Geschlechterdebatte

Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution?

06. November 2013, von Lucas Schoppe

Er möge „dieses Thema, das nicht zu den zentralsten Anliegen der Männerrechtsbewegung gehört, nicht überstrapazieren, und auch wohlverdientes Alice-Schwarzer-Bashing ist auf Dauer nur begrenzt unterhaltsam.“

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Das schreibt Arne Hoffmann auf Genderama zur Kritik an Schwarzers Appell, die Prostitution „abzuschaffen“.

Das ist offensichtlich – die Forderung eines freien Zugangs zu Prostituierten als zentrales Anliegen einer politischen Bewegung zu verankern, würde das Urteil eines amerikanischen Journalisten bestätigen, die Männerrechtsbewegung habe bei weitem die schlechtesten politischen Instinkte aller Bürgerrechtsgruppen, denen er je begegnet sei („the single worst political instincts of any civil rights groups I have ever encountered“).

Dennoch berührt der Appell von Schwarzer und ihren Unterzeichnern (Senta Berger, Margot Käßmann, Wolfgang Niedecken und viele andere) Themen, die sehr wohl zentral für die Männerbewegung sind: die Frage nach der Bedeutung von Sexualität, die allgemeine Unterstellung an Männer, gewalttätig zu sein – und die Tatsache, dass Männer für Frauen bezahlen. Dabei lassen sich die kritischen Aspekte des Appells recht schnell erledigen.

Rot-grüne Frauenhändler und der Zwang der Freiwilligkeit

In einem Artikel zum Thema bringt Schwarzer das Kunststück fertig, einerseits „mindestens“ jeden zweiten Mann, aber eigentlich schlicht so viele Männer wie nur möglich als Freier von Prostituierten hinzustellen und andererseits darauf zu bestehen, dass „eine Welt ohne Prostitution“ denkbar sei.

Das ist offenkundig utopisch – es geht nicht um die Abschaffung, sondern um das Verbot der Prostitution. Natürlich ist davon auszugehen, dass dadurch die Prostitution nicht verschwindet, sondern schlicht aus der Sichtbarkeit verdrängt wird. In Schweden, wo die Prostitution verboten ist und die Freier – nicht aber die Prostituierten – hart bestraft werden können, deuten einige Ergebnisse darauf hin, dass dies die Situation für Prostituierte eher erschwert als verbessert.

Hinweise darauf, dass sich das Sicherheitsgefühl von Frauen in der Prostitution verschlechtert hat, sowie auf die Verschlechterung der Situation von Migrantinnen werden in Schweden zugunsten eines höheren gesellschaftlichen Ziels ausgeblendet“,

schreibt dazu das deutsche Familien- und Frauenministerium.

Auch die Abschaffung der Sklaverei galt vor gar nicht so langer Zeit noch als Utopie.“ In diesem Zitat aus dem Appell geraten Schwarzer und ihren Unterzeichnern offenbar moralische Verurteilung und sachliche Bewertung durcheinander: Dass für sie – im Unterschied zu Prostituierten selbst  – Prostitution moralisch mit der Sklaverei gleichzusetzen ist, bedeutet schließlich noch nicht, dass sie tatsächlich ebenso abgeschafft werden kann.

Die Reform des Prostitutionsgesetzes 2002, die angeblich den geschätzt 700.000 Frauen (Mittelwert) in der Prostitution nutzen sollte, trägt die Handschrift der Frauenhändler und ihrer LobbyistInnen.“

Bei Sätzen wie diesen sind Zweifel angebracht, ob Schwarzers Unterzeichner den Text vor ihrer Unterschrift eigentlich zumindest oberflächlich gelesen hatten. Immerhin unterstellen sie hier ohne alle Belege der verantwortlichen rot-grünen Regierung, dass internationale Frauenhändler sie gekauft und sich damit die Möglichkeit verschafft hätten, Gesetze nach ihrem Gutdünken zu formulieren und durch das Parlament zu bringen.

Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht (…).“ Das kann so nur jemand behaupten, der sexuellen Verkehr zwischen Frauen und Männern, ganz gleich welcher Art, als Inbesitznahme der Frau durch den Mann versteht. Ganz im Einklang damit wird eine „Deregulierung von Frauenhandel und Prostitution“ gefordert – als ob Frauenhandel, der weiterhin natürlich verboten ist, durch die rot-grüne Regierung „dereguliert“ worden sei. Die pauschale Bewertung der Prostitution als Kauf der Frau durch den Mann erlaubt es nicht, Unterschiede zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution wahrzunehmen.

