Geschlechterdebatte:

Für eine offene und sachliche Geschlechterdebatte. Gegen Diffamierungen.

Offener Brief an die Zeit-Redaktion

15. September 2014

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
wir reagieren mit diesem Brief auf einen Text, der am vergangenen Donnerstag in der Zeit veröffentlicht wurde und bei dem wir nicht verstehen, wie er in einer Zeitung mit einem Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte.

BriefSchreiben-lksh7829 Es ist in unseren Augen ein menschenfeindlicher, hetzerischer Text, und er diskreditiert Menschen maßlos, deren politische Position von der Meinung der Autorinnen abweicht.

Es geht um den Text „Vom Zorn abgehängter Männer“ von Christina Schildmann und Anna-Katharina Meßmer. Fragwürdig ist nicht allein der Text selbst, sondern schon seine redaktionelle Einbindung. In den dünnen Angaben, die Ihre Zeitung zu den Autorinnen macht, kann nicht einmal ansatzweise deutlich werden, wie sehr sie mit persönlichen Interessen in ihr Thema verstrickt sind.

Meßmer ist nicht nur Aufschrei-Initiatorin, sondern auch Promovendin bei einer der einflussreichsten Gender-Forscherinnen des Landes, bei Paula-Irene Villa. Christina Schildmann ist bei der Friedrich Ebert Stiftung verantwortliche Redakteurin von Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“, die in diesem Jahr erschien und die kenntnisarm und ohne Belege männerrechtliches Engagement pauschal als rechtsradikal diffamierte. Gegen diese Schrift wurden in vielen Internet-Artikeln Kritikpunkte und Argumente formuliert – die Autoren dieser Artikel gehören zu denjenigen Männern, die Schildmann nun in ihrem Zeit-Artikel pauschal und ungeheuer diffamierend angreift.

Diese persönlichen Hintergründe der Autorinnen können durch Ihre redaktionelle Darstellung unmöglich deutlich werden.

Gleich zu Beginn schreiben die Autorinnen davon, dass Männer sich – wie Schweine – in Ressentiments „suhlen“ und – wie Affen oder Steinzeitmenschen –  zu „Horden“ zusammenschließen würden, um gezielt auf Einzelne loszugehen. Dafür liefern die Autorinnen selbstverständlich keinen Beleg, aber sie präsentieren ihre politischen Gegner, wie in einem Grundakkord, pauschal als aggressive, tierähnliche Wesen.

Das ist kein begrifflicher Ausrutscher. Auch im weiteren Verlauf des Textes gestehen sie Menschen – Männern – nicht zu, dass sie Gründe und Argumente für ihre Positionen haben könnten. Stattdessen unterstellen sie ihnen rundweg, und immer wieder, Wut und Zorn. Da die De-Humanisierung der politischen Gegner und ihre Präsentation als wilde, emotionsgeleitete, irrationale tierische Wesen offen erkennbar ein Grundprinzip des Textes ist, verstehen wir nicht, wie so etwas in Ihrer Zeitung erscheinen konnte.

Zivile Empathie verweigern die Autorinnen den so angegriffenen Männern regelrecht demonstrativ. Selbst Vätern beispielsweise, die schlicht aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit nicht für ihre Kinder sorgen dürfen, gestehen sie nicht zu, sich – ebenso wie ihre Kinder –  tatsächlich in einer bedrückenden, leidvollen Situation zu befinden. Stattdessen unterstellen sie ihnen wie anderen Männern blind, alle Unzufriedenheit mit der eigenen Situation resultiere aus einem „Gefühl der Entmännlichung“, dem „Verlust einer sicheren Ordnung“: Ein Mann, der leidet, leidet in der Vorstellung der Autorinnen allein unter einem Herrschaftsverlust.

Die implizite Botschaft ist natürlich, dass er dafür gewiss kein Mitgefühl verdient habe. Auch dass Ihre Zeitung in dieser Form die Verweigerung ziviler Empathie propagiert, ist uns nicht nachvollziehbar.

Die so problematischen Thesen des amerikanischen Soziologen Michael Kimmel, auf die sich die Autorinnen dabei stützen, referieren sie völlig distanz- und kritiklos. Ebenso kritiklos verhalten sie sich zu ihrer eigenen Position. Christoph Kucklick hat ja in seinem Werk „Das unmoralische Geschlecht“ und vielen Essays (unter anderem in Ihrer Zeitung) gezeigt, wie umfassend schon seit dem Beginn der Moderne das Klischee verbreitet ist, „den“ Mann als tierisches, gefährliches Wesen darzustellen. Obwohl sie sich als Verteidigerinnen der Geschlechterforschung präsentieren, ist den Autorinnen offenbar überhaupt nicht bewusst, wie blind und konsequent sie selbst in ihrem Text jahrhundertealte Geschlechterklischees reproduzieren.

Würden sie dabei einfach eine pauschale Verdammnis der Gender Studies kritisieren, dann wäre das eine völlig legitime Position – aber eben das tun sie nicht. Stattdessen verdammen sie pauschal jede Kritik, vermischen polemisch völlig Unterschiedliches und erwecken den Eindruck, wer Kritik an den Gender Studies übt, sei gewiss auch feindselig gegenüber Homosexuellen oder wolle an Begriffen wie dem „Zigeunerschnitzel“ festhalten. Alles eine „rechte“ Soße, irgendwie.

