Gesellschaft:

Kampagnenjournalismus - diesmal ist Heiner Flassbeck das Opfer

Er wird zum Euro-Gegner und Anti-Europäer stilisiert

Der gedruckte „Spiegel“ erschien in dieser Woche mit einem fünfseitigen Artikel „Die Taschenrechner“. Darin wird Heiner Flassbeck zum Gegner des Euro hochstilisiert und zu diesem Zwecke mit Olaf Henkel, Dirk Müller und dem AfD-Vorsitzenden Lucke vermanscht.

spiegel-56763gx823

Flassbeck hatte schon bei der Anbahnung des Gesprächs durch den Spiegel-Autor geahnt, dass hier ein Kampagnenjournalist tätig wird und sich den Vorgang gemerkt. Er berichtet davon hier.

Über der Überschrift des Spiegel-Artikels steht „Stimmungsmache“. Darunter als Vorspann: „Der Euro muss verschwinden – das glauben zumindest viele Deutsche. Angestachelt werden sie von wortmächtigen Populisten aus Wirtschaft und Wissenschaft. …“ Nutzer der NachDenkSeiten wissen, dass für Flassbeck dies nicht andeutungsweise stimmt. Jahrelang hat er zusammen mit uns und wenigen anderen davor gewarnt, die Basis der gemeinsamen europäischen Währung Euro zu zerstören. Immer wieder haben wir gemeinsam auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Euro-Staaten und deshalb auch die Lohnstückkosten einigermaßen gleichmäßig entwickeln. In der letzten Zeit hat Flassbeck die Hoffnung verloren, dass die Berliner Riege unter Anführung von Bundeskanzlerin Merkel und Bundesfinanzminister Schäuble noch zur Vernunft kommt und deshalb das Auseinanderfallen der Eurozone vorhergesagt. Dies immer mit Bedauern und nie so, dass man daraus ablesen könnte, es sei seine Meinung, der Euro „müsse verschwinden“. Im Gegenteil. Er hat auch nie populistisch argumentiert. Das alles ist im Spiegelartikel in Bezug auf seine Person erstunken und erlogen. Für Henkel oder andere mag das gelten.

Die zum Zweck der Diffamierung betriebene Vermischung Flassbecks mit Lucke, Dirk Müller und Olaf Henkel grenzt schon an Beleidigung.

Offensichtlich hat sich die Spiegelredaktion vorgenommen, die Verantwortung der herrschenden Kreise in Berlin für das Desaster im Euroraum weiß zu waschen. Heiner Flassbeck ist einer der fundierten Kritiker des jetzigen Kurses. Also muss man ihm ans Leder gehen. Das war wohl der Auftrag an den Kampagnenjournalisten Stefan Willeke.

Dass diese Medien-Organe Kampagnen betreiben und dass sich einzelne Journalisten, nicht alle, dafür hergeben, hört man in diesen Kreisen nicht gern. Ich weise deshalb auf einen früheren Vorgang und auf zwei gerade erschienene Artikel aus dem Hause Spiegel hin.

Der frühere Vorgang: Eine Tagung in Leipzig. Journalisten und vor allem Chefredakteure verleugnen ihre Kampagnen

Am 30. April 2010 war ich zu einem Referat bei einem Kongress von Medienjournalisten, Medienvertretern und Medienwissenschaftlern in Leipzig eingeladen. Ich habe davon unter der Überschrift „Kampagnenjournalismus – das Gespinst von Verschwörungstheoretikern?“ berichtet. Auf dem Kongress sollte ich die Frage beantworten, was Medienjournalismus leisten sollte. Er müsste, so mein fünfter und wichtigster Punkt, über die Kampagnen aufklären, mit denen mittels Medien versucht wird, gefällige politische Entscheidungen herbeizuführen.

Beim etablierten Teil der anwesenden Wissenschaftler und Journalisten löste der Hinweis und die Beschreibung mehrerer Kampagnen das übliche Kopfschütteln und den Vorwurf „Verschwörungstheoretiker“ aus. Das ist immer wieder erstaunlich, werden wir doch täglich mit clever geplanten Kampagnen und ihrer Umsetzung über die Medien konfrontiert.

