Geschlechterdebatte

Unser täglich Einheitsbrei gib uns heute

19. Juni 2016, von Gunnar Kunz

Liebe Journalisten,

in aller Regel nehme ich von anderen Menschen zunächst das Beste an, bis mir das Gegenteil bewiesen wird. Aber ihr macht es einem wirklich nicht leicht.

Einheitsbrei bhvg6527

Ich kann mir gerade eben noch vorstellen, dass das Weglassen der einen oder anderen relevanten Information aus Unwissenheit geschieht. Etwa in einem Artikel über männliche Unterhaltspreller nicht darauf hinzuweisen, dass von den unterhaltspflichtigen Frauen sechsmal so viele ihrer Verpflichtung nicht nachkommen. Oder darüber zu schwadronieren, Armut sei weiblich, und dabei die neunzig Prozent Obdachlosen zu ignorieren, die nun mal männlich sind.

Ich kann mir sogar vorstellen (obwohl das meine Fantasie bereits arg zu strapazieren heißt), dass es nicht zwangsläufig böser Absicht entspringt, ständig die Perspektive von Männern auszublenden, ausschließlich aus weiblicher Sicht zu berichten und Informationen, die euch von offizieller Seite auf den Tisch gelegt werden, nicht nachzurecherchieren. Beispielsweise eins zu eins die Ergebnisse der verlogenen EU-Studie zu übernehmen, die suggeriert, Frauen würden ihr Leben lang unter männlicher Gewalt leiden, eine Studie, die jeder Zehntklässler in zwanzig Minuten zerpflücken könnte.

Das alles also bin ich mit viel gutem Willen bereit, unter „absichtslos" zu verbuchen. Aber mir fällt bei aller Mühe keine Entschuldigung dafür ein, warum jemand den Sinn einer Nachricht entstellt, Aussagen verfälscht und durchgängig männliche Schuld und weibliches Leid kollektiviert, weibliche Schuld und männliches Leid hingegen individualisiert oder gar unsichtbar macht. Eine solche Manipulation kann nur bewusst und absichtlich erfolgen. Wenn beispielsweise

- Hunderte von Jungen im Sudan entführt werden, wie etwa die BBC korrekt berichtet, und ihr deren Geschlecht unkenntlich macht, indem ihr allgemein von „Kindern“ schreibt;

- Französische UNO-Soldaten afghanische Jungen sexuell missbrauchen, wie der Telegraph weiß, ihr sie jedoch wiederum zu „Kindern“ vernebelt;

- die Terrorgruppe IS 500 Jungen entführt, um sie als Kindersoldaten und Selbstmordattentäter zu benutzen, und dabei einen 14jährigen Jungen sogar für ein Propagandavideo foltert, wie im Independent nachzulesen, und alles, was euch dazu einfällt, ist: „Das ist ein Krieg gegen Frauen“;

- dieselbe Gruppe in wenigen Jahren 3.591 Menschen umgebracht hat, ihr es jedoch wichtig findet zu erwähnen, dass sich „darunter 103 Frauen und 77 Kinder“ befinden, weil ermordete männliche Zivilisten offenbar kein Mitleid verdienen;

- bei uns 71 tote Flüchtlinge in einem LKW entdeckt werden und euch die „8 Frauen und 4 Kinder“ darunter als Einzige der Erwähnung wert sind;

- Raketenangriffe in Syrien euch zu der Schlagzeile „Hunderttausende Frauen und Kinder leiden in Homs“ verleiten, als würden die Raketen syrischen Männern irgendwie ausweichen;

- die Terrorgruppe Boko Haram einen Bombenanschlag auf eine Jungenschule verübt und dabei 48 Jungen tötet, woraufhin ihr euch über die Angst von Schülerinnen, zur Schule zu gehen, auslasst und ein ausführliches Interview mit der Rektorin und 2 Schülerinnen einer Mädchenschule führt;

