Geschlechterdebatte

Nur schön und sexy?

02. Januar 2015, von Prof. Walter Hollstein

Ist die Emanzipation der Mädchen am Ende? Driften sie von der „Überholspur“ zurück in den „Boxenstopp“? Das signalisiert – auch in dieser bildhaft blöden Sprache - die Studie „Mädchen in der Schweiz“. Urheberin ist das „Institut Gender & Diversity“ der Fachhochschule Ostschweiz, verantwortlich dessen Leiterin Gabriella Schmid.

Folgt man der Untersuchung, dann werden die Frauenbilder der Mädchen heute verstärkt von den Medien geprägt. Frauenfiguren würden dabei hauptsächlich in den Bereichen Haushalt, Familien und Schönheit dargestellt.

In einem Interview (BAZ 4.12.) ergänzt die Autorin, dass den Mädchen in Elternhaus und Schule „geschlechtsspezifische Eigenschaften zugeschrieben werden. Dadurch internalisieren sie Gedanken wie «Das kannst du nicht erreichen», «Du musst immer schön und sexy sein» oder «Du bist auf die Unterstützung eines Mannes angewiesen».“ Mit solchen Botschaften würde „das Potenzial der Mädchen ausgebremst“. Fazit: „Es lässt sich aktuell in der Gesellschaft und bei den Mädchen eine starke Rückorientierung an traditionellen Geschlechterrollen beobachten“.

Diese Schlussfolgerung kontrastiert mit allen Erkenntnissen aus den vergangenen 15 Jahren. Die deutsche Bundesregierung hat 2007 die repräsentative Studie „20jährige Frauen und Männer heute“ in Auftrag gegeben. Ergebnis: Junge Frauen „demonstrieren eine selbstbewusste Geschlechtsidentität. Sie sehen ihre eigene berufliche und private Perspektive optimistisch und entwickeln ihre Lebenspläne mit Blick auf ihre Chancen und Optionen“.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, kommt in der von ihr geleiteten Studie „Frauen auf dem Sprung“ zum Ergebnis, dass Mädchen heute unabhängig, ehrgeizig und selbstbewusst sind. "Ich weiß, dass ich gut bin", sagen 99 Prozent der Befragten von sich. Auch die Männer müssten sich an die neuen, starken jungen Frauen gewöhnen. "Nett, fürsorglich und gehorsam zu sein - daran glauben sie nicht. Wichtiger als der Mann fürs Leben sind den Befragten ihre finanzielle Unabhängigkeit und eine gute Ausbildung.“

Solche und andere Befunde nimmt die St. Galler Studie erst gar nicht zur Kenntnis. Dabei lernt jeder Studierende schon im ersten Semester, dass bei einem Thema, das man wählt, eine Auseinandersetzung mit der bereits vorhandenen Literatur unabdingbar ist. Damit sind wir beim Setting der St. Galler „Studie“. Schaut man genauer hin, findet sich der Hinweis, dass ganze 55 Mädchen befragt worden sind, davon fast die Hälfte aus der 3. Klasse - Neunjährige also. Alle 55 Mädchen stammen ausschliesslich aus drei Gemeinden der Ostschweiz. Wie die Mädchen befragt worden sind und mit welcher Technik – zum Beispiel im qualitativen Interview – wird ebenfalls nicht präzisiert. Würde ein Studierender ein solches Machwerk abliefern, müsste man ihm als Lehrender wohl einen Berufswechsel vorschlagen.

Aber Frau Schmid hat ja schon einen Beruf, einen lebenszeitlich gesicherten sogar. Insofern kann sie sich auch erlauben, Wissenschaft mit Ideologie zu verwechseln. So polemisiert sie – im Sinne eines populistischen Feminismus – dagegen, dass Mädchen ihre Mütter oder Grossmütter als Vorbild nennen, unterstellt geradezu bösartig, dass eine Frau, die sich an traditionellen Lebenszielen orientiert, kein Selbstvertrauen hat und empört sich, wenn Mädchen sich für Lebensentwürfe entscheiden, die sie selber nicht als emanzipiert bewertet. Damit geriert sie sich als Hüterin der Wahrheit dessen, was heute Frau zu sein hat.

Skandalös ist auch, dass diese „Studie“ vom Hilfswerk „Plan“ finanziert wurde – anzunehmenderweise mit Spendengeldern.

Der Artikel erschien zuerst in der Basler Zeitung am 2. 1. 2015.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Agent*In: das Ende einer rationalen Debattenkultur

02. August 2017, von Dr. Alexander Ulfig
Vieles wurde diese Tage über das Online-Lexikon Agent*In geschrieben. Das Lexikon soll Informationen über „Antifeministen“ bereitstellen. 
 
Die Agent*In ist nach eigenen Angaben ein „Antifeminismus-kritisches Online-Lexikon“. Das Projekt wird von der Heinrich-Böll-Stiftung, der parteinahen Stiftung der Grünen, getragen. Es befindet sich im Aufbau. „Wir...

Geschlechterdebatte

Den Geschlechterkampf beenden!

