Geschlechterdebatte

Jungen bleiben die Stiefkinder deutscher Bildungspolitik

27. Dezember 2012, von Dr. Bruno Köhler, zuerst erschienen bei MANNdat

Zwölf Jahre nach der ersten PISA-Studie, die das geschlechterspezifische Bildungsgefälle zuungunsten der Jungen aufgezeigt hat, hat MANNdat nachgefragt, was die Bildungsministerien heute im Bereich Jungenleseförderung machen.

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Es geht hierbei mehr als nur um die Frage nach dem Engagement der politisch Verantwortlichen für Jungen. Es geht um die Glaubwürdigkeit von Geschlechterpolitik. Ist die Politik bereit, sich für die Gleichstellung von Jungen ebenso einzusetzen, wie für die Gleichstellung von Mädchen? Nun, soweit sei vorweggenommen, sie ist es nicht. Lesen Sie die ernüchternden Ergebnisse.

Stand der Jungenleseförderung in den Bundesländern (November 2012)

Jungenbildungsförderung, das zeigen alle Schulleistungsstudien, ist eine wichtige bildungspolitische Herausforderung. Die männlichen Schulabbrecherquoten sind deutlich höher als die weiblichen. Der Anteil von Jungen an den Abiturienten ist deutlich geringer als der Anteil der Mädchen.

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Trotz dieser Zahlen, werden in den Bildungsstatistiken von Bund und Ländern im Bereich Bildung geschlechterspezifisch bis heute ausschließlich Mädchen- und Frauendaten geführt, nicht jedoch Jungendaten. Jungenleseförderung ist nur ein Teilaspekt einer längt notwendigen Jungenbildungsförderung. Sie ist aber ein sehr wichtiger Anhaltspunkt, da es bei keiner schulischen Kompetenz so große geschlechterspezifische Unterschiede gibt wie in der Lesekompetenz. Die Lesekompetenz von Jungen ist deutlich schlechter als der Mädchen.

Die Anfrage

Ende August wurden die Bildungsministerien der 16 Länder angeschrieben, mit der Bitte, uns mitzuteilen, ob es in ihrem Land Jungenleseförderprojekte gibt und wenn ja, wo sich interessierte Bürger/innen wenden könnten, um mehr darüber zu erfahren. Bei fehlenden Antworten wurden die zuständigen Ministerien nochmals im September angeschrieben. Die Originalanfrage kann unter Anlage 1 nachgelesen werden. Gleichzeitig wurde versucht, über Internetrecherche, insbesondere über den Bundesbildungsserver, sich über Jungenleseförderprojekte in Deutschland zu informieren.

Die Ergebnisse

Bundesweit konnten vier Jungenleseförderprojekte, die vom Bund oder von den Ländern unterstützt werden, gefunden werden:

  • Kicken & Lesen (Baden-Württemberg Stiftung und VfB Stuttgart 1893 e.V.): Für die Teilnahme am Projekt können sich Vereine, kirchliche Träger, freie Träger der Jugendarbeit, Bibliotheken und andere Institutionen in Baden-Württemberg bewerben.
  • Kicken & Lesen Hessen: wie oben, nur in Hessen.
  • Jungen lesen, aber anders: Anregungen zur Förderung der Lesemotivation von Jungen in Schule und Familie; Sachsen kooperiert hier mit der Stiftung Lesen.
  • Boys & Books: Leseempfehlungen für Jungen (Universität Köln)

Qualität der Auskunft der Bildungsministerien zur Jungenleseförderung

Von 16 angeschriebenen Bildungsministerien in den verschiedenen Ländern haben lediglich acht geantwortet (Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Schleswig-Holstein).

Acht Ministerien waren trotz zweimaliger Anfrage zu keiner Auskunft auf unsere Anfrage zu Jungenleseförderprojekten in ihrem Bundesland bereit (Bayern, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Saarland, Sachsen-Anhalt, Thüringen). Unabhängig von der Einstellung zur Jungenleseförderung ist ein solches Verhalten gegenüber sachlichen Bürgeranfragen äußerst fragwürdig.

Auf nur zwei der vier Jungenleseförderprojekte wurden wir durch Information von den Bildungsministerien (Sachsen und Baden-Württemberg) hingewiesen. Zudem wurden wir von Rheinland-Pfalz und nicht von NRW (das uns nicht antwortete) auf das neue Projekt an der Universitär Köln „Boys & Books“ aufmerksam gemacht.

Das hessische Kultusministerium antwortete, dass es kein Jungenleseförderprojekt in Hessen gäbe, obwohl dort schon 2011 das Projekt Kicken & Lesen von der „hessenstiftung – familie hat Zukunft“ jährlich ausgeschrieben wird. Die „hessenstiftung – familie hat zukunft“ ist eine Stiftung des bürgerlichen Rechts, die von der Hessischen Landesregierung ins Leben gerufen wurde.

Alle Ministerien, die geantwortet haben, führten zusätzlich noch Lesefördermaßnahmen auf, die jedoch nicht rein jungenspezifisch sind. Diese sind in Anlage 2 aufgelistet. Bundesweit stehen derzeit 94 MINT-Mädchenförderprogramme lediglich vier Jungenleseförderprogramme gegenüber.

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Bundesregierung und Jungenleseförderung

Nicht ein einziges Jungenleseförderprojekt konnten wir über Recherche beim Bundesbildungsserver finden, noch nicht einmal das Projekt „Kicken & Lesen“, das von der gemeinsamen Initiative von Wirtschaft und Bundesregierung „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet wurde. Die Bundesregierung initiiert bzw. unterstützt 17 spezielle MINT-Mädchenförderprojekte, jedoch kein einziges Jungenleseförderprojekt.