- eine PISA-Studie die zahlreichen Benachteiligungen von Jungen thematisiert und ihr einzig und allein darüber lamentiert, dass Mädchen Mathematik keinen Spaß macht;

- von vornherein von „schlauen Mädchen“ und „dummen Jungen“ geschrieben wird;

- mehr Männer als Frauen im Zuge häuslicher Gewalt umgebracht werden und ihr dies umdeutet zu „Fast die Hälfte der Fälle [sic!], die von ihrem Lebenspartner oder einem Familienmitglied umgebracht wurden, waren Frauen“;

- ein Junge einen historischen Zahn findet, wie der Guardian berichtet, ihr stattdessen einem Mädchen die Anerkennung dafür zuschustert, das während des Fundes nicht mal anwesend war;

- ein Junge einen Jungforscher-Wettbewerb gewinnt, ihr jedoch nahezu den kompletten Artikel den unterlegenen Mädchen widmet;

- laut Umfrage Männer häufiger als Frauen am Arbeitsplatz belästigt werden, wie die Wirtschaftswoche zeigt, und ihr dieses Ergebnis einfach unter den Tisch fallen lasst;

- ein Drogenbericht verdeutlicht, dass 84% aller Drogentoten Männer sind, was immerhin die FAZ erwähnt, und ihr diese Tatsache geflissentlich übergeht;

- mehr als 200 Jungen eines Knabenchores missbraucht werden und ihr wieder mal die Betroffenen zu „Kindern“ oder „Schülern“ verallgemeinert;

- Feuerwehrmänner bei euch sowieso grundsätzlich nur als Feuerwehrleute auftauchen;

– wie rechtfertigt ihr dann all diese Manipulationen vor euch selbst?

Klar, viele von euch sind mit der Gehirnwäsche des Staatsfeminismus aufgewachsen und haben jahrzehntelang gefälschte Informationen geschluckt. Und, ebenfalls klar, so manche Frau unter euch möchte ihre Privilegien nicht aus der Hand geben und so mancher Mann unter euch hat das jahrtausendealte Geschlechterstereotyp verinnerlicht, nach dem Frauen arme, hilflose Wesen sind, die von Weißen Rittern (also euch) beschützt werden müssen.

Aber kommen euch nicht wenigstens ein klitzekleines bisschen Zweifel an diesem Geschlechterbild, wenn ihr zum tausendsten Mal lügt, betrügt und Informationen fälscht? Dass vielleicht ja doch unter Umständen eventuell wenn man genau hinsieht an diesen Informationen etwas dran sein könnte? Und dass es doch seltsam ist, dass man das, was man als die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ansieht, nicht mit Zahlen, Fakten und Quellenangaben stützen kann, sondern nur mit Manipulationen, Lügen und Menschenverachtung?

Muss man sich dann nicht als halbwegs intelligenter Mensch die Frage stellen: Stimmen die Grundlagen meiner Sicht auf die Welt? Wenn ich, der ich doch das Urbild seriösen Qualitätsjournalismus' bin, schon nach Strich und Faden betrüge, wie sehr müssen es erst die anderen tun, die es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen wie ich und auf deren Informationen ich mich beim Bau meines Weltbildes verlasse?

Liebe Journalisten, ich verstehe Angst. Ich verstehe, dass jemand, der in einem feministisch dominierten Umfeld arbeitet, eine Entlassung befürchtet, wenn er gegen den Strom schwimmt. Insbesondere, wenn er eine Familie zu versorgen hat. Ich verurteile niemanden, der sich duckt und den Mund hält. Ich bin auch kein Held. Aber warum müsst ihr euch in vorauseilendem Gehorsam schlimmer gebärden als so manche Geschlechterkriegsgewinnlerin?

