Geschlechterdebatte:

Der undressierte Mann

2oo8 veröffentlichte Walter Hollstein im Aufbau-Verlag sein Buch „Was vom Manne übrig blieb“. Es entwickelte sich rasch zu einem Standardtext zur Problematik der wachsenden Männerfeindlichkeit. Seit Frühjahr 2012 ist der Band vergriffen. Er erscheint nun ganz neu bearbeitet, aktualisiert und um einige Kapitel erweitert im Verlag „Opus Magnum“ (Stuttgart). Wir veröffentlichen einen Ausschnitt aus dem Schlusskapitel.

Am 27. 8. 2012 wurde die Polizei in Bochum zu einem außergewöhnlichen Einsatz gerufen. Anrufer hatten zwei verdächtige Personen gemeldet, einen Mann und eine Frau. Die Polizei entdeckte die beschriebenen Personen auf dem Bürgersteig in der Vierhausstraße: Eine Frau in martialischem Lederdress führte einen Mann an einer Hundeleine auf der Hauptverkehrsstraße aus – und der Mann war praktisch nackt. Er trug nur ein Stachelhalsband um den Hals, an dem die Leine befestigt war. Auf die Frage der Polizisten, was das Paar da mache, erklärte die 33jährige, der Mann müsse seine Notdurft verrichten – Mann als Hündchen.

Dafür gibt es mittlerweile sogar eine Art „Selbsthilfeliteratur“, wie beispielsweise das Buch von Michele Weiner-Davis: „Jetzt ändere ich meinen Mann.“ Darin wird anhand spezieller Tipps dargestellt, wie ein Mann „nach dem Muster des klassischen Hunde-Trainings umgekrempelt“ werden kann.

Dressierte Männer lassen sich inzwischen auch alles bieten. Die Online-Ausgabe von „Bild“ am 19. 8. 2005 titelt: „Ich hab’ meinen Mann verlängern lassen“ und berichtet, wie eine 51jährige Laborantin „aus dem Schwäbischen nicht mehr nur von leidenschaftlichen Nächten träumen“ wollte und deshalb ihren Mann „zur Penisvergrößerung“ geschickt hatte. „‚Ich bin begeistert‘, strahlt Susanne [...]. Susanne begleitete ihren Ewald zu den Messungen ins Krankenhaus. ‚Er ist jetzt auch viel härter geworden‘, diktierte sie dem Arzt dort stolz ins Protokoll.“ Geschmackvollerweise lässt sie sich mit ihrem Mann auch gleich noch in der Zeitung ablichten. Am 1. September 2012 gesteht eine Natalie in der schweizerischen Boulevardzeitung „Blick“, dass sie ihrem Freund nicht traue und ihm deshalb jetzt einen Keuschheitsgürtel verpassen wolle.

Diese Vision oder Realität des „dressierten Mannes“ hat Esther Vilar schon in den 70er Jahren beschrieben – ausgerechnet zur Hochzeit des Feminismus im deutschsprachigen Raum.

was-vom-manne-uebrigblieb-das-missachteteNun sind die genannten Beispiele sicher eher episodisch. Es geht auch gar nicht darum, sie zu dramatisieren oder gar zu verallgemeinern. Sie sind aber symbolischer Ausdruck dafür, dass die Definitionsmacht über Geschlechterbeziehungen, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und überhaupt alles, was mit der Geschlechterfrage zu tun hat, heute bei den Frauen liegt und in Sonderheit beim Feminismus. Man wird inzwischen noch weiter gehen müssen: Nicht nur die Definitionsmacht ist feministisch, sondern auch Widerspruch dagegen wird nicht mehr toleriert. Für den Soziologen Hinrich Rosenbrock zum Beispiel ist Antifeminismus „Hasspropaganda“. Wörterbücher zeigen sich neutraler. Antifeminismus – so heißt es da – „bezeichnet eine gegen den Feminismus gerichtete kritische Haltung“. Das können einige offenbar so nicht mehr denken; sie stellen den Antifeminismus a priori unter Verbotsschilder, und das heißt: ohne sachliche Prüfung.

Inzwischen ist die Situation so weit gediehen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit feministischen Postulaten schon als undemokratisch oder sogar rechtsextrem diffamiert wird. Ein Beispiel dafür ist die Schrift „Geschlechterkampf von rechts“, die die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung 2010 herausgegeben hat. (...)

Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist mittlerweile noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie 2011 unter dem Titel „Gleichstellungspolitik kontrovers. Eine Argumentationshilfe“ ein Handbuch herausgegeben hat, das feministisches Denken vor „gegnerischen“ Angriffen schützen will. Daraus könnte geschlossen werden, dass der Feminismus mittlerweile als die eigentlich staatstragende Doktrin verstanden und akzeptiert werden soll.

