Geschlechterdebatte

Brauchen wir Professuren für Genderforschung an Universitäten und Hochschulen?

15. August 2013, von Dr. habil. Heike Diefenbach

In der von der Heinrich-Böll-Stiftung vor einigen Wochen veröffentlichten sogenannten Argumentationshilfe (für ansonsten anscheinend der Argumentation Unfähige) mit dem Titel „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ hat der mitverantwortliche, weil Mitautor, dieses Werkes Manfred Köhnen die Vermutung geäußert, dass es Bestrebungen gebe, Genderlehrstühle an deutschen Universitäten und Hochschulen abzuschaffen.

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Zwar war uns bis dahin nichts über solche Bestrebungen bekannt, aber mit seiner Bemerkung hat Köhnen die durchaus relevante und interessante Frage aufgeworfen, ob Professuren für Genderforschung an Universitäten und Hochschulen gebraucht werden oder ob sie ohne nennenswerte Verluste gestrichen werden können oder ob sie möglicherweise mehr Schaden anrichten als Nutzen erbringen.

Diese Frage muss grundsätzlich erlaubt sein, weil Universitäten und Hochschulen aus Steuergeldern und damit von allen Steuerzahlern finanziert werden. Die Frage stellt sich aber auch angesichts der Tatsache, dass weder der Öffentlichkeit noch der Mehrheit der Kollegen aus verschiedenen Sozialwissenschaften bekannt oder klar ist, was genau Genderlehrstühle und Genderforschung zum Erkenntnisgewinn in den Sozialwissenschaften beitragen, ob sie überhaupt etwas hierzu beitragen oder ob sie einer rein ideologischen Agenda folgen, die nicht nur nichts zur wissenschaftlichen Erkenntnis beiträgt, sondern sie behindert.

Für Letzteres sprechen viele Indikatoren. Einige von ihnen wurden auf diesem blog bereits besprochen, zuletzt der Aufruf der Koordinatorin des Netzwerkes Frauen- und Geschlechterforschung NRW, Beate Kortendiek, zum Boykott von Primärforschung durch Prof. Dr. Günter Buchholz zur Entstehung der Genderforschung, der schwerlich anders interpretiert werden kann, denn als Angriff auf die Wissenschaft.

Es gibt einige Tatsachen, die dies ebenfalls zeigen und die so schlicht sind oder an die man sich schon so stark gewöhnt hat, dass man sie normalerweise übersieht. Eine dieser schlichten Tatsachen ist, dass Gender-Professuren eingerichtet werden, in denen „Genderforschung“ in allen möglichen Kombinationen betrieben werden soll, z.B. für „Gender und Design“ an der Kölner International School of Design/KISD oder für „Genderforschung und Mathematikdidaktik“ an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, die auch „Professur für Mathematik und ihre Didaktik mit einem Schwerpunkt Geschlechterforschung“ heißt – man weiß in Ludwigsburg anscheinend nicht so genau, wie viel Mathematik an diesem Lehrstuhl noch Platz findet. Dabei wird die Frage danach, ob „Gender“ als kultur- und sozialisationsbedingte Konstruktion von Geschlechtlichkeit in einem bestimmten Bereich überhaupt relevant ist oder jedenfalls relevanter ist als andere kultur- und sozialisationsbedingte Konstruktionen – wie z.B. die einer Abstammung aus einem „bildungsfernen“ Elternhaus – von vornherein als positiv zu beantworten vorausgesetzt.

In wissenschaftlicher Tradition stünde es dagegen zu prüfen, ob die Konstruktion von Geschlechtlichkeit in einem bestimmten Bereich tatsächlich von nennenswerter Relevanz ist. Dass das nicht geschieht, sondern die Relevanz ohne Weiteres als einigen geoffenbarte Wahrheit behauptet wird, zeigt, dass es hier nicht um Wissenschaft geht, sondern um die Durchsetzung des politischen Programms des Gender Mainstreaming, dessen Ziel es ist,

„bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt“,

wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (aber nicht: Singles und Männer!) in seinem Propagandamaterial mit dem Titel “Checkliste Gender Mainstreaming bei Maßnahmen der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“ verkündet, so, als habe das Ministerium (oder welcher konkrete Mensch dort auch immer) ontologische und epistemologische Fragen, die Philosophen und Wissenschaftstheoriker seit Jahrhunderten bearbeiten und zu beantworten versuchen, so nebenbei einmal und unbemerkt von diesen Philosophen, Wissenschaftstheoretikern sowie der gesamten Öffentlichkeit gelöst, und so, als könne man umstandslos davon ausgehen, dass Frauen und Männer unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen hätten, was offensichtlich Unsinn ist – man denke nur an die Lebenssituation und die Interessen, die man (ggf.) mit seinem gegengeschlechtlichen Lebenspartner teilt. Das Ausmaß an Respekt, das Organe des Gender Mainstreaming vor der Lebensrealität der Menschen, aber auch vor der Wissenschaft als Idee und als Institution haben, wird hier mehr als deutlich – und es ließen sich unüberschaubar viele andere Beispiele hierfür anführen.

Dass es bei den Gender-Professuren nicht um Wissenschaft, sondern um die Durchsetzung des politischen Programms des Gender Mainstreaming geht, wird auch dadurch belegt, dass die Verankerung der so genannten Genderforschung an den Hochschulen und Universitäten unter Mithilfe von Zentren, Instituten und allerhand anderen staatlich finanzierten Multiplikatoreneinrichtungen mit wissenschaftlich konnotierten Namen betrieben wird, die im Zuge des Aufbaus eines umfassenden Netzwerkes zur Durchsetzung des Programms des Gender Mainstreamings eingerichtet worden sind, so z.B. im Fall der Maria-Goeppert-Mayer-Professur „Gender, Technik und Mobilität“ an der Universität Braunschweig.  In den Braunschweiger Gender News vom 11. März 2012 wird berichtet (die Hervorhebung im Text habe ich ergänzt):

„Maria-Goeppert-Mayer-Professur ‚Gender, Technik und Mobilität‘ kommt.

Vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) wurde der Antrag des Braunschweiger Zentrums für Gender Studies (BZG) mit der TU  Braunschweig und der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften für eine  Maria-Goeppert-Mayer-(MGM)-Professur „Gender, Technik und Mobilität“ positiv  beschieden. Die Professur wird an der Fakultät für Maschinenbau der TU angesiedelt  sein und an beiden Hochschulen lehren. Darüber hinaus ist sie in das BZG  eingebunden. Die damit einhergehende fakultäts- und hochschulübergreifende Ausrichtung von Forschung und Lehre umfasst auch eine Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Im Rahmen des Berufungsverfahrens fanden im Februar 2012 folgende öffentliche Vorträge statt:

- Dr. Andrea Wolffram: Gender in E-Motion: Aushandlungen von Geschlechter-  und Technikverhältnissen im Kontext mobilitätsbezogener Technologiekonzepte

- Dr. Petra Lucht: Die Montage-Gesellschaft

- Dr. Ingrid Jungwirth: Berufsverläufe hochqualifizierter Migrantinnen in den MINTFächern: Begrenzte Mobilitäten

- Dr. Corinna Bath: Feministische Technikgestaltung. Befunde, Analysen und zukünftige Herausforderungen

- Dr. Tanja Paulitz: Mann und Maschine. Wissenskulturen der Technikwissenschaften.“

Diese Art von Netzwerkbildung durch die Schaffung von so genannten Multiplikatoren, auch an Universitäten und Hochschulen, ist durchaus üblich, und weil man bei Universitäten und Hochschulen nie sicher sein kann, ob sie sich nicht doch daran erinnern, dass sie eigentlich der Wissenschaft und keiner politischen Agenda verpflichtet sind, ist es oft notwendig, den neu geschaffenen Gender-Brückenkopf in Form einer Gender-Professur in ein außeruniversitäres „Zentrum“, das der politischen Agenda seine Existenz verdankt, einzubinden. Man beachte, dass der Antrag auf die Gender-Professur ein „Antrag des Braunschweiger Zentrums für Gender Studies (BZG) mit der TU Braunschweig und der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften“ ist; der übliche Ausdruck für gemeinsame Anträge lautet „gemeinsamer Antrag von …“. Welcher Stellenwert genau die „Zusammenarbeit mit der  Hochschule für Bildende Künste Braunschweig“ hat, bleibt unklar, aber Dozenten wie Studierenden an dieser Hochschule sei in jedem Fall die Lektüre von Otto Thomaes „Die Propaganda-Maschinerie, Bildende Kunst und Öffentlichkeitsarbeit im Dritten Reich“ (Berlin 1978) empfohlen.

