibi eingeführte Begriff der Leitkultur  fällt, dann sind zwei Reaktionen zu beobachten. Die einen, die Kulturelativisten, stammeln abwehrend etwas von einem angeblichen  Rassismus, die anderen, die liberal-säkularen, ebenso geschichtsvergessenen wie irgendwie aufgeklärten Individualisten reagieren ob ihrer eigenen Prinzipienlosigkeit mit Verlegenheit und Ratlosigkeit, und dann fällt ihnen prompt etwas ein, was es glücklicherweise wirklich gibt, nämlich das Grundgesetz.

Apostel hgtz6547

Das Grundgesetz also soll die Leitkultur sein, von der die Rede ist, und vielleicht hat Bassam Tibi das Grundgesetz gemeint. Er hat es vermutlich gemeint, denn es gehört durchaus zu diesem Begriff dazu, weniger wegen seines bloßen Textes, so wichtig der auch ist, sondern mehr noch wegen seiner vielfältigen real- und geistesgeschichtlichen Denkvoraussetzungen und Implikationen, die vielfach gar nicht bewußt sein dürften. Sie sollen im folgenden knapp benannt werden.

Das so verstandene Grundgesetz gehört sicherlich zu diesem Begriff der Leitkultur, der nötig ist um zu klären, wer sich an wen anzupassen hat, wenn es um Integration geht, aber lediglich als dessen oberste dünne Schicht. Darunter lagern jedoch weitere mächtige historische Schichten, in denen sich eine mehrtausendjährige  Kulturgeschichte sedimentiert hat. Es sind deren fünf an der Zahl. Und sie alle spielen ihre Rolle bei dem, was die Europäer als ihre Kultur wissen, empfinden und wahrnehmen, zumeist übrigens fast bewusstlos, im Sinne allergrößter Selbstverständlichkeit.

Europa hat seinen Anfang genommen durch wechselseitige soziokulturelle Kontakte im östlichen Mittelmeer, zwischen der phönizischen Kultur der Levante, der minoischen Kultur der Ägäis, und   der daraus erwachsenen späteren griechischen Kultur mit ihren Stadtsiedlungen entlang der Küsten des Mittelmeers und des Schwarzen Meers. Diese klassische griechische Welt mündete durch den griechischen Sieg über  das persische Großreich in den Hellenismus mit seiner Metropole Alexandria, der für die gesamte Antike, auch die nachfolgende römische, eine kulturell tragende Bedeutung erlangte.

Der griechische Geist, so wie er sich u. a. in Philosophie, Wissenschaft und Kunst darstellte, war die erste Gestalt Europas. Die Römer nahmen ihn auf, schlossen sich an und entwickelten vieles weiter. Bedeutend bis in unsere Gegenwart sind insbesondere das römische Recht, aber auch Philosophie und Literatur. Das sowohl von christlichen wie von griechisch-römischen Einflüssen geprägte Werk des Boethius (ca. 480 – 524 n. Chr.) stellt einen zusammenfassenden Höhepunkt dieser zivilisatorischen Entwicklung dar. (1)

Die ( I ) griechische und ( II ) die römische Antike bilden daher die beiden untersten Schichten von Europa. Sie sind die Grundlagen und das Fundament der europäischen Zivilisation.

Die nächsten beiden Schichten sind ( III ) das Judentum und ( IV ) das Christentum, die in ihrer engen, aber in sich widersprüchlichen Verbindung das Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit dominierten, und die darüber hinaus in der neuzeitlichen Philosophie weiterhin eine Rolle spielten.

Die mehr als tausendjährige Geschichte des Judentums, die im Alten Testament erzählt wird, führte bekanntlich zur Regierungszeit des römischen Kaisers Tiberius zu den Ereignissen, von denen im Neuen Testament, auf das sich die späteren Christen berufen sollten, erzählt wird. Dennoch spielt das später so genannte Neue Testament fast vollständig im jüdischen Milieu, und das Alte Testament gänzlich.

Die Trennung zwischen Juden und Christen ergab sich erst durch die Erweiterung der späteren Mission auf Nicht-Juden („Heiden“) durch Paulus (2) und diese Trennung hat sich dann geschichtlich nach und nach weiter vertieft.

Im Verlauf des Mittelalters kam es dann über das oströmische Byzanz und das damals maurische Spanien zu einer teilweisen Rezeption und Integration der nicht zuletzt wegen des Brandes der Bibliothek von Alexandria nur fragmentarisch erhaltenen antiken griechisch-römischen Kultur in die jüdisch-christliche. Damit war aber der Widerspruch gesetzt zwischen der griechischen Rationalität und der christlichen Irrationalität: dem vorausgesetzten Dogma, dem Glauben also.

