Geschlechterdebatte

Warum ich keine Feministin bin

20. August 2016, von Ella Whelan

Frauen werden dafür verurteilt, dass sie sich nicht zum Feminismus bekennen. Das ist totalitär.

lad ggrtrzdbdjhbubu

Indem sie sich öffentlich vom Feminismus distanzierten, sorgten mehrere weibliche Prominente für erheblichen Unmut in feministischen Zirkeln. Es begann mit Hollywood-Schauspielerin Susan Sarandon, die der britischen Wochenzeitung Observer vor einigen Jahren anvertraute: „Ich betrachte mich selbst als Humanistin, da ich das weniger abschreckend finde". Darauf folgte mit Meryl Streep eine weitere Oscar-Preisträgerin, die Sarandons Empfindung teilte: „Ich bin eine Humanistin, ich bin für das Ungezwungene, Ausgeglichene". Und zuletzt war da noch Marion Cotillard, eine französische Berufskollegin der beiden Vorgenannten, die sich - mit ihren eigenen Worten - nicht dafür „qualifiziere", eine Feministin zu sein, da es in der „Welt des Feminismus zu viel Spaltendes" gebe.

Der darauffolgende Widerstand gegen diese Frauen war vehement. So verwarf etwa ein Artikel Sarandons Äußerung mit der Behauptung: „ Sie hat es nicht ernst gemeint ". Der feministische Online-Hub „Jezebel" mutmaßte, dass „ Queen Meryl [...] direkt aus ihrem Arsch " spreche. Scheinbar gilt die Weigerung, sich selbst als Feminist zu bekennen, als offiziell inakzeptabel. Diese Feministen erkennen offenbar nicht, dass es tyrannisch ist, Widerspruch zu verbieten.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei unserem Kooperationspartner NovoArgumente

Printausgabe kaufen...
NovoArgumente abonnieren...

Doch der beleidigenste Teil dieser hysterischen Antwort ist die Unterstellung, dass diese drei Frauen irgendwie nicht wüssten, was es bedeutet, ein Feminist zu sein. In dem schauerlichsten und duckmäuserischsten Interview, das ich je gesehen habe, fragte die Feministin Lena Dunham die Präsidentschafts-Kandidatin Hillary Clinton, ob sie Feministin sei. Clinton antwortete darauf: „Ich bin immer etwas verwundert, wenn irgendeine Frau, egal welchen Alters, etwas sagt wie: ‚Ich glaube an Gleichberechtigung, aber ich bin keine Feministin'". Dunham kicherte daraufhin ein „Halleluja".

„Stattdessen soll alles, was ihnen nicht gefällt, zum Schweigen gebracht werden."

Wenn jemand wie Hillary Clinton - eine Symbolfigur des Establishments - in die Pantoffeln einer Radikalen schlüpft und über uns Idioten, die wir den Feminismus nicht verstehen, kichert, so sollten bei allen frei denkenden Frauen die Alarmglocken läuten.

Sarandons, Streeps und Cotillards Haltung entspringt der Erfahrung, dass der zeitgenössische Feminismus etwas Entzweiendes hat. Er betrachtet die Welt durch die Geschlechter-Scheuklappen und baut seine Argumentation auf der Behauptung auf, dass Männer und Frauen unveränderlich verschieden seien. Man erkennt das an der gegenwärtigen feministischen Sexkontrolle, die auf der Annahme beruht, dass sämtliche Männer potenzielle Vergewaltiger und Frauen darum dazu verdammt seien, ihr Leben als Opfer zu fristen. Feministen glauben nicht daran, dass Menschen grundsätzlich nach Gutem statt nach Schlechtem streben und sich ein gesundes Sexualleben wünschen, frei von störenden Regeln und Einschränkungen.

Feministinnen denken, man müsse Frauen vor diversen Aspekten des öffentlichen Lebens beschützen, was auch die freie Meinungsäußerung einschließt. Frauen können und sollen nach feministischer Logik nicht mit bestimmten Äußerungen konfrontiert werden, die als sexistisch oder verletzend erachtet werden. Feministinnen wollen sich nicht an Aspekten des gesellschaftlichen Lebens beteiligen, mit denen sie nicht übereinstimmen. Stattdessen soll alles, was ihnen nicht gefällt, zum Schweigen gebracht werden, sei es durch Zensur oder Kriminalisierung.