Der Spiegel wird auch jetzt leugnen, dass er in eine Kampagne eingebunden ist. Und dies obwohl dies inzwischen bei diesem Blatt wie vor allem auch bei SpiegelOnline wie bei der Bild-Zeitung und einer Reihe anderer Medien üblich geworden ist. Zwei Beispiele kamen gerade heute wieder auf den Tisch:

SpiegelOnline zur Rolle der SPD-Kampa 1998 und zu Putin und Syrien

Im ersten Artikel wird berichtet, dass jetzt ein Ex-SPD-Mann aus der SPD-Kampa von 1998 Merkels Wahlkampf flottmachen soll. Dabei wird behauptet, die „Kampa“, also die ausgelagerte Wahlkampftruppe der SPD, habe Gerhard Schröder 1998 zum Wahlsieg geführt. Der jetzige Merkel-Werber sei „die rechte Hand von Matthias Machnig, dem Erfinder der legendären SPD-”Kampa”, die 1998 als letzter Schrei modernen Wahlkampfs nach amerikanischem Vorbild galt“, gewesen.

Dass die ausgelagerte Kampa den Erfolg von Gerhard Schröder bewirkt habe, ist eine Legende, die der eigentliche Chef der Kampa, Franz Müntefering und seine rechte Hand Matthias Machnig mit großer Lust streuen. Das stabilisiert ihr Ansehen und hilft offensichtlich bis heute – siehe die Aufnahme von Machnig in die Truppe um Steinbrück – bei der Personalrekrutierung.

Die Fakten waren 1998 ganz andere. Die eigentlichen Macher des Wahlkampfes waren unter Gerhard Schröder Bodo Hombach, Uwe Karsten Heye und der inzwischen leider gestorbene persönliche Mitarbeiter von Schröder Heinz Thörmer. Zwischen dieser Truppe und der Kampa von Müntefering und Co. gab es nicht einmal räumlich eine enge Verbindung. Sie saßen im gleichen Haus aber deutlich getrennt.

Auch wenn man Schröders und Hombachs politisches Wirken nun wirklich nicht sympathisch findet, ihre Verdienste und die des damaligen Parteivorsitzenden Lafontaine in der Schlussphase des Wahlkampfes um den SPD-Wahlsieg von 1998 sind jedenfalls größer als die von Müntefering, Machnig, Kampa und Co.

Bei den Journalisten wird sich aber die Legende von der Kampa und ihrem amerikanisierten Wahlkampf halten. Reihenweise haben so genannte Wissenschaftler an dieser Legende schon 1998 gestrickt. Ich habe diese Geschichtsfälschung in der Studie „Von der Parteiendemokratie zur Mediendemokratie“, erschienen 1999, analysiert.

Der zweite aktuelle einschlägige SPON-Beitrag ist dieser:
„18. Juni 2013, 21:02 Uhr

G-8-Gipfel:

Assads Schutzpatron Putin

Vom sattsam bekannten Kampagnenjournalisten Carsten Volkery.

Dort heißt es:

„Der G-8-Gipfel einigte sich auf einen Minimalkompromiss in der Syrien-Frage: Eine Konferenz soll bald Klarheit bringen. Die Zukunft von Diktator Assad wurde jedoch ausgeblendet – so kann Russland die Friedenspläne weiter torpedieren.“

Russland ist der Bösewicht. Sie torpedieren Friedenspläne. Die USA, die jetzt auf der Basis fragwürdiger Giftgas-Behauptungen, militärisch intervenieren und die ohnehin kriegslüsternen Briten und Franzosen sind die Guten.

Wieder ein deutlicher Beleg für den im Bereich des SPIEGEL üblichen Kampagnenjournalismus.

Wer dieses Medium noch ernst nimmt und dafür sogar Geld bezahlt, ist selbst schuld.

Der Artikel erschien zuerst bei den NachDenkeSeiten.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Quoten verstoßen gegen parteiinterne Demokratie

Von  Dr. Alexander Ulfig   17. März 2012
Nach den Wahlerfolgen der „Piraten“ wird die Kritik an dieser Partei immer lauter. Allerdings konzentrieren sich viele Kritiker nicht auf die politischen Inhalte, sondern auf den Umstand, dass bei den „Piraten“ kaum Frauen politische Ämter bekleiden. Unter den 15 Abgeordneten der Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus ist nur eine Piratin. Auch unter den...

Geschlechterdebatte

Ein historisches Datum

Interview mit Klaus Funken anlässlich der Verabschiedung des Quotengesetzes am 6. März 2015 15. März 2015
Alexander Ulfig: Am 6. März, zwei Tage vor dem Internationalen Frauentag am 8. März, hat der Deutsche Bundestag das Quotengesetz, das „Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst“, wie es...

Geschlechterdebatte

Für eine ausgewogene Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik

Offener Brief an den Deutschen Presserat 09. Januar 2014
Wir, die Unterzeichner des Offenen Briefes, wenden uns an Sie, weil wir über die Berichterstattung der deutschen Leitmedien zur Gleichstellungspolitik besorgt sind.
Seit Jahren werden wir fast täglich mit Artikeln konfrontiert, die sehr einseitig über die Gleichstellunspolitik, insbesondere über die Frauenquote, berichten. Wir beobachten mit...

