Geschlechterdebatte:

Was sich in einem Test so alles spiegelt

An der Medizin-Uni Wien wurde in diesem Jahr (2012) erstmals der Aufnahmetest zum Medizinstudium (ESM-Test) "genderspezifisch" ausgewertet. Man argumentierte diese "Notwendigkeit" damit, dass in den vergangenen Jahren stets mehr Männer prozentual besser abschnitten als Frauen.

stethoskop

Anders als bei dem bisherigen geschlechtsneutralen Test wurde dabei ein Mittelwert für beide Geschlechter getrennt bestimmt und für weibliche Bewerber niedriger angesetzt. Dadurch führte die gleiche Gesamtpunktezahl zu einem höheren Testwertergebnis für Studienbewerberinnen. Fazit: Es wurden 56 Prozent Frauen und 44 Prozent Männer zugelassen, obwohl auch diesmal mehr Männer den Test positiv absolviert hatten.

Der folgende Text ist eine Entgegnung auf diverse Beiträge und Kommentare zum Aufnahmetest an der Medizin-Uni Wien in der Tageszeitung "Der Standard", insbesondere jenem von Lisa Nimmervoll vom 7.8.2012.

Schuld am nicht erwünschten Ergebnis ist also der Test. Die schiefen Ergebnisse wären auf seine auch genderblinden Defizite zurückzuführen. Nun, unbestritten muss jeder Test, der Fairness für sich reklamiert, auf eventuelle Genderprobleme hin untersucht werden. So sehen das auch die Testentwickler des Medizin-Aufnahmetests selbst und evaluieren kontinuierlich seine Vorhersagbarkeit für den Prüfungserfolg; so sah das auch das Wissenschaftsministerium und beauftragte zur Überprüfung der Gender-Gerechtigkeit 2008 eine Studie für die Testergebnisse in Österreich. Das durchführende Zentrum für Testentwicklung und Diagnostik am Department für Psychologieder Universität Freiburg kommt dabei zu folgendem Ergebnis:

Bisher konnte eine testbedingte Benachteiligung, die auszugleichen wäre, nicht nachgewiesen werden. […] Es bleibt festzuhalten, dass zu Studienbeginn besagte Unterschiede (zwischen den Geschlechtern, WH) objektiv vorhanden sind. Insofern entspricht der im Test festgestellte Genderunterschied genau dem festgestellten Unterschied und die Studienerfolgsprognose ist insgesamt richtig. […] Ein Ausgleich wäre nur auf politischem Wege möglich. Dies wäre aber auch nicht problemlos, weil dann Fairness im Einzelfall nicht mehr gegeben wäre: Wenn die Kapazität gleich bleibt, müsste man zum Ausgleich Männer nicht zulassen, die die Prüfung laut Prognose in der Realität auch eher bewältigen würden.

frauenquote-danischAbermals dreht sich die Diskussion hier also nicht um Chancen-, sondern Ergebnisgleichheit. Und es werden auch nicht vorgebliche Gender-Ungerechtigkeiten verhandelt, sondern Ideologismen. Konsequent weitergedacht, wenn auch politisch (noch) nicht durchsetzbar: Haben bereits vor Testauswertungen deren 50:50-Ergebnisse festzustehen, dann wären alle Tests und Lehrpläne, die unterschiedliche Begabungen erfassen, abbilden und voraussetzen, inhaltlich zu überarbeiten: Architektur (zu viel räumliches Vorstellungsvermögen), Bergbau (zu viel Statik und Physik), Elektrotechnik (zu viele Formeln), Informatik (zu viel Programmieren) … und beim EMS-AT eben Zurückdrängen des naturwissenschaftlichen Überhangs. Wenn man sich vom Tunnelbauer erwarten darf, dass sein Tunnel nicht einbricht, möchte man sich als zukünftiger Patient auch auf ein medizinisch naturwissenschaftliches Grundverständnis (= ein Testteil des EMS, in dem Männer konstant besser abschneiden) von angehenden Ärzten und Ärztinnen verlassen dürfen und nicht nur auf die hochsoziale Kern-Kompetenz. Auf diese aber auch.

Die Behauptung, der Test erzählt etwas über geschlechterspezifische Zuweisung durch Schule und Erziehung, stimmt. Das tut er – und spiegelt so ein darunter liegendes Problem. Die Bildungspsychologin Christiane Spiel erhebt 2008 in ihrer Studie:

Frauen haben bei gleichen Schulnoten deutlich schlechtere Testleistungen und zwar durchgängig für alle Schulnoten. Die Unterschiede sind substanziell.