Ob so tatsächlich die Zwangsprostitution verhindert werden kann, ist fragwürdig.

Meines Erachtens bekämpft man Zwangsprostitution am Besten, indem man Prostitution legalisiert, weil dies den Schwarzmarkt eindämmen, Licht in das Dunkel verbrecherischer mafiöser Strukturen werfen und diesen die Geschäftsgrundlage entziehen würde“,

schreibt Adrian im Blog Gay West.

Auch wenn eingeräumt wird, dass die Legalisierung der Prostitution polizeiliche Razzien in Bordellen erschwert hat und so auch die illegale Zwangsprostitution begünstigen könnte, lässt sich dieses Problem klären, ohne die Prostitution insgesamt wieder zu verbieten (dazu z.B. die Frankfurter Rundschau in einem Text zu den Koalitionsverhandlungen).

So schießt die Forderung nach einer „Abschaffung“ der Prostitution in ihren Metaphern und Vergleichen – Schwarzer setzt in einem anderen Text gar Prostituierte mit sexuell missbrauchten Kindern gleich  – und auch in ihren Forderungen deutlich über das sachlich Begründbare hinaus. Der Bezug auf die Zwangsprostitution ist offenbar nötig, weil sonst die Forderung nach einem Verbot der Prostitution kaum begründbar wäre – gleichwohl geht es um die Prostitution insgesamt, nicht um den ohnehin schon illegalen Zwang.

Was genau aber haben Schwarzer und ihre Unterzeichner eigentlich gegen die Prostitution?

Geld gegen Nähe, oder: Warum man mit der patriarchalen Dividende nicht gut für Sex bezahlen kann

Die Frage wird umso interessanter, als einige Aspekte der Prostitution einer misandrischen Feministin doch eigentlich gut gefallen müssten. Der Mann zahlt hier für die Nähe einer Frau – „Nähe“ nicht verstanden in einem emphatisch-sentimentalen Sinn als Begegnung der Seelen, aber doch als körperliche Nähe. Aus einer männerpolitischen Perspektive ist dieser Aspekt der Prostitution eher abschreckend (und für mich persönlich war das übrigens ein Grund, weshalb ich niemals zu Prostituierten gegangen bin).

Es gibt schließlich keinen vernünftigen Grund, weshalb die Körperlichkeit, die Nähe, die Aufmerksamkeit eines Mannes weniger wert sein sollten als die Körperlichkeit, die Nähe oder die Aufmerksamkeit einer Frau. Wenn ich die Nähe zu einer Frau wünsche und erleben kann, dann ist meine Nähe zu ihr eine völlig ausreichende Gegenleistung – ich sehe keinen Grund, weshalb ihr oder mir darüber hinaus noch weitere Kompensationsansprüche entstehen sollten. Dass Männer für die Nähe von Frauen zu bezahlen haben, ist ein Aspekt der Prostitution, der sie für Männer entwürdigend machen kann – es ist, als ob eine Frau dafür entschädigt werden müsste, dass sie die körperliche Nähe eines Mannes erträgt.

Hier allerdings passt sich die Prostitution offenkundig gut in traditionelle Formen der Beziehungsanbahnung ein. Dass der Mann zunächst einmal zu bezahlen, also beispielsweise bei einem Rendezvous die Frau einzuladen habe, ist eine tradierte Selbstverständlichkeit, der auch heute noch viel Frauen und Männer nachhängen. Erklärbar ist das leicht mit Rückgriff auf evolutionspsychologische Erwägungen: Der Mann müsse demnach, um für eine Frau als Partner in Frage zu kommen, zunächst einmal seine Bereitschaft und Fähigkeit belegen, für die Frau – und mögliche Nachkommen – zu sorgen und seine verfügbaren Mittel nicht allein für sich selbst zu investieren.

Heute jedoch, da ja so klare Zuordnungen des Geschlechterverhaltens längst an Funktionalität verloren haben, bekommt die Erwartung an den Mann, für beide zu zahlen, einen anderen Charakter – zumindest wenn sie über die rein spielerische Inszenierung traditioneller Rollen hinausgeht. Diese Erwartung suggeriert nun, dass Nähe und Aufmerksamkeit des Mannes als Gegenstück zur Nähe und Aufmerksamkeit der Frau nicht ausreichen können, sondern dass der Frau eine weitere Kompensation zustünde.

