Geschlechterdebatte

„Schreib nicht von Deiner Nachbarin ab!“

4. September 2012, von Robert Boder

„Lange bevor die PISA-Studie erschienen war, wussten wir beide, was in unserem Bildungswesen los ist, und ich habe einmal zu Ihnen gesagt, das komme daher, dass auf der einen Seite die Linke die Anforderungen in unseren Schulen immer weiter abgesenkt hat, um den Kindern aus nichtarrivierten Schichten den sozialen Aufstieg zu erleichtern (ein Motiv, das ich gut verstehe), und dass die Bürgerlichen das mitgemacht haben, um den dummen Kindern arrivierter Familien den Abstieg zu ersparen." 

— Roman Herzog in seiner Rede zum Franz-Joseph-Strauß-Preis 2003, an Helmut Schmidt gerichtet.

Roman Herzog

Der Kern dieser Aussage geht noch tiefer, wenn man zusätzlich nach Geschlechtern trennt. Man hört zwar immer wieder von den Buben als Bildungsverlierern an den Schulen, wenn es aber an den Erwerb geht, also in die Praxis, hängen diese die Mädchen in Windeseile ab. Misst man das an der Erwerbsleistung für Familie und Staat außerhalb der staatlich alimentierten Arbeitsstellen. Nun, das geht auch zurück, es wird nämlich an sämtlichen Schrauben gedreht, um die Leistungsfähigeren an die Schwächeren heranzuführen anstatt umgekehrt. Dazu gibt es mittlerweile unzählige Beispiele. Hier ein paar zur Auswahl.

Eignungstest für das Medizinstudium (EMS)

Gegenüber Deutschland und der Schweiz steht in Österreich die Politik seit Jahren vor dem Problem, dass sich für das Medizinstudium deutlich mehr Frauen bewerben, bei den Eignungstests aber deutlich mehr Männer durchkommen. Das konterkariert natürlich die Aussage, dass mittlerweile Frauen über die höhere Bildung verfügen. Nun ist die Vizedirektorin der Medizinischen Universität Wien, Univ. Prof. Dr. Karin Gutiérrez-Lobos, auf die Idee gekommen, einen standardisierten Test so zu manipulieren, dass Frauen weniger Punkte als Männer erreichen müssen um einen Studienplatz zu bekommen. Sie haben richtig gelesen. Man hat nicht einfach gesagt, dass jeweils die Hälfte der Plätze an die besten Frauen und Männer gehen, man hat beim gemischten Schießwettbewerb für Frauen einfach größere Zielscheiben angeschafft.

In Graz, wo ein anderer Test verwendet wird, der zusätzlich auf soziale Gegebenheiten getrimmt ist, ist der Frauenanteil nach der ersten Verwendung 2011 auf 48 Prozent gestiegen aber dieses Jahr wieder auf 43 Prozent gesunken. Diese Form des Tests soll nun einheitlich für alle Medizinischen Universitäten Österreichs weiterentwickelt werden. Bei der Testentwicklung ist man davon ausgegangen, dass Frauen das empathischere Geschlecht sind und darauf geachtet werde sollte.

Allerdings sind Mediziner seit jeher dazu angehalten, eine ausreichende Distanz zu ihren Patienten zu wahren um nicht deren Leidensdruck zu übernehmen. Warum das so wichtig ist, zeigen die Selbstmordstatistiken. Gemessen an der Allgemeinbevölkerung weist die Berufsgruppe der Ärzte eine der höchsten Selbstmordraten auf. Mediziner bringen sich doppelt so häufig um wie Angehörige anderer Berufe. Bei den Ärztinnen ist die Suizidrate im Vergleich zur weiblichen Allgemeinbevölkerung viermal höher. Diesen Aspekt ihres beruflichen Fachbereichs hat Frau Prof. Gutiérrez-Lobos nicht bedacht. Sie ist Psychiaterin.

Schieflage bei der technischen Ausbildung

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Die Wiener Frauenstadträtin Sandra Frauenberger am Töchtertag 2009, Siemens Transportation Systems (Foto: Boder)

Was heißt das für andere Branchen? Ähnliche Tests werden seit jeher auch als Aufnahmetests im technischen Bereich verwendet. Beispielsweise an den höheren technischen Lehranstalten oder in größeren Unternehmen bei der Lehrlings- oder Mitarbeiterauswahl. Personalberater greifen ebenfalls zu standardisierten Tests um für ihre Auftraggeber die besten Bewerber herauszufiltern. Aus den Unternehmen erfährt man unter der Hand von einer generellen Verschlechterung bei derartigen Testergebnissen. Wobei Frauen und Mädchen schlechter abschneiden als Männer und Burschen.

Bevorzugung bei der physischen Leistungsfähigkeit

Nicht nur im psychischen Bereich erfolgt positive Diskriminierung, wie es euphemistisch genannt wird. Auch bei der körperlichen Leistung tut sich einiges.

So ist zum Beispiel die österreichische Krankenschwester per se Schwerarbeiterin und kann früher in Pension gehen, der Krankenpfleger nicht. Will auch der Krankenpfleger als Schwerarbeiter gelten, müsste er z.B. über Jahre zusätzlich Nachtarbeit geleistet haben. Geregelt wird das, auch für andere Berufe, in der Schwerarbeitsverordnung über einen fiktiven Kalorienverbrauch von 2.000 Arbeitskilokalorien für Männer und 1.400 Arbeitskilokalorien für Frauen während achtstündiger Arbeitszeit. Über die Dauerleistung sagt das allerdings nichts aus. Man könnte jetzt versucht sein, die ausgesprochen bessere Energiebilanz von Frauen zum Anlass zu nehmen, um physische Schwerarbeiten nur noch von Frauen ausüben zu lassen. Dazu macht einem aber, wenig überraschend, gerade der der Frauen- und Beamtenministerin zuzurechnenden Beamtenapparat einen Strich durch die Rechnung. Dort wurden die körperlichen Leistungsanforderungen an Frauen gegenüber Männern gleich bei der Bewerbung herabgesetzt.

Berufe im Sicherheitsbereich

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Polizist und Polizistin auf Streife (Foto: Boder)

Will eine Frau Polizist oder Soldat werden oder bleiben, so hat sie einen Fitnesstest zu absolvieren. Sowohl bei Polizistinnen als auch bei Soldatinnen ist die körperliche Leistungsfähigkeit gegenüber Männern deutlich herabgesetzt worden, um mehr Frauen durch den Fitnesstest zu bekommen. Polizistinnen haben gegenüber Polizisten fast 5 Minuten ? oder 35 Prozent ? länger Zeit, eine Distanz von 3.000 Metern laufend zu absolvieren. Obwohl sie leichter sind. Wo das eigene Gewicht keine Rolle spielt, beim Schwimmen, haben sie für 100 Meter um 18 Prozent länger Zeit. Trotzdem, oder gerade deswegen, fordern sie leichtere Ausrüstung. Zudem müssen Männer den militärischen Grundwehrdienst abgeleistet haben, bevor sie in den Polizeidienst übernommen werden, Frauen nicht.

In einem Werbeclip der österreichischen Polizei verfolgt eine Polizistin in zivil einen Handtaschenräuber und stellt ihn schließlich gekonnt. Ob das in der Realität bestand hätte sei dahingestellt. So verwundert es nicht, dass es innerhalb der Polizei unbeliebt ist mit Frauen Dienst zu schieben. Bei Männern und Frauen gleichermaßen, wie „Die Presse“ zur Studie „Frauen und Männer in der Polizei“ berichtete. Auch in der Schweiz und in Deutschland wurde die körperlichen Leistungstests bei Polizei und Militär für Frauen herabgesetzt. Allerdings hat die Schweizer Armee die ungleichen Vorgaben 2007 wieder abgeschafft.

Norwegens Gender-Institut geschlossen

Aufmerksamkeit schenken sollte man dem Vorgehen des Nordic Council of Ministers, welches mit Ende 2011 die Finanzierung des Nordic Gender Institut (NIKK) eingestellt hatten. Auslöser für diese doch ungewöhnliche Maßnahme dürfte die 7-teilige Fernsehserie „Gehirnwäsche“ sein, in der norwegischen Sozialwissenschaftlern Fragen zur Genderforschung gestellt und deren Antworten mit denen von international renommierten Wissenschaftlern verglichen wurden. Seitens der norwegischen Wissenschaftler wurde vehement bestritten, dass es, vereinfacht dargestellt, abgesehen von den Geschlechtsteilen(!) biologische Unterschiede zwischen Frau und Mann gibt. Da die darauf folgende öffentliche Diskussion darüber nicht abriss, stellte die Politik die Finanzierung des NIKK einfach ein.

Auf der deutschen Wikipedia geht man im Artikel „Gender Studies“ mit einem Satz auf die Schließung des NIKK ein. Sieht man sich allerdings die Artikel-Versionen und die Diskussion zum Artikel an, dürfte dort ein Edit-War ausgebrochen sein. Es bekämpfen sich Befürworter und Gegner einer halbwegs detaillierten Darstellung der Geschehnisse in Norwegen. Es dürfte also etwas dran sein, was Michael Klein in seinem "Aufruf für eine ideologiefreie Wikipedia" beschrieben hat.

Warum so heftig gekämpft wird, ist klar. In Norwegen hat man eine Wissenschaft demontiert, die eine Art Appendix vermiformis der Politwissenschaften ist. Es ist eine Wissenschaft, die kaum Aufwand und keine Beweise braucht. Und vor allem keine Querverbindungen zu anderen Fachbereichen. Oder wer hat schon einmal in einer Publikation der Genderwissenschaft eine Umfassende Darstellung zur Übersterblichkeit von Männern gelesen? Vielleicht sogar mit einem renommierten Co-Autor aus dem Bereich der Demographie.

Würde das norwegische Vorgehen im deutschen Sprachraum publik, müssten sich langfristig viele Genderberufe neu orientieren.

Öffentliche Wahrnehmung

Kritisiert man diese unterschiedlichen Leistungsanforderungen an Frauen in Bildung und Beruf öffentlich, passiert es oft, dass gerade Männer der „alten Schule“ vermeinen, für die gesetzliche Frauenbevorzugung die Lanze brechen zu müssen. Das geht soweit, dass abseits jeder inhaltlichen Klarheit um die Setzung von Punkt und Komma gestritten wird, um dem Thema zu entkommen und das eigene Weltbild über die Distanz zu retten. Das Ausnutzen dieser „Küss‘ die Hand“–Mentalität durch die einschlägigen Frauenorganisationen hat es erst ermöglicht, dass so auch der gröbste Unfug durchgewunken wird und wurde. Ein klares „das geht nicht, weil“, wie man es Männern zumuten würde, hört man kaum.

Welcher Schlag Frauen hinter dieser Gender-Ideologie steht, beschreibt Doris Lessing im Guardian nach einem Schulbesuch passend: „It is time we began to ask who are these women who continually rubbish men. The most stupid, ill-educated and nasty woman can rubbish the nicest, kindest and most intelligent man and no one protests.”

So nähert sich mittlerweile die Ausbildung bis zur Tertiärstufe, gemeinsam mit den Gleichstellungsgesetzen, verdächtig nahe an das Behinderteneinstellungsgesetz an. Das schadet aber in erster Linie den jungen Frauen, die ins Berufsleben einsteigen.

 

Bildnachweis: Roman Herzog

 

 

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