Geschlechterdebatte

Facebook: Nazi-Mist ist okay, Feminismus-Kritik muss weg

06. Juni 2013, von Lucas Schoppe

Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten (und letzten) Mal ein Bild bei Facebook gemeldet. Das Bild vom 4.1. zeigt eine Dose Nüsse, beschriftet ist sie mit den Worten „Buchenwald’s Beste“, darunter steht „Cash-Jews“ (also etwa: Geldjuden), neben den Schriftzug „Nur echt mit dem Stern“ ist ein Judenstern gezeichnet, unten prangt ein Hakenkreuz mit dem Satz „Hergestellt nach dem deutschen Reinheitsgebot“.

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Was Juden eigentlich mit Nüssen zu tun haben, macht das Partizip vor dem Begriff „Cash-Jews“ klar – es sind „Geröstete Cash-Jews“.

Ein lupenreines Nazi-Bild, das antijüdische Klischees nutzt und sich offen über den Massenmord an den europäischen Juden lustig macht. Ein paar Tage später erhielt ich von Facebook eine sehr knappe Mail mit dem Satz „Wir haben deine Meldung zu [Umstrittener Humor] Schwarzer Humors Foto überprüft.“ Das war alles: Das Bild wurde nicht entfernt, obwohl ich weiß, dass ich bei Weitem nicht der einzige bin, der es gemeldet hatte. Mittlerweile ist er auf der entsprechenden Seite der Gruppe ein zweites Mal gepostet, Hunderte von Facebook-Nutzern geben an, dass sie es mögen. Die Seite ist insgesamt voller rassistischer und antisemitischer Bilder und Sprüche, regelrecht zwanghaft sind Witze über Anne Frank (die zum Beispiel mit Papierhütchen und dem Spruch „I played hide and seek“ dargestellt wird, 9.1.), die Seite macht sich über eine Statistik lustig, die eine rapide Schrumpfung der jüdischen Weltbevölkerung während der Nazi-Herrschaft zeigt (31.3.), nutzt Nazi-Chiffren wie den Hitler-Code „88“ („Frage mich, womit die heizen“, 28.3.), macht zahllose Witze über Juden, Schwarze oder Türken und spottet auch über Angriffe auf Israel in der heutigen Zeit („Reise nach Jerusalem“, 3.1.). Auch rassistische Klischees werden offen bedient, Bilder erhängter Schwarzer mit dem Satz „Mal die schwarze Seele baumeln lassen“ untertitelt (1.4.), gleich mehrmals wird die Frage „What’s the most positive thing in Africa?“ mit „HIV“ beantwortet, und unter einem Bild eines Affen neben einem weißen Kind steht der Satz „Black children and white children are the same“ (1.4.). Dies nur einige Beispiele von sehr viel mehr möglichen.

Nazis rein, Kritiker raus

Die Facebook-Seite „[Umstrittener Humor] Schwarzer Humor“ gefällt zum Zeitpunkt dieses Posts 53.908 Nutzern. Dass hier „schwarzer Humor“ vorgeführt würde, ist eine Schutzbehauptung – die meisten Posts sind nicht witzig, sie wirken lediglich durch die Heftigkeit der Grenzüberschreitung. Die Seite wirkt gerade durch die Schamlosigkeit, mit der sie brutal-dummes Nazi-Gerede vorführt und ausstellt. Facebook wiederum ignoriert Beschwerden über die Seite und deckt die rechtsradikale Propaganda, die auf seiner Plattform betrieben wird – vielleicht schlicht deswegen, weil sie erfolgreich ist und Nutzer an Facebook bindet.

Sicherlich – es gibt radikale Verfechter der Meinungsfreiheit, die auch einer solchen Seite ein Existenzrecht zugestehen. Ich finde das falsch – die Verhöhnung der Ermordeten ist keine „Meinungsäußerung“, sondern einfach eine kranke Rohheit. Der Massenmord an den europäischen Juden war ja unter anderem auch der größte systematische Kindermord der Weltgeschichte, und die zwanghaften Anne Frank-Witze der Seite spielen darauf an – eine solch Verrohung einfach stehen zu lassen, als Unterhaltungsmaterial für Tausende, ist barbarisch und hat in meinen Augen mit einem liberalen Verständnis von freier Rede gar nichts zu tun.

Umso erstaunter war ich, als ich nun bei Genderama las, dass Facebook sehr wohl Einträge löscht – beispielsweise dieses Bild: „I need feminism because when I kill my husband feminists will defend me“ steht auf dem Schild, das eine junge, in die Kamera lächelnde Frau in den Händen hält. Das Bild spielt satirisch unter anderem auf feministische Verteidigungen der Massenmörderin Aileen Wuornos an und auf den Prozess gegen Jodi Arias, die in den USA wegen eines brutalen Mordes an ihrem Freund verurteilt und die von Feministinnen unterstützt wurde – als „geschlagene Frau“, die sich bloß gewehrt habe. Gelöscht wurde auch ein Text des britischen Politikers Mike Buchanan über männliche Opfer häuslicher Gewalt.