Warum aber sind Strukturen, in denen der Mann implizit einen geringeren Wert als die Frau hat und dies durch finanziellen Einsatz ausgleichen muss, für misandrische Feministinnen nicht attraktiv?

Das lässt sich gut an einem Text erklären, der zufällig fast zeitgleich mit Schwarzers Appell erschien und der hier schon Thema war. Wenn Antje Schrupp erklärt, wodurch sie ein unfreundlicher Mensch wurde, und zur Begründung von einem Erlebnis als Vierzehnjähige berichtet, dann greift sie damit eigentlich auf ein sehr traditionelles literarisches Muster zurück: auf das der Initiationsgeschichte.

Sie erlebt aber gleichsam eine pervertierte Initiation, nicht einen Eintritt in die Welt, sondern einen in das „Patriarchat". Anders als bei klassischen Schriftstellerinnen wie etwa Jane Austen, die wieder und wieder „a young lady’s entrance into the world“ gestalteten, sind bei Schrupp die Konsequenzen dieses Eintritts negativ, nicht positiv. Sie gewinnt nicht dazu, indem sie sich der Welt und die Welt sich ihr öffnet, sondern sie verliert etwas – als Frau und junges Mädchen sei sie eigentlich schon vollständig, ruhend in sich gewesen, die patriarchale Gewalt habe sie aber gleichsam aus ihrem Schwerpunkt gerissen.

Diese Phantasie einer umfassenden männlichen Herrschaft, die übrigens deutlich narzisstische Züge trägt, prägt auch Schwarzers Appell. Es ist für sie und ihre Unterschreiber uninteressant, mit Prostituierten selbst zu sprechen, so wie auch die Unterschiede der Lebensbedingungen von Zwangsprostituierten oder Luxus-Callgirls, von Frauen auf dem Drogenstrich oder in der Gelegenheitsprostitution sie nichts anzugehen scheinen. Männliche Prostituierte oder weibliche Kundinnen haben im Bild erst recht nichts zu suchen und werden bestenfalls am Rande einmal pflichtschuldig erwähnt. Die Prostitution ist hier schlicht ein Anlass, um noch einmal das alte Lied von der Männerherrschaft anzustimmen.

Eben diese Fiktion einer umfassenden patriarchalen Gewalt aber begründet weibliche Kompensationsansprüche an Männer neu, die eigentlich schon längst zu Gunsten einer gleichberechtigten Geschlechterbeziehung hätten aufgegeben werden müssen. Da Frauen in einer feministisch inspirierten Geschlechterpolitik rundweg als Geschädigte einer diffus bleibenden, aber offenbar unerschütterlichen männlichen Dominanz dargestellt werden, ist auch der Ausgleich, der ihnen demnach zustehe, prinzipiell unendlich groß. Es ist schlicht kein Punkt erkennbar, an dem „das Patriarchat“ und seine Nutznießer (prinzipiell alle Männer) für die Sünde ihrer Dominanz genug bezahlt hätten.

Eben deshalb aber erleben Feministinnen wie Schwarzer die Prostitution wohl als Provokation. Auch hier müssen Männer Frauen dafür finanziell kompensieren, dass sie sich ihnen überhaupt nähern – hier aber ist die Kompensation, so groß sie auch sein mag, prinzipiell begrenzt und Ergebnis von Aushandlungsprozessen, an denen beide Seiten freiwillig beteiligt sind.

Daher ist denn auch für Schwarzer und andere der Gedanke so unerträglich, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig prostituieren – sie sind dann nämlich keine hilflosen Opfer männlicher Dominanz, und wenn der Mann den vereinbarten Preis bezahlt hat, dann hat er auch genug geleistet und ist ihr darüber hinaus nichts weiter schuldig. Eben das akzeptieren die Unterstützer eines Prostitutionsverbots nicht – auch und gerade dann, wenn der Mann bezahlt hat, hat er nicht etwa seine Schuldigkeit getan, sondern muss nach ihren Vorstellungen darüber hinaus dafür bestraft werden, dass er sich als Nutznießer der patriarchalen Dividende eine Frau verfügbar gemacht habe. 

Wer genau ist hier eigentlich pervers? 