Nein, wie ich es auch drehe und wende, ich kann euch nicht aus der Verantwortung für eure Taten entlassen. Wer wissentlich Lügen verbreitet und verbal auf Männer einprügelt, wer denen, die sich um die Gesellschaft verdient machen, den Respekt verweigert, sobald sie das falsche Geschlecht haben, wer Verbrechen gegen Jungen und Männer totschweigt oder bagatellisiert, um ihnen klarzumachen, dass ihr Leben und ihr Wohlbefinden in den Augen der Gesellschaft wertlos sind, wer Jungen und Männern noch das simpelste Mitgefühl verweigert, an dessen Händen klebt das Blut der getöteten Jungen im Sudan und der missbrauchten Jungen in Afghanistan, der ist mitverantwortlich für ungezähltes Leid, das Leid der Jungen, die in der Schule benachteiligt werden, das Leid der Kinder, die ohne ihren Vater aufwachsen müssen, und der Väter, denen ungestraft das Liebste in ihrem Leben geraubt wird, das Leid all derer, die mit dem Wissen durchs Leben gehen, dass ihnen niemand helfen wird, wenn sie am Boden liegen, dass sie keine Lobby haben und dank eurer Dauerpropaganda auch nie haben werden.

Und wenn der Tag kommt, da die Generation eurer Kinder euch fragt: „Warum habt ihr Jungen und Männern euer Mitgefühl verweigert? Warum habt ihr nichts dagegen unternommen, dass sie benachteiligt, gequält, gemordet werden?", dann werdet ihr mit der Ausrede „Wir haben es nicht besser gewusst" nicht durchkommen. Die war schon 1945 nicht sonderlich glaubwürdig. Heute, im Zeitalter der Information, im Zeitalter des Internets, nimmt sie euch niemand mehr ab.

Der Artikel erschien zuerst auf Das Alternativlos-Aquarium

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Was vom Manne übrig blieb – Das Problem der männlichen Identität

1. Juni 2012, von Prof. Walter Hollstein
Im Folgenden möchte ich einige Bemerkungen zu Problemen der männlichen Identität in der heutigen Gesellschaft machen. Die Betonung liegt auf "Bemerkungen". Im Gegensatz zu der Lebenssituation von Frauen, die inzwischen eigentlich in allen Schattierungen und auf allen Lebensstufen sehr gut erforscht worden ist, sind Männerwelten bisher eher rudimentär...

Gesellschaft

Journalismus des Grauens – eine teuflisch praktische Anleitung

19. März 2016, von Matthias Heitmann
Ich habe anhand eines kurzen Artikels analysiert, wie offensichtlich und durchschaubar in deutschen Leitmedien Meinungsmache betrieben wird.
Wieder einmal bewirbt sich der „Spiegel“ um den inoffiziellen und noch nicht sehr bekannten Award „Öko-ZAR“. ZAR steht hier für „Zentralorgan der apokalyptischen Reiter“. Ins Rennen um den Award schickt das Hamburger...

Geschlechterdebatte

Jugendgewalt: Agenda-Setting und manipulative Berichterstattung in Schweizer Medien

6. Mai 2015, von Arne Hoffmann
Warum bleiben männliche Opfer von Gewalt in der Partnerschaft oft noch immer unsichtbar? Schauen wir uns mal die Berichterstattung über eine aktuell vorliegende Untersuchung an.
Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, kurz ETH Zürich, hat dieser Tage eine aktuelle Studie veröffentlicht, die die Hochschule auf ihrer Website unter der Überschrift Gewalt...

Geschlechterdebatte

Geschlechterdebatte: Messen mit zweierlei Maß

Rezension zu Arne Hoffmanns "Not am Mann" 27. April 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Moderne Gesellschaften weisen paradoxe Entwicklungen auf. Gemeint sind gesellschaftliche Prozesse, die sich gegenseitig widersprechen.
Als Paradebeispiele für diese Paradoxalität können Entwicklungen herangezogen werden, die man in den kommunistischen Staaten beobachten konnte. Paradox war dort erstens die Kluft...