2012 veröffentlichte dann auch die Heinrich-Böll-Stiftung eine „Expertise“ über die „antifeministische Männerrechtsbewegung“. Ihr Autor, Hinrich Rosenbrock, fährt sogleich heftiges Geschütz auf: „Die Brisanz antifeministischer Ideologien wird in den Behauptungen des norwegischen Attentäters (...) Breivik deutlich.“ Der Verweis auf Brejvik findet sich in der Schrift gleich mehrmals und soll wohl drohend andeuten, zu welch grausamen Taten antifeministische Männerrechtler auch in unseren Breitengraden fähig sein könnten. (...)

Eine sachliche Auseinandersetzung mit den weder bei Rosenbrock noch bei Gesterkamp. Das hat sicher seine Gründe: Die Männerrechtsbewegung thematisiert seit Jahren Problembereiche, die die profeministischen Gruppen vernachlässigt haben: das Sorge- und Scheidungsrecht, die defizitäre Gesundheitsversorgung von Männern, die Feminisierung der Erziehung oder ein einseitiges, frauenpolitisches Verständnis von Gender Mainstreaming. Statt solches a priori zu diffamieren, wäre eine sachliche Auseinandersetzung geboten; sonst riskiert man, dass die Deutungshoheit in der „Männerfrage“ an die Antifeministen übergeht.

befreiungsbewegung-fuer-maennerDazu tragen „Expertisen“ wie die von Gesterkamp oder Rosenbrock unwillentlich bei, indem sie ein völlig einseitiges Bild der Geschlechterverhältnisse zeigen. Auf die reichlich vorhandenen empirischen Arbeiten zu Männernot und –diskriminierung wird an keiner Stelle eingegangen. Dass es Männerhass im Feminismus gibt, leugnen sie schlicht. In seiner Rezension des Buches „Befreiungsbewegung für Männer“ (Hg. Gruner / Kuhla) weist Gesterkamp die dort beschriebene Misandrie als bloße „Verschwörungstheorie“ zurück. Stattdessen kritisieren er und Rosenbrock Frauenfeindlichkeit und Sexismus bei den Männerrechtlern. Beiden Autoren sind die Frauen sehr viel näher als das eigene Geschlecht. Es fehlt die Selbstakzeptanz, sich als Mann anzunehmen und darüber auch den nötigen Respekt für das eigene Geschlecht aufzubringen.

Rosenbrock nennt die Diskriminierung von Männern schlicht eine „Konstruktion“ und erhebt den schweren Vorwurf, dass der „Blick auf männliche Benachteiligung [...] Formen weiblicher Benachteiligung“ ausblende; letztere bestehen selbstverständlich real, während erstere eben fiktiv sind. Einen Opferdiskurs gesteht der Autor den Frauen zu, aber nichtden Männern. In ihrem Kontext schreibt er abwertend nur von der männlichen „Opferideologie“. Innerhalb dieser „Logik“ sind die Männer an ihren Problemen auch selber schuld, während umgekehrt nicht die Frauen für ihre eigene Lage selbst verantwortlich gemacht werden können, weil dafür die Schuld „natürlich“ einzig bei den Männern liegt.

Es wäre auch einmal zu bedenken, welch erbärmliches Frauenbild im Grunde hinter dieser Argumentationskette steht: Männer müssen die Frauen verteidigen und retten, weil die Frauen das offenbar nicht selber können. Das ist übelster Patriarchalismus, der sich überaus perfid hinter der Maske des Frauenverstehers versteckt.

Auch die profeministische Männerforschung zeigt sich erheblich mehr an der Situation der Frauen interessiert als an jener der eigenen Geschlechtsgenossen, deren Bedürftigkeitslage sie einfach leugnet. Wer darauf hinweist, wird z. B. von R. W. Connell eines reaktionären Denkens bezichtigt. Nachgerade beleidigend wird Connell in diesem Kontext gegenüber Warren Farrell, den er als „tragischen Fall“ bezeichnet, weil sich Farrell als einstiger Anhänger des Feminismus nun den Belangen von Männern zugewandt habe. Betrachtet man einmal genau und kritisch, was Connell selber als Veränderungsziele und -strategien für Männer anbietet, so ist deren Hilflosigkeit schon nachgerade peinlich: Unterstützung der Aids-Politik, „Austritt aus der Männlichkeit“, „Delegitimierung des Patriarchats“, Solidarität mit dem Feminismus und Lehrpläne für Jungen, die sich nach den Interessen der Mädchen richten.