Übersetzt:Nicht nur die Buben werden in ihrer Schulzeit um eine faire Bewertung betrogen, sondern vor allem die Mädchen, indem man ihnen in den zwölf Jahren bis zur Matura Leistungsqualitäten vorgaukelt, die so gar nicht bestehen. Wer jahrelang in Sicherheit gewogen wird, dass die belohnten "Mädcheneigenschaften" zum Erfolg führen, der wird annehmen, dass das auch nach der Schule so funktioniert. Selbst wenn man Schulnoten vernünftigerweise nicht allzu ernst nimmt, so dämmert in ihnen die Katastrophe für die Zeit nach der Matura. Bereits für den EMS-AT fällt der "Betragensbonus" (Studienergebnis des Erziehungswissenschaftlers Ferdinand Eder der Uni Salzburg als hauptsächliche Begründung für bessere Noten von Mädchen) weg und fürs berufliche Vorankommen von Frauen entpuppt sich die jahrelange Täuschung schließlich als – jetzt tatsächliches – Gender-Desaster. Frauenbewegte "Gleich"stellung meint zwar politisch-strategisch klug zu argumentieren, wenn sie – gegen besseres Wissen – die Überlegenheit von Mädchen in eh allen schulischen Belangen behauptet. Sie erweist den Mädchen damit jedoch einen Bärendienst. Wer vorher viel täuscht, hat den angerichteten Schaden nachher mit Test-Hochrechnungen und Quoten zu korrigieren. Den Kollateralschaden betrogener Mädchen nimmt man dabei kühl in Kauf, entgeht man so doch der schwer aushaltbaren kognitiven Dissonanz, dass sich eigene Ideologie und Realität nicht decken. Zu täuschen hat sich längerfristig noch nie als pädagogisch sinnvoll erwiesen.

Und ja, selbstverständlich sind Frauen intellektuell ebenso geeignet wie Männer. In manchen Bereichen sind sie es sogar besser, in anderen weniger – und Männer vice versa. Weil die Vorgabe aber 50:50 lautet (alle müssen alles jederzeit gleich gut können können), können sich die WächterInnen dieser merkwürdigen, unerreichbaren, de facto ungerechten Definition von Gerechtigkeit damit nicht zufrieden geben. Als Doppelbotschaft preisen sie einerseits die Überlegenheit der Mädchen, um andererseits, wenn die Ergebnisse das nicht widerspiegeln, gleich alle Ergebnisse nur aufgrund des Geschlechts aufs vorab behauptete Resultat hochzurechnen. Feministinnen prangern im Allgemeinen solches Vorgehen ganz zu recht als Sexismus an. Durchsichtig wird hier das Frauenbild vom armen Hascherl im eigenen Hinterkopf im Außen bekämpft – ein fatales Signal an Mädchen. Als jahrelanger Mitmarschierer auf Frauendemos, als einer, der Eltern, Lehrer und Studenten von der Notwendigkeit der (einstigen?) Menschenrechtsbewegung Feminismus zu überzeugen suchte, muss ich wohl zur Kenntnis nehmen, dass auch diese Revolution allmählich ihre Kinder frisst. Aber bitte nicht gleich unsere dazu!

Meine Tochter beginnt nächstes Jahr ihr Studium. Es bleibt also noch ein wenig Zeit, ihr entgegen den Botschaften so genannter Gleichstellung zu vermitteln, eh nicht dumm zu sein. Mit einem Sohn wäre mein Problem noch größer. Wie vermittelt man jemandem bei chronischer Schulnoten-Benachteiligung – jetzt eben auch universitärer –, dass sich eigenes Bemühen lohnt? „Wir müssen es unseren Söhnen schwerer machen. Auch wenn es weh tut“, forderte EMMA bereits 1986. Heute lautet das gendersprachliche Oxymoron dazu positive Diskriminierung. So klingt Feindbild-Auffrischung.

Anstatt sich mit nachträglichen Test-Korrekturen aus dem davor fabrizierten Dilemma rauszuwinden, schlage ich Chancen-erhöhend vor: goschig sein bringt weiter als Schönschrift; wer immer nur aufzeigt und wartet, kommt vielleicht nie dran; wer auch mal den Konflikt riskiert ist langfristig durchsetzungsfähiger; und wer die Schuld nicht ständig bei anderen sucht, dessen Selbstbewusstsein beginnt sofort zu wachsen. Das wird die Schulnoten zwar bestimmt nicht besser machen, aber mit denen allein kommt man später ohnehin nicht weit. Nicht einmal bis in Vorstandsetagen.

Dieser Artikel erschien in anderer Fassung zuerst in DerStandard. Weiterführende Informationen zum Autor finden Sie auf dessen Homepage: www.szene-instrumental.com

 

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