Geschlechterdebatte

Das marktkonforme Geschlecht

04. Dezember 2014, von Heinz Sauren

Gender-Mainstreaming ist Leitkultur – und steht damit vor allem für das produktivitätsoptimierte, uninorme Geschlecht.

Geschlechter-nhux1946 Im Grunde lässt sich nicht vieles zum Zeitgeist sagen, zumindest nicht viel gutes. Das, was sich hinter dem verharmlosenden Ausdruck des Mainstream versteckt, ist die Simplifizierung der Moralvorstellung einer führenden Elite auf die kognitive Auffassungsgabe bildungsferner Gesellschaftsschichten. Denn nur wenn auch diese angesprochen und mitgenommen werden, erfüllt der Mainstream den Anspruch der Mehrheitsmeinung, des vorwiegenden Gedankenstroms einer Gesellschaft.

Zeitgeist ist Mainstream und somit zumeist eher auf Emotionen als auf Inhalte gerichtet. Der Mainstream wird von Medien moderiert und geführt, im Auftrag derer, die wiederum über die Mittel verfügen, die Medien zu führen.

Auch nach den Zeiten der NS-Barberei, in der freiheitlich demokratischen Bundesrepublik, bewies der Mainstream seine ihm innewohnende Widerwertigkeit. Viele können sich noch gut erinnern, wie in den 60er Jahren die Gammler, die nach Ansicht der Springer-Presse – allen voran der Bild - an die Wand gestellt gehörten. Bis in die beginnenden 90er Jahre noch galten Homosexuelle als Perverse, vor denen die Jugend zu schützen sei. Wenn sie schon nicht mehr wie bis zu Beginn der 70er ins Gefängnis gehören, dann doch zumindest aus der Gesellschaft verbannt.

Der Mainstream ist flexibel, sowohl seines Inhalts als auch seines Ausdrucks betreffend. Mit der Zwangspositivierung aller gesellschaftlichen Themen – eine Strömung der 90er-Jahre, die die Globalisierung trug - wandelte sich auch der Mainstream aus einer ablehnenden in eine fordernd zustimmende Gesellschaftshaltung. Der Gutmensch seiner Tage fühlte sich befreit aus dem Negativismus, der für die vielen schlimmen Taten verantwortlich sein sollte, die seine Väter und Großväter im Geiste ihrer Zeit begingen. Das perpetuum mobile des Gutmenschentums, in dessen Folge der gute Gedanke und die gute Tat der zwingende Wirkmechanismus der nächsten Generation des Gutmenschen ist, und die Unfehlbarkeit des Guten im kollektiven Master-Gedanken waren geschaffen.

Die vermeintlich kollektive Unfehlbarkeit und Einfachheit, das Gute erkennen zu können, ja zu müssen, lässt jedoch an der Leitlinien-Befähigung des Mainstreams zweifeln. Ein individuelles und halbwegs widerspruchsfreies Wertesystem lässt sich daran nicht ausrichten. Zutreffender lässt sich der Mainstream eher als Indikator des Geisteszustandes einer Gesellschaft sehen. An dessen Absurdität kann sich ihre gefährdete geistige Gesundheit offenbaren.

Eine solche Absurdität wird offenbar, wenn aus dem Mainstream artikulierende Forderungen in direktem Widerspruch zu physikalischen und biologischen Entitäten stehen und in ihren Folgen jeglichen soziologischen Wesenszügen und gesellschaftlichen Strukturen widersprechen. Einer dieser Widersprüche ist das Gender-Mainstreaming.

Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Gender-Mainstreaming die Dekonstruktion des biologischen Geschlechts bis zur Belanglosigkeit als Gesellschaftsziel. Demnach hat das biologische Geschlecht keinen Einfluss auf die Entwicklung der Persönlichkeit, die Identifikation des eigenen Geschlechts, die soziale und gesellschaftliche Stellung, als auch die Definition des Ichs. Mann ist nicht Mann und Frau nicht Frau, weil sie als männlich oder weiblich geboren wurden, sondern ausschließlich als Produkt der gesellschaftlichen und erzieherischen Formung.

Somit hat niemand ein Geschlecht dadurch, dass er ein biologisches hat, sondern erst weil er es unabhängig davon frei und selbst definiert. Das Ziel ist die gewünschte und absolute Gleichstellung aller durch konsequente Verweigerung der Akzeptanz biologischer Entitäten. Der Widerspruch einer die Realität verweigernden Ideologie zu den biologischen und damit natürlichen Gegebenheiten einer Geschlechtlichkeit, offenbart die Absurdität dieses Gedanken.