Die Lösung des Widerspruchs wurde durch die spätmittelalterliche Philosophie, die insbesondere Aristoteles rezipiert hatte und durch ihn geprägt wurde, selbst eingeleitet (Nominalismus) und führte dann ( V ) ausgehend von Descartes zur Begründung der neuzeitlichen, religionskritischen Philosophie der Aufklärung, aus der nach und nach eine neue Wissenschaftlichkeit hervorging, die die Grundlage aller modernen Technologien geschaffen hat. Im Denken ist ihr Kern die moderne Mathematik, und in der Praxis die methodisch kontrollierte Erfahrung (Messung), und eben nicht mehr ein geglaubtes oder vorgegebenes religiöses Dogma, das trotz der Säkularisierung zwar erhalten blieb, aber nur in subjektivierter und privatisierter Form.

Damit sind die fünf mächtigen kulturellen Schichten benannt, deren Substanz wesentlich ist für das, was in die europäische Leitkultur eingeht: der griechische Geist, das römische Recht, also die griechisch-römische Antike, dann, sich damit geschichtlich überschneidend, die in den Wurzeln identische jüdische und christliche Religion, also der geistige Gehalt des Mittelalters, sowie angestoßen durch die Wiederaufnahme antiken Wissens in der Renaissance dessen Kritik durch die Philosophie der Aufklärung einschließlich der modernen Wissenschaft und Technik im Zusammenhang mit der neuzeitlichen europäischen Gesellschaftsgeschichte, die zur Herausbildung von tendenziell säkularisierten, liberalen, individuierten Lebensformen geführt hat.

Aus diesen fünf geschichtsmächtigen Voraussetzungen heraus und – ganz wesentlich! - zusätzlich in Negation der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts wurde das Grundgesetz geschrieben.

Damit ist implizit zugleich markiert, was nicht zur europäischen Kultur gehört, alles nämlich, was hier äußerlich bleibt. Dazu gehört beispielsweise die – sehr bedeutende – konfuzianische Kultur Ostasiens, und ebenso die islamische Kultur Arabiens.

Der Islam gehört nicht zu Europa, und er gehört ebenso wenig zu China. Er gehört zu Arabien.

Bemerkenswert ist der Umstand, daß die ostasiatisch-neokonfuzianische Kultur, beginnend mit den Meiji-Reformen in Japan im 19. Jahrhundert, die europäische Kultur nicht nur rezipiert und in sich aufgenommen hat, sondern daß sie seither gut hör- und sichtbar dabei ist, sie schöpferisch zu einer neuartigen Synthese weiterzuentwickeln, während sie zugleich auf die europäische Kultur zurückwirkt. Man denke beispielhaft nur an einen Pianisten wie Lang-Lang.

Anmerkungen:

(1) Vgl. Ulfig, Alexander: Große Denker, Verlag Parkland: Köln 2006, S. 48 ff.
(2) Paulus gilt vielfach als der eigentliche Begründer der christlichen Tradition.
Zur katholischen Sicht auf Paulus siehe:
http://www.kathpedia.com/index.php?title=Paulus_von_Tarsus

 

Weitere Beiträge
Gesellschaft

Inkompetenz bewahrt vor Zweifel

Wer inkompetent ist, merkt nichts (mehr).
Von Michael Klein   28. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Warum fehlt manchen Menschen die Einsicht, dass die Positionen, die sie vertreten, nicht haltbar sind? Warum behaupten Politiker vollmundig Dinge, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben oder sogar wissen, dass sie falsch sind? Warum beforschen Wissenschaftler weiterhin...

Wissenschaft

Genderisten zitieren Simone de Beauvoir falsch

06. Januar 2014, von Hadmut Danisch
Im Gender-Feminismus wird die Auffassung, dass Geschlechter keine natürliche Grundlage haben, sondern alleine kulturell erzeugt wären, stets und nur damit begründet, dass Simone de Beauvoir das einfach so gesagt hätte.
Sie wird immer und im Feminismus fast überall mit dem Ausspruch zitiert „Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht.” Das soll...

