Geschlechterdebatte

Wenn Erwachsene gegen Kinder hetzen - Jungen in der Schule

27. November 2013, von Lucas Schoppe

Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind. Eine gezielte Jungenförderung ist allerdings keine Lösung.“

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So lautet im Jahr 2007 die Antwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf die Frage, ob wir es uns eigentlich noch leisten können, auf eine gezielte Jungenförderung zu verzichten – angesichts der Tatsache, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss, deutlich mehr Mädchen als Jungen die Schule mit dem Abitur verlassen.

Warum eine gezielte Jungenförderung keine Lösung sei, verrät Merkel – oder möglicherweise ihr Ghostwriter – nicht. Unverblümt aber formuliert sie eine Vorstellung weiblicher Überlegenheit: Wenn nur die Ausgangsbedingungen zwischen Jungen und Mädchen gleich wären, dann würden Mädchen eben bessere Ergebnisse erzielen. Alles normal, kein Grund zur Sorge.

Fünf Jahre später redet der Grüne Jürgen Trittin ganz wie seine Kanzlerin, als er ihr bei einer Bundestagsrede vorwirft, dafür zu sorgen,

dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer.“ (1:07)

Als die Linke Kathrin Vogeler verwundert nachfragt (2:25), welch einen Bildungsbegriff Trittin denn der von ihm unterstellten Lern- und Bildungsunwilligkeit der Männer und Jungen zu Grunde lege, antwortet er mit einem Hinweis auf die besseren Abschlüsse von Mädchen.

Auffällig ist bei Merkel wie Trittin, wie unterschiedlich sie Nachteile von Jungen und Mädchen bzw. Frauen interpretieren. Während sie Nachteile für Mädchen und Frauen selbstverständlich auf Diskriminierungen zurückführen, sehen sie für Nachteile von Jungen die Verantwortung allein bei diesen selbst. Kein Grund zum Engreifen.

Jungen sind faul

Auch an einem gerade veröffentlichten Text von Anatol Stefanowitsch, auf den ich bei Twitter aufmerksam gemacht wurde, lässt sich das ablesen. Wenn es um Jungen geht, können nun einmal alle mitreden, auch Professoren für englische Sprachwissenschaft, die ansonsten ihre Zeit eher mit der Unterstützung des generischen Femininums verbringen. Stefanowitsch jedenfalls redet seiner Kanzlerin ebenfalls nach dem Mund, wenn er die Vermutung äußert,

dass die ‚schlechteren‘ Leistungen der Jungen deshalb zustande kommen, weil die Mädchen inzwischen weniger stark daran gehindert werden, Leistungen auf dem für sie normalen Niveau zu erbringen.“

Sie werden natürlich immer noch gehindert, nicht dass jemand auf die Idee kommt, Mädchenförderung sei nicht nötig, weil Frauen und Mädchen nicht diskriminiert seien – nur sind sie es eben „weniger stark“ als in den dunklen Zeitaltern vor der zweiten feministischen Welle. Stefanowitsch reagiert mit seinem Text auf ein Spiegel-Interview, in dem der Bildungsforscher Martin Latsch vorsichtig die Möglichkeit erwägt, die schlechteren Leistungen von Jungen seien auf einen „Stereotype threat“ (wörtlich etwa: Stereotypen-Bedrohung) zurückzuführen.

Ein Mensch hat Angst, ein negatives Vorurteil über ihn durch sein Handeln zu bestätigen. Und bei Jungs, die schlecht abschneiden, ist genau das der Fall, zeigen meine Experimente.“

Natürlich ist das für Stefanowitsch nicht zufriedenstellend, schließlich müsste erst einmal bewiesen werden, dass es solche negativen Stereotypien über Jungen überhaupt gäbe – als ob sein eigener Text nicht einer von vielen möglichen Belegen dafür wäre.

Dass beispielsweise Jungen weniger leistungsbereit seien als Mädchen, habe schlicht zur Folge, dass Jungen sich „ein wenig mehr anstrengen müssen. Und das wiederum, hat noch keiner geschadet.“ Der autoritär moralisierende Gestus ist gegenüber einer ganzen Gruppe von Menschen natürlich verfehlt. Es mag ja sinnvoll sein, einem einzelnen Menschen Vorwürfe angesichts einer möglicherweise unzureichend ausgebildeten Leistungsbereitschaft zu machen – wenn aber ganze Großgruppen von Menschen, deren Angehörigen zum weit überwiegenden Teil gar keinen Kontakt zueinander haben, angeblich bestimmte Verhaltensmuster ausbilden, dann ist der moralisierende Vortrag albern deplatziert.

Eher müsste – wenn die Grundannahme denn überhaupt stimmt – gefragt werden,

WARUM Jungen, alle Jungen weniger Interesse und weniger Leistungsbereitschaft haben als Mädchen und WARUM sich das männliche anti-Leistungsgen erst heute und nicht schon im Verlauf der letzten Jahrtausende bemerkbar gemacht hat.“

So das Blog Science Files in einem Kommentar zum Text.

Jungen sind privilegiert

Natürlich kommt Stefanowitsch so weit nicht. Er begnügt sich mit der Vermutung, dass Jungen entweder „weniger Ehrgeiz besitzen“ oder

die Erfahrung gemacht haben, mit weniger Leistung ebenso viel zu erreichen wie ein Mädchen mit mehr Leistung“.

Es ist, als würde der Linguistik-Professor hier ein absurdes Gesellschaftsspiel spielen: Interpretieren Sie jeden nur denkbaren Sachverhalt in möglichst wenigen Argumentationsschritten so, dass er als Beleg für eine Diskriminierung von Frauen taugt.