Letztendlich glauben Feministinnen nicht an die Autonomie von Frauen. Sie sehen in ihnen keine frei denkenden Individuen. Feministinnen praktizieren eine cliquenhafte Schwestern-Mentalität. Jedoch tun sie dies nicht durch einen gemeinschaftlichen konstruktiven Ideenaustausch. Vielmehr sind sie eine Gruppe von eben jener Art, wie man sie vielleicht auf einem Schulhof vorfinden könnte. Eine Gruppe, die Sie ausschließt, weil Sie nicht das richtige Haarband tragen. Der heutige Feminismus lehnt Kritik ebenso ab wie jedes Denken in Nuancen. Er untersagt Frauen, sich ihre eigene Meinung zu bilden und althergebrachte Vorstellungen herauszufordern. Dieselben Feministinnen rufen nach staatlicher Intervention und inszenieren Twitter-Kriege, sobald es darum geht, sich einer widerstreitenden Meinung zu entledigen.

„Letztendlich glauben Feministinnen nicht an die Autonomie von Frauen."

Im Gegensatz dazu glaubt ein Humanist an die unendlichen Möglichkeiten der menschlichen Gattung. Unser Humanismus ist in der Tat universell. Wir stören uns nicht an den Eigenarten der Geschlechter, glauben aber auch nicht an biologischen Determinismus. Wir glauben nicht daran, dass Männer inhärent dazu programmiert sind, Frauen zu misshandeln. Wir glauben daran, dass menschliches Miteinander frei von Zwang sein sollte. Das Privatleben ist die Angelegenheit privater Individuen, nicht die des Staates.

Dort, wo sich Feministinnen intolerant gegenüber Menschen mit gegensätzlichen Ansichten verhalten, dort, wo sie die Unterdrückung widerstreitender Meinungen oder die Verbannung ungeliebter Seiten des Lebens fordern, genau dort nehmen sich Humanisten kontroverser politischer Sichtweisen an. Als Humanisten treten wir unmissverständlich und kompromisslos für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. Ebenso stehen wir für den freien Austausch von Ideen zwischen Menschen zum Zweck eines progressiveren Ausgangs.

Und schließlich ist ein Humanist insbesondere von der Stärke und Unabhängigkeit der Menschen überzeugt. Selbstredend sind Frauen in der Lage, konfliktbehafteten Situationen und herausfordernden Ansichten zu begegnen, ohne hierfür den schützenden Arm des Staates um ihre Schultern zu benötigen. Vielmehr fordern wir mehr Freiheit vom Staat. Ein Humanist kämpft für Freiheit, ganz gleich, ob es hierbei um das Recht auf eine kostenfreie und legale Abtreibung oder das Recht geht, sich selbst nicht einen Feministen nennen zu müssen.

Ich bin eine Humanistin und keine Feministin, weil ich mich am öffentlichen Leben beteiligen möchte. Frauen sollten dazu ermuntert werden, sich aktiv konfrontierenden Ansichten entgegenzustellen, sich in politische Gefechte auf der Straße einzubringen und diese mit Argumenten zu gewinnen. Ich bin eine Humanistin und keine Feministin, weil ich der Überzeugung bin, dass es nichts gibt, das wir nicht ändern können und ebenso nichts, was wir nicht besser machen können. Der einzige Weg, der uns dorthin führt, ist der kompromisslose Glaube an die Freiheit.

Aus dem Englischen übersetzt von Kevin Fuchs. Dieser Artikel ist zuerst im britischen Novo-Partnermagazin Spiked erschienen.

Ella Whelan ist Autorin beim britischen Novo-Partnermagazin Spiked.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Envy and Malevolence - the Shaky Foundation of Gender Studies

May 21, 2016, by Professor Gerhard Amendt (formerly of the Institute for Gender and Generation Research, Bremen University, IGG)
Which is less pleasant: being envied or envying yourself? Envy is an intense feeling, it can consume one's soul and destroy the envied person's enjoyment of the object in question. However, envy is also part of life and it is worth to not only point it out but to...

Geschlechterdebatte

Mogelpackung „Männerpolitik“

1. November 2012, von Prof. Walter Hollstein
In Berlin hat jüngst eine Internationale Konferenz zum Thema "Männerpolitik" stattgefunden, organisiert vom Familienministerium.
Programmatisch hieß es dazu: "Die gleichstellungsorientierte Jungen-, Männer- und Väterpolitik wird als zukunftsorientierte Säule der Gleichstellungspolitik positioniert." In ihrer Eröffnungsrede führte Ministerin Kristina...

Geschlechterdebatte

Aus für Gender in Norwegen

24. September 2012, von Eckhard Kuhla
Harald Eia, mit einem MA in Soziologie und Norwegens bekanntester Komiker, kam nach seinem Studium zu der Erkenntnis, dass die Gendertheorie – nach der Mann und Frau gleich seien und alle Unterschiede ihre Ursache ausnahmslos in gesellschaftlichen Prägungen hätten – nicht mit den klassischen Wissenschaften wie Biologie, Anthropologie etc. übereinstimmen.
...

