Bildung

Frankfurter Buchmesse 2013

22. Oktober 2013, von Prof. Adorján Kovács

Wenn man gepflegte Unterhaltung sucht, ist ein Besuch der Frankfurter Buchmesse immer zu empfehlen.

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Der Ehrengast war diesmal Brasilien. Schon die Eröffnungsveranstaltung brachte mit einer Wutrede des brasilianischen Autors Ruffato eine Überraschung: Er tobte angesichts der rassistischen Gesellschaft seines Landes.

Auch „lame duck“ Guido Westerwelle zeigte sich rhetorisch in Topform. In seiner Rede erwähnte er, in Brasilien seien 25% der Einwohner unter 15 Jahren alt, also sehr jung. In Deutschland dagegen würden bei dem Wort „jung“ Leute Mitte 40 aufhorchen und denken, sie seien gemeint. Das war köstlich.

Unangenehm war dagegen seine Beschwörung des Schulterschlusses zwischen dem Zukunftsriesen aus Südamerika und dem wiedervereinigten Deutschland, was den beiderseits angestrebten Sitz im Sicherheitsrat angeht: Wir gehen einer neuen Großmachtpolitik innerhalb einer multipolaren Welt entgegen, das ist sonnenklar. Großbritannien und Frankreich, denen Westerwelle ungenannt, aber deutlich den Status der Gestrigen gab, werden es interessiert verfolgen.

Wer dachte, Brasilien würde die bekannten touristischen Trümpfe zücken, sah sich getäuscht. Die Kultusministerin bedauerte denn auch, dass ihr Land vorwiegend über den Körper wahrgenommen würde - Samba, Karneval, Fussball. Ich halte das keineswegs für ehrenrührig, sondern im Gegenteil für wunderbar, es schliesst für mich übrigens den Geist auch überhaupt nicht aus, aber die Ministerin blieb unerbittlich streng und lieferte einen nüchternen, etwas faden Blick auf ihr Land, dem auch die Gestaltung des brasilianischen Pavillons entsprach. Wenn man diesen durchschritt, fiel zudem eine durchgehende Infantilisierung der Präsentation auf, was keineswegs eine Spezialität des Ehrengastes war. Überall nämlich wollen die Verlage die Kinder und die Jugendlichen ins leicht kenternde Bücherboot holen. Ob das aber mit Spielplätzen, Hängematten und Hüpfburgen geht, will ich bezweifeln.deutsche-befindlichkeiten

Beim Besuch des Verlags Die Blaue Eule, der meinen Artikelband veröffentlicht hat, konnte ich die großen Sorgen der Bücherleute aus berufenem Munde hören. Der Verlagsinhaber berichtete davon, dass immer weniger Studenten ihre Dissertationen in Verlagen publizieren, sondern auf das „self publishing“ genannte digitale Verfahren ausweichen würden. Das Netz wird so zu einem Tummelplatz weitgehend unkontrollierter Daten, deren Auswahl immer schwerer wird: Was ist gut und wertvoll, was ist Schrott? Und im nächsten Jahrzehnt würden eine Menge Verlage deshalb eingehen. Dagegen sah er die Zukunft nicht beim eBook, dessen Anteil an Neuerscheinungen in Deutschland bei nur 3% läge. Ob er da richtig sieht? In den USA ist dieser Anteil viel höher; da wir hier eine Art kultureller Kolonie jenes Landes sind, werden wir auch diesmal alles nachmachen.

Beim Gang hinüber zur Antiquariatsmesse wollte ich einen Crèpe essen. Mir fiel auf, dass die Verkäuferinnen in den Standwägen ein Kopftuch trugen, was ich zunächst auf hygienische Rücksichten zurückführte. Das Angebot war auf den ersten flüchtigen Blick obstlastig vegetarisch; ich bestellte aus alter Gewohnheit einen Crèpe mit Grand Marnier. Die prompte Auskunft überraschte mich: Ihr Chef wolle keine Alkoholika. Aha. Ich fragte nicht weiter nach, aber möglicherweise habe ich meinen ersten muslimischen Crèpe verzehrt. Was es nicht alles gibt.

Ohne Zweifel stellt die Antiquariatsmesse einen Höhepunkt des Besuchs dar. Das Wort „Kultur“ bekommt nach den Krabbelstuben und dem digitalen Lärm einen neuen Sinn. Ach, waren das noch Zeiten, als man nicht etwa über die „Unterhosenmode männlicher Rockstars in den 70er Jahren“ promovieren konnte, sondern als der Beschäftigung mit Wort und Schrift ein Ernst anhaftete, der sich in der Ausstattung der Bücher widerspiegelte. Dennoch hat Nostalgie keinen Sinn. Der Medizinantiquar, den ich sprach, hatte wenig Ermutigendes zu berichten. Die großen Bibliotheken bekämen jetzt auch (wie die Krankenhäuser) Technokraten als Chefs, also keine Leute mit Herzblut und Sachkenntnis, keine Bücher- und Kulturfreunde mehr, und würden langsam mit dem Ausverkauf ihrer Bestände beginnen, um Platz für Firlefanz zu schaffen. Der Antiquariatsmarkt würde sich in Zukunft zweiteilen, wie überall: Es gäbe wenig extrem teure Angebote für die extrem Reichen, dazwischen nichts und der Rest würde billig verscherbelt. Verlust der Mitte auch hier.

Ansonsten genügt es, sich einfach treiben und die vielen Sprachen auf sich wirken zu lassen. Der Flaneur hat viel zu sehen. Man muss gar nicht auf Prominentenjagd gehen oder nach dem Klatsch haschen, der die Buchmesse laut „Spiegel“ zum „verlässlich unseriösesten“ kulturellen Ereignis werden lässt. Man kann zum Beispiel einfach durch die Hallen an den verschiedenen Nationen vorbeischlendern und sehen, dass Intellekt und Schönheit anderswo ungezwungener zusammengehen als in Deutschland. Bei unseren Verlagen tragen immer noch zuviele Frauen den feministischen Kurzhaarschnitt verbunden mit einem Gesichtsausdruck, den Männerrechtler hart, aber leider treffend als „Männerhassfresse“ beschreiben. Dass es auch anders geht, zeigen beliebige brasilianische oder französische oder polnische Verlage. Vielleicht aber hat einfach auch nur die Sprache eine mimische Konsequenz. Es ist leicht erklärlich, dass eine periorale Muskulatur, die unter dem Gebrauch französischer Worte wie „la bouche“ ausgebildet wird und Namen wie Laurence de Monaghan auszusprechen helfen darf, einen anderen Mund (um es wertfrei zu sagen) prägt als eine solche, die mit Lauten wie „Strickstrumpf“ kämpfen muss. „Nicht will wohllauten der deutsche Mund“, schrieb Hölderlin, und der musste es wissen.

Beim Stand des englischen Verlags Phaidon schliesslich beriet mich ein hochgewachsener Herr um die Dreissig, der mit „Hi! Good afternoon!“ gleichzeitig locker als auch korrekt formvollendet grüsste. Beim Anblick des gutsitzenden perfekten Anzugs, der ohne jeden Zweifel englischen Schuhe und der Frisur, die einem unwillkürlich die Frage nach den Adressen des Schneiders, Schuhmachers und Friseurs eingab, fiel mir nur ein Wort ein: Gentleman. Ob das in England ein ähnlich aussterbender Typus ist wie hierzulande die Dame? Wehmütig dachte ich darüber nach, als ich die Buchmesse zwischen vielen als Monster und Vampirfrauen verkleideten Besuchern verliess.

 

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