Wissenschaft

Die Angst vor der Objektivität

18. April 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Der Begriff der Objektivität ist in Verruf geraten. Postmoderne und feministische Autoren entwickeln ihre Positionen in Abgrenzung zur metaphysischen bzw. absoluten Objektivität.
Doch sollten wir deshalb auf Objektivität verzichten? Oder lässt sich ein Begriff von Objektivität finden, der nicht-metaphysisch wäre und an dem sich die wissenschaftliche...

Wissenschaft

Die Professur als Billigartikel

06. Dezember 2013, von Prof. Adorján Kovács
Was jetzt folgt an Anmerkungen zu akademischen Titeln, mag dem einen oder anderen etwas orchideenhaft vorkommen, um nicht zu sagen vollkommen unwichtig. Das stimmt jedoch nicht.
Einmal handelt es sich um eine Tradition, die durchaus ehrwürdige und sehr verdienstvolle Seiten hat. Dann aber handelt es sich um die gerade anlässlich der aktuellen...

Gesellschaft

Prof. Adorján Kovács: Die Deutschen heben wieder ab

Ein Volk der Extreme: Wie aus Nazis Linke wurden und aus Linken Nazis werden: Interview mit Professor Adorján Kovács, Arzt und Publizist
Von Dr. Alexander Ulfig, 7. Mai 2012
Alexander Ulfig: Sie arbeiten als Arzt und sind daneben auch als Publizist tätig. Ihre publizistischen Arbeiten kreisen fast alle um Deutschland. In Ihrem Buch „Deutsche Befindlichkeiten“ werfen Sie den Deutschen die Neigung zu...

Gesellschaft

Das Gespenst der Hate Speech

19. Februar 2017, von Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs
Hate Speech wird immer häufiger Andersdenkenden unterstellt, um sie zu diskreditieren und mundtot zu machen. Der Begriff Hate Speech dient somit dazu, die Meinungsfreiheit einzuschränken.
Auf Youtube ansehen...
 

Wissenschaft

Erstmals klar belegt: systematische Diskriminierung von Männern an Universitäten

22. Januar 2015, von Michael Klein
Vergessen Sie alles, was Sie über Meritokratie gehört haben! Meritokratie, das ist das Prinzip, nach dem diejenigen, die die besten Leistungen bringen, diejenigen sind, die mit begehrten Positionen belohnt werden. Professuren waren einst begehrte Positionen und Meritokratie das Prinzip, mit dem die Professuren besetzt wurden.
Unter der Ägide des...

Gesellschaft

Ist der Mensch das Maß aller Dinge?

Postmoderner Anti-Humanismus versus Humanismus als Lebensorientierung 19. Oktober 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Postmoderne Denker wie Michel Foucault, Jacques Derrida oder Jacques Lacan, werden als Anti-Humanisten bezeichnet.(1) Michel Foucault, der wohl prominenteste Denker der Postmoderne, lehnt den Humanismus ausdrücklich ab.
Doch was versteht Foucault unter „Humanismus“ und aus welchen Gründen...

Wissenschaft

Paradigma und Inkommensurabilität

15. Juni 2014, von Dr. Alexander Ulfig und Artur Z. Zielinski
Wie kaum ein anderer hat Thomas S. Kuhn mit seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen die Debatte zur Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien beeinflusst. Dabei standen die Begriffe „Paradigma“ und „Inkommensurabilität“ im Zentrum der Auseinandersetzung.
Die beiden Begriffe wurden zu Modebegriffen in vielen...

Wissenschaft

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert 25. November 2014, von Lucas Schoppe
Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß. Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung": Sie landeten eine kleine Raumsonde auf...

Geschlechterdebatte

Sind „Gender Studies“ Wissenschaft?

28. Juni 2016, von Prof. Günter Buchholz
Die „Gender Studies“ haben sich seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts als Fortführung der „Frauenforschung“ der 70er Jahre entwickelt. Sie kreisen um den zentralen Begriff des „sozialen Geschlechts“, aber dieser Begriff wird weder biologisch im allgemeinen, noch sexualwissen-schaftlich im besonderen noch soziologisch im Sinne der Rollentheorie gefaßt.
...

Wissenschaft

„Führungsposition“ - ein Unwort in der Wissenschaft

30. Oktober 2012, von Dr. Alexander Ulfig
Das Wort „Führungsposition“ hat sich in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft fest etabliert. Überall ist von „Führungspositionen“ als dem höchsten Ziel der beruflichen Karriere die Rede.
Feministinnen und Frauenpolitikerinnen sehen im Erlangen von „Führungspositionen“ durch Frauen die Vollendung von Emanzipation und Gleichstellung. Auch die...