Geschlechterdebatte

Was Frauen wollen und Männer wollen sollen

Die von der  „Bild der Frau“ beim Allensbach-Institut in Auftrag gegebene Studie Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit beginnt im Vorwort mit einem skurril wirkenden Kommentar zwischen Wunsch und Wirklichkeit:

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„Und damit sind wir bei der großen guten Botschaft der Männer-Studie: Sein Respekt vor Frauen wächst! Das freut uns, nicht zuletzt, weil auch Frauenzeitschriften einen nicht ganz kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben.“

So seltsam dieser Kommentar über die männerrespektsteigernde Wirkung von Frauenzeitschriften wirkt, so typisch ist er für die gesamte Tendenz der Studie: Männer erscheinen diffus als erziehungs- und veränderungsbedürftig, während der Anteil von Frauen an der Interaktion der Geschlechter auf überraschende Weise beschrieben wird.

Das gilt ebenso für eine vergleichbare Studie, deren Ergebnisse kurz zuvor veröffentlicht worden waren: Die von der „Brigitte“ beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dessen Präsidentin, Jutta Allmendinger, in Auftrag gegebene „Frauen auf dem Sprung“-Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“. Beide Studien wurden weithin massenmedial kommentiert, auch wenn die Diskussionen auf dem Blog Alles Evolution jeweils deutlich ergiebiger und ausführlicher waren.

Es lohnt sich, einige Ergebnisse zu vergleichen. 

Muss a) mehr für Gleichberechtigung getan werden, oder b) haben Sie was gegen Frauen?

Den größten Nachhall hatte eine Frage in der Allensbach-Studie, die eigentlich leicht als Musterbeispiel für eine manipulative Befragung erkennbar ist:

Zum Thema Gleichberechtigung: Wie sehen Sie das: Sind Männer und Frauen in Deutschland weitgehend gleichberechtigt, oder sind Frauen gegenüber Männern noch nicht gleichberechtigt, muss noch mehr für die Gleichberechtigung von Frauen getan werden, oder geht die Gleichberechtigung inzwischen sogar zu weit, werden Männer manchmal gegenüber Frauen benachteiligt?" (S. 31)

Geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten können im Kosmos der Studie per Definition ausschließlich Frauen treffen. Wer daher ausdrücken will, dass auch Männer und Jungen Benachteiligungen erleben, kann das nur mit Hilfe einer logischen Verrenkung tun – indem er angibt, dass die Gleichberechtigung zu weit gegangen sei. Kurz: Wer Benachteiligungen von Männern und Jungen ablehnt, muss sich als Gegner der Gleichberechtigung präsentieren.

Die massenmedialen Kommentare waren erstaunlich kritik- und distanzlos. Anstatt die offenkundigen Mängel der Frage herauszustellen, wurden ihre Ergebnisse ungebrochen und gern auch empört vervielfältigt: „Allensbach-Studie: Männer haben genug von Gleichberechtigung" (Spiegel) – „Männer haben von Gleichberechtigung die Schnauze voll" (Focus) – „Jetzt reicht es mit der Gleichberechtigung" (Hamburger Abendblatt)  – „Den Männern reicht es mit der Gleichberechtigung" (Welt). Tatsächlich hatten nur 6% aller befragten Männer geantwortet, dass Männer manchmal benachteiligt seien (S. 31), aber auch lediglich 29% gefordert, dass für die Gleichberechtigung der Frau mehr getan werden müsste. (S. 32)

Interessanter sind zunächst ohnehin die Ergebnisse zur Verteilung der Arbeit – und zu Erwartungen der Frauen und Männer aneinander. Chefredakteurin und Verlagsleiterin machen gleich zu Beginn (S. 4) ihrem Ärger darüber Luft, dass Männer noch immer weniger im Haushalt täten als Frauen – natürlich ohne dabei zu erwähnen, dass Männer zugleich auch den Löwenanteil der Erwerbsarbeit erledigen. Insgesamt vermitteln die Kommentare der Ergebnisse den Eindruck, dass Frauen entschlossen in die neue Zeit zögen, mit dem Willen, auf den eigenen Füßen zu stehen und zugleich für die Familie zu sorgen – während Männer an ihrer althergebrachten Versorgerehe hängen würden.

Auch bei jungen Männern ist kaum eine Bereitschaft zu erkennen, die für sie bequeme Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern im Haushalt zu verändern.“ (S. 46)

Wenn überhaupt einmal jemand anderem als den Männern Verantwortung für die dabei entstehenden Spannungen zugeteilt wird, dann nicht etwa Frauen – sondern den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. „Auch das Umfeld ist Schuld!“ (S. 69) Dass Erwartungen und Verhalten von Männern wie von Frauen in der Interaktion miteinander entstehen – dass also Frauen dabei eine ähnlich große Verantwortung wie Männer tragen: Das legen die Ergebnisse nahe, wird aber von ihren Kommentatorinnen beflissen übersehen.

