Geschlechterdebatte:

Die Desinformationskampagne von "ProQuote"

Ich bin gerade auf der Jahreskonferenz des Journalistenverbandes "Netzwerk Recherche". Es ist erstaunlich, mit welcher Intensität hier für ProQuote getrommelt wird. Und mit welchen Methoden der Desinformation.

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Die erste Veranstaltung dazu war – schon wieder – eine “Podiumsdiskussion”. Ich hasse Podiumsdiskussionen, da kommt nämlich nie was bei heraus.

Ursprünglich angekündigt war ja ein Streitgespräch zwischen Annette Bruhns (SPIEGEL, Vorsitzende ProQuote) und Thomas Tuma (SPIEGEL, hat kürzlich eine Kritik an ProQuote verfasst), bei dem man schon gewitzelt hatte, ob eine Waffenkontrolle am Eingang nötig sei. Tatsächlich war’s auch voll (fast nur Frauen).

Der kam dann aber nicht, sie hätten sich irgendwie darauf geeinigt, das SPIEGEL-intern zu regeln. Tatsächlich saßen dann außer dem Moderator Jakob Augstein fünf Frauen auf dem Podium, nämlich Annette Bruhns, Carin Pawlak (FOCUS), Ines Pohl (TAZ), Sabine Rückert (ZEIT) und Claudia Spiewak (NDR HF).

Es war so richtig schlecht. Die waren nämlich erstens alle einer Meinung, und zweitens alle als Lobby unterwegs. Also reine Propaganda-Selbstdarstellung. Schlechter kann man ein Podium nicht besetzen. Natürlich – wie immer beim Feminismus – keinerlei Kritiker, keine Kritik, seichtes, substanzloses Wohlfühlgeplauder. Und die kamen sich dabei noch merklich gut und überlegen vor, weil es keinen Widerspruch gab und das alles so flutschte.

Dass sie aber kein einziges Argument zu ihrem Thema brachten, und die Quote auch nicht brauchbar belegen konnten, merkten sie nicht, dafür machten sie dumme zotige Witze über Männer. Das merkte man so richtig, wie das Niveau da ins Unterirdische sank.

Bemerkenswert war dabei, dass Augstein mal sagte, dass die Frauenquote umso niedriger sei, je höher der Qualitätsanspruch des Mediums wäre, dass also bei den ganzen seichten Käseblättern viele Frauen, bei den anspruchsvollen aber wenige arbeiteten. Und fragte, wer sich das erklären könnte. Nöh, meinten sie mit aufgesetztem Unterton, das könnten sie sich nicht vorstellen. (Wie sollte man sich dazu auch vernünftig äußern können, wenn man gleichzeitig fordert, eine Zwangsquote für Redaktionen einzusetzen?)

Ich kam mir da vor wie im falschen Film. Die produzieren da so einen grottenschlechten Blödsinn, schmoren im eigenen Saft, merken gar nicht, wie dämlich das alles wirkt – und kommen sich total gut vor. Suhlen sich in ihrer Selbstgefälligkeit. Und ein Publikum voller Frauen findet es ebenfalls toll, fast alle sind begeistert, freuen sich, finden es toll. Unglaublich, wie leicht und anspruchslos Frauen zu bedienen sind. Darauf beruht wohl der Feminismus fast ausschließlich. (Es gab allerdings auch einige wenige, denen das ebenfalls zu blöd war.)

Eigentlich wollten sie ja Wortmeldungen nicht annehmen und haben erhobene Hände durchgehend ignoriert. Nachdem aber eine Journalistin sich einfach ans Mikro stellte, hab ich es ihr nachgetan, und dann auch Kritik geäußert. Und habe da mal zum Ausdruck gebracht, dass ich es für nicht nur stinklangweilig, sondern sogar eine Missachtung des Publikums halte, da ein Streitgespräch anzukündigen und dann 6 Lobbyisten gleicher Meinung hinzusetzen, die jeder Substanz und jedem Disput aus dem Weg gehen. Seicht und substanzlos. Und ich habe Augstein an seine Eingangsfrage erinnert, warum die Frauenquote im Seichten hoch wäre und umso niedriger läge, je höher der Qualitätsanspruch eines Mediums sei. Die Frage hätten sie gerade selbst beantwortet. Richtig schlecht hätt ich’s gefunden.

Fassungslosigkeit. Rings um mich herum glotzte mich alles an wie vom Schlag getroffen, aber erst mal kein Widerspruch, die waren zu baff. Zumal die völlig irritiert waren, weil die sich dort untereinander alle kennen, aber keiner mich da kannte. Da taucht einfach ein unbekannter Fremder auf und haut drauf. Ich hatte so den Eindruck, dass die überhaupt noch nie direkt Kritik bekommen haben, und sie deshalb so selbstgefällig und selbstzufrieden da in ihrem Blödsinn baden, und einem anspruchslosen Publikum plaudern, was sie und das Publikum hören wollen. Und dass das auch der Grund ist, warum wir im Fernsehen immer öfter mit unerträglich schlechten Talkshows überschwemmt werden.

