Geschlechterdebatte

Wie uns die „Zeit“ wieder mal davonlief

13. September 2014, von Lucas Schoppe

Ich schaue ja immer gerne nach, wo Artikel des man tau-Blogs verlinkt worden sind. Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinen Statistiken beispielsweise Besuche von der Seite der Zeit – dort hatte der Leser gran_torino77 einen Text von mir im Kommentarbereich verlinkt.

ZeitungBrei-kiol8615 Vielen Dank dafür! Am selben Tag wurde mir noch ein weiterer Link aus der Zeit angezeigt, aus deren mit Abstand umstrittensten Artikel des Tages: Vom Zorn abgehängter Männer.

Verfasserinnen sind die Aufschrei-Initiatorin und Sozialdemokratin Anna-Katharina Messmer und Christina Schildmann, Referentin der Friedrich Ebert Stiftung und verantwortliche Redakteurin bei Robert Claus‘ Schrift „Maskulismus“. Bedauerlicherweise vergisst die Zeit es versehentlich, klarzustellen, wie außerordentlich parteilich diese beiden Verfasserinnen angesichts ihres Themas sind.

Zu meiner großen Enttäuschung fand ich den Link nicht auf der Seite, auf der es sich befinden sollte – lediglich einen gelöschten Kommentar von gran_torino77. Dazu eine Begründung:

„Entfernt. Bitte beachten Sie, dass aus Extrembeispielen keine allgemeinen Aussagen über Gruppen abgeleitet werden können. Aus diesem Grund bewerten wir das Posting dieses Links als überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp“

Überzogene Polemik? ICH?? Und das auch noch nach einem sachlichen Zeit-Artikel, der gleich zu Beginn völlig wertfrei feststellt, dass Männer sich im Internet zu „Horden“ zusammenschließen würden (was selbstverständlich Männer nicht mit Tieren gleichsetzen soll, sondern irgendwas ganz anderes ausdrückt, auch wenn ich im Moment nicht so genau weiß, was eigentlich)?

Da meine Neugier nun endgültig geweckt war, versuchte ich mit den Klickzahlen herauszufinden, welcher Artikel hier wohl verlinkt worden war.

Wie die Zeit einmal rechts und links verwechselte

Ganz offenkundig war es ein Artikel über Valerie Solanas‘ faschistisch-feministische Hetzschrift SCUM, die in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder neu aufgelegt wird und die eine Ermordung aller Männer fordert. Und die den Gedanken daran feiert.

Es kann natürlich auch sein, dass ich mich irre – aber der Hinweis auf Solanas passt zumindest sehr gut in den Zusammenhang. Schließlich behauptet der Zeit-Artikel schon in den Eingangszeilen:

„Im Internet wie im Feuilleton suhlen sich rechte Meinungskrieger in ihren Ressentiments.“

Angesichts der stillschweigenden Gleichsetzung Feminismus=links, Feminismuskritik=reaktionär und faschistoid ist es sachlich ja durchaus begründet, darauf hinzuweisen, dass es im Feminismus auch extreme, faschistoide und faschistische Strömungen gibt:

Von Valerie Solanas' Massenmordphantasien, die sich betont und wohlwollend auf den nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Juden beziehen, über die berühmte feministische Theologieprofessorin Mary Daly, die wie eine ganze Reihe anderer Feministinnen den Anteil der Männer an der Weltbevölkerung auf einen Bruchteil reduzieren wollte, bis hin zu Dalys heutiger Nachfolgerin, die auf ihrem youtube-Kanal die weitgehende Auslöschung der Männer propagiert und die dabei auf eine sagenhafte Anzahl an Abonnenten (fast eine halbe Million) kommt.

Aus dem Hinweis, dass der Feminismus auch faschistische Anteile hat, ergibt sich nun natürlich nicht die Behauptung, dass alle Feministinnen faschistisch seien oder dass der Feminismus in jeder Hinsicht faschistoid wäre. Es ergibt sich daraus lediglich, dass die simple Links-Rechts-Gegenüberstellung, mit der die Zeit operiert, nicht haltbar ist.