Das von der Bundesregierung finanzierte „Bundesforum Männer“, das sich selbst als Interessensvertretung von Jungen und Männer bezeichnet, nimmt Jungenlesefördervereine, wie MANNdat, derzeit nicht in den Interessenverband auf und erschwert somit eine längst fällige Jungenleseförderung.

Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse 

Bundesweit sind vier spezielle Jungenleseförderprojekte implementiert, die staatlich initiiert oder unterstützt werden.

Lediglich 50% der Bildungsministerien geben Auskunft über Anfragen zur Jungenleseförderung. Damit erhalten an Jungenleseförderung engagierte Bürger/innen nur bei der Hälfte der zuständigen Bildungsministerien Auskunft.

Im Vergleich der geschlechterspezifischen Bildungsförderung erhalten Jungen weitaus weniger Hilfe, Unterstützung und Fürsorge als Mädchen. Auf 94 Mädchen- MINT-Förderprojekte kommen nur vier Jungenleseförderprojekte. Bei diesem Verhältnis muss man fragen, ob bezüglich des geschlechterspezifischen Bildungsgefälles die Bildungspolitik Teil der Lösung oder eher Teil des Problems ist.

Die Bundesregierung vernachlässigt Jungenleseförderung vollständig.

Die Studie kann als PDF bei MANNdat heruntergeladen werden.

Anlage 1

Die Anfrage

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind ein gemeinnütziger Verein, der sich im Bereich Jungenleseförderung engagiert. Wir veröffentlichen regelmäßig Infos zur Jungenleseförderung.

Schon die PISA-Studie 2000 hat Jungenleseförderung als wichtige bildungspolitische Herausforderung angemahnt. Die PISA-Studie 2009 hat gezeigt, dass in neun danach die geschlechterspezifischen Lesekompetenzdefizite zuungunsten der Jungen gleich geblieben sind. Der Anteil von Jungen in der besten Lesekompetenzgruppe hat sogar abgenommen. Die EU will sich nun der Verbesserung der Lesekompetenz annehmen. Zudem erhalten wir regelmäßig Anfragen, wo welche Jungenleseförderprojekte analog z.B. den Mädchenförderprojekten im MINT-Bereich vorhanden sind.

Deshalb möchten wir bei den für Bildung zuständigen Ministerien, also auch bei Ihnen, anfragen:

  1. Welche konkreten reinen Jungenleseförderprojekte führen Sie durch, unterstützen Sie oder kennen Sie in Ihrem Bundesland?
  2. Wo können Interessierte konkrete Auskünfte über spezielle Jungenleseförderprojekte in Ihrem Land erhalten, z.B. wenn sie daran teilnehmen wollen?
  3. Sind konkrete Jungenleseförderprojekte in Ihrem Land mit Ihrer Unterstützung geplant und wenn ja, welche sind dies?

Für eine Rückantwort wären wir Ihnen dankbar. Die Informationen werden wir in unserem Jungen-lesen-Newsletter veröffentlichen.

Anlage 2

Sonstige, nicht rein jungenspezifische Leseförderprojekte, auf die wir von den Bildungsministerien hingewiesen wurden. 

Hinweis: Soweit kein Datum dahinter steht, stammen die Links vom 1.11.2012; es ist nicht auszuschließen, dass einige der Links auf Dauer nicht mehr funktionieren.

Berlin

Baden-Württemberg

  • Projekte für Jugendliche mit Lese-Rechtschreib-Schwäche z.B. Mannheimer Leseschule, die Leseschule Hettingen oder der LRS-Stützpunkt Hebelschule Titisee-Neustadt (Näheres hier).
  • Autorenlesungen, Schreibwerkstätten (Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg und Friedrich-Bödecker-Kreis e.V. Baden-Württemberg).
  • Lesescouts (Stiftung Lesen und Manfred Lautenschläger Stiftung).
  • Geplant: Mein Papa liest vor! (Stiftung Lesen, Unternehmen des Landes Baden-Württemberg).

Rheinland-Pfalz

  • Seit einem Jahr gibt es im Rahmen einer neunmoduligen Lehrerfortbildungsreihe zur Leseförderung („Lesen in der Schule“), die vom Pädagogischen Landesinstitut angeboten wird, ein Modul zu geschlechtsspezifischer Leseförderung (Modul 5), für dessen inhaltliche Gestaltung Frau Prof. Christine Garbe gewonnen wurde.
  • Mein Papa liest vor

Brandenburg

Hessen

  • Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte zu diesem Thema angeboten. Alle Schulen entwickeln ein Leseförderkonzept, das von der Schulaufsicht auf die Wirksamkeit überprüft wird. Diese Konzepte sind Inhalt von Zielvereinbarungen mit den Schulen und ein wichtiger Bestandteil der Schulqualitätsberichte, die vom Institut für Qualitätsentwicklung bereits im zweiten Durchlauf erstellt werden.
  • Zukünftig: In der Abteilung  II  (Schulen) wird an einem landesweiten Konzept zur Leseförderung gearbeitet. Darin wird es auch einen Teil geben, der sich speziell mit der Förderung der Jungen befassen soll. Ebenso wird hier besonders der Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule in den Blick genommen werden.

Niedersachsen

Sachsen

  • Jungen lesen anders
  • Wir arbeiten eng mit der Stiftung Lesen und dem Landesverband Sachsen im Deutschen Bibliotheksverband zusammen. Mit den zahlreichen Projekten zur Leseförderung (Übersicht hier).
  • Lesescouts
  • Viele eigenverantwortliche Projekte der Schulen (Lesenächte etc.), wo sie die geschlechterspezifische Lesemotivation mit berücksichtigen.

 

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