Aber das Gegenteil geschah: Der zwanghafte missionarische Eifer, mit der die Gleichstellungspolitik betrieben wird, kann hinter den Kulissen als vermeintlich wirtschaftliches Erfordernis der Produktivitätsoptimierung gedeutet werden. Längst hat sie sich in Staats- und Bildungsinstitutionen manifestiert. Nachdem die Bundesregierung 1999 das Gender-Mainstreaming als Regierungsziel aufnahm und damit als Gesellschaftsziel definierte, gibt es heute kaum noch eine Universität, die nicht über einen Lehrstuhl in Gender-Studies verfügt.

Erstaunlich sind auch die Begründungen zum Gender-Mainstreaming. Zum einen sind es die Feministinnen, die sich das Thema auf ihre Fahne geschrieben haben. Vermisste doch der harte Kern den großen Durchbruch ihrer Kampagne. Es liegt die Vermutung nahe, dass nicht mehr eine erstrebenswerte Gleichberechtigung ihr Ziel war, sondern Revanchismus zum erlittenen Patriarchat – das Matriarchat. Zwar lässt sich das Matriarchat nicht mit Hilfe der Gender-Theorie errichten. Da aber die Männlichkeit als Wurzel allen Übels stigmatisiert wird, lässt sich zumindest aus revanchistischer Sicht als Teilerfolg verbuchen, selbige in ein kritisches Licht gerückt zu haben.

Die Wirtschaft freilich hält die Gender-Theorie in ihrem Sinne aus ganz anderen Gründen für zielführend. Zerschlägt sie doch wirkungsvoll das traditionelle Familienbild und damit die Begründung des sich bisher noch verweigernden Anteils jener Frauen, die sich der Einverleibung in den Produktionskreislauf aus Gründen der familiären Lebensgestaltung entziehen.

Letztendlich am fatalsten droht der “wissenschaftliche” Beitrag zum Gender-Mainstreaming zu werden. Psychologen und Soziologen sehen sich vor einer einmaligen Möglichkeit und wissenschaftlichen Herausforderung. Gilt es doch nunmehr nicht den Menschen als gegeben zu betrachten und alles andere um ihn herum definieren zu müssen. Ohne Geschlecht, ohne biologische Prägung, ohne sozialen Status per Geburt lässt sich eine Kompatibilität mit jeder gewünschten soziologischen Rahmenbedingung herstellen, in der ein Mensch einen bestimmten und nicht mehr, einen bestimmenden Platz einnimmt. Der uninorme Mensch als wissenschaftliches Ziel.

Das Gender-Mainstreaming ist Teil des großen politischen Projekts der Umgestaltung der Gesellschaft, in der nicht mehr die Umstände an den Menschen angepasst werden müssen, sondern der Mensch an die Umstände. Geboren wurde dieser Gedanke nicht aus den vorgeschobenen Gründen, die sich die Gender-Befürworter zu eigen machen, sondern aus dem ökonomischen Bewusstsein, dass die Gesellschaften in der heutigen Form die für die Zukunft gewünschten Maßgaben der Marktkonformität nicht erfüllen können.

Es ist die Individualität, die eine umfassende Vereinfachung der Märkte durch übergeordnet geltende Regelwerke verhindert. Sie gilt es zu überwinden und kein Weg ist wirkungsvoller als die Aberkennung der biologischen Identität und Individualität.

Diese Außerkraftsetzung evolutionärer Prinzipien zur Erreichung marktwirtschaftlicher Zielvorgaben wird aber seitens Politik und Wirtschaft verschwiegen. Stattdessen kommt Gender-Mainstream als politisch gelenkter Populismus daher, der über die Banalitäten des Offensichtlichen debattiert.

Der Artikel erschien zuerst auf Le Bohemien und Freigeist Blog.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Ach Mädchen ...

27. Dezember 2013, von Birgit Kelle
Wladimir Putin, Barbie, Heidi Klum, Markus Lanz, nun also auch Kardinal Meisner. Die Femen kommen weit rum. Soll mal einer sagen, Frauen wüssten ihren Körper nicht einzusetzen.
Josephine Witt hat sich ausgezogen. Auf dem Altar des Kölner Doms. In der Weihnachtsmesse am 25. Dezember. Wir feiern die Geburt Jesu. Es war zudem der Geburtstag von Kardinal Meisner,...

Geschlechterdebatte

Frauen bevorzugt

19. Dezember 2012, von Eckhard Kuhla, zuerst erschienen in The European
Das Professorinnenprogramm ist schlicht Frauenförderung, um Chancengleichheit geht es dabei nicht. Auch Schirmherrin Annette Schavan profitiert in der aktuellen Plagiats-Affäre von unterwürfigen Männern, die Frauen ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Evaluation unterstützen.
Das „Professorinnenprogramm“ mit der Schaffung von 200...