Durch die Einbindung kann sichergestellt werden, dass die „Gender“-Professur nicht am Ende von Wissenschaft vereinnahmt wird. Und wenn dieser Brückenkopf der politischen Agenda, dessen Botschaften auch gleich noch unter Studierenden verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und an mehreren Universitäten oder Hochschulen verbreitet, also „fakultäts- und hochschulübergreifend“ tätig werden dürfen, dann erfüllt er seine Rolle als Multiplikator besonders gut: Er findet nicht einfach nur mehr Zuhörer in Form von Studierenden, sondern die Mehrfachbeschäftigung derselben Multiplikatoren an verschiedenen Universitäten und Hochschulen verstärkt die Suggestion, hier handle es sich um wissenschaftlich relevante Botschaften, und legitimiert quasi ex post facto die Existenz des Brückenkopfes und seine Verankerung an einer (im Übrigen beliebigen) Universität oder Hochschule.

Eine andere simple und jederzeit von jedem leicht nachzuprüfende Tatsache ist, dass Gender-Professuren seltsamerweise sehr stark überwiegend von Frauen besetzt werden und sich irgendwie, aber immer, mit Frauen beschäftigen, aber weit weniger mit Männern, und wenn, dann mit Männern aus (der vermeintlichen) Frauenperspektive (dies kann z.B. auch anhand der unten stehenden Liste für Gender-Professuren in Berlin geprüft werden). Und dies, obwohl „Gender“ als Konstruktion doch eigentlich so viele Ausprägungen haben können sollte wie es Menschen gibt. Tatsächlich scheint es aber noch weniger Ausprügungen zu haben als das gute alte „Geschlecht“, das neben Frauen immerhin noch Männer kannte.

Dass Genderforschung de facto Frauenforschung, also Forschung über Frauen oder in ihrem (vermeintlichen) Interesse ist, erklärt sich daraus, dass Gender Mainstreaming nicht nur die Beachtung der angeblich „unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern“  anstrebt, sondern und vielmehr die Aufhebung der diesbezüglichen (vermeintlichen) Unterschiede, auch „Gleichstellung“ genannt. Und dass „Gleichstellung“ vor allem auf die Förderung der vermeintlichen Fraueninteressen abzielt, erklärt sich wiederum dadurch, dass pauschal vermutet wird, dass Männer in nahezu jeder Hinsicht in einer beneidenswerten oder überlegenen Position seien, so dass fast immer Frauen Männern gleichgestellt werden müssten, aber nicht umgekehrt, und schon gar nicht da, wo es Genderforschern deucht, als seien die Positionen, die typischerweise Männer innehaben, z.B. Kanalarbeiter, Notärzte, Klempner, Dachdecker, Arbeiter bei der Müllabfuhr, in Klärwerken oder bei Sicherheitsdiensten, vielleicht doch nicht umfänglich erstrebenswert. Das wiederum ist so, weil es seit Jahr(hundert)tausenden angeblich das „Patriarchat“ gibt, was ein intellektuell klingender Ausdruck dafür ist, dass man meint, Männer hätten sich schon immer aus unbekannten Gründen gegen Frauen verschworen – was sonst hätte männliche Menschen in den vergangenen 500.000 Jahren bewegen können?! – und Frauen bildeten ebenfalls aus unbekannten Gründen eine eingeschworene Opfergruppe – als was sonst könnten sich erwachsene, normal entwickelte Frauen sonst fühlen?!

Würde man diese Auffassungen einem Psychotherapeuten vorlegen, der von Gender und Gender Mainstreaming nichts weiß, (sondern nur von Menschen), dann würde er zweifellos eine neurotische oder paranoide Persönlichkeit hinter ihnen vermuten, oder wie Fox Mulder in der X-file-Episode mit dem bezeichnenden Titel „Field Trip“ sagt: „It sounds like crap when you say it.“

Dessen ungeachtet hat die politische Gender-Agenda die Wissenschaft in ihrer institutionalisierten Form (!) in erschreckendem Ausmaß unterwandern können wie die folgende Liste der Arbeitsgemeinschaft der Frauen- und Geschlechterforschung (wieder einmal in dieser Kombination!) in Berlin zeigt, die die "Präsenz in den Fachgebieten [wovon kann nicht angegeben werden, daher geht es weiter mit:] (Gender-Professuren)" in Berlin zusammenstellt:

Präsenz in den Fachgebieten (Gender-Professuren)
Liste I: Professuren an Berliner Hochschulen mit offizieller Gender-Denomination
(Stand: August 2012)
Gastprofessuren sind nur aufgenommen, wenn sie für länger als 2 Semester eingerichtet sind.