Wer so etwas formuliert, dem ist die Veränderung von Jungen und Männern kein wirkliches Anliegen. Dass Männer als Männer eigene Bedürfnisse und Interessen haben (könnten), kommt Connell erst gar nicht in den Sinn. Inhaltslosigkeit und Praxisferne dieser Vorschläge sind wahrscheinlich nicht einmal zufällig, sondern Ausdruck seines frauenzentrierten Denkens. Seine Kapitulation vor der Frau als universaler Größe gibt sich axiomatisch. Dabei wird alles aufgekündigt, was die eigene Geschlechtsidentität als biografische Geschichte, Selbstliebe, Selbstrespekt, Würde und Stolz eigentlich beinhalten sollte. Wer sein eigenes Geschlecht dermaßen verrät, ist ein ganz schlechter Prophet für eine veränderten Männlichkeit. Insofern ist Connells persönliches Schicksal durchaus konsequent.

Der amerikanische Männerforscher Michael Kimmel geht sogar noch weiter und fordert: „Männer macht Euch stark für den Feminismus.“ Sein Kollege Michael Kaufman unterstützte ihn bei diesem Plädoyer. Im deutschsprachigen Raum propagiert das „Deutschlandradio“ dieses feministische Männercredo, weigert sich aber, eine andere Ansicht dazu zu senden.

Die Einseitigkeit hat Folgen. Was zunächst in den USA geschah, findet seit einiger Zeit seine Wiederholung in unseren Breitengraden. Die Versäumnisse der profeministischen Männerbewegung, die sich später selber als „antisexistisch“ bezeichnete, wurden in den USA von den sog. Diskriminierungen von Männern im Scheidungs- und Sorgerecht annahmen. Zusätzlich entwickelte sich eine emanzipatorische Männerbewegung (z. B. Herb Goldberg, später Robert Bly), der es um eine männersolidarische Befreiung aus der traditionellen Männerrolle von Härte, Kampf, Wettbewerb und Pokerface ging.

Die profeministische Männerbewegung hat im Laufe der Jahre auch im deutschsprachigen Raum stark an Gewicht und Einfluss verloren; sie ist nur in akademischen Zirkeln, in der Geschlechterforschung der Hochschulen und in der staatlichen Geschlechterpolitik noch von Bedeutung. Männerzentren, die sich einseitig auf ein profeministisches Bekenntnis festgelegt hatten, sind inzwischen nahezu völlig verschwunden. Stark gewachsen ist indessen die sog. Männerrechtsbewegung, die sich in Deutschland in einzelnen, zumeist lokalen Interessengruppen manifestiert, vor allem aber in den vielen Internet-Foren von Männerrechtlern.

Eine sachliche Auseinandersetzung zwischen den „Lagern“ ist bisher nicht erfolgt. Die Männerrechtler werten profeministische und häufig auch emanzipatorische Männer als „lila Pudel“, die sich dem Feminismus untergeordnet haben; die profeministischen Männer schieben die Männerrechtler in die „rechte“ Ecke. Wichtig wäre es indessen, die Dinge etwas genauer zu betrachten und vor allem selbstkritischer. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen grenzen die Profeministen die Antifeministen aus und vice versa.

So steht eine versachlichte Diskussion um eine neues Männerbild im deutschsprachigen Raum noch aus. Man wird sie sicherlich nicht so führen können, dass man alles Traditionelle schlicht für überholt erklärt und stattdessen einfach ganz Neues propagiert. Wenn man traditionelle Männlichkeit verändern will, was ja auch den Männern selbst längerfristig zugute käme, darf man sie nicht einfach zerstören und die Männer orientierungslos in den Trümmern zurücklassen, sondern man muss Hilfen, neue Orientierungen und andere Lebensziele anbieten.

Susan Faludi weist auf die grundsätzliche Widersprüchlichkeit hin, dass Männer in den vergangenen Jahren ermutigt wurden, neue Lebensformen zu erkunden wie zum Beispiel fürsorgliche Väter und / oder zärtliche und geschlechterdemokratische Partner zu sein; aber die objektiven Lebensverhältnisse seien von den politischen Entscheidungsinstanzen nicht so arrangiert worden, dass die Männer diese Entwürfe auch hätten umsetzen können. Das eben war auch nie das erklärte Ziel der antisexistischen Männerbewegung. Erschütternd ist in diesem Zusammenhang, wenn so destruktive Lösungen wie Dissens oder Dekonstruktion angeboten werden, ohne sich der imminenten Gefahr bewusst zu sein, dass – wenn man das gesamte männliche Geschlecht entfestigt – dabei leichtfertig auch die ganze Gesellschaft destabilisiert.

 

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