Das hätte ich gern – noch ganz erschrocken darüber, dass jemand mich (!) als polemisch (!!) wahrnehmen könnte – unter dem Text in einem Kommentar auch so aufgeschrieben. Meine Versuche blieben allerdings erfolglos. Den Grund verstand ich erst, als ich ganz zum Ende des Kommentarbereichs klickte.

In acht Stunden hatte es über 500 Kommentare gegeben, von denen Arne Hoffmann einige hier zitiert. Doch anstatt sich über die große Resonanz und das Leserinteresse zu freuen, schrieb dort Annika von Taube, leitende Community-Redakteurin der Zeit, schlicht:

„Liebe Leserinnen und Leser, weil in diesem Kommentarbereich abgesehen von persönlichen Angriffen unter Kommentatoren keine neuen Aspekte mehr diskutiert werden, haben wir ihn geschlossen.“

Natürlich kam mir die Behauptung ein wenig seltsam vor, dass die Zeit Kommentarbereiche schließt, wenn Community-Redakteurinnen die Leserkommentare nicht innovativ genug finden. So hielt ich es schließlich für wahrscheinlich, dass der Grund für die Schließung in persönlichen Angriffen lag: Und also machte ich mich auf, die Kommentare zu lesen, soweit sie nicht gelöscht waren.

Der weitaus größte Teil der Kommentatoren argumentierte zwar gegen den Artikel und seine Verteidiger, und manchmal gereizt, aber dass hier außer persönlichen Angriffen nichts mehr gekommen wäre, stimmt offensichtlich nicht.

„Ihre zynische Argumentation widert mich an“

– das war dann doch mal ein persönlicher Angriff, den ich finden konnte. Er stammt allerdings von einem Verteidiger (oder einer Verteidigerin?) des Artikels. In Kommentar 387 antwortet nämlich „Corvello“ mit diesen wohlgesetzten Worten auf den seltsamen Gedanken eines anderen Kommentators, der geringere Verdienst von Frauen hätte auch etwas mit eigenen Lebensentscheidungen zu tun.

„Und der Rest ist blödes Sarrazin-Gedöns, darauf antworte ich nicht,“

schreibt Corvello am Ende seiner Antwort, wohl um zu beweisen, dass man mit Feminismuskritikern einfach nicht reden kann.

Insofern können diese Kritiker der Zeit dankbar dafür sein, dass deren Community-Redaktion sie umsichtig vor weiteren „persönlichen Angriffen“ von Feminismus-Befürworten zu schützen versucht. Es wäre allerdings vielleicht nett gewesen, vorher kurz zu fragen, ob dieser Schutz erwünscht und nötig ist – oder ob die Leser nicht vielleicht die eine oder andere Pöbelei in Kauf nehmen, wenn sie dadurch nur weiterhin die Möglichkeit haben, ihre Meinung aufzuschreiben.

„Sorry, ich will nicht böse/abwertend klingen, aber Kommentare wie die Ihren machen deutlich, wie wenig Erkenntnisgewinn erzielt wird, wenn man jeden Impuls, jede Information, jeden Gedanken zuerst durch eine binäre Schablone (0/1, ja/nein, weiß/schwarz, Mann/Frau) jagt, bevor man weiter denkt.“

Einem Kommentar wie diesem (Nr. 386 von Allan Clarke) ist, wie einer ganzen Reihe anderer Kommentare von Kritikern des Artikels, anzumerken, wie wenig sie von „Zorn“ bestimmt sind, und wie bemüht sie darum sind, die aggressiven und diffamierenden Zuschreibungen der Autorinnen nicht zu bestätigen. Eigentlich kann von Taube Clarke und vielen anderen weiter nichts vorwerfen, als dass sie offen und ziemlich unerschrocken ihre Meinung äußern, obwohl sie im Artikel der Zeit für eben diese Meinung als tierähnlich und – ebenfalls völlig begründungslos, übrigens – als rechtsradikal hingestellt werden.