Fächerübergreifende interdisziplinäre Genderprofessuren
TU – Professur für „Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung“ (Sabine Hark)

Fächergruppe I
Asien- und Afrikawissenschaften, Erziehungswissenschaft und Soziale Arbeit, Ethnologie, Philosophie, Politikwissenschaften und Sozialwissenschaften, Psychologie, Publizistik und Kommunikationswissenschaften, Rechtswissenschaft und Rechtspflege, Sportwissenschaft, Wirtschaftswissenschaften

Erziehungswissenschaft und Soziale Arbeit
ASH – Juniorprofessur für „Allgemeine Pädagogik und Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Diversity“ (María do Mar Castro Varela)
KHSB – Professur für „Jungen- und Männerarbeit und geschlechterdifferenzierende Soziale Arbeit“ (Stephan Höyng)

Ethnologie
HU – Professur für „Geschlechterstudien und Europäische Ethnologie“ (Beate Binder)

Philosophie
FU – Professur für „Philosophie, unter besonderer Berücksichtigung der Ethik und der interdisziplinären Geschlechterforschung“ (Hilge Landweer)

Politikwissenschaften und Sozialwissenschaften
FU – Professur für „Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Gender und Diversity“ (Dagmar Vinz, vertreten durch Brigitte Kerchner)
HU – Professur für „Gender und Globalisierung“ (Christine Bauhardt)
HU – Juniorprofessur für „Diversity Politics” (Ina Kerner)
HU – Professur für „Soziologie der Arbeit und der Geschlechterverhältnisse“ (Hildegard M. Nickel)
HWR – Professur für „Sozialwissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Geschlechterverhältnisse“ (Claudia Gather)

Publizistik und Kommunikationswissenschaften
TU – Professorin für „Mediensoziologie und Geschlechterforschung“ (Christiane Funken)

Rechtswissenschaft und Rechtspflege
HU – Professur für „Öffentliches Recht und Geschlechterstudien“ (Susanne Baer, vertreten durch Sarah Elsuni)
HWR – Professur für „Rechtswirkungsforschung und Justizorganisation unter besonderer Berücksichtigung der Rolle von Frauen und Familienrecht“ (Susanne Sonnenfeld)

Wirtschaftswissenschaften
HU – Juniorprofessur für „Gender und Diversity Management“ (Barbara Beham)
HWR – Professur für „Wissensmanagement, eLearning und Gender/Diversity“ (Heike Wiesner)

Fächergruppe II
Archäologie, Geschichtswissenschaften, Islamwissenschaft, Judaistik, Kulturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Lateinamerikanistik, Linguistik, Literaturwissenschaft (Philologien), Religionswissenschaft und Theologie, Tanz- und Theaterwissenschaften

Geschichtswissenschaften
FU – Professur für „Neuere Geschichte unter besonderer Berücksichtigung des Spätmittelalters, mit Schwerpunkt Historische Frauenforschung“ (Claudia Ulbrich)

Kulturwissenschaft
HU – Juniorprofessur für „Wissensgeschichte und Genderstudies“ (Claudia Bruns)

Kunstwissenschaften
FU – Professur für „Tanzwissenschaft und Gender Studies“ (Isa Wortelkamp)
FU – Juniorprofessur für „Theater- und Tanzwissenschaft mit Schwerpunkt Gender Studies“ (Susanne Foellmer)
UdK – Juniorprofessur für „Musikwissenschaft – Gender Studies“ (Christine Siegert)
UdK – Juniorprofessur für „Theaterwissenschaft mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung“ (Katja Rothe)
UdK – Juniorprofessur für „Musikwissenschaft – Gender Studies“ (Christine Siegert)
UdK – Juniorprofessur für „Theorie der Gestaltung, Ästhetische Theorie mit Teildenomination Gendertheorie“ (Judith Siegmund)
UdK – Juniorprofessur für „Bildende Kunst mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung“ (im Verfahren)

Lateinamerikanistik

Linguistik
HU – Professur für „Gender Studies und skandinavistische Linguistik“ (Antje Lann Hornscheidt)

Literaturwissenschaft (Philologien)
FU – Professur für „Neuere deutsche Literatur mit einem Schwerpunkt im Bereich der literatur- und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung“ (Anne Fleig)
FU – Professur für „Cultural Studies mit dem Schwerpunkt Gender Studies“ (Sabine Schülting)
HU – Professur für „Literatur 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart/Theorien und Methoden der literaturwissenschaftlichen Geschlechterforschung“ (Ulrike Vedder)

