Geschlechterdebatte:

Preisverleihung: Mit Tricks geht´s besser

Wie eine Mitschöpferin der Gendertheorie geehrt wird

Judith Butler

Der Genderismus gehört zu den auch politisch einflussreichsten Theorien der Gegenwart. Wie immer wird das, was sowieso erfolgreich ist, noch einmal besonders gefördert. Die Soziologie nennt das den „Matthäus-Effekt“: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat“ (Mt 25,29). Und damit das auch klappt, kann schon mal nachgeholfen werden.

Die Stadt Frankfurt meldete am 31. 5., dass das Kuratorium des Theodor-W.-Adorno-Preises unter Vorsitz des Kulturdezernenten Professor Felix Semmelroth getagt und die amerikanische Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Judith Butler zur Preisträgerin des Jahres 2012 gewählt habe. Der Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird alle drei Jahre von der Stadt Frankfurt am Main vergeben. Er dient der Förderung und Anerkennung hervorragender Leistungen in den Bereichen Philosophie, Musik, Theater und Film, wie ja auch schon Adorno laut der offiziellen Beschreibung des Preises „entscheidende Akzente für die kritische Beurteilung der künstlerischen Medien Musik, Literatur, Theater und Film gesetzt“ habe. Mit seinem Namen verbinde sich „die Vorstellung von liberalem, aufklärerischem Geist, der für die Neubewertung ästhetischer Phänomene die entscheidenden Grundlagen geschaffen hat.“

Das Kuratorium ehrt, so die Meldung,

„mit Judith Butler eine Autorin bedeutender Schriften zur politischen Theorie, zur Moralphilosophie und zur Geschlechterforschung. Butler, die Rhetorik und Literaturwissenschaft an der University of California, Berkeley, lehrt, bekennt sich zu Adorno als einem Denker, der ihr Werk wesentlich beeinflusst und mit dem sie sich zeitlebens auseinander gesetzt hat. Das Kuratorium des Adorno-Preises begründet seine Entscheidung für Judith Butler wie folgt: ‚Mit dem Theodor-W.-Adorno-Preis des Jahres 2012 wird eine der maßgeblichen Denkerinnen unserer Zeit geehrt. Für Fragen über Identität und Körper sind ihre Schriften maßgeblich und werden weltweit rezipiert. Als Vordenkerin eines neuen Verständnisses von Kategorien wie Geschlecht und Subjekt, aber auch der Moral, ist sie immer dem Paradigma der kritischen Autonomie verpflichtet. Spurenelemente von Butlers Theoriegebäude finden sich in Werken der zeitgenössischen Literatur, dem Film, dem Theater und der Bildenden Kunst.‘ Dem Kuratorium des Theodor-W.-Adorno-Preises 2012 gehören neben den ständigen Mitgliedern in diesem Jahr die Soziologin Martina Löw, die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz, der Philosoph Rainer Forst und der Kritiker Jürgen Kaube an.“

Wir kommen darauf zurück.

Judith Butler wurde am 24. Februar 1956 in Cleveland geboren. Ihre sozialwissenschaftlich-philosophischen Arbeiten werden dem Poststrukturalismus zugeordnet, benannt mit einer jener unglücklichen Wortbildungen (Post-), an denen sich ablesen lässt, dass unsere Zeit keine neuen Begriffe mehr zu prägen in der Lage ist. Die These ihres bekanntesten Buchs „Das Unbehagen der Geschlechter“ soll hier kurz referiert werden, was angesichts des kruden Inhalts schwer genug fällt. Der englische Originaltitel „Gender Trouble. Feminism and the subversion of identity“ (erschienen 1990) zeigt besser, worum es geht. Gender bezeichnet in der feministischen Theorie so etwas wie das „soziale Geschlecht“, mithin eine Geschlechtskategorie, die nicht natürlich gegeben ist, im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Bei den traditionellen, um nicht zu sagen alten Feministinnen hieß es zu „Gender“ lediglich, es sei eine Geschlechtsidentität, die mit dem biologischen Geschlecht nicht ursächlich in Verbindung stehe: Das kann noch insoweit nachvollzogen werden, als bestimmte sozial definierte Rollenbilder so hinterfragt werden können. Butler geht in ihrem Buch aber noch weiter und legt dar, dass auch das biologische Geschlecht diskursiv erzeugt sei (an anderer Stelle schreibt sie wörtlich: „sex“, also das anatomisch-biologische Geschlecht, sei „always already gender“, also kulturell und sozial hervorgebracht). Die Einteilung der Menschen in die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ wäre demnach ein diskursives Konstrukt, das eine angebliche, natürlich-biologische Tatsache zum Vorwand nimmt, Macht und Herrschaft auszuüben. Die neuen Feministinnen arbeiten also an der Abschaffung der traditionellen Geschlechterkategorien, da schon das Denken in diesen Kategorien Grundlage für sexistische Unterdrückung sei. Höhepunkt der absurden Denkfolge ist die Behauptung, dass weder „das Konstrukt ›Männer‹ ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch dass die Kategorie ›Frauen‹ nur weibliche Körper meint“. Mit anderen Worten: Kulturell gesehen können Männer auch Frauen sein, Frauen Männer und beide alles dazwischen auch.