Politik

„Pussy Riot“ rettet die Spiele

20. Februar 2014, von Jens Berger
Nachdem die mit Mikrophonen bewaffneten kalten Krieger des deutschen Medienkorps bereits bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Sotschi einen gehörigen Teil ihres Pulvers verschossen hatten, drohte es schon langweilig im Kaukasus zu werden.
Wenn die Organisation funktioniert und es im Umfeld keine außergewöhnlichen Vorfälle gibt, so ist dies zwar...

Geschlechterdebatte

Woher kommt die Kraft hinter radikalem Feminismus und Männerfeindlichkeit?

03. Februar 2014, der Autor ist ein Psychologe, der anonym bleiben möchte.
These: Die Energie zu der starken Spaltung zwischen Männern und Frauen kommt nicht aus der Politik (das ist eher Symptom oder Nebenwirkung), nicht aus einer Ideologie und nicht aus den Medien. Diese Meinungsgeber geben die Richtung vor, aber sind nicht der Motor.
Der Motor sind auch nicht irgendwie "mystisch" die immer...

Geschlechterdebatte

Wir brauchen eine Geschlechterforschung, die diesen Namen auch verdient

Interview mit Prof. Dr. Markus Meier 23. Juli 2015
Markus Meier studierte Deutsch, Geschichte, Philosophie und Musik und promovierte 2008 an der Universität in Frankfurt am Main zum Thema „Musikunterricht als Koedukation?“. Er ist heute Professor für Ciencias de Educación an der Universidad Externado in Bogotá in Kolumbien.
Er befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema der „gleichen...

Gesellschaft

Diversity Management - wem nützt das?

09. Mai 2013, von Prof. Günter Buchholz
Diversity ist ein Modebegriff, der auch in der Betriebswirtschaftslehre und in der unternehmerischen Praxis eine gewisse Rolle spielt. Aber es ist eine naive Selbsttäuschung oder ein Ausdruck von Einfalt zu meinen, mit diversity sei Vielfalt im Sinne von Heterogenität gemeint. Fragt man, was der Begriff wirklich - und das heißt praktisch - bedeutet, dann...

Geschlechterdebatte

Zombie-Feminismus, Antisexismus und Demokratie

21 November 2013, von Lucas Schoppe
Es gibt nur einen Feminismus“, sagt die Grüne Renate Künast. „Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander“, sagt die grüne Böll-Stiftung. Wer das wiederum für einen Widerspruch hält, kennt sich nur mit dem Thema nicht richtig aus.
Wer sich...

Geschlechterdebatte

Ein Kämpfer für den rechten Glauben besucht ein Amt

Die offene Gesellschaft und ihre falschen Freunde: Ein Monolog für zwei Personen 23. Januar 2016, von Lucas Schoppe
Die Kampagne „ausnahmlos“ wurde von Feministinnen nach den vielfachen sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht mit erheblicher medialer und politischer Unterstützung lanciert. Vereinzelt fragten Kommentatoren in sozialen Netzwerken auch danach, ob denn die Kampagne ausnahmslos allen...

Geschlechterdebatte

Das marktkonforme Geschlecht

04. Dezember 2014, von Heinz Sauren
Gender-Mainstreaming ist Leitkultur – und steht damit vor allem für das produktivitätsoptimierte, uninorme Geschlecht.
Im Grunde lässt sich nicht vieles zum Zeitgeist sagen, zumindest nicht viel gutes. Das, was sich hinter dem verharmlosenden Ausdruck des Mainstream versteckt, ist die Simplifizierung der Moralvorstellung einer führenden Elite auf die kognitive...

Geschlechterdebatte

Neoliberalismus, Emanzipation und Frauenquote

08. Mai 2013, von Prof. Günter Buchholz
Reinhard Jellen hat einen Artikel unter dem Titel „Über die Frauenquote“ geschrieben, der hoffentlich dazu beiträgt, die im Grunde unglaubliche feministische Verblendung innerhalb der Mitte-Links-Parteien erst einmal wahrzunehmen, um sie dann aufzulösen.
Als Leitsatz des Artikels stellt er ein Zitat voran: „While feminism has delivered for some...