Religionswissenschaft und Theologie
HU – Juniorprofessur für „Theologie und Geschlechterstudien“ (Ulrike Auga)

Fächergruppe III
Medizin, Gesundheits- und Pflegewissenschaften
Charité Universitätsmedizin Berlin – Professur für „Frauenspezifische Gesundheitsforschung mit Schwerpunkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ (Vera Regitz-Zagrosek)

Fächergruppe IV
Biologie, Geowissenschaften, Informatik, Mathematik, Naturwissenschaft, Physik

Geowissenschaften
FU – Juniorprofessur für „Geographische Entwicklungsforschung mit Schwerpunkt Genderforschung“ (Dörte Segebart)

Mathematik
FU – Gastprofessorin für „Genderstudien in der Mathematik“ (Anina Mischau)

Naturwissenschaft
HUB – Professur für „Gender and Science/ Naturwissenschafts- und Geschlechterforschung“ (im Verfahren)

Selbst, wenn man der Meinung wäre, dass Genderforschung außer von denen, die von ihr leben, gebraucht wird und zu irgendetwas zu gebrauchen sei, dann könnte man angesichts dieser Liste, die sich nur auf Berlin bezieht, guten Gewissens sagen, dass der Bedarf nunmehr mehr als gedeckt ist.

Aber es gibt nicht einmal einen Bedarf an diesen oder wenige/re/n Gender-Professuren: Die Variable „Geschlecht“ kann nämlich – surprise, surprise! – durchaus im Rahmen von nicht-Gender-sozialwissenschaftlichen Forschungen geprüft und ggf. in eben solchen Lehrangeboten behandelt werden. Tatsächlich wurde sie während der vergangenen Jahrzehnte in der normalen Sozialwissenschaft berücksichtigt, und sie wird es auch heute in den normalen Sozialwissenschaften, ohne dass jedem Forschungsgegenstand zwanghaft die „Genderforschung“ oder die „Geschlechterverhältnisse“ angehängt werden müssten.

Die Behandlung von „Geschlecht“ ist aber nicht nur ohne Gender-Professuren – und damit für den Steuerzahler deutlich billiger als derzeit – machbar, die Behandlung von Geschlecht außerhalb von Gender-Professuren hat vielmehr (mindestens) zwei große Vorteile:

Erstens wird z.B. in der normalen Sozialstrukturanalyse „Geschlecht“ traditionell und selbstverständlich in Kombination mit und Relation zu anderen Ungleichheitsdimensionen betrachtet, so dass kein verzweifelter Ruf nach „Intersektionalität“ erfolgen muss, wie er erfolgen muss, wenn Genderforscher lediglich eine einzige Eigenschaft von Menschen berücksichtigen und dann merken, dass die reine „Gender“-Lehre tatsächlich von anderen, bislang anscheinend unbekannten Eigenschaften der Menschen wie z.B. ihrer Bildung, ihrem Alter, ihrem Einkommen, ihrer Staatsbürgerschaft oder ihrem gesundheitlichen Zustand verunreinigt wird.

Wenn eine solche Einsicht notwendig wird, „lösen“ Genderforscher das Problem auf zweifache Weise. Zum einen betrachten sie „die“ Frau z.B. in ihrer spezifischen Situation als geduldeter Flüchtling in der totalen Institution „Asyl“, statt – wie man es von engagierten Sozialforschern erwarten würde – geduldete Flüchtlinge in der totalen Institution „Asyl“ zu betrachten und im Zuge dieser Betrachtung anzufügen, dass es geschlechtsspezifische Belastungen gibt, falls sie sich feststellen (nicht: erfinden!) lassen. Zum anderen fordern Genderforscher dann mit erhobenem Zeigefinger „Intersektionalität“ und tun so, als wäre die Ignoranz gegen andere sozio-demographische Merkmale von Menschen als ihr Geschlecht etwas, was alle anderen, außer sie selbst, also Genderforscher, auszeichnen würde, wenn es sich in der Realität genau umgekehrt verhält. In der Psychotherapie spricht man diesbezüglich von Projektion, in der Integrativen Gestalttherapie ebenfalls, aber als eine spezifische Form der Kontaktstörung, wobei „Kontakt“ hier den Prozess des Austausches zwischen einem Organismus und der Umwelt bezeichnet. Ich finde diese Auffassung mit Bezug auf die Art der Kommunikation, die Gender-Bewegte pflegen, überaus treffend.