Männer sind weitaus häufiger obdachlos als Frauen? Das liegt daran, dass Frauen in gewalttätigen Beziehungen verbleiben, während Männer sich lösen und triumphierend in der Öffentlichkeit ihr Penner-Dasein zelebrieren.

Männer werden im Vergleich zu Frauen extrem viel häufiger als Soldaten überall auf der Welt verheizt? Das liegt daran, das ihnen vom Staat die Einübung in klassischen Formen der hegemonialen Männlichkeit ermöglicht wird – und das nicht nur kostenlos, sie werden dafür sogar bezahlt.

Jungen haben offenkundig erhebliche schulische Nachteile? Das liegt daran, dass sie es schlicht viel einfacher haben als Mädchen – viel zu einfach.

Natürlich muss es den Professor nicht kümmern, dass das schon sachlich nicht stimmt. Jungen werden tendenziell bei gleichen Leistungen schlechter bewertet und erhalten seltener Gymnasialempfehlungen (auch das listet der Science Files-Text auf, mehr dazu auch hier). Schlechtere Bewertungen und schlechtere Resultate von Jungen sind also nicht unbedingt auf schlechtere Leistungen zurückzuführen.

Doch auch sonst ist für einen Zusammenhang von Klischees und Leistung die Vermutung nicht notwendig, dass, so Stefanowitsch, das Stereotyp „ausreichend weit verbreitet ist, um von Jungen verinnerlicht zu werden.“ Wichtig ist lediglich, dass die Lehrkräfte mit diesem Stereotyp vertraut sind – schon klassische Studien der Schulpädagogik haben einen Zusammenhang zwischen Vormeinungen der Lehrkräfte über Schüler und den Leistungsentwicklungen dieser Schüler gezeigt. Bekannt sind die Studien unter dem Begriff „Pygmalion-Effekt“: Die Lehrer beeinflussen die Schüler nach dem Bilde, das sie von ihnen im Kopf haben, so wie der griechische Bildhauer Pygmalion die von ihm geschaffene Statue mit seinen eigenen Gefühlen lebendig machen konnte.

Die Annahme wiederum, dass Lehrer und Lehrerinnen nicht mit negativen Klischees über Jungen in Berührung gekommen seien, ist ungefähr so plausibel wie die Vermutung, dass Menschen durch einen Regenguss laufen könnten und zufällig nicht nass werden, weil die Tropfen immer gerade an ihnen vorbei fielen.

Jungen sind eigentlich keine Kinder

Wie mächtig solche Klischees sind, ist auch daran erkennbar, dass sich Erwachsene erstaunlich wenig Mühe geben, die schulische Situation von Jungen probehalber einmal aus deren Perspektive zu betrachten.

Aufgrund der frühen Selektion der Kinder, meist nach der vierten Klasse, sind die Entwicklungen der Kinder auf den Grundschulen in aller Regel entscheidend für ihren späteren Bildungsverlauf. Im mehrgliedrigen Schulsystem werden später bestehende Unterschiede eher noch vergrößert als moderiert, die Chance des Abstiegs sind etwa zehn Mal so groß wie die des Aufstiegs.

Die Grundschulkollegien aber bestehen fast ausschließlich aus Frauen. Mädchen können sich in ihrer Geschlechtsidentität also innerhalb des schulischen Rahmens entwickeln, für Jungen hingegen ist es wesentlich eher notwendig, den schulischen Rahmen zu überschreiten und sich von ihm abzugrenzen. Wenn daher Latsch von „den im Sozialverhalten weniger angepassten Jungen“ spricht, dann redet er wohl nicht von einer Naturgegebenheit, sondern von einem Produkt der gegenwärtigen Schule. Die von Latsch ausdrücklich nur als Vermutung, also mit großer Vorsicht geäußerte These, dass Lehrerinnen auf Jungen besonders streng reagieren könnten und darin durch bestehende Klischees sogar bestärkt werden, ist ebenso auf die schulische Konstellation rückführbar.

Was aber an den Äußerungen von Merkel bis Stefanowitsch, die sich durch Texte von Wissenschaftlern wie Thomas Viola Rieske oder Marcel Helbig noch umfangreich ergänzen ließen, besonders auffällt, ist die Kälte, das Desinteresse, die kaum verhohlene Häme, mit der hier erwachsene Menschen über Kinder und Jugendliche reden. Jungen seien faul, so Helbig, weil

sie es sich leisten können. Als Mann kommt man in der Gesellschaft auch nach oben, wenn man nicht viel tut.“

Das mag Helbigs persönliche Erfahrung als Mitarbeiter Jutta Allmendingers sein, die Erfahrung der meisten Jungen und jungen Männer aber trifft das nicht.

Beunruhigend ist also nicht nur, wie selbstverständlich verschiedene Akteure über die Jahre hinweg die immergleichen Klischees über Jungen wiederholen, als wären sie gerade als Erste auf die umwerfende Idee gekommen, dass Jungen faul wären, weil es die Gesellschaft ihnen zu leicht mache.

Beunruhigend ist vor allem die Gnadenlosigkeit, die im öffentlichen Reden über Jungen zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Erwachsene reden hier nicht über Kinder, sie reden über Paschas im Wartestand, denen es ganz gut täte, ein wenig ausgebremst zu werden – und sie produzieren dabei die Neuauflage einer alten, autoritären Pädagogik der Kinderfeindlichkeit, die mit modischen Geschlechterklischees bekleidet plötzlich wieder vorzeigbar wird.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau

 

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