Geschlechterdebatte

Hallo, kleine Pinguine

11. Dezember 2014, von Prof. Walter Hollstein

Im amerikanischen Nebraska ist man unlängst auf die Idee verfallen, die Schulkinder nicht mehr länger als Buben und Mädchen anzusprechen. Sie werden hinfort als nette Hasen, liebe Katzen, quirlige Goldfische oder eben kleine Pinguine angeredet.

Pinguine-njhu8756 Hintergrund ist die nicht gerade neue Erkenntnisse, dass es neben Frauen und Männern auch solche Menschen gibt, die sich weder als das eine noch als das andere fühlen.

Sogenannte Transsexuelle. Zwar bewegt sich deren Anzahl in einem verschwind geringen Promille-Bereich; aber in unseren Zeiten „politischer Korrektheit“ darf man sich auch gegenüber noch so winzigen Minderheiten keinen Fehltritt erlauben. Lieber behandelt man die übergrosse Mehrheit als Idioten. Denn so fühlen sich Buben und Mädchen in Nebraska, wenn sie mit Tiernamen angesprochen werden. Das berichten  protestierende Eltern. Es hätte ja vielleicht auch den vernünftigeren Weg gegeben, im Unterricht  zu verdeutlichen, dass wir heute im Gegensatz zu früheren Zeiten in einer Gesellschaft freierer Sexualität leben. Doch Vernunft – in der Gender-Debatte – ist nicht erwünscht.

Was in Nebraska eine Art Pionierprojekt ist, hat in Schweden auf etwas andere Art bereits allgemeine Verbindlichkeit. Ob Junge oder Mädchen – alle werden inzwischen als „hen“ angesprochen. Das ist nun eigentlich gar nicht schwedisch, sondern es ist ein Kunstwort. Jedenfalls ist der Zweck erreicht, dass es keine Mädchen und keine Jungen mehr gibt, selbstredend auch keine Frauen und Männer, sondern nur noch Menschen – geschlechtsneutral versteht sich. Zu dieser Politik gehört, dass in Vorschulen die „Hens“ nur noch unter Aufsicht spielen dürfen; zu gross sei die Gefahr, dass die Kinder in „stereotypisierte Geschlechtsrollen“ zurückfallen könnten. So wurde den Buben verboten, mit Spielzeug zu spielen, dass sie als „männlich“ verstehen  – Autos zum Beispiel.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Schweden - bisheriger Spitzenreiter bei Pisa-Studien – geradezu dramatisch abgefallen ist. Vor allem die Buben. Verweigerungshaltung? Nicht ganz unerheblich mag auch sein, dass Schweden weltweit das Land ist, in welchem die meisten Ehen mit Thai-Frauen geschlossen werden. Reaktion auf eine Form von Genderwahn?

Eigentlich müssten wir es inzwischen besser wissen. 1965 wurden im kanadischen Winnipeg eineiige Zwillinge geboren – beide mit einer Vorhautverengung. Bei der notwendigen Operation wurde der Penis des einen Buben – Bruce - so stark verletzt, dass ein Experte zur Amputation riet. Das war John Money- damals hoch im Kurs. Er empfahl, den Jungen nun als Mädchen zu erziehen. Mit der Gabe der nötigen Hormone sei das absolut kein Problem. Der Junge würde zum Mädchen und sich dementsprechend fühlen. Die theoretische Gebrauchsanweisung war, dass die Natur bei der Herausbildung der Geschlechtsidentität sowieso keine Rolle spiele – einzig die Erziehung.  

Alice Schwarzer – bekannt dafür, komplexe Sachverhalte je schon immer auf den simpelsten aller Nenner zu bringen – war begeistert und feierte Money jahrelang als Pionier der Geschlechterforschung. Bruce war es weniger. Trotz Hormonen, Mädchenkleidern etc. wehrte er sich. Er wollte lieber mit Jungen spielen, Jungenkleider tragen und eben ein Junge sein. Offenbar ist die Natur doch nicht so irrelevant. Das Ganze endete tragisch. Bruce kam mit den  ganzen Veränderungen und Widersprüchen nicht klar und brachte sich um. Der amerikanische Journalist John Colapinto hat sein Schicksal nachgezeichnet („Der Junge, der als Mädchen aufwuchs“).

Es ist wohl einfach gefährlich, Rollenbilder am Schreibtisch aufzulösen –  nur weil es einer bestimmten Ideologie entspricht. Eigentlich müsste es ja so schwierig auch nicht sein: Mädchen sind Mädchen; Buben sind Buben. Und eben keine Pinguine.

Walter Hollstein, em. Prof. für politische Soziologie; letzte Buchpublikation: Was vom Manne übrig blieb (2012)

Der Artikel erschien zuerst in Basler Zeitung 5.12.2014

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Ein offener Brief an alle Männer, Väter und Jungs zu Weihnachten

15. Dezember 2014, von Tom Todd
Liebe Männer, Väter und Jungs,gerade in der Weihnachtszeit, in der die Familie, die Liebe und gefühlsbetont der Zusammenhalt der Menschheit hochgehalten werden, schwappen die Wogen der Enttäuschung und Verbitterung verstärkt an die Oberfläche.
Gerade jetzt vielleicht verhärten sich noch mehr die Gefühle und Meinungen, die uns Männern dazu verleiten, hart ins...

