Gesellschaft:

FIFA-WM: Weltmeisterschaft der Ausbeutung

Die Menschen in Brasilien gehen zu Recht auf die Straßen: Milliarden für die WM statt Gelder für Bildung, dazu korrupte Strukturen in der Politik. Doch die Kritik an der Regierung wirft auch einen großen Schatten auf die FIFA.

In einem fußballverrückten Land, vielleicht dem fußballverrücktesten überhaupt, protestieren die Menschen gegen die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Wie konnte es dazu kommen? Diejenigen Funktionäre und ehemaligen Stars, die sich oder den Fussball bereits verkauft haben, können sich freilich keinen Reim darauf machen. FIFA-Präsident Sepp Blatter rechnete mit dem Ende der Proteste, sobald der Confed-Cup beginnen würde, da der Fußball “stärker als die Unzufriedenheit der Menschen” sei.

Doch längst geht es nicht mehr nur um Fußball. Blatters Ignoranz wurde mit einem donnernden Buh-Konzert bestraft, so dass er bei der Eröffnungsfeier des Confed-Cups minutenlang nicht zu Wort kam. FIFA und Regierung spielten diesen Vorfall, der die Stimmung im Land deutlicher nicht symbolisieren könnte, mit fadenscheinigen Erklärungsversuchen herunter.

Wie nicht anders zu erwarten, kamen auch für den “Kaiser” Franz Beckenbauer, nicht gerade als intellektuelle Instanz verschrien, die Protest-Bilder völlig überraschend, da doch kein Land “den Fußball mehr als Brasilien” liebe, so Beckenbauer in der Bild-Zeitung.

Vielleicht liegt die Antwort hinter den Heile-Welt-Fassaden der Organisatoren. Vielleicht würde ein zweiter Blick hinter die Kulissen offenbaren, dass die WM keineswegs eine der Brasilianer ist, sondern eine FIFA-WM, sprich: eine WM für Reiche, eine WM des Kommerzes. So abwegig dieser Gedanke für die korrupten Funktionäre in Politik und Sport auch sein mag, genau dies drücken die Demonstranten in Rio de Janeiro und Sao Paolo mit ihrer Parole “Copa pra quem?” (die WM für wen?) aus.

Es ist nicht zufällig ein zentraler Kritikpunkt neben der Forderung nach mehr Bildung und sozialer Gerechtigkeit. Und Letztere ist in Hinblick auf das Milliardenprojekt WM 2014 keineswegs unbegründet. Die Brasilianer scheinen die Vorgänge der vergangenen Weltmeisterschaft nicht vergessen zu haben. So hat sich die soziale Spaltung im Land des WM-Ausrichters 2010, Südafrika, durch das Fussballereignis noch weiter verschärft. Symptomatisch war auch, das nur 2 Prozent der Tickets von Afrikanern gekauft wurden.

Bei einem Mindestlohn von umgerechnet gerade mal 236 Euro wird klar, dass sich auch die überwiegende Mehrheit der Brasilianer kein Spiel in den Stadien werden anschauen können.

Die FIFA hat in den letzten Jahrzehnten ganze Arbeit geleistet: Wenn ausgerechnet die Brasilianer gegen die WM im eigenen Land protestieren, dann spricht das Bände. Das sich – aller Potemkinschen Dörfer zum Trotz – die Großzahl der Menschen nicht mehr mit dieser WM identifizieren können, muss die Fußball-Förderation verantworten. Strikte Auflagen und Regeln im Sinne der Sponsoren, überteuerte Eintrittspreise, der Verbot von Stehplätzen und wie schon in Südafrika die Zwangsräumung von Wohnungen für milliardenschwere Stadien, die riesigen VIP-Loungen gleichen, lassen die Fussball-WM – einst Sport der Massen und Armen - immer mehr zu einem Spektakel der Privilegierten verkommen.

Anders ausgedrückt: Von einem öffentlichen Gut für alle wird der Sport durch unerschwingliche Eintrittspreise, teure TV-Gebühren und rigide Auflagen für Übertragungsrechte auf öffentlichen Plätzen/Orten zu einem privaten Happening der Reichen und Gutbetuchten. Die Architektur und Funktionalität der modernen Arenen spricht genau diese Zielgruppe an, während arme Stadtbewohner für diese unter Umständen ihr Zuhause verlieren (betroffen waren in Südafrika etwa 20.000 Menschen aus den Favelas).

Auspressung der Nationen

Wie so oft, versprach man sich auch in Südafrika durch die WM Wirtschaftswachstum, Investitionen und neue Arbeitsplätze. Diese Mär, vom angeblichen Heilsbringer FIFA gerne verbreitet, ist jedoch nur ein Strohfeuer, das mit dem Ende des Turniers erlischt und in keinem Verhältnis zu den Kosten steht. Dass der Verband und seine Sponsoren in den Ausrichterländern steuerfrei abkassieren, ist dabei wohlfeil - sonst hätten die Bewerber ohnehin keine Chance, den Zuschlag zu erhalten.