Dazu kam dann irgendwie die Frage auf, ob man das Podium halb-halb mit Männern und Frauen hätte besetzen sollen. Ich wollte nochmal ans Mikro und ihnen „Nein, Ihr Nachtwächter, nicht nach Geschlecht, sondern nach Meinungen zum Thema hättet Ihr besetzen sollen, mit Leuten dafür und Leuten dagegen, egal welchen Geschlechts!” sagen, aber sie wollten mich nicht mehr ans Mikro lassen. Für die werden Podien nicht nach Hirninhalt, sondern allein danach, was zwischen den Beinen baumelt, besetzt. Und genauso soll es nach deren Willen auch in den Redaktionen vor sich gehen. Kämen die per Quote in die Verlagsleitungen, würden wir nur noch solchen Scheiß serviert bekommen.

Man fand meine so offene und direkte Kritik sehr offensichtlich unkollegial. Was auch sonst sollte sie sein? Ich bin ja kein Kollege.

Drauf die nächste Veranstaltung, in einem kleinen Seminarraum. Über Frauen in Chefetagen. Als ich da reinkam, wollten sie mich gleich wieder rauskomplimentieren. Das wäre doch nichts für mich, ich würde mich doch dann schon wieder langweilen. Wie billig der Versuch. Ja, das müsste ich dann eben aushalten, meinte ich, außerdem hätte ich ja umsomehr zu schreiben, je schlechter sie wären. Die Gesichter hättet Ihr sehen sollen. Sie wollten auch sofort wissen, wo und für wen ich schreibe. Und sie wären ja auch nur besorgt um mich gewesen, um mir weitere Langeweile zu ersparen. Danke, kann selbst auf mich aufpassen.

Und dann übelste Desinformation und Demagogie.

Die Frauenquoten in den Redaktionen der großen Zeitungen und Zeitschriften wurden als Tortengraphik (albern: Als Torten mit Zuckerguss) dargestellt, wie hoch der Anteil jeweils sei. Und dann darüber hergezogen, als sei es automatisch und zwingend richtig, eine 50:50 Quote zu haben.

Ich hatte mir da schon ein paar gepfefferte Fragen notiert, etwa ob sie überhaupt den Unterschied zwischen deskriptiver und stochastischer Statistik kennen würden, die sie hier ständig durcheinanderwerfen und deshalb wertlose Aussagen treffen. Oder ob sie das Simpson-Paradoxon kennen, das da voll zuschlägt, und das Feministinnen dazu bringt, sich sogar dann über Benachteiligung zu beschwerden, wenn sie bevorteilt werden. Oder ob sie schon mal was davon gehört hätten, dass man bei Statistiken nicht willkürliche Auswahlen treffen darf. Denn sie zeigte nur die großen Verlagshäuser mit den niedrigen Frauenquoten. Dass es aber (wie auch in der vorhergehenden Veranstaltung erwähnt) im unteren Qualitätsbereich sehr hohe Frauenquoten bis in die 100% gibt, und beispielsweise auch viele Presseabteilungen von Universitäten, Firmen, Behörden usw. weit überwiegend oder ausschließlich von Frauen besetzt sind, sagte sie nicht. Da wird systematisch Desinformation und Täuschung betrieben.

Oder anders gesagt: ProQuote lügt wie gedruckt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Zu meiner freudigen Überraschung musste ich die Fragen aber gar nicht mehr stellen. Zwei junge Journalistinnen, von denen sich eine als Studentin ausgab (und die andere vermutlich auch eine war), waren damit nicht einverstanden. Sie haben das zwar eher aus Laiensicht kritisiert, aber das zeigt, dass man schon intuitiv erkennen kann, was für einen Quatsch die da auftischen.

Die erste fragte nämlich, ob das vielleicht Gründe haben könnte, dass Frauen seltener eingestellt werden, etwa weil sie besonders zickig sind oder anders arbeiten. Damit müsse man professioneller umgehen. Treffer!

Die zweite fragte, wieviele Bewerber es eigentlich gegeben habe. Wenn sich immer 9 Männer und nur eine Frau bewerben würden, wäre es doch klar, dass viel mehr Männer eingestellt werden würden. Noch ein Treffer.

Sie versuchten sich herauszureden. Bei der ersten Frage mit Zoten und Witzen über Männer, wonach Männer ja eigentlich viel zickiger als Frauen seien. Bei der zweiten Frage mit der Behauptung, dass es auf die Zusammensetzung des Bewerberfeldes ja gar nicht ankäme, weil diese Stellen bekanntlich an die Auserwählten herangetragen würden und erst dann, wenn man sie hätte, noch pro Forma eine Ausschreibung erfolgen würde. Also müssten Frauen auch dann per Quote aufgenommen werden, wenn sie viel weniger Bewerberinnen haben. Klar, weil es dann keine Qualitätsanforderungen mehr geben würde und auch die ganz Doofen Chefredakteurin werden können. So wie diese da.

Der Lacher war nämlich, dass sie nach all diesen Statistikfehlern und Täuschereien noch behauptete, warum Ihre Argumente besser seien als die von Männern: „Wir werfen nicht mit Farbbeuteln, wir werfen mit Zahlen!” Ha. Sie gehe mit Zahlen um, als wären es Farbbeutel.

Immerhin, sie konnte nicht alle täuschen, wenigstens zwei junge Journalistinnen haben den Schwindel bemerkt.

Bleibt der üble Nachgeschmack, dass der Journalismus generell nichts mehr taugt, wenn auf einer Journalistenkonferenz, die sich „Netzwerk Recherche” nennt, die allermeisten nicht mal merken, wie sie hereingelegt werden.

Der Artikel erschien zuerst in Hadmut Danischs Blog.

 

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