Geschlechterdebatte

Wenn einsame Wölfe ausrasten: Buben, junge Männer und der Amoklauf

19. Dezember 2012, von Prof. Walter Hollstein, zuerst erschienen in der Aargauer Zeitung

Kommentatoren erklären die Schrecklichkeit des Schulmassakers von Newtown hauptsächlich mit zwei Gründen: die leichte Zugänglichkeit von Waffen in den USA und die Schiessübungen der Mutter Lanza mit ihrem Sohn. Doch solche Interpretationen bleiben an der Oberfläche.

Erfurt, Nickle Mines, Emsdetten, Tuusula und Kauhajoki, Winnenden oder Newtown – das sind Stätten der in ihrer Schrecklichkeit eindrücklichsten Amokläufe der vergangenen zehn Jahre. Auffällig ist zweierlei: die Tatorte sind allesamt Schulen, die Täter allesamt junge Männer. Diese beiden Konstanten müssen zusammenhängend betrachtet werden.

Schule ist für viele Jungen in den letzten Jahren zu einem Horror-Trip geworden. Sie fühlen sich dort unwohl, nicht ernst genommen und schlechter benotet als Mädchen. Der Hamburger Lehrer Frank Beuster spricht von einer „Jungenkatastrophe“, die amerikanische Philosophin Christina Hoff Sommers vom Schul-„Krieg gegen die Jungen“.

was-vom-manne-uebrigblieb-das-missachteteKlar: es gibt nach wie vor gescheite und fleißige Buben. Aber eben: die Zahl der Problemjungen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.In der Kriminalstatistik sind Buben sechzig Mal öfter vertreten als Mädchen; psychische und psychosomatische Störungen sind bei Jungen achtmal häufiger; der Anteil von Buben in Förderschulen und Institutionen für Verhaltensauffälligkeiten beträgt zwei Drittel; dreimal so viele Jungen wie Mädchen sind heute Klienten von Erziehungsberatungsstellen; im Durchschnitt sind mittlerweile alle Schulleistungen von Buben schlechter als die der Mädchen; Alkohol- und Drogenprobleme von Jungen nehmen dramatisch zu; die zweithäufigste Todesursache von Buben ist der Suizid, wobei sich Jungen mindestens sechsmal häufiger selber umbringen als Mädchen im gleichen Alter.

Alle diese Symptome lassen sich letztendlich auf die Ursache zurückführen, dass es für Buben in den vergangenen Jahren immer mühsamer geworden ist, einen sinnvollen Weg zum Mannsein zu finden. „Unsere Söhne haben Probleme“, schreibt William Pollack., „und diese Probleme sind gravierender, als wir denken“. Selbst die Buben, die nach außen ganz ‚normal’ wirkten und den Anschein erweckten, mit dem Leben gut zurechtzukommen, seien davon betroffen. „Gemeinsam mit anderen Forschern musste ich in den letzten Jahren erkennen, dass sehr viele Jungen, die nach außen hin ganz unauffällig wirken, in ihrem Inneren verzweifelt, orientierungslos und einsam sind“. Sie können sich nicht mehr an allgemein gültigen Bildern von Männlichkeit orientieren, wie das früher der Fall war. Stattdessen müssen sie sich allein zurecht finden – nicht zuletzt, weil das die männliche Rolle von ihnen verlangt.

Das ist ganz eindeutig eine Überforderung.„Jungen werden ermuntert, sich zu behaupten, aber systematisch daran gehindert, ihre Emotionen auszudrücken und ihre Bindungsfähigkeit zu entfalten“, notiert Terrence Real in seinem Buch über männliche Depressionen. Männer beziehen sich auf sich selbst und werden erzogen, in diesem Sinne autark zu leben; sie verkörpern das selbst-bezogene Geschlecht. Abgrenzung und Distanz sind männliche Tugenden; am stärksten sind sie im männlichen Mythos des „lonely wolf“ verankert.

Vor 25 Jahren hat die amerikanische Männerzeitschrift „Man“ einen wegweisenden Artikel veröffentlicht: „Wir haben es mit einer sozialen Krankheit zu tun; sie heißt: unreife Männlichkeit“. All diejenigen, die sich heute nicht mehr „einkriegen“, hätten keine Chance gehabt, Männlichkeit sinnvoll zu erfahren. „Es wurden ihnen nur negative Klischees vom Mann gezeigt – von überbeschützenden Müttern, die sich beim Sohn über den Vater beschwerten, und später von den Feministinnen“. Nun „laufen sie als alt gewordene Buben herum und sind tickende Zeitbomben. Sie sind unglücklich. Aber sie haben auch nichts dagegen, andere unglücklich zu machen“.

Wenn wir weitere Katastrophen verhindern wollen, müssen wir uns überlegen, wie wir unseren Buben neue Ziele, konstruktive Wege und ein anderes Männerbild vermitteln können.

Walter Hollstein, em. Prof. für polit. Soziologie; Gutachter des Europarates für Männerfragen; soeben von ihm erschienen: „Was vom Manne übrig blieb. Das missachtete Geschlecht“ (Stuttgart 2012).

 

Weitere Beiträge
Gesellschaft

Jörg Kachelmann: „Sind Menschenrechte nicht unteilbar?“

19. Oktober 2012, von Arne Hoffmann
Jörg & Miriam Kachelmanns "Recht und Gerechtigkeit" und das mediale Echo Ich hatte in meinen Blogs immer wieder über das Gerichtsverfahren gegen Jörg Kachelmann berichtet, aber besonders eilig damit, mir sein Buch darüber zu besorgen, hatte ich es offen gesagt nicht. Das lag an vielen Gründen: Durch die intensive mediale Berichterstattung hatte ich den...