Zweitens verhindern das theroetische und konzeptionelle Wissen ebenso wie das  Methodenwissen, das in den „normalen“ Sozialwissenschaften seit Langem etabliert ist, bei der Behandlung von „Geschlecht“ so grobe Schnitzer wie die, die Genderforscher begehen, wenn sie z.B. meinen, eine Einkommensungleichheit zwischen Aggregaten von Männern und Frauen würde auf Diskriminierung hinweisen, wenn sie tatsächlich leicht u.a. durch geleistete Überstunden erklärt werden kann, oder wenn sie – merkwürdigerweise ganz der Vorstellung von biologischem Geschlecht, aber nicht von Gender, verhaftet – meinen, „Feminisierung“ müsse ein Aggregat von Frauen bezeichnen, z.B. eine Mehrzahl von Lehrerinnen unter den Lehrkräften, wenn es um die Diskussion der Feminsierung des Bildungssystems geht.

Es scheint, als wäre es eine sehr gute Idee, die Beschäftigung mit Gender zugunsten der Beschäftigung mit Theorie, Konzepten, Methoden sowie Logik und den Standards wissenschaftlichen Arbeitens aufzugeben, denn dann müsste man keine Zeit mit derlei Unsinn wie dem oben beispielhaft angeführten verbingen und die freigewordene Zeit ließe sich sinnvoll investieren.

Kurz: Man kann sich kompetent mit Geschlecht beschäftigen, wenn man in den Sozialwissenschaften kompetent ist, aber man wird sozialwissenschaftlich nicht dadurch kompetent(er), dass man versucht, sich die Welt vom Gender-Konstrukt aus zu erschließen, besonders dann nicht, wenn man Gender im Zusammenhang mit einer politischen Agenda interpretiert und bearbeitet – im Gegenteil.

Übrigens: Die „Entdecker“ des „doing gender“, Candace West und Don H. Zimmerman, sowie Erving Goffman waren ganz normale Soziologen. Und sie wussten, dass Gender eine Inszenierung ist, die man betreiben kann, um sich auf bestimmte Weise darzustellen und damit bestimmte Dinge zu erreichen, wenn es opportun erscheint. Eine Inszenierung als „Weibchen“ kann als Form der Konformität ebenso zum Ziel führen wie eine Inszenierung als „Gender-Bewegte“ – je nachdem, welche Art der Konformität gerade Belohnungen verspricht.

Soziologisch betrachtet wäre zu den Gender-Professuren also ganz im Sinne von West und Zimmerman und von Goffman zu sagen, dass sich die Inszenierung als Genderforscher unter den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen gut als Mittel dazu eignet, ein finanzielles Auskommen zu verschaffen und sich dabei im Schein der Wissenschaftlichkeit zu sonnen.

Und aus wissenssoziologischer Perspektive wäre – in Abwandlung einer Erkenntnis, die die Arbeit über „historisch-theologische Genderforschung“ an der Philpps-Universität Marburg anleitet – anzufügen, dass Universitäten und Hochschulen sowie Wissenschaft „als gesellschaftliche Deutungsmächte die professionelle Identität und damit die Handlungsmöglichkeiten der Akteurinnen und Akteure prägen oder begrenzen“. Wenn das so ist, dann muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine Deutung von Gender als immer und überall und besonders relevant und von Genderforschung als Wissenschaft die Handlungsmöglichkeiten auch derjenigen Akteurinnen und Akteure, die tatsächlich Wissenschaft betreiben wollen und nicht dabei zusehen oder sogar helfen wollen, eine politische Agenda an der Universität durchzusetzen, ganz erheblich prägt, vor allem aber: begrenzt.

Auf welche Weise Wisssenschaftler und Wissenschaft durch Gender-Professuren und die Gender-Ideologie geprägt und begrenzt werden, ist eine Forschungsfrage, die aufgrund ihrer Implikationen für die Idee und die Institutionen der Wissenschaft und angesichts einer durch einen wissenschaftsfeindlichen Staatsfeminismus vorangetriebenen Irrationalisierung der Gesellschaft zweifellos von weit größerer Relevanz ist als die zwanghafte Beschäftigung mit Gender. Insofern ist die Untersuchung dieser Frage allen Sozialwissenschaftlern aufgegeben, und insofern wäre bildungspolitisch zumindest zu fordern, dass Gender-Professuren Professuren zur Untersuchung der Folgen der Genderisierung der Wissenschaft beigesellt werden.

©Heike Diefenbach, 2013

Der Artikel erschien zuerst auf sciencefiles.org

 

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