Geschlechterdebatte

Debatte in Schweden: Ist man mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu weit gegangen?

18. Mai 2012, von Nathalie Rothschild - www.nathalierothschild.com
An schwedischen Schulen wird zunehmend eine geschlechtsneutrale Politik vorangetrieben. Unter anderem gehört hierzu die Verwendung einer geschlechtsneutralen Bezeichnung – „hen“ (es) statt „han“ und „hon“ (er und sie). Nun schlagen einige Schweden zurück.
Schweden trägt den langanhaltenden Ruf, ein egalitäres Land mit nur...

Geschlechterdebatte

Mal was grundsätzliches... zum Feminismus

Von Stefan Sasse   21. April 2012 Zuerst erschienen auf Oeffinger Freidenker
Die Zeit der großen feministischen Diskussionen ist lange vorüber. Paragraph 218, Gleichberechtigung im BGB, Einführung des Zerrüttungsparagraphen ins Scheidungsrecht - alles Siege der Feminismusbewegung, seit zwei Generationen vertraut. Heute wirkt Alice Schwarzer wie ein Fossil, nicht mehr wie Vorkämpferin einer radikal neuen...

Gesellschaft

Die Theorie hinter dem Zeitgeist der Beliebigkeit. Eine Buchbesprechung

16. Januar 2017, von Prof. Adorján Kovács
Der Philosoph Daniel von Wachter unterschied in einem Vortrag vor drei Jahren zwischen zwei Arten von „Philosophie“: Es gebe einmal die „literarische oder existenzielle Philosophie“, die „oft dunkel, geheimnisvoll, kryptisch, quasireligiös“ sei, sich „oft unklar und unscharf ohne Definitionen“, dafür aber „mit langen Sätzen“ ausdrücke.
Diese Art von...

Geschlechterdebatte

Gleichstellungspolitik und mediale Aushöhlung des Grundgesetzes

22. Mai 2014, von Prof. Günter Buchholz
In der ARD wurde am 21. Mai 2014 ein Film über Elisabeth Selbert gezeigt, die sogenannte „Mutter der Gleichstellung“. Im Anschluss daran wurde über die Situation von Frauen in der Sendung PlusMinus diskutiert. Auf der Internet-Seite der ARD findet man auch eine Galerie mit Kommentaren zur Frauenquote. Auch von mir wurde dort ein Kommentar veröffentlicht.
Propaganda...

Geschlechterdebatte

Vom emanzipatorischen Wert der Verleumdung

Zur Tagung „Wessen Internet?" in der Friedrich Ebert Stiftung 1. Mai 2015, von Lucas Schoppe
Ich weiß nicht, ob es heroisch ist oder masochistisch oder einfach nur ein wenig seltsam. Nachdem ich wegen eines Umzugs eine Weile hier nichts geschrieben hatte, habe ich mir ausgerechnet die seltsame Tagung „Wessen Internet? Geschlechterverhältnisse und Gender-Debatten im Netz" der sozialdemokratischen...

Geschlechterdebatte

Der Feminismus und das biologische Geschlecht

23. November 2013, von Dr. Tomas Kubelik
Vor wenigen Jahrzehnten begann ein beispiellos erfolgreicher Feldzug gegen die Traditionen der deutschen Sprache, der unter der Bezeichnung „Gendern“ mittlerweile zum Teil Allgemeingut geworden ist.
Die Vorschläge zur Veränderung der Sprachgewohnheiten haben ihren Ursprung in den Utopien radikalfeministischer Kreise der 70-er Jahre. Mit den absolut...

Geschlechterdebatte

Männerstreik – Interview mit Helen Smith: Warum immer mehr Männer sich der Gesellschaft verweigern

7. Januar 2015, von Kevin Fuchs
Seit nunmehr einigen Jahren lässt sich in den westlichen Ländern ein neues, zusehends kontrovers diskutiertes Phänomen beobachten: die sogenannte „Männerrechtsbewegung".
Träger und Motivation derselben ist ein offenbar geschlechtsspezifisches Gefälle zu Lasten von Männern in Bereichen wie der Kinderobsorge, Scheidungen, Gesundheitsversorgung und schließlich ein...

Geschlechterdebatte

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

05. Oktober 2014, von Lucas Schoppe
Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
Es ist nicht übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten...

Geschlechterdebatte

Preisverleihung: Mit Tricks geht´s besser

11. September 2012, von Prof. Adorján Kovács
Wie eine Mitschöpferin der Gendertheorie geehrt wird
Der Genderismus gehört zu den auch politisch einflussreichsten Theorien der Gegenwart. Wie immer wird das, was sowieso erfolgreich ist, noch einmal besonders gefördert. Die Soziologie nennt das den „Matthäus-Effekt“: „Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem...