Gesellschaft:

Ist dies der Anfang vom Ende der Frauenförderung?


Politik fordert: Arbeiterkinder in die Hochschulen!

Taxifahrer oder Ingenieur?

Angesichts des herrschenden neoliberalen Zeitgeists, der nicht nur rechts von der Mitte weht, ist in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 13. 06. 2012 ein Artikel erschienen, der bemerkenswert ist und der wie folgt betitelt und eingeleitet wird:

„Arbeiterkinder in die Hochschulen - Wo die Eltern nicht zum Studium ermutigen, sollen die Studenten übernehmen / Uni und HAWK starten Projekte.

Nur bis zu zwölf Prozent der Studenten kommen aus den sogenannten ´bildungsfernen Schichten´ - das sind Arbeiter- und Handwerkerhaushalte,  in denen die Universitätsausbildung eher misstrauisch beäugt wird.

´Das ist im europäischen Vergleich zu wenig, wir müssen etwas daran ändern´, sagt Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU).

Ihr Ministerium finanziert bis Ende 2013 ein Modellprojekt mit einer Million Euro: Fünf Hochschulen versuchen, junge Leute aus ´bildungsfernen Schichten´ gezielt für ein Studium zu motivieren. Mit dabei sind die Universität Hildesheim und die Fachhochschule HAWK."

Im Folgenden werden zwei Probleme thematisiert: die Finanzierung und die sogenannten Schwellenängste. Letztere werde besonders betont:

„Die Gründe für die Schwellenängste sind im Detail zwar nicht erforscht, doch Wolf Dermann von der Organisation ´Arbeiterkind.de´ , die sich dieses Thema zur zentralen Aufgabe gemacht hat, sieht eine bestimmte Erfahrung: ´Immer dann, wenn jemand gegen Widerstände doch den Weg zum Studium beschritten hat, gibt es jemanden, der ihn an die Hand genommen und gefördert hat.´

Solche Vorbilder könnten etwa gleichaltrige Studenten sein. Daher komme es darauf an, sogenannte `Mentoren` in die Schulen zu schicken, deren Aufgabe es sein soll, Mut zum Studium zu machen.

Insgesamt hatten sich elf Hochschulen um die Förderung beworben. Ausgewählt wurden auch die Universitäten Göttingen und Oldenburg sowie die Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel."

Bemerkenswert ist dieser Artikel aus mehreren Gründen. Erstens wird damit ein wichtiges Thema der 68-Studentenbewegung aufgegriffen, die von unseren postmodernen Zeitgeistern üblicherweise gern diffamiert wird.

Zweitens fällt auf, dass es Frau Prof. Dr. Johanna Wanka (CDU) ist, die das Projekt präsentiert, auch wenn damit noch nicht gesagt ist, dass sie es konzipiert hat.

Drittens wird hier implizit von der "feministischen Dichotomie" Abschied genommen: es geht um Studenten, und nicht etwa nur um weibliche Studenten. Und es geht stattdessen wieder und völlig zu Recht um soziale Schichtung.

Viertens hindert das Frau Ministerin Professorin Dr. Johanna Wanka ansonsten nicht daran, sich dennoch der feministischen Sichtweise zuzuordnen.

Fünftens ist es kein Zufall, dass die nicht-monetären Möglichkeiten - insbesondere das aus der feministischen Politik entlehnte Mentoring - hervorgehoben werden. Denn in Zeiten der sogenannten Schuldenbremse und des Fiskalpakts sind zumindest die sozial- und bildungspolitischen Weichen nicht zuletzt von der CDU auf finanzielle Kürzung gestellt worden. Diese Austeritätspolitik ist aus theoretischer Sicht falsch, und sie ist praktisch zum Scheitern verurteilt; ein Blick auf die derzeitige europäische Entwicklung belegt das. Man vergleiche hierzu im Einzelnen die zahlreichen Beiträge mit Verweisen, die auf den Nachdenkseiten (www.Nachdenkseiten.de) erschienen sind.

Die Austeritätspolitik wirkt im Hinblick auf die Kapitalakkumulation (das sogenannte "Wachstum") als Bremse, und sie verhindert zum Beispiel die notwendigen Zukunftsinvestitionen von Bund, Ländern und Gemeinden. Im Widerspruch hierzu wäre mehr Geld nötig, um Kindern aus bildungsfernen Schichten die Aufnahme eines Studiums zu ermöglichen und zu erleichtern. Das heißt, Studiengebühren müssten abgeschafft und Stipendien (Bafög-Gesetz) müssten erhöht werden. Ersteres wäre Landes-, letzteres wäre Bundespolitik. Beide Veränderungen bleiben aber bis auf weiteres ideologisch, interessen-, finanz- und steuerpolitisch blockiert.

Die Lehre für und die Förderung von Studenten aus bildungsfernen Schichten (nicht zuletzt Migranten) ist für Fachhochschulen nichts Neues. Dieser Personenkreis hatte hier immer schon einen großen bis sehr großen Anteil. An den Universitäten dürfte sich das jedoch anders darstellen. Gesehen werden muss, dass die Hochschulen und die Hochschullehrer sich in besonderer Weise auf die Studenten einstellen müssen, weil die Studierfähigkeit nicht selten eben nicht einfach vorausgesetzt werden kann, sondern durch zusätzliche Lehrangebote und Trainings erst gezielt hergestellt werden muss. Denn Studenten aus bildungsfernen Schichten bringen kein familiengebundenes Wissen mit um das, was ein Studium eigentlich ist, nämlich ein prinzipiell selbstbestimmter, proaktiv zu gestaltender Bildungs- und nicht nur ein fremdbestimmter Ausbildungsprozess - und was es vom einzelnen fordert, aber in einer Lebensperspektive auch weit über das Ökonomische hinaus ermöglicht.

Werden solche Lücken erfolgreich geschlossen, dann können sich die Befähigungen der Studenten aus bildungsfernen Schichten voll entfalten. Das gilt jedenfalls, wenn der Zugang zum Studium nicht durch Studiengebühren oder unzureichende Stipendien erschwert wird. Ist dies jedoch – wie gegenwärtig - der Fall, dann resultiert ein Zwang, während des Studiums nicht nur nebenbei der Erwerbsarbeit nachzugehen.

Wenn wegen fehlender finanzieller Mittel der Herkunftsfamilie während einer Studienwoche mehrere Tage für Erwerbsarbeit genutzt werden müssen, dann verkürzt sich entsprechend die für das Studium zur Verfügung stehende Zeit. Aus dem offiziellen Vollzeitstudium wird inoffiziell ein faktisches Teilzeitstudium. Und das wird in der Regel zu einer quantitativ oder quantitativ verringerten Studienleistung führen. Deshalb genügt es nicht, durch Mentoring mehr potenzielle Studenten zum Studium zu motivieren, sondern es müssen von der Politik vor allem die finanziellen und die didaktischen und studienorganisatorischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit eine solche Werbung nicht zu Enttäuschungen auf allen Seiten führt.

Sechstens ist anzumerken, dass eine Quotenregelung für Arbeiterkinder, an die im Zeitalter der dritten Frauenbewegung leicht hätte gedacht werden können, etwa bei der Zulassung zum Studium, nicht hilfreich wäre, weil die soeben benannten realen Probleme dadurch gerade nicht gelöst würden. Sie wäre überdies schädlich, weil sie das Niveau des Studiums beeinträchtigen würde.

Erfreulicherweise scheint sie diesmal von der Politik nicht in Erwägung gezogen worden sein. Vielleicht - und das ist zu hoffen - ist damit das Ende der Quotenpolitik überhaupt in Sicht.

 

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