Viel schlimmer sind hier einige Meinungen von Feministinnen, die selbstverständlich nicht entfernt wurden. Zum Beispiel diese von „Anna Cosima“, Kommentar 400:

„Sollten die Männer noch eine Zukunft haben wollen, dann sollten sie langsam mal anfangen, sich den sich ändernden Gegebenheiten anzupassen und aufhören sich in eine Opferrolle hineinzuphantasieren oder sie werden sich eines Tages tatsächlich als quantité négligeable in einer femininen Welt wiederfinden.“

Ein ganzes Bündel gängiger Klischees, zusammengesetzt aus Rosins Gerede vom „Ende der Männer“ und einer reaktionären Geschlechterideologie – Männer, die über eigene Leiderfahrungen und Nachteile nicht ordnungsgemäß schweigen, sind für Anna Cosima selbstverständlich Jammerlappen. Interessant wäre trotzdem zu erfahren, warum die Idee vom Ende der Männer für eine ganze Menge Frauen (hoffentlich nicht so viele, wie es aussieht) solch eine große und deutliche Attraktivität besitzt. 

Von der Angst vor dem Verlust gewohnter Schlachtordnungen

Bei alledem ist der Artikel selbst weitgehend inhaltslos – er besteht vollständig aus dem argumentfreien Bemühen, Menschen, die eine andere Position als die Autorinnen haben, als rechtslastige Wirrköpfe hinzustellen. Messmer und Schildmann beschreiben – ganz wie Sarah Schaschek dies schon kurz zuvor in der Zeit und im Tagesspiegel getan hat – eine wohlgeordnete Welt, in der einem zivilisierten, stets sachlich und aufgeklärt argumentierendem akademischen Milieu eine „Horde“ wütender und instinktgeleiteter Wesen gegenübersteht.

Dass dabei Kritiker von Gender-Studies, in denen Messmer übrigens promoviert, und institutionalisiertem Feminismus auch Argumente haben könnten, schließt sich aus irgendwelchen Gründen ganz von selbst aus. Die Autorinnen beziehen sich auf Michael Kimmels Rede von den „Angry White Men“ und behaupten, dass „die Wut dieser weißen Männer aus einem Gefühl der Entmännlichung“ stamme. Wütend über die „Zerstörung einer sicheren Ordnung“ durch „Progressive, Frauen, Ausländer, Homosexuelle“ würden diesen Männer ihre persönlichen Traumata zu „politischen Botschaften“ werden, mit denen sie wütend „in den Geschlechterkampf ziehen“.

Brutal an dieser Darstellung ist nicht allein die durchgängige Präsentation dieser Männer als irgendwie tierische Wesen, die nicht in der Lage sind, ihre eigene Position zu reflektieren und die allein ihrer Wut folgen – ganz als seien sie tollwütige Hunde. Brutal ist, mehr noch, die völlige Verweigerung von Empathie.

Ausdrücklich nennen die Autorinnen etwa Väter ohne Sorgerecht als Beispiele für ihre zornigen Männer. Dass es aber ein reales (und von den zuständigen Gerichten längst festgestelltes) Unrecht ist, Menschen aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit die Möglichkeit zur Sorge für ihre Kinder zu nehmen – dass diese Menschen darunter erheblich leiden, ebenso wie ihre Kinder – das interessiert die Autorinnen demonstrativ überhaupt nicht.

Für sie reduziert sich das Problem dieser Männer darauf, dass sie sich nicht mehr so richtig männlich fühlen können. Woran sie irgendwie ja selber schuld sind. Und weshalb sie bitteschön nicht jammern sollen.

Den großen Rest des Artikels nimmt eine unsystematische Typologie ein, die lediglich den Zweck verfolgt, Journalistenkollegen zu diffamieren: Jan Fleischhauer steht als „Dandy-Konservativer“ da, Reinhard Mohr als „der gewendete Ex-Linke“, Matthias Matussek als „der intellektuelle Berserker“.