Wiederum ist nicht verständlich, wie so etwas in der Zeit publiziert werden konnte. Es gehört nun einmal grundlegend zu einer Wissenschaft, zum Gegenstand von Kritik werden zu können, ja, zur Kritik sogar einzuladen – sonst wäre es keine Wissenschaft, sondern ein Kult oder ein Religionsersatz. Es gibt keinen Grund, die Gender Studies davon auszunehmen. Fragwürdig ist zum Beispiel die weitgehende, oft auch programmatische Ausblendung männlicher Perspektiven und Problemlagen – oder die Fixierung auf die Idee, Geschlechter rundweg als Konstruktionen zur Reproduktion einer (natürlich irgendwie immer männlichen) Herrschaft zu verstehen. Angesichts der erheblichen öffentlichen Mittel ist es zudem fragwürdig, dass Vertreterinnen der Gender Studies eine Überprüfung ihrer Methoden und Ergebnisse von außen verweigern.

Wenn Anna-Katharina Meßmer, zumal als Nutznießerin dieser öffentlichen Mittel, das anders sieht, ist das verständlich, und es ist ihr gutes Recht. Es wäre allerdings nötig, dass sie für ihre Position auch Argumente anführt, anstatt ihre Kritiker pauschal und argumentfrei als rechtsradikale Wüteriche zu diffamieren.

Dass Schildmann und Meßmer mit persönlichen Interessen erheblich in ihr Thema verstrickt sind, bedeutet nun nicht, dass sie keine Gelegenheit zur Darstellung ihrer Position haben sollten. Es müssten aber eben auch Vertreter anderer Positionen zu Wort kommen können – beispielsweise in einem Streitgespräch.

Eben das aber wird von Ihnen vermieden. Die so radikal einseitige, zweifellos auch von persönlichen Interessen bestimmte Position Schildmanns und Meßmers erscheint bei Ihnen als absolut und alternativlos, weil alle Alternativen maßlos diskreditiert werden. Die einzigen, die in der Darstellung Ihrer Zeitung vernünftige Gründe für ihre Position haben, sind die Autorinnen selbst.

Das zeigt sich auch im Umgang mit ihren Lesern. Die engagierte, umfangreiche, oft auch kenntnisreiche Diskussion in den Kommentaren brechen Sie schon nach wenigen Stunden und mit fragwürdiger Begründung ab – Verlinkungen durch Leser, die Kritik an den Autorinnen belegen können, werden von Ihnen entfernt. Sie nehmen dadurch Männern, die im Text so maßlos und feindselig attackiert werden, die Möglichkeit, auf diese radikale Feindseligkeit zu antworten – und Sie laufen vor ihren eigenen Lesern davon.

Sie nehmen sich damit, unter anderem, die Möglichkeit, die Brüchigkeit ihrer eigenen Position wahrzunehmen.

Denn längst hat sich ja im Internet und anderswo eine sehr vielfältige Geschlechterdebatte entwickelt, an der auch Männer selbstbewusst teilnehmen und in der Positionen wie die Meßmers und Schildmanns fundiert kritisiert werden. Wesentliche Gemeinsamkeit der dabei vertretenen Positionen ist übrigens kein „Antifeminismus“, sondern die selbstverständliche Überzeugung, dass Menschenrechte geschlechterunabhängig und unteilbar sind. Ein bedeutendes Beispiel dafür aus diesem Jahr ist Arne Hoffmanns Buch Plädoyer für eine linke Männerpolitik, in der er engagiert und mit großem Faktenreichtum für einen „integralen Antisexismus“ eintritt, der sich gegen sexistische Benachteiligungen von Frauen UND Männern wendet. Auch dies ist ein Text, der Ihren Autorinnen offenbar völlig unbekannt ist.

Statt die offene Auseinandersetzung zu suchen, setzen Ihre Autorinnen auf Diffamierung und Einschüchterung: Wer kritisch ihren Positionen gegenüber ist, merkt, dass er leichthin und ganz ohne Argumente öffentlich als rechtsradikaler Berserker präsentiert werden kann. Wiederum ist es uns unverständlich, wie sich Ihre Zeitung für solche Einschüchterungsmanöver hergeben kann.

Schildmann und Meßmer arbeiten mit simplen binären Mustern – mit einfachen Feindbildern. Zivilisiert contra unzivilisiert, sachlich contra aggressiv, wissenschaftlich contra wutgeleitet, human contra rechtsradikal, Frau contra Mann, und eigentlich: Menschen contra Tiere. Es ist unglaublich, dass ein Text, der so konsequent mit antihumanen, hetzerischen Ressentiments operiert, in einer Zeitung mit Anspruch auf Seriosität erscheinen konnte.

Es wird aber erklärlich, wie das radikal verzerrte Bild möglich ist, das Schildmann und Meßmer von ihren politischen Gegnern zeichnen: Sie nehmen in ihren Gegnern nur die Aspekte wahr, die zu ihrer eigenen Feindseligkeit, zu ihrer eigenen Wut und zu ihrem eigenen Ressentiment passen.

Möglich ist ihre skandalöse, die politischen Gegner entmenschlichende Position allein dadurch, dass diese Gegner nicht selbst zu Wort kommen können. Wir fordern Sie daher dringend auf, das Bild zu korrigieren, das durch die von Ihnen veröffentlichte politische Hetze entstanden ist. Geben Sie den Angegriffenen eine Möglichkeit zur Erwiderung! Räumen Sie doch beispielsweise Arne Hoffmann im Rahmen eines Zeit-Artikels eine faire Möglichkeit zur Gegenrede ein!

Wir sind trotz des Eindrucks, der durch den Text entstanden ist, davon überzeugt, dass sie eigentlich an einer offenen Debatte und nicht bloß an einer Diffamierung Andersdenkender interessiert sind. Wenn dies aber so ist, dann kommen Sie nicht daran vorbei, nun denjenigen das Wort zu geben, die in Schildmanns und Meßmers Text auf so feindselige, ent-menschlichende Weise angegriffen worden sind.

Lucas Schoppe, Prof. Dr. Günter Buchholz, Dr. Alexander Ulfig

 

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