3. November 2012, von Prof. Walter Hollstein

Was auch in unseren Breitengraden bald Zukunft sein könnte, hat San Diego, die südkalifornische Stadt, hart an der Grenze zu Mexico, bereits vor fünfundzwanzig Jahren erlebt:

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Schon damals gab es dort eine Bürgermeisterin; die Opposition im Rathaus wurde von einer Frau geführt. Die einflussreichste Tageszeitung gehörte einer Frau, und eine Frau leitete die Redaktion. Wer abends auf den populären Kanal des Fernsehens schaltete, um die Nachrichten zu sehen, erlebte eine Informationssendung, die ausschließlich von Frauen gemacht und präsentiert wurde. Der bekannteste Literat der Region – ein Beststeller-Autor – war ebenfalls eine Frau.

Sogar die letzte Bastion amerikanischer Männlichkeit war längst eingestürzt: Die Baseball-Mannschaft der Stadt gehörte einer Frau. Eine Frau war auch die reichste Einwohnerin und größte Steuerzahlerin von San Diego. Sprach man von Frauen in der City oder am Stand, gab es die geflügelte Antwort: „Well, they make the money, make the rules and make the news!“.

men-and-masculinitiesDer Aufstieg der Frauen bedingt notwendigerweise einen sozio-ökonomischen Abstieg der Männer. Wo Frauen Machtpositionen erobern, müssen Männer sie verlassen. Der zunehmende Machtverlust des männlichen Geschlechts ist vielerorts als das deutlichste Anzeichen für eine Krise der Männlichkeit benannt worden.

Gleichzeitig wird diese Deutung aber von gewissen Fraktionen in den Gesellschaftswissenschaften auch heftig bestritten. So schreibt der englische Sozialwissenschaftler Stephen M. Whitehead stellvertretend für diesen Argumentationszweig, dass es ausgesprochen „bizarr“ sei angesichts der „Ungleichheiten in den gegenwärtigen Geschlechterbeziehungen“ von einer Krise der Männlichkeit zu sprechen (1).

Auffallend bei dieser Interpretationsrichtung ist ihr ideologischer Ansatz, a priori von den Prämissen des Feminismus auszugehen statt erst einmal die Wirklichkeit zu prüfen, wie es eigentlich die Aufgabe eines Sozialwissenschaftlers wäre. Diese Art Wissenschaft, wie sie im deutschsprachigen Raum etwa Rolf Pohl oder Michael Meuser vertreten, wird inzwischen von der Publizistik belehrt:

„Den Anlass, tatsächlich von einer Krise der Männer zu sprechen, liefern harte, objektive Fakten:die massiven Erziehungs- und Bildungsprobleme des männlichen Nachwuchses; die zunehmende, praktisch ausschließlich männliche Gewaltkriminalität; die für Männer besonders ungünstige Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt; ihre Unfähigkeit, sich auf Familie und Vaterschaft einzulassen; schließlich der Mangel an kulturellen Vorbildern für einen zukunftsfähigen Mann neuen Typs“ (2).

Das wären einige Beispiele aus einem ganzen Katalog gegenwärtiger Krisensymptome. Nun bilden Symptome bekanntermaßen nicht die Krankheit selbst. Das Problem liegt tiefer und ist im grundlegenden Wandel zu verorten, der im 20. Jahrhundert zwischen den Geschlechtern stattgefunden hat. Krisen hat es auch zuvor schon gegeben. Sie treten immer dann auf, wenn sich der gesellschaftliche Status quo verändert, und neue politische oder ökonomische Bedingungen auch neue Verhaltensweisen der Menschen verlangen. Das war im Laufe der Jahrhunderte immer wieder der Fall - in der Neuzeit zum Beispiel bei der Entstehung der Industriegesellschaft oder in der Französischen Revolution.

