Geschlechterdebatte:

Petition zur Förderung von Jungen - Das Potential von Jungen begreifen

Petition an Manuela Schwesig

03. April 2014

Bildung ist ein wichtiger volkswirtschaftlicher Faktor und die Grundlage für die Entwicklungsperspektiven von Kindern und Jugendlichen. Bildung und Bildungsförderung sind vielfältige gesamtgesellschaftliche Herausforderungen auf kommunaler sowie Länder- und Bundesebene.

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Im Sinne eines von der Bundesregierung propagierten Gender Mainstreamings gehört dazu auch eine geschlechterspezifische Bildungsförderung, wie es seit Jahrzehnten die Bundesregierung bei der gezielten Mädchenförderung praktiziert, in der gesundheitlichen Aufklärung oder im generellen Stärken von Mädchen. Wir kritisieren, dass sich die Bundesregierung Jungen weitaus weniger Unterstützung und Hilfe angedeihen lässt als Mädchen. Das ist nicht gerechtfertigt, da Jungen heute die schlechtere Bildungsbeteiligung und das schlechtere Bildungsniveau aufzeigen. Jungen weisen in allen Bundesländern um 40 bis 65% höhere Quoten bei Kindern ohne Schulabschluss auf als Mädchen. In allen Bundesländern erreichen Jungen seltener (15 – 30% seltener) die Allgemeine Hochschulreife als Mädchen. Jungen haben im Schnitt schlechtere Noten als Mädchen.

 

Dieses geschlechterspezifische Bildungsgefälle wird von der Bundesregierung offenbar weniger als Problem oder als Handlungsbedarf im Sinne eines Gender Mainstreaming-Prozesses wahrgenommen, sondern als triumphistisch verkündete, positive Rückmeldung einer geschlechterspezifischen Jugendförderung verstanden, die sich heute noch ausschließlich auf die „Frauenfrage“ beschränkt.

Wir, die Unterzeichner dieser Petition, fordern die Bundesregierung auf:

1. Umsetzung des Bundestagsbeschlusses von 2011 auf Antrag Drs. 17/5494 zur Jungenförderung: „Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung im Rahmen der ihr zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel auf,…sich bei den Bundesländern dafür einzusetzen, dass diese geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Lesekompetenz der Jungen zu stärken und ihr Leseengagement weiter zu erhöhen“.

2. Gleichstellung muss gleichberechtigt auch für Jungen und Männer gelten. Die Bundesregierung sieht Gleichstellung bislang ausschließlich als Vorrecht von Mädchen und Frauen und blendet dort, wo Jungen oder Männer schlechtere Quoten aufweisen, den Themenbereich „Gender“ kurzerhand aus und misst bewusst mit zweierlei Maß.

3. Gezielte Jungenleseförderung zum Abbau des zunehmend größer werdenden Gender Reading Gaps entsprechend der PISA-Ergebnisse aus Gründen der Chancengleichheit und Gleichstellung.

4. Beendigung der Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen zuungunsten der Jungen bei der geschlechterspezifischen Bildungsförderung.

5. Einbeziehen von im MINT-Bereich förderungsbedürftigen Jungen in die bisher ausschließlich Mädchen vorbehaltene MINT-Förderung.

6. Wirksame Bekämpfung des jungenfeindlichen Grundtenors der politisch Verantwortlichen im Bundestag.

7. Hinwirken auf das verstärkte Zurverfügungstellen von Boys´ Day-Plätzen in kommunalen, staatlichen und Bundeseinrichtungen zur Berufswahlerweiterung bei Jungen, z.B. auf erzieherische, medizinische oder soziale Berufsbereiche.

8. Stärkere und explizite Berücksichtigung von Jungenförderung in Gleichstellungseinrichtungen.

9. Ausweitung der Jungenpolitik über die bloße Diskussion über neue Rollenbilder hinaus z.B. auf die Förderung in motorischer Entwicklung, Sprachentwicklung, Umsetzung der Erkenntnisse aus der geschlechterspezifischen Leseforschung bezüglich stärkerer motivationaler Förderung von Jungen.

10. Einführung von effektiven Maßnahmen zum Abbau der Diskriminierung von Jungen und männlichen Jugendlichen beim BAFöG-Bezug.

11. Konkrete Umsetzung der Forderung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Die Versorgung übergewichtiger und adipöser Kinder und Jugendlicher in Deutschland“ aus dem Jahr 2007 bei Maßnahmen gegen Adipositas und bei der Vorbeugung von Adipositas, Jungen effektiver anzusprechen und einzubeziehen.

12. Beseitigung der Diskriminierung von behinderten Jungen durch Vorenthalten von Reha-Maßnahmen nach §44 Band IX Abs. 1 Ziffer 3 Sozialgesetzbuch, in dem Reha-Leistung nicht nur von der ärztlichen Notwendigkeit, sondern auch vom Geschlecht abhängig gemacht werden und somit behinderte oder von Behinderung bedrohte Jungen in ihrer Rehabilitation benachteiligt werden.

13. Darstellung auch von Jungen- und Männerdaten in Bildungsstatistiken des Statistischen Bundesamtes.

Begründung:

Zu 1. Die Regierung lehnt bislang ihren Auftrag zur Jungenleseförderung u.a. ab, weil nach Aussage Frau Dr. Ickens (BMFSFJ) keine entsprechend relevanten geschlechterspezifischen Unterschiede im Lesen vorhanden seien. Dabei bestätigte schon 2007 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU/CSU) auf „Direkt zur Kanzlerin“ Motivationsdefizite und Entwicklungsverzögerung bei Jungen als Ursache der Bildungsnachteile. Auch der Leiter des OECD-Büros in Berlin, Heino von Mayer, bestätigte, dass es erhebliche geschlechterspezifische Lesekompetenzunterschiede gäbe.