Geschlechterdebatte

Zombie-Feminismus, Antisexismus und Demokratie

21 November 2013, von Lucas Schoppe
Es gibt nur einen Feminismus“, sagt die Grüne Renate Künast. „Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander“, sagt die grüne Böll-Stiftung. Wer das wiederum für einen Widerspruch hält, kennt sich nur mit dem Thema nicht richtig aus.
Wer sich...

Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming hält Einzug in die Wirtschaft

27. Juni 2012, von Eckhard Kuhla, zuerst erschienen bei AGENS
Wie der Standort Deutschland einer Ideologie geopfert wird.
Frauenförderung 2000 – 2010
In den letzten Jahren hat die deutsche Wirtschaft für die Frauenförderung Einiges getan. Die hierzu notwendigen Anstrengungen wurden seit dem Jahr 2001 weiter intensiviert. Hierbei hat sich die deutsche Wirtschaft am eigentlichen Zweck einer...

Geschlechterdebatte

Spielen im Opfer-Modus

12. März 2014, von Birgit Kelle
Schöne neue Welt: Jetzt sollen also auch noch Kinderspielplätze gendersensibel gestaltet werden.
Was haben Aufsichtsräte und Spielplätze gemeinsam? Beide sind nicht gendersensibel genug, die großen und kleinen Mädchen haben nicht genug Spielraum. Für die einen gibt’s demnächst die Frauenquote, um die Spielplätze kümmert sich jetzt die SPD.
...

Geschlechterdebatte

„Schreib nicht von Deiner Nachbarin ab!“

4. September 2012, von Robert Boder
„Lange bevor die PISA-Studie erschienen war, wussten wir beide, was in unserem Bildungswesen los ist, und ich habe einmal zu Ihnen gesagt, das komme daher, dass auf der einen Seite die Linke die Anforderungen in unseren Schulen immer weiter abgesenkt hat, um den Kindern aus nichtarrivierten Schichten den sozialen Aufstieg zu erleichtern (ein Motiv, das ich gut...

Geschlechterdebatte

Ungleichheit ist nicht gleich Diskriminierung

Entideologisierung des Gender Pay Gaps
Von Michael Klein, 4. Mai 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Seit Jahren finden es die Betreiber von Sciencefiles.org immer wieder erstaunlich, dass ungleiche Verteilungen, wie sie z.B. zwischen den Einkommen von Männern und Frauen bestehen, als Beleg für Diskriminierung bewertet werden, und zwar von zumeist denselben Personen, die nie auf die Idee...

Wissenschaft

Exzellenz als Fake

Wie im Sog der Exzellenzinitiative die deutsche Universität ihre Unabhängigkeit und die Wissenschaft ihre Freiheit verliert.
Von Prof. Adorján Kovács   18. April 2012

Wissenschaft wurde früher, entsprechend dem Humboldt’schen Ideal, in Einsamkeit und Freiheit betrieben. So lautete die positive Selbstdarstellung, die selbstverständlich kritisch hinterfragt werden durfte: Wo blieb die Kooperation über...

Geschlechterdebatte

„Lasst das mal den Papa machen“

Der „Stromberg“-Film ist sexistisch: Fragt sich nur, gegenüber wem 26. März 2014, von Johannes Meiners
Bernd Stromberg ist zurück: Noch ein Mal – als Kinofilm. Die Büro-Satire spielt im (vermeintlichen) Alltag europäischer Durchschnittsbürger, in diesem Falle Versicherungsangestellter in Nordrhein-Westfalen.
So viel vorweg: Ich teile die Ansicht des Schauspielers – und Hauptdarstellers –...

Geschlechterdebatte

Leonard Cohen, der Krieg, die Menschlichkeit und die Fahrräder auf dem Meeresgrund

01. Oktober 2014, von Bernhard Lassahn
Am Sonntag, dem 21. September wurde in einer Reihe von transkontinentalen Veranstaltungen (1)* der achtzigste Geburtstag von Leonard Cohen zelebriert. Er selber hat sich diesen Tag als Termin gesetzt, um wieder mit dem Rauchen anzufangen.
In dem Filmporträt ‚Beautiful Losers’ (ich weiß nicht, wie lange das schon zurückliegt) lobt er Weißwein und Zigaretten als...

Wissenschaft

Braucht unsere Gesellschaft „Gender Studies“?

09. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz
Der Anglizismus „Gender Studies“ bezeichnet in Deutschland faktisch nicht etwa „Geschlechterforschung“, die eine Forschung wäre, die Fragen im Hinblick auf beide Geschlechter und ihr wechselseitiges biologisches, soziales und kulturelles Verhältnis zueinander stellte und dann wissenschaftlich untersuchte, sondern sie ist einseitig Frauenforschung, also...

Geschlechterdebatte

Rechte Kerle: Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper

18. September 2013, von Lucas Schoppe
„Sollte man mit den Männerrechtlern oder nur über sie reden? Die Debatte darüber hat gerade erst begonnen.“
Eine seltsame Debatte: als ob es in einer Demokratie normal wäre, zunächst einmal langwierig zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen überhaupt zur Diskussion zugelassen werden dürften. Der Autor, der hier über „Männerrechtler“ so schreibt, wie sonst ein...

Geschlechterdebatte

Bin ich jetzt ne Frau?

16. Dezember 2012, von Hadmut Danisch, zuerst erschienen in Hadmut Danischs Blog
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau zu bewerben? Nur mal so zum Zwecke des Disputs, um Schwächen und Disploits gegen die Politik zu diskutieren:
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau auf Vorstandsposten, Aufsichtsratssitze und Professuren zu bewerben und die Frauenquote für mich in Anspruch zu...