Die Veränderungen, die vor cirka vierzig Jahren einsetzten, gehen indessen über das bisher Geschehene weit hinaus. In Ingemar Bergmans klassischem Film „Szenen einer Ehe“ fragt Marianne ihre Johan: „Glaubst du, wir leben in absoluter Verwirrung?“. Angesichts ihrer gescheiterten Ehe will Johan wissen, wen Marianne meint: „Du und ich?“. Marianne antwortet: „Nein, wir alle“. Daraufhin erkundigt sich Johan: „Was meinst du mit Verwirrung?“: Marianne erklärt: „Furcht, Unsicherheit, Unverstand“. In der Tat stürzt revolutionär Neues die Menschen in Irritation und Unruhe. Die Wirklichkeit ist seit den späten sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts dabei, sich prinzipiell anders aufzufächern als in den Jahrhunderten zuvor.

was-vom-manne-uebrigblieb-das-missachteteDie gewachsene Herrschaft des Mannes geht zu Ende. Das betrifft nicht nur ökonomische, politische und kulturelle Machtpositionen, sondern geht wesentlich tiefer. Getroffen ist der Androzentrismus, das heißt die absolute Selbstverständlichkeit, dass Männer herrschen, die Gesetze machen, die Normen und Werte bestimmen, die Welt erklären und alle darauf hören. Der Mann ist die längste Zeit der unbestrittene Herrscher der Außenwelt gewesen; immer mehr Frauen drängen in die Führungspositionen von Politik, Wirtschaft und Kultur.

Der Mann ist auch nicht mehr der exklusive Ernährer seiner Familie; inzwischen sind die meisten Frauen berufstätig, und es ist kein Einzelfall mehr, wenn eine Frau besser verdient als ihr Ehemann. Zwar ist im deutschsprachigen Raum das traditionelle Modell, nach dem der Mann seine Familie ernährt, noch weit verbreitet. Doch im Gegensatz zu früher steht dahinter keine gesellschaftliche Notwendigkeit mehr, geschweige denn ein historischer Imperativ; auch wenn diese Wirklichkeit noch wirklich ist, ist sie es zugleich nur noch potentiell.

Die Konstellation kann sich jederzeit ändern – durch die Erwerbstätigkeit der Frau, durch Trennung und Scheidung oder durch die Arbeitslosigkeit des Mannes. Die gängige Praxis der männlichen Ernährerrolle ist die längste Zeit allgemein verbindlich und wertsetzend gewesen; sie ist heute – in der Diktion eines ehemaligen deutschen Kanzlers – ein „Auslaufmodell“. Das bedroht eine männliche Identität, die sich seit Jahrhunderten primär über die Arbeitsleistung bestimmt und verunsichert ein männliches Selbstwertgefühl, das seine Energie aus dem Wissen bezogen hat, für die eigene Familie ernährend, schützend und sichernd verantwortlich zu sein.

Bricht dieses Verständnis von Männlichkeit zusammen, brechen auch die Grundfesten von Männlichkeit weg. Dieser Vorgang kann gar nicht dramatisch genug geschildert werden. Angesichts dessen eine Krise von Männlichkeit in einem abgehobenen akademischen Diskurs zu bestreiten, ist eine zynische Verhöhnung von Männern, die sich in ihrem alltäglichen Elend von Existenzkampf und Verunsicherung nicht mehr wehren können.

Mit dieser Entwicklung verschiebt sich notwendigerweise auch die traditionelle Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern. Je mehr Frauen berufliche Kompetenzen erwerben, desto mehr sind Männer im Haushalt und bei der Kindererziehung gefordert. Die angestammten Rollen von Frauen und Männern werden damit im 21. Jahrhundert nachgerade obsolet. Die einst und über lange Zeit verbindlichen Vorstellungen von Geschlechterbeziehungen stürzen seit vier Jahrzehnten in einem atemberaubenden Tempo zusammen.

Was wohl in der Geschichte der Menschheit so noch nie geschehen ist, passiert nun. Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter kommentiert:

„Der Wandel der Leitbilder stellt nicht nur unsere Verhaltensweisen und Wertvorstellungen in Frage, sondern berührt unser innerstes Wesen: unsere Identität, unsere Natur als Mann und Frau“ (3).

ich-bin-du Diese grundstürzende Entwicklung betrifft beide Geschlechter, aber sie betrifft sie jeweils anders. Unter dem ökonomischen Druck der damaligen Voll- und Überbeschäftigung erweiterte sich die weibliche Rolle um die Dimensionen der Erwerbstätigkeiten, der Außenorientierung und der wirtschaftlichen Durchsetzungsfähigkeit. Sie modernisierte sich also auf der Folie der ökonomischen und politischen Erfordernisse der Epoche, während die männliche Rolle zunächst traditional blieb.