Natürlich, Foto und Text wurde von Facebook in den USA und Großbritannien gelöscht, und Facebook in Deutschland hat möglicherweise andere Maßstäbe, die dann eben auch an der „Umstrittener Humor“-Seite deutlich wurden. Allerdings gibt es auch in den USA „Controversial Humor“-Gruppen, die von Facebook unbeanstandet offen rassistische Bilder und Witze posten. Zudem gehört es ja gerade zur Bedeutung von Facebook, dass nationale und geografische Grenzen keine Rolle spielen – mit Freunden in London oder New York kann man dort ebenso problemlos kommunizieren wie mit Freunden in Lindau oder Neunkirchen. Maßstäbe, die entlang nationaler Grenzen radikal unterschiedlich sind, werden dem Medium offenkundig nicht gerecht.

Zornige Göttinen

Es ist ebenso klar, dass Facebook schlicht doppelte Standards anlegt (dazu mehr auch hier) – während Nazi-Propaganda gegen Beschwerden geschützt wird, wird sachliche, satirisch überspitze Kritik an feministischen Positionen als intolerabel behandelt. Anders ausgedrückt: Feministische Positionen werden von Facebook regelrecht sakralisiert, Kritik an ihnen weist schon durch ihre bloße Existenz ihre eigene Verworfenheit nach, ist faktisch blasphemisch, ohne dass überhaupt noch gefragt werden müsste, ob sie inhaltlich begründet ist oder nicht.

Diese Tendenz wiederum ist ja nicht auf die USA oder Großbritanien begrenzt – gerade erst war ja beispielsweise eine Radiosendung der ARD in der Diskussion, die ohne jeden Nachweis den Einsatz für Menschenrechte von Männern und Jungen mit dem Massenmord Breiviks verknüpft. Für den Autor der Sendung, Ralf Homann, sind feministische Positionen offenkundig in einem solchen Maße sakralisiert, dass er schon ein klares Abweichen von ihnen, gar eine offene Kritik als eine massive Verletzung wahrnimmt, so gravierend, dass er sie nur mit einem Massenmord assoziieren kann.

Dieselbe religiöse Überhöhung findet sich auch schon in der Schrift der grünen Heinrich Böll-Stiftung, die Homanns Radiobeitrag zu Grunde liegt. Auch hier stellt der Autor der „wissenschaftlichen“ Studie nicht ein einziges Mal die Frage, ob die Männerrechtsbewegung vielleicht vernünftige Argumente hat, sondern unterstellt ihr rundweg eine „antifeministische“ Haltung, die er dann seinerseits mit Breiviks Verbrechen verknüpft. Auch die massiven Störungen bei Vorträgen von Monika Ebeling, die Männern ebenso wie Frauen einen Anspruch auf Schutz ihrer Rechte und Integrität zubilligt, sind Symptom der Feminismus-Sakralisierung: Es reicht den Störern und Pöblern nicht, Ebelings Position kritisieren, sich von ihr klar abgrenzen zu können – für sie ist es unerträglich, dass eine solche Position überhaupt geäußert werden darf.

Natürlich ist die religiöse Überhöhung einer politischen Position, die sich auch in den willkürlichen Löschaktionen bei Facebook zeigt, widersinnig. Gewiss: Von einer „Heiligkeit des menschlichen Lebens“ lässt sich auch dann noch sinnvoll sprechen, wenn man die religiösen Hintergründe der Position nicht teilt. Sie kann im Sinne einer allgemeinen menschlichen Unverfügbarkeit interpretiert werden oder im Sinne von Kants Formel, dass ein anderer Mensch nie nur als Mittel zum Zweck, sondern immer auch als Zweck an sich betrachtet werden müsste. Eine „Heiligkeit politischer Positionen“ hingegen ist offenkundiger Quatsch. Eine Position ist im demokratischen Sinne ja eben gerade deshalb politisch, weil sie nicht heilig ist – weil sie sich der offenen Debatte stellt, kritisiert und relativiert, ja, auch in der Diskussion bekämpft werden kann. Politische Positionen zu sakralisieren, ist eine klare Absage an demokratische Politik.

Noch einen anderen Nachteil aber hat die Sakralisierung des Feminismus: Sie untergräbt gemeinsame zivile Maßstäbe. Sie ist ein besonders extremes Beispiel für eine Tendenz, die Rechte und Schutzwürdigkeiten nicht mehr allgemein allen Menschen zugesteht, sondern lediglich bestimmten Gruppen, die sich besonders erfolgreich als Opfer gesellschaftlicher Strukturen präsentieren konnten. Menschenrechte gelten nicht mehr universell, sondern exklusiv, als Sonderrechte besonders schutzwürdiger Gruppen – während Angehöriger anderer Gruppen, als „Herrscher“ und „Unterdrücker" imaginiert, aus der Humanität hinausdefiniert werden („Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“). So haben eben beide Seiten der doppelten Standards, die Facebook anlegt, einen inneren Zusammenhang in der Leugnung gemeinsamer ziviler Regeln und Rechte – und es ist aus der Facebook-Perspektive nur stimmig, einerseits rechtsradikale Hass-Propaganda als „schwarzen Humor“ zu verkaufen und gegen Einsprüche von Nutzern zu schützen, aber andererseits sachlich fundierte, satirisch nur leicht überhöhte Kritik an feministischen Positionen als unerträglich zu empfinden und zu löschen.

Der Artikel erschien zuerst auf man tau.

 

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