Die Funktion dieser simplen Typisierung ist es offenkundig, die Schlachtordnung intakt zu halten. Messmer und Schildmann beschreiben schließlich auf der einen Seite eine geordnete, aufgeklärte Welt der Universität und des Feuilletons, auf der anderen eine der animalischen Internet-Horden. Natürlich möchten sie bei aller Mühe, die sie sich damit gegeben haben, nicht, dass journalistische Überläufer zur anderen Seite das alles durcheinander bringen.

Die Zeit läuft uns davon

Der Text ist aus zwei wesentlichen Gründen Ausdruck einer tiefen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. Einerseits, weil er es Menschen prinzipiell abspricht, für die eigenen Positionen gute Gründe zu haben, weil er sie als impulsgesteuerte, irrationale, tierähnliche Wesen hinstellt.

Andererseits, weil er Menschen – auch und gerade Menschen in großen Notlagen – systematisch und konsequent alle zivile Empathie verweigert. Die nirgends begründete Denunzierung von entsorgten Vätern und anderen als „rechts“ – was hier wohl immer auch bedeutet: rechtsradikal – ist eine schlichte Einschüchterungsstrategie. Wer sich kritisch äußert, wer Positionen wie denen von Messmer und Schildmann widerspricht, muss damit rechnen, vor einer möglichst großen Öffentlichkeit als rechtsradikaler Wüterich hingestellt zu werden. Ihm wird sogar demonstriert, dass dafür nicht einmal Argumente notwendig sind.

Vielleicht könnte die Community-Redakteurin einmal erläutern, warum eine noch immer als seriös geltende Zeitung wie die Zeit sich für solche Einschüchterungsmanöver hergibt.

Es ist ein gutes Zeichen, dass viele Männer, die den Text gelesen haben, sich nicht einschüchtern ließen. Es ist insbesondere ein gutes Zeichen, dass Männer es nicht stillschweigend zur Kenntnis nehmen, wenn eine der größten und wichtigsten Zeitungen Deutschlands sie zum Ziel einer radikalen Feindseligkeit macht. Women Can’t Hear What Men Don’t Say heißt eines der Bücher von Warren Farrell – Frauen können nicht hören, was Männer nicht sagen. Es ist offensichtlich, dass in Geschlechterdebatten Männer heute offener und selbstbewusster teilnehmen als noch vor einigen Jahren.

Wenn die Redaktion der Zeit dies nicht erträgt – wenn sie Männern die Möglichkeit nimmt, auf die radikale Feindseligkeit zu antworten, mit der ihre Zeitung ihnen begegnet – dann läuft sie vor ihren eigenen Lesern davon. Sie nimmt sich damit, unter anderem, die Möglichkeit, die Brüchigkeit ihrer eigenen Position wahrzunehmen.

Kimmels Rede von den „Angry White Men“, die Messmer und Schildmann schon im Titel ihres Textes aufgreifen, spielt absichtlich oder unabsichtlich natürlich auf die Angry Young Men an – eine Gruppe junger britischer Autoren wie John Osborne oder Alan Sillitoe, die aus einer proletarischen oder kleinbürgerlichen Perspektive gegen die erstarrten gesellschaftlichen Ordnungen der fünfziger Jahre anschrieben.

So sehr Kimmel, Messmer und Schildmann auch versuchen, die von ihnen Angefeindeten als Herrscher außer Dienst hinzustellen, die über den Verlust ihrer Herrschaft nicht hinwegkommen – schon in der Sprache, die sie verwenden, stellen sie die Situation ganz anders dar, und angemessener, als es ihnen lieb ist.

Die Privilegierten, die um ihre Privilegien bangen, sind nicht die „abgehängten Männer“ (mal ganz nebenbei gefragt: Ist eigentlich irgendjemand mal auf den Gedanken gekommen, dass diese Formulierung kurz nach dem Selbstmord von Robin Williams irrwitzig deplatziert ist?). Die Privilegierten in Angst um ihre Privilegien sind eher die, die in Schriften wie Robert Claus‘ „Maskulismus“ oder wie in diesem Zeit-Artikel zum „Gegenangriff“ starten.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau.

 

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