Sowohl Männer als auch Frauen bevorzugen mit deutlicher Mehrheit ein Familienmodell, in dem der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet (S. 56) – wenn Männer angesichts dieser Ausgangslage weniger als Frauen im Haushalt erledigen, ist also keineswegs durch männliche Bequemlichkeit zu erklären. Zugleich wird die weibliche Erfahrung der Lohndiskriminierung relativiert (S. 35), ohne dass dieser naheliegende Zusammenhang in der Studie selbst hergestellt würde: Wer in Teilzeit arbeitet, hat nun einmal schlechtere Aufstiegschancen als jemand auf einer vollen Stelle.

Dass Männer „viele Aufgaben im Haushalt und in der Familie übernehmen“, erwarten 66 % der Frauen, dass Männer „für den Unterhalt der Familie sorgen“, 60%. (S. 23) Dass Männer diese widersprüchliche Erwartung noch deutlicher wahrnehmen als Frauen, wird in den Kommentaren beiläufig abgetan:

So wähnen sich Männer häufiger mit Erwartungen konfrontiert, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, beruflichen Erfolg anzustreben oder Durchsetzungsstärke zu zeigen, als sich das Frauen tatsächlich von Männern wünschen: Während Männer zu 71 Prozent davon ausgehen, man erwarte von ihnen, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, erwarten das tatsächlich ‚nur‘ 60 Prozent der Frauen.“ (17)

Die Autorinnen präsentieren Männer eher als wahnhaft, als dass sie zumindest probehalber den naheliegenden Gedanken erwägen würden, dass Männer die Erwartungen von Frauen realistischer einschätzen könnten, als die Frauen sie in ihrer Selbstpräsentation darstellen.

An keiner Stelle werden die Auskünfte überprüft, die Frauen zu ihren Erwartungen an Männer geben – obwohl ja anzunehmen ist, dass viele von ihnen Versorgungserwartungen herunterspielen, weil sie ein Interesse daran haben, sich als selbstständige, moderne Frauen darzustellen, die von Männern unabhängig sind. Diese Kritiklosigkeit wird noch deutlicher in der Studie Allmendingers. 

Nehmen Sie a) die Bedürfnisse von Frauen ernst oder b) sind Sie larmoyant und zynisch?

Dass Männer zu über 70 Prozent den Eindruck haben, Frauen würden von ihnen die Rolle des Familienversorgers erwarten, bestätigt ein Detail in der Allmendinger-Studie, dass dort in den Kommentaren nicht eigens erwähnt wird: 72% aller befragten Frauen erwarten von ihrem Partner, dass er „viel Geld verdient“ (gegenüber 44,6 % der Männer, S. 59). Natürlich lassen sich die Ergebnisse zu zwei ganz ungleich strukturierten Gruppen nicht unmittelbar vergleichen, trotzdem macht dieser Bezug ein bezeichnendes Problem beider Studien deutlich: Bei beiden fehlen Kontrollfragen, mit denen überprüft werden könnte, ob die erteilten Auskünfte verlässlich sind oder ob Männer und Frauen jeweils ein Wunsch-Selbstbild präsentieren.

Das hat seinen Grund auch in den Interpretationsroutinen der Aussagen von Männern und Frauen. Die Aussagen der Männer werden durch die Interpretinnen schlicht auf ihren Symptomcharakter abgeklopft: Zeigen sich die Männer als modern und aufgeschlossen, oder sind sie gegen allen Widerstand der gutwilligen Frauen traditionellen Rollenbildern verhaftet, möglicherweise gar mit einer Neigung zu „Larmoyanz oder Zynismus“ (die Allmendinger, zum Glück, nur bei wenigen Männern entdeckt, S. 45)?

Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund, die Einschätzungen der Männer nicht ernst zu nehmen. Schon dadurch, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eine Trennung für Männer wesentlich schmerzhafter und teurer machen als für Frauen, sind viele von ihnen schließlich in der Beziehung in hohem Maße erpressbar – es ist in ihrem eigenen Interesse, von den Erwartungen der Partnerin ein realistisches Bild zu haben.

Die Aussagen von Frauen sind für die Interpretinnen, ganz im Unterschied zu denen der Männer, jeweils schlicht wichtige Hinweise darauf, was in der Geschlechterpolitik noch erledigt werden muss, wo Frauen noch weitere Hinweise aus dem Weg geräumt werden müssen. Allmendinger verlangt beispielsweise, dass Betriebe von einer „Kultur der Anwesenheit“ gerade bei der beruflichen Karriere Abstand nehmen müssten (S. 52) – diese Kultur verbaue schließlich Karrierewege für Frauen.