Anmerkungen zum Internationalen Männertag am 19. November 2014 19. November 2014, von Prof. Günter Buchholz
„Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht.“ - Bertolt Brecht, Dreigroschenoper -
Die mediale Öffentlichkeit widmet heute der Lage des weiblichen Geschlechts jede denkbare Aufmerksamkeit, während zugleich die...

Wissenschaft

Die Anti-Wissenschaftler

26. Oktober 2012, von Hadmut Danisch, zuerst erschienen in Hadmut Danischs Blog
Die Zeitschrift „Scientific American” hat einen hochinteressanten Artikel darüber veröffentlicht, wie die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit in den USA die Demokratie gefährdet.  
In den USA wird es für Politiker wohl immer günstiger, leichter und gewinnbringender, sich als wissenschaftsfeindlich auszugeben. Die Ablehnung von...

Wissenschaft

Postmoderner Relativismus an Universitäten

07. November 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Neulich hat mich ein Freund zu einer geschichtswissenschaftlichen Vorlesung an der Frankfurter Universität mitgenommen.
In der Vorlesung, die einen einführenden Charakter hat, geht es um Vorurteile, die heute lebende Menschen gegenüber dem Mittelalter haben.
 

Geschlechterdebatte

Envy and Malevolence - the Shaky Foundation of Gender Studies

May 21, 2016, by Professor Gerhard Amendt (formerly of the Institute for Gender and Generation Research, Bremen University, IGG)
Which is less pleasant: being envied or envying yourself? Envy is an intense feeling, it can consume one's soul and destroy the envied person's enjoyment of the object in question. However, envy is also part of life and it is worth to not only point it out but to...

Geschlechterdebatte

Debatte in Schweden: Ist man mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu weit gegangen?

18. Mai 2012, von Nathalie Rothschild - www.nathalierothschild.com
An schwedischen Schulen wird zunehmend eine geschlechtsneutrale Politik vorangetrieben. Unter anderem gehört hierzu die Verwendung einer geschlechtsneutralen Bezeichnung – „hen“ (es) statt „han“ und „hon“ (er und sie). Nun schlagen einige Schweden zurück.
Schweden trägt den langanhaltenden Ruf, ein egalitäres Land mit nur...

Geschlechterdebatte

Das geheimnisvolle Schweigen der Männer

26. Januar 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Der Geschlechterforscher Gerhard Amendt enträtselt das Geheimnis, warum sich Männer gegen ihre Dämonisierung und Diskriminierung nicht wehren, und plädiert für eine neue Geschlechter-Debatte.
In der Geschlechter-Debatte werden Frauen immer noch als Opfer und Männer als Täter betrachtet. Männer als Kollektiv werden zum Sündenbock dafür gemacht, dass Frauen...

Geschlechterdebatte

Warum sorgen entführte Mädchen für internationale Aufmerksamkeit - und brennende Jungen nicht?

10. Mai 2014, von Arne Hoffmann
"Since the Nigerian Islamic radical group Boko Haram kidnapped over 100 schoolgirls in mid-April, the media and the American government have been up in arms over this outrage. With over 200 girls in captivity, Boko Haram warned that they may sell the children into slavery."
"Beginning the night of the kidnappings on April 16 and continuing ever since, the press...

Geschlechterdebatte

„Neue“ Männer

27. Februar 2016, von Prof. Walter Hollstein
„Neue Männer braucht das Land“ – so sang es Ina Deter vor Jahren. Der Song hat sich gehalten, und die Forderung auch. Nun ist es nicht so, dass sich etwa nichts getan hätte. Der blosse Augenschein in unseren Städten zeigt, was vor dreissig oder vierzig Jahren noch unmöglich gewesen wäre: Männer, die Kommissionen machen, Väter, die Kinderwagen...

Geschlechterdebatte

Anspruch und Wirklichkeit in der Familien- und Geschlechterpolitik

02. Dezember 2013, von Prof. Günter Buchholz
Interviewfrage an Karl Lagerfeld: „Wie halten Sie es mit Familie?“ Antwort: „Nein! Nein! Man kann nicht alles haben!“
Auf dem Feld der Familien- und Geschlechterpolitik gibt es eine mehr oder minder stark radikalisierte Minderheit von Frauen, die sich als selbst ernannte Avantgarde begreift und die tatsächlich - ohne erkennbare kritische...

Geschlechterdebatte

Auch Männer haben eine Seele!

Ein umfassendes Buch über die seelische Gesundheit von Männern und Jungen mit Lösungsvorschlägen 06. Februar 2016, von Prof. Matthias Franz und André Karger
Psychotherapeutische Praxen und Kliniken sind so etwas wie gesellschaftliche Frühwarnsensoren für die Haarrisse zwischen individuellem Leid und kollektiven Normierungsprozessen. Therapeutinnen und Therapeuten spüren in der Vertraulichkeit...

Wissenschaft

Braucht unsere Gesellschaft „Gender Studies“?

09. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz
Der Anglizismus „Gender Studies“ bezeichnet in Deutschland faktisch nicht etwa „Geschlechterforschung“, die eine Forschung wäre, die Fragen im Hinblick auf beide Geschlechter und ihr wechselseitiges biologisches, soziales und kulturelles Verhältnis zueinander stellte und dann wissenschaftlich untersuchte, sondern sie ist einseitig Frauenforschung, also...