Aber haben wir das nicht schon immer gewusst? Nicht nur im „Salambo“ selig auf der Großen Freiheit konnte man das erleben. Dass das Periphere, Abseitige heute immer mehr in das Zentrum der „Diskurse“ rückt, mag so lange „von liberalem, aufklärerischem Geist“ zeugen, wie dadurch ungerechte Ausgrenzung beseitigt wird. Andererseits gehen, wenn alles an´s Licht gezerrt wird, auch kulturelle Nischen verloren; der Schrecken einer Gesellschaft ohne Geheimnis taucht am Horizont auf.

Erwähnt werden sollte vielleicht auch „Haß spricht. Zur Kritik des Performativen“ (deutsch 1998), ein Buch, in dem Butler unter Rückgriff auf die Sprechakttheorie von J. L. Austin die „excitable“ und „hate speech“ diskutiert. Sie ging von einer juristisch-politischen Debatte in den USA rund um schwul-lesbisches Coming-Out amerikanischer Militärs und pornographische Repräsentation aus und erörterte daran das problematische Verhältnis von Sprechen und Handeln. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Angehörigen einer Gesellschaft, die solche Probleme mit der Identität hat, sich in der eigenen Haut, sei sie nun männlich oder weiblich oder was auch immer, nicht mehr wohl fühlen. Insofern ist der deutsche Titel („Unbehagen“) gut gewählt und Butler auch wieder symptomatisch und repräsentativ. Leider muss konstatiert werden, dass auch hier die Aufklärung zu einem unerwünschten Ergebnis geführt hat, nämlich einer vermehrten Kontrolle des Sprechens und der Meinungsäußerung.

Es wäre ungerecht, die Arbeiten Butlers auf die Gendertheorie einzuschränken. An der Wirkmächtigkeit ihrer Veröffentlichungen, die das Kuratorium herausstellt, besteht jedoch kein Zweifel: Ganze Kohorten von Genderforscherinnen bevölkern die Universitäten und multiplizieren ihre Theorie, das Fernsehen und das westliche Kino sind beide unübersehbar der Gendertheorie verpflichtet - dies nur zwei Beispiele. Dass sie nicht für jede politische Entscheidung verantwortlich ist, die sich zurecht oder zu Unrecht auf ihre Theorien beruft, dürfte selbstverständlich sein. Judith Butler hat zudem 2002 in Frankfurt die Adorno-Vorlesungen gehalten, die im folgenden Jahr unter dem Titel „Kritik der ethischen Gewalt“ bei Suhrkamp gedruckt erschienen: Der Bezug zu Adorno und Frankfurt ist bei ihr also schon auf diese oberflächliche Weise geschaffen; in ihrem Werk hat sie sich tatsächlich mit Adorno auseinandergesetzt. Allerdings meinte Magnus Klaue in „Konkret“ anlässlich einer Besprechung bei Erscheinen des genannten Buches: „Judith Butler möchte Adorno für sich entdecken und findet doch nur Michel Foucault.“ Ihre Auffassung von „Macht“ scheint dieses Verdikt zu bestätigen. Originell ist Butler am ehesten bei der Gendertheorie, und für sie („Identität und Körper“) dürfte sie im frauenbewegten Deutschland am ehesten geehrt werden.

Interessant ist die Zusammensetzung des Kuratoriums. Die ständigen Mitglieder sind wie der Kulturdezernent Felix Semmelroth Politiker. Martina Löw ist Professorin für Soziologie an der TU-Darmstadt mit den Arbeitsschwerpunkten raumbezogene Gesellschaftsanalyse, Stadt- und Regionalsoziologie sowie Frauen- und Geschlechterforschung. Marlene Streeruwitz ist eine österreichische, feministisch orientierte Schriftstellerin und Regisseurin. Rainer Forst ist Professor für Politische Theorie und Philosophie am Institut für Politikwissenschaft (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften) sowie am Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte sind politische Theorie und praktische Philosophie. Ich habe ihn bereits als Prototypen des von der aktuellen Wissenschaftspolitik geförderten, heute ubiquitär anzutreffenden wendigen Forschungsdienstleisters vorgestellt. Jürgen Kaube ist Journalist und Ressortleiter für Geisteswissenschaften bei der FAZ; er dürfte die geistig unabhängigste Stimme im Kuratorium, doch in der Minderheit gewesen sein. Manche Preisverleihung wird eben schon durch die Zusammensetzung eines Kuratoriums determiniert.

 

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