Zu 2. Bei der Lesekompetenz werden ausschließlich Migrationshintergrund und sozialer Status der Eltern als Faktoren betrachtet. Gender wird ausgeblendet. Frau Prof. Christine Grabe (Uni Köln) im Handbuch für Jungenpädagogik (Beltz-Verlag; 2012) schreibt: „Die Problemgruppe der leseschwachen Jugendlichen ist durch drei „Risikofaktoren“ gekennzeichnet: Es sind vor allem Kinder aus bildungsfernen unteren Sozialschichten, Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder männlichen Geschlechts, die in puncto Leseleistungen schlecht abschneiden, wobei die drei Risikofaktoren kumulieren können: Jungen mit Migrationshintergrund aus den unteren Sozialschichten wären somit besonders gefährdet.“

Zu 3. Die geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede zuungunsten der Jungen sind von 35 Punkten (PISA-Studie 2000) auf 44 Punkte (PISA-Studie 2012) angestiegen. 40 Punkte entsprechen ca. dem Leistungsunterschied eines Schuljahres.

Zu 4. 100 staatlich unterstützen Mädchen-MINT-Förderprojekten stehen nur vier Jungenleseförderprogramme zur Seite. Das ist eine klare Benachteiligung von Jungen in der Bildungsförderung.

Zu 5. Die PISA-Studien zeigen, dass es ebenso Jungen wie Mädchen mit schwachen Kompetenzwerten in Mathematik oder Naturwissenschaften gibt. Hier bedarf es auch einer gezielten Förderung für Jungen.

Zu 6. Jürgen Trittin (Die Grünen) tat in einer Bundestagsrede am 9.11.2012 seine Meinung kund, dass Jungen weniger begabt seien als Mädchen. Schon 2007 begründete die Bundeskanzlerin Angela Merkel die schlechteren Bildungserfolge von Jungen u.a. damit, dass Jungen weniger fleißig seien als Mädchen. In solcher Form sind diese Aussagen extrem jungenfeindlich.

Zu 9. Die Jungenfrage wird bislang auf die Rollenbildfrage verkürzt. So werden viele Faktoren für die Bildungsnachteile von Jungen ausgeblendet. Jungen entwickeln sich bei Sprachfähigkeit und Motorik langsamer, was ihnen Nachteile beim Start in ihr Schulleben beschert. Vgl. hierzu Drucksache 14/1682 der Abgeordneten Krüger u.a., Landtag Baden-Württemberg - Stellungnahme des Kultusministeriums. Pädagogische Forschung hat gezeigt, dass Jungen vor allem über bessere motivationale Ansätze (z.B. bessere Berücksichtigung der jungentypischen Themen in Schullektüren) gefördert werden können.
Schon mehrfach haben Studien dargelegt, dass Jungen bei gleichen Leistungen schlechtere Noten erhalten als Mädchen und bei gleichen Noten seltener an höhere Schulen empfohlen werden. Jungen sind häufiger von der Diagnose ADS oder ADHS betroffen als Mädchen. Viele Schulen haben kein ausreichendes pädagogisches Konzept zum Umgang mit AD(H)S-Kindern. So bleibt Eltern häufig nur die Verabreichung von Psychopharmaka.

Zu 10. Eine Analyse von Herrn Michael Klein von Critical Science ergab eine deutliche Ungleichverteilung der BAFöG-Unterstützung für Frauen und Männer. Der Anteil der BAföG-Empfänger nach Geschlecht und Schultyp zeigt, dass dies nicht einer geschlechterspezifischen Verteilung auf Schultypen geschuldet ist. Eher liegt unabhängig von der Bildungsinstitution der Anteil männlicher BAföG-Empfänger konstant und deutlich unter ihrem Anteil an den entsprechenden Schülern und Studenten. 48,5% aller Studenten an Universitäten sind männlich, der Anteil männlicher Studenten an Universitäten, die BAföG erhalten, ist jedoch mit 41,9% um 6,6% niedriger als es ihrem Anteil entspricht. Der Anteil männlicher Schüler an allgemeinbildenden Schulen ist mit 50,8% in etwa gleich hoch des Anteils weiblicher Schüler. Unter den mit BAföG geförderten Schülern sind männliche Schüler mit 41,1% jedoch deutlich unterrepräsentiert. Bei den Berufsfachschülern unterschreitet der Anteil der männlichen BAföG-Empfänger den Anteil der männlichen Berufsfachschüler um 10,9%. Da auszuschließen ist, dass Mädchen häufiger aus ärmeren Familien kommen als Jungen, liegt hier eine klare Ungleichverteilung nach Geschlecht vor.

Zu 13. Die Bildungsstatistiken von Bund und Ländern führen geschlechterspezifisch ausschließlich Mädchen- und Frauendaten, aber keine Jungendaten. Dieses Ausblenden von Jungen in Statistiken ist ein deutlicher Verstoß gegen die geschlechterpolitische Strategie des Gender Mainstreamings, ein aggressiv diskriminierender Akt und unterstreicht das eklatante Desinteresse der politisch Verantwortlichen an der Situation von Jungen.

Dr. Bruno Köhler, Dr. Alexander Ulfig, Kevin Fuchs

Die Petition kann hier unterschrieben werden.

 

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