Geschlechterdebatte

Wer braucht Feminismus? Na, wir!


Jasmin Mittag war in den USA und hat von dort etwas mitgebracht. Sie stellt beunruhigt fest, dass der Feminismus diejenige soziale Bewegung mit dem schlechtesten Image sei: „Sich für Umweltschutz, Tierrechte oder Frieden einzusetzen, ist zum Beispiel wesentlich angesehener“.
Natürlich ist es ein Mysterium, warum viele Menschen eine halbwegs intakte Umwelt oder die Vermeidung von Atomkriegen für...

Geschlechterdebatte

Sexuelle Übergriffe bei der Bundeswehr: Was unsere Medien verschweigen


Im Gefolge der aktuellen Bundeswehr-Studie sind auch sexuelle Übergriffe bei unserer Armee wieder ein Thema in unseren Medien.
Geliefert wird uns aber, wie gewohnt, nicht das ganze Bild – dafür ist der Pöbel in den Blogs und Kommentarspalten da, wobei immer mehr Journalisten freimütig bekennen, sich deren Wortmeldungen unter einem Artikel erst gar nicht mehr durchzulesen. (Zur Arroganz mancher...

Politik

Die SPD hat sich von ihren Ursprüngen weit entfernt

Von Dr. Alexander Ulfig   18. März 2012In dem SPD-Grundsatzprogramm steht es: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“ Den Satz kann man folgendermaßen verstehen:
Wir leben in einer männlichen Gesellschaft. Wir müssen diese männliche Gesellschaft überwinden, um eine menschliche Gesellschaft, also eine Gesellschaft für beide Geschlechter aufzubauen. Der Satz kann...

Geschlechterdebatte

SPD: 25 Jahre Frauenquote sind genug


Die SPD hatte auf ihrem Parteitag in Münster 1988 die verbindliche Frauenquote in ihren Parteistatuten aufgenommen. Diese Quotenregelung sollte für 25 Jahre Geltung haben, also bis zum Jahr 2013 befristet sein. Eine solche Privilegierung von Frauen ist nur zeitlich begrenzt gerechtfertigt. Sie ist auch nur dann verfassungsgemäß. Das war Konsens in Münster. Sowohl die Antragsteller, die...

Geschlechterdebatte

Menschenteile bei Maischberger (und andere ProQuote-Seltsamkeiten)


„Zu dem unterirdischen Radiofeature "Maskuline Muskelspiele" sei der Hinweis erlaubt, dass Homann nur "Künstler" ist, kein Journalist. Redaktionell verantwortlich ist Ulrike Ebenbeck, rein zufällig natürlich auch Unterzeichnerin/Unterstützerin von Pro Quote.“ Soweit Thomas M. in einem Kommentar vor wenigen Tagen.
Die zentrale Forderung von ProQuote – einer seit Beginn des vergangenen Jahres...

Gesellschaft

Menschlichkeit zum halben Preis


Andrea Nahles folgt, wie sie in ihrem Buch Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist selbstbewusst verkündet, der Weisung: „Mach’s wie Gott: werde Mensch“! Doch wie hält es die SPD mit Menschen, die keine Frauen sind?
„Wer die menschliche Gesellschaft will...“, heißt es ihrem Parteiprogramm – nun, das will jeder! Ich kenne keinen, der etwas dagegen hätte (außerdem ist es „alternativlos“, wie...

Politik

Buchtipp: Der Rauswurf - Helmut Schmidt und der Kölner Parteitag 1983

Das neue Buch von Klaus Funken 13. November 2015, von der Redaktion
Am 19. November 2013 jährt sich zum dreißigsten Mal der Kölner Parteitag der SPD. Für die meisten ein vergessenes, für Sozialdemokraten ein verdrängtes Datum.
Es war der Parteitag, der ganz im Zeichen des NATO-Doppelbeschlusses stand, jenes Beschlusses, der die Partei seit seinem Inkrafttreten im Dezember 1979 zu zerreißen...

Gesellschaft

Opferverliebte Journalistinnen - Unterwerfung, die sich genießen lässt


Wer reißt sich schon um den Job bei der Müllabfuhr oder den Fernfahrern, wenn er über die Option einer Philosophieprofessur verfügt. Dass das eine leichter als das andere zu haben ist, stellt niemand in Frage.
Da die Akademikerquote von Frauen aber nicht geringer als die von Männern ist, kommt es offenbar darauf an, was sie daraus machen. Und sie machen anderes daraus als Männer. Sie wählen, was...