Wissenschaft

Politische Sprachkorrektheit: Krieg der Sterne in Kanada

16. Juli 2017, von Bernhard Lassahn
Was ist passiert? Ein Professor in Toronto, der sich weigert, gendergerechte Pronomen zu verwenden, wurde von Google und von Youtube gesperrt. So berichtet es ‚The Daily Caller'. Professor Jordan B. Peterson - um ihn geht es - dachte zunächst, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Keineswegs. Es war kein Versehen. Nun war es passiert: Das Imperium hatte...

Geschlechterdebatte

Vaterlose Krieger

30. Oktober 2013, von Birgit Kelle
Bestseller-Autor Leon de Winter beklagt eine Entmännlichung der Gesellschaft. Aber Sex- und Gewaltfantasien taugen nicht für ein Revival der Krieger. Eine Antwort.
Lieber Leon de Winter,
ist es moderner Fortschritt, dass eine Verweiblichung der Gesellschaft sich global ausbreitet? Sie sagen, es sei eine Bedrohung.
 

Geschlechterdebatte

Fachhochschule Nürnberg: Redefreiheit für Monika Ebeling durchgesetzt

Die Forderung nach Verbot eines Vortrags über Männerdiskriminierung mündet in eine konstruktive Debatte.
Von Arne Hoffmann, 3. Mai 2012

Der AstA der Nürnberger Georg-Simon-Ohm-Hochschule ließ die Alarmsirenen schrillen. "Schockiert" habe man dort erfahren, heißt es in seinem auch online gestellten offenen Brief, dass die ehemalige Goslarer Gleichstellungsbeauftragte Monika Ebeling an der Fakultät der...

Geschlechterdebatte

Die Prinzessin auf der Erbse

23. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz
Bascha Mika, die frühere Chefredakteurin der taz, ist jetzt in der Chefredaktion der Frankfurter Rundschau, wie diese unter der Überschrift „Bascha Mika und Arnd Festerling neue redaktionelle Spitze“ berichtet.
Wir kennen Bascha Mika nicht nur durch Ihre Mitgliedschaft bei dem Frauen-Lobbyverein ProQuote, die ihre neue Rolle in der FR sicherlich...

Geschlechterdebatte

Ein offener Brief an alle Männer, Väter und Jungs zu Weihnachten

15. Dezember 2014, von Tom Todd
Liebe Männer, Väter und Jungs,gerade in der Weihnachtszeit, in der die Familie, die Liebe und gefühlsbetont der Zusammenhalt der Menschheit hochgehalten werden, schwappen die Wogen der Enttäuschung und Verbitterung verstärkt an die Oberfläche.
Gerade jetzt vielleicht verhärten sich noch mehr die Gefühle und Meinungen, die uns Männern dazu verleiten, hart ins...

Geschlechterdebatte

Von Versteinerungen und der Angst vorm Tanzen - Zu Robert Claus' "Maskulismus"

17. 07. 2014, von Lucas Schoppe
Robert Claus‘ Text Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, den er gerade für die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung veröffentlicht hat, ist ein Kunstwerk.
Wie in vielen literarischen Werken ist auch hier der ganze Inhalt eigentlich schon in den ersten Zeilen enthalten – so dass der aufmerksame Leser sich den...

Geschlechterdebatte

Umerziehung der Jungen

11. April 2014, von Eckhard Kuhla
Fast jeder Zeitungsleser überliest die Aussage "Jungen, die Bildungsverlierer". Diese entwürdigende Aussage wird quasi als Wahrheit in den Medien verkündet. Bisweilen heißt es sogar, noch verächtlicher: "Jungen, die Looser".
Die Betroffenen, die Jungen, können sich nicht wehren, und wie sieht es aus mit den Elternverbänden? Die wären ja die eigentlichen...

Geschlechterdebatte

Wir müssen reden – über Faschismus

Von Arne Hoffmann   15. März 2012
Das Kopfschütteln und der Ärger war groß über diese Schmähschrift der Heinrich-Böll-Stiftung – "Studie" konnte man diesen Mist ja wohl kaum nennen! Zu haarsträubend erschienen die Vorwürfe: Rechtsextremismus, Rassismus... und das, obwohl man in Wahrheit nichts anderes als Geschlechtergerechtigkeit forderte. Nein, polterten einige, eine Möglichkeit zum Dialog gab...