Die Erweiterung der Weiblichkeit nach außen stand keine Erweiterung der Männlichkeit nach innen zur Seite. Die bezeichnete Modernisierung der Frauenrolle aufgrund der wirtschaftlichen Notwendigkeiten in den späten sechziger Jahren wurde von Frauenbewegung und Feminismus fleißig unterstützt und ideologisch gefüttert. Die objektive Zwangslage der industriellen Entwicklung und die subjektive Interpretation durch den Feminismus schufen für die Frauen nicht nur eine euphorisierende Aufbruchsstimmung, sondern auch ein aktivierendes Frauenbild. Den Frauen wurde von der eigenen Bewegung ebenso sehr wie vom Staat vermittelt, dass frau nun das eigene Leben auch in die eigenen Hände nehmen kann. Hindernisse gebe es nicht mehr; auf bockige Männer müsse keine Rücksicht genommen werden, und die Zukunft stünde den Frauen offen und werde sowieso weiblich, wie damals ein beliebter Slogan hieß.

Der Staat unterstützte diese Entwicklung massiv - nicht, weil er plötzlich seine Sympathien für das weibliche Geschlecht entdeckt hätte, sondern weil es die ökonomische Entwicklung so verlangte. Überall herrschte in den hochkonjunkturellen Zeiten ein eklatanter Arbeitskräftemangel, so dass Hausfrauen für Staat und Wirtschaft ganz pragmatisch nicht mehr rentierten. In Deutschland wurde die prekäre Situation auf dem Arbeitsmarkt noch dadurch verschärft, dass nach dem Ausbau der Grenzanlagen die Arbeitskräfte aus der DDR im Westen plötzlich fehlten.

Die Modernisierung der weiblichen Rolle war damit ein ökonomisches Gebot der Zeit und nicht die Leistung von Galionsfiguren der Frauenbewegung; letztere unterstützten nur ersteres emsig. So schuf der Staat in Deutschland und Österreich eigens Bundesministerien für Frauen und auch in den einzelnen Bundesländern wurde der Aufbruch des weiblichen Geschlechts staatlich unterstützt. Neue Ausbildungsprogramme nur für Frauen, Kompetenzkurse, Umschulungsaktionen, Gesetzesänderungen und eine groß angelegte ideologische Offensive beförderten die Modernisierung des weiblichen Geschlechts und insonderheit die erwünschte Erhöhung der Erwerbstätigen-Quote von Frauen.

Die Männer blieben im wortwörtlichen Sinne zurück. Um sie kümmerte sich niemand, und sie selber waren so sehr verunsichert und zum Teil schockiert, dass ihre Selbsthilfe erst einmal gelähmt war. Wenn sich ein Geschlecht plötzlich massiv bewegt und verändert und das andere stehen bleibt, muss es logischerweise zu Problemen und Verwerfungen kommen. Es entstand so etwas wie ein „cultural lag“ zwischen den Geschlechtern. Nach dieser soziologischen Theorie kommt es zu sozialen Fehlanpassungen und Konflikten, wenn das Entwicklungstempo von Segmenten der Kultur eines Volkes unterschiedlich hoch ist. Im vorliegenden Falle war das Entwicklungstempo der Frauen in etwa ebenso groß wie das Beharrungsvermögen der Männer, was notwendigerweise zu einer Vielzahl von Reibungen führen musste. Ein Indikator dafür war der dramatische Anstieg der Trennungs- und Scheidungszahlen.

Dass es zwischen Männern und Frauen nicht nur einen starken Zusammenhang per se gibt, sondern auch eine dialektische Entwicklung, der zufolge die Veränderung des einen Geschlechts logischerweise auch die Veränderung des anderen verlangt, blieb der Politik in den deutschsprachigen Ländern verborgen. In den skandinavischen Staaten bemühte man sich innerhalb der neuen Frauenpolitik auch gleich um Männerbelange, um einem verschärften Geschlechterkampf von Anfang an zu verhindern – allerdings nicht besonders erfolgreich.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz konzentrierte sich die Politik in allen Belangen nur auf die Frauen und ließ die Männer rechts, links oder wo auch immer liegen. Hilfe für die eigene Neuorientierung und die Anpassung der männlichen Rolle an die neuen Gegebenheiten wurden den Männern jedenfalls nicht zuteil.

Der Text ist ein Ausschnitt aus der soeben erschienenen Neubearbeitung des Buches von Walter Hollstein „Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht“ (Verlag Opus Magnum, Stuttgart)

Quellen

(1) S. M. Whitehead, Men and Masculinities. Cambridge 2000, S. 47.

(2) DIE ZEIT (Hamburg) 14.6. 2006.

(3) E. Badinter, Ich bin Du. München 1986, S. 10.

 

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