Statt blühender Landschaften wurde das Land mit hohen Schulden (laut dem Schweizerischen Arbeiterhilfswerk SAH beziffern sich die Verluste für den südafrikanischen Staat auf 2,7 Milliarden Dollar) und leer stehenden Stadien – sogenannten “Weißen Elefanten” - zurückgelassen. Die Versprechen hatten sich nicht erfüllt – während Südafrika die enormen Kosten für Infrastruktur und Sicherheit zu tragen hatte, streichte die FIFA die satten Gewinne von 2 Milliarden Euro ein, was in etwa den Verlusten des Ausrichters entspricht.

Das gleiche Spiel fand bereits während der WM 2006 in Deutschland statt, mit dem Unterschied, dass zumindest die Stadien (mit der Ausnahme Leipzigs) von den Vereinen vor und nach der WM genutzt wurden. Deutschland bezahlte nicht nur gänzlich den Auftritt der FIFA, sondern musste obendrein noch auf rund 250 Millionen Euro an Steuereinnahmen verzichten.

Am allerwenigsten hatten jedoch die Südafrikaner selbst von der WM. Kleinunternehmer und Ladenbesitzer, die das Pech hatten, in der Nähe der Stadien zu leben und zu arbeiten, durften dort nicht ihre Produkte verkaufen, da diese gegen die Vermarktungsprivilegien der großen Sponsoren wie Coca-Cola oder Budweiser verstossen hätten. Tagelöhner, Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen und Bauarbeiter gingen gegen die Hungerlöhne im Umfeld der WM auf die Strasse. Die Proteste wurden von der Polizei während des Tuniers brutal niedergeknüppelt, die FIFA schwieg.

Das gleiche passiert nun in Brasilien während der Generalprobe für die WM, dem Confed-Cup. Am Zuckerhut herrschen ganz ähnliche Bedingungen wie in Südafrika: ein Schwellenland im Aufbruch mit einer extremen Ungleichverteilung des Reichtums, einem großen informellen Sektor bestehend aus Straßenverkäufern sowie einer Slumbevölkerung in den Austragungsstädten. Auch hier wird das Kleinhändlergewerbe, das traditionell um die Stadien angesiedelt ist, für das Schankmonopol von Budweiser verdrängt. Auch hier werden Milliarden in Stadien versenkt, die nach der WM leer stehen werden, wie die neue Spielstätte mitten im Amazonas.

Doch anders als in Südafrika hat sich durch den Wirtschaftsaufschwung und die Sozialprogramme unter Silva da Lula und Dilma Roussef eine neue und wachsende Mittelschicht herausgebildet, die kritischer geworden ist. Auch hier geht die Polizei unachgiebig gegen die Demonstranten vor, die gegen eine überteure WM protestieren. Denn diese könnte mehr Kosten, als alle drei vorangegangenen Weltmeisterschaften zusammen verursacht haben.

Die Menschen spüren – und das ist nicht zuletzt Sepp Blatter selbst zu verdanken –, dass die FIFA de facto von einem Verband zu einem Vermarktungskonzern geworden ist, der nach neoliberalen Prinzipien die totale Ausschlachtung und grenzenlose Kommerzialisierung des Weltfußballs vorantreibt. Angesichts einer Umsatzsteigerung von 10 auf 778 Millionen Euro zwischen 1990 und 2009 kann es kaum verwundern, dass dies zum Preis des Verlustes ethischer Standarts oder des Gefühls für die gesellschaftlichen, sportlichen sowie emotionalen Traditionen dieses Spiels und einer reinen Gewinnorientierung geschehen ist. Von einem Fest der Völker ist die WM zu einem Vehikel der ökonomischen Globalisierung geworden.

Für die Staaten und ihre armen Bevölkerungsschichten – alleine ein sechstel der Weltbevölkerung lebt unter der Armutsgrenze – ist die FIFA-WM zu einer Heuschrecke mutiert. Wenn seit Beginn der Finanzkrise weltweit gegen Banken und die Finanzindustrie protestiert wird, deren Rettung auf Kosten steigender Ungleichheit und sozialer Rechte durchgesetzt wurde, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die FIFA ins Kreuzfeuer der Kritik kommen musste.

Die Frage, wie Brasilien die Fehler vermeiden kann, die in Südafrika gemacht wurden, ist mittlerweile Teil der Debatte in der brasilianischen Zivilgesellschaft geworden. Zuletzt widmeten sich im Berliner Haus der Demokratie der südafrikanische Aktivist Gaby Bikombo, der brasilianische Gewerkschafter Leonardo Vieira und die Menschenrechtlerin Rossana Tavares aus Rio diesem Thema. Ihr Fazit ist jedoch ernüchternd. Tatsächlich ist die einzige Möglichkeit, die Knebelgesetze der FIFA zu verändern, Druck von der Straße, der zudem von den Medien aufgegriffen werden muss.

Mit den anwachsenden Massenprotesten existiert dieser Druck nun immerhin. Sogar die Seleção solidarisierte sich unlängst mit den Demonstranten; ein begrüßenswerter Schritt, denn der Fußball ist – sofern er es je war – längst nicht mehr unpolitisch. Und die Verantwortung dafür, welche Rolle der Weltfußball in Zukunft einnehmen soll, tragen auch die Spieler selbst.

Der Artikel erschien zuerst bei Le Bohémien.

 

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