Auch hier ist es für die Interpretin schlicht nicht von Belang, dass es für eine solche „Kultur“ plausible pragmatische Gründe geben könnte – es scheint, als sei es allein eine Frage guten Willens, die Bedingungen des Arbeitsmarktes den geäußerten Bedürfnissen der Frauen anzupassen. Was hier weiblichen Führungskräften selbstverständlich ermöglicht werden soll, würde allerdings so selbst Schülern nicht zugestanden: Was würde wohl einem Schüler geantwortet werden, der beständig die Schule schwänzt, das Problem aber nicht in seinem eigenen Verhalten, sondern in einer irrationalen schulischen „Kultur der Anwesenheit“ entdecken würde?

Fast absurd spitzt Allmendinger ihre Orientierung an den Bedürfnissen der befragten Frauen zu, wenn sie „im Sinne einer Humanisierung der Arbeit“ (S. 50) eine 32-Stunden-Woche fordert, ohne zu erwähnen, wie sie denn ausgerechnet auf 32 Stunden gekommen ist: 32 Stunden sind die durchschnittliche Wunsch-Arbeitszeit in den Selbstauskünften von Frauen (S. 38).

Sind Sie a) partnerschaftlich oder b) machen Sie Frauen keinen Platz?

Es sind Frauen, die auf Frauen schauen, und es sind Frauen, die Männer beurteilen“, kommentiert Arne Hoffmann die hier zitierten und andere Studien.  Mehr noch: Während die Bedürfnisse und Erwartungen von Frauen hier ganz selbstverständlich als Maßstab begriffen werden, an dem die politische Wirklichkeit – und natürlich das Verhalten der Männer – zu messen sei, wird zugleich ein Anteil der Frauen an der Interaktion zwischen den Geschlechtern überhaupt nicht wahrgenommen. MANNdat kommentiert:

Völlig unberücksichtigt bleibt die Frage, warum Frauen das Recht haben sollen, von Männern die Erfüllung ihrer Wünsche fordern zu dürfen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, im gleichen Maße auf die Wünsche und Forderungen ihrer Männern einzugehen.

Wenn aber Allmendinger eine „partnerschaftliche“ Beziehung (S. 27, 35) zwischen den Geschlechtern fordert, dann meint sie dabei keineswegs eine Beziehung, in der sich beide auf ein Modell des Zusammenlebens geeinigt haben, mit dem sie beide leben können. Sie weiß immer schon vorher genau, wie eine Partnerschaft auszusehen hat: als ein Zusammenleben, bei dem Mann und Frau Haushalt und Kindessorge zu gleichen Teilen aufteilen. Kein Wort allerdings dazu, wie dies realisierbar sein sollte angesichts einer Erwerbssituation, bei der offenkundig ein großer Teil der Frauen selbst zwar etwas zum Familieneinkommen beitragen möchte, die Verantwortung für die finanzielle Reproduktion der Familie aber weiterhin selbstverständlich beim Mann sieht.

Kein Wort auch dazu, dass ein solches Modell voraussetzen würde, Ungerechtigkeiten gegenüber Männern im Sorgerecht zu beenden. Im Ergebnis werden Männer und eine weitgehend durch Männer finanzierte Geschlechterpolitik dafür verantwortlich gemacht, Frauen immer gleich zwei Plätze freizuhalten – die etablierte weibliche Herrschaftsposition in Familie und Kindessorge zu bewahren und zugleich in dazu passendes berufliches Umfeld bereitzustellen, das auf Wunsch genutzt werden kann.

Frauen werden dabei in einer so vernichtenden Weise präsentiert, dass es rätselhaft ist, warum sich eigentlich außer Birgit Kelle keine Frau daran stört – als Wesen, von denen es schlicht nicht erwartet werden könnte, ihren eigenen Anteil an der sozialen Interaktion wahrzunehmen. Für Männer ist die daraus entstehende Situation absurd: In der Partnerschaft sind sie weiterhin in aller Regel mit Versorgungserwartungen konfrontiert und darin erpressbar – und zugleich müssen sie sich mit einer öffentlichen Rhetorik der Gleichberechtigung arrangieren, die Verantwortung von Frauen klein redet und nicht einmal die Möglichkeit männlicher Benachteiligungen einräumt.

Offenbar reagieren viele Männer auf diese Spaltung zwischen den realen Erwartungen in der Partnerschaft und öffentlicher Rhetorik mit stillschweigenden Rückzügen – beispielsweise, indem sie ihren Kinderwunsch zurückstellen und dadurch in der Partnerschaft weniger erpressbar werden. Ausgerechnet das ermutigendste Ergebnis der Studien aber wurde in der Rezeption am meisten skandalisiert: dass nämlich ein Großteil der Männer eine Gleichberechtigungspolitik ablehnt, die ihre eigenen Bedürfnisse missachtet und männliche Benachteiligungen programmatisch übersieht – und dass also viele Männer bereit sind, sich nicht mehr nur stillschweigend zurückzuziehen, sondern auch offensiv mit einer absurden Geschlechterpolitik auseinanderzusetzen.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau.

 

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