Geschlechterdebatte

Bericht zum 3. Männerkongress (19-20 September 2014)

25. September 2014, von Tom Todd
Um das Ergebnis aus Sicht dieses Autors gleich vorwegzunehmen: Der Kongress war ohne Zweifel ein Erfolg – gemessen an dem Anspruch, fundierte und kritische wissenschaftliche Beiträge zu diversen Aspekten der seelischen Gesundheit von Jungen und Männern zusammenzutragen und einer interessieren (Fach-)Öffentlichkeit zu präsentieren.
Auch war in fast allen Vorträgen...

Gesellschaft

Inkompetenz bewahrt vor Zweifel

Wer inkompetent ist, merkt nichts (mehr).
Von Michael Klein   28. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Warum fehlt manchen Menschen die Einsicht, dass die Positionen, die sie vertreten, nicht haltbar sind? Warum behaupten Politiker vollmundig Dinge, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben oder sogar wissen, dass sie falsch sind? Warum beforschen Wissenschaftler weiterhin...

Geschlechterdebatte

Jugendgewalt: Agenda-Setting und manipulative Berichterstattung in Schweizer Medien

6. Mai 2015, von Arne Hoffmann
Warum bleiben männliche Opfer von Gewalt in der Partnerschaft oft noch immer unsichtbar? Schauen wir uns mal die Berichterstattung über eine aktuell vorliegende Untersuchung an.
Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, kurz ETH Zürich, hat dieser Tage eine aktuelle Studie veröffentlicht, die die Hochschule auf ihrer Website unter der Überschrift Gewalt...

Geschlechterdebatte

Von Monstern und Papageien - Die EU-Studie zur Gewalt gegen Frauen

07. März 2014, von Lucas Schoppe
Es sind erschreckende Einblicke in die Lebenswirklichkeit von Frauen in Europa.“ So beginnt Benjamin Knaack bei Spiegel-Online seinen Bericht über die EU-Studie „Gewalt gegen Frauen: eine europaweite Erhebung“.
Da das möglicherweise noch nicht deutlich genug war, schreibt er im Text weiter, dass die Studie „erschreckende Ergebnisse“ liefere und „einen...

Gesellschaft

Falsche Lehren aus der Silvesternacht

3. Januar 2017, von Prof. Monika Frommel
In ihrem Buch „Die Nacht, die Deutschland veränderte" arbeiten Voogt und Wiermer die Kölner Vorgänge vom letzten Silvester auf. Die Probleme liegen nicht bei Islam und Sexualstrafrecht.
Ein gerade erschienenes Buch von Gerhard Voogt und Christian Wiermer hilft zu verstehen, was in der Kölner Silvesternacht 2015/16 passiert ist. Nun rüstete Köln für...

Gesellschaft

Juristen haben von Sexualstrafrecht keine Ahnung – Polizisten noch weniger!

31. Januar 2016, von Dr. Alexander Stevens
Die Kölner Staatsanwaltschaft erklärt, dass der erste Täter von den 883 Sex-Attacken in der Kölner Silvester-Nacht mittlerweile gefasst sei und in U-Haft sitze – wegen „sexueller Nötigung“ (§ 177 StGB). Dieser Tatvorwurf wird sich nach der derzeitigen Gesetzeslage vor Gericht nicht halten lassen können – zu Recht!
In einem am vergangenen Sonntag...

Gesellschaft

Die Diskriminierung von Jungen im Gesundheitssystem

Zur Zukunft der Gleichstellungspolitik
26. Juni 2012, von Dr. Alexander Ulfig
Der Medizinjournalist Lajos Schöne hat in dem Artikel „Die Gesundheit von Jungen wird vernachlässigt“ auf die Benachteiligungen von Jungen im bundesrepublikanischen Gesundheitssystem hingewiesen.
Jungen sind häufiger krank als Mädchen. Chronische Krankheiten treten bei Jungen doppelt so oft auf wie bei Mädchen. Jungen...

Gesellschaft

Sexuelle Belästigung: In Deutschland bisher nur während der Arbeitszeit verboten

Über die (noch) fast grenzenlose Freiheit von Grapschern und sexuellen Anmachen in Deutschland 21. Februar 2016, von Dr. Alexander Stevens
Die Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen ebbt nicht ab. Zuletzt bei den sog. „Sex- Mobs" in der Silvesternacht, aber auch im letzten Jahr, als selbsterklärte „Pick-Up- Artists" Jagd auf „sexhungrige" Frauen machten, die freilich durch die offensiv...

Gesellschaft

Köln: Neufeministische Opferverhöhnung

14. Januar 2016, von Prof. Gerhard Amendt
hart aber fair vom 11. Januar 2016 war bedrückend, denn die Politikerriege des linken Spektrums wusste nichts Weiterführendes zu den Gewaltexzessen zu sagen. MDB Künast redet wie ein Automat und Ministerpräsidentin Kraft lächelte unverständlich zum Schrecklichen, über das sie sprach.
Bedrohlich allerdings wurde dieses Gerede, weil die Lebensfremdheit der...

Gesellschaft

Der Brüsseler Anschlag und der Islamofaschismus

6. Juni 2014 von Prof. Adorján F. Kovács
Kürzlich hat Joseph Croitoru das neue Buch von Hamed Abdel-Samad über den islamischen Faschismus in der „SZ“ vernichtend besprochen. Dabei hat sich Abdel-Samad auf die ägyptischen Muslimbrüder konzentriert, deren Mitglied er ja einmal war und die er kennen sollte.
Croitoru verurteilt den Begriff des „Islamofaschismus“ und meint: „So ist er hierzulande bei...

Geschlechterdebatte

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs „Die friedfertige Frau“

10. Juni 2014, von Lucas Schoppe
Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
...