Gleichwohl ist die Prostitution kein ganz normaler Beruf. Würde eine Schülerin im Unterricht erzählen, dass ihr Berufswunsch „Prostituierte“ sei, dann würden Lehrer vermutlich eher irritiert reagieren, als ihr etwa zuzuraten, dass sie dort gewiss viele interessante Leute kennen lernen würde o.ä. Allerdings habe ich als Lehrer auch noch nie einen Jungen erlebt, dessen Berufswunsch die Arbeit bei der Müllabfuhr oder im Straßenbau gewesen wäre. Es ist selbstverständlich, dass junge Männer diese und andere, möglicherweise stark gesundheitsgefährdende Berufe nicht aus Neigung, sondern aus finanzieller Notwendigkeit ergreifen. Warum ist das so viel weniger skandalös als die weibliche Prostitution?

Mit dem Verbot der Prostitution würde man zur absurden Situation gelangen, dass Sex legal ist, Geld verdienen legal ist, aber die Verbindung zwischen beidem nicht“,

schreibt Adrian in seinem Text. Ganz normale alltägliche Aushandlungsprozesse werden offenbar illegitim, sobald Sexualität im Spiel ist, und alltägliche Sexualität wird illegitim, sobald sie in Aushandlungsprozesse eingebunden wird. Das ist nur mit einem sehr unplausiblen Bild von Sexualität erklärbar.

Einerseits wird Sexualität hier offenbar weiterhin und gegen alle Sexualaufklärung der vergangenen Jahrzehnte als etwas Sündhaftes und Schmutziges erlebt – als etwas, das auch normale geschäftliche Beziehungen beschmutzt, die in anderen Kontexten unzweifelhaft legal wären.

Andererseits kann Sexualität aus ihrer Sündhaftigkeit offenbar erlöst werden – wenn sie als etwas Reines, Unverdorbenes daherkommt, als völlig freie Begegnung der Seelen. Diese Erlösung aber wird ihr natürlich versagt, wenn sie in alltägliche Aushandlungsprozesse eingebunden und bezahlt wird.

Auf diese Weise ist der Appell von einem krassen Schwarz-Weiß-Bild der Sexualität geprägt, das zwischen Verdammung und Sakralisierung schwankt und dessen Seiten kaum miteinander vereinbar sind. Ein pragmatischer, nüchterner Umgang der Geschlechter miteinander ist damit kaum möglich. Dies ist umso gravierender, als der Appell beide Seiten der Sexualität ja sauber zwischen den Geschlechtern aufteilt – würde nicht der männlichen Sexualität der schmutzige, der weiblichen aber der reine Teil zugewiesen, dann ließe sich beispielsweise kaum erklären, warum denn die (männlichen) Freier bestraft werden sollen, die (weiblichen) Prostituierten aber nicht.

Schwarzers Unterschreiber haben möglicherweise subjektiv das Motiv, liebevollere, respektvollere Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu ermöglichen. Die Unterstützung eines misandrisch begründeten Prostitutionsverbots trägt dazu offenkundig nichts bei. Wesentlich sinnvoller wäre es zu akzeptieren, dass sich keines der Geschlechter an das andere prinzipiell endlos verschuldet hat – und dass auch Liebe, Nähe und Sexualität natürlich Gegenstände alltäglicher ziviler Aushandlungsprozesse sein können, in denen Begriffe wie Fairness und Autonomie wesentlich wichtiger sind als Kontraste von Sünde und Heiligkeit.

Eines der grausamsten und destruktivsten deutschen Gesetze, die ich kenne, etabliert Bedingungen, in denen eine Mutter sich – nicht nur für die Kinder, sondern vor allem für sich selbst – eben gerade dadurch den Anspruch auf umfangreiche Zahlungen durch den Vater erwirbt, dass sie Väter und Kinder willkürlich voneinander trennt und die väterliche Sorge für die Kinder verhindert. Ich kenne viele Väter und Kinder (mich und unser Kind eingeschlossen), die unter solchen Regelungen erheblich leiden.

Dadurch, dass er der Frau nahe gekommen ist und ein Kind mit ihr gezeugt hat, ist ein Mann offenbar in einer Weise kompensationspflichtig geworden, die alle herkömmlichen Fairness-Erwägungen und Überlegungen zum Kindeswohl außer Kraft setzt. Es sind solche Regelungen, die das Prinzip Geld gegen Nähe in Gesetzesform gießen und endgültig in die Perversion treiben.

Wer also tatsächlich liebevollere und respektvollere Beziehungen zwischen den Geschlechtern befördern möchte, hat hier gute, mannigfaltige und lohnende Möglichkeiten, tätig zu werden.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau.

 

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