Bildung:

Anmerkungen zur 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) - Teil II

Die institutionelle Stabilität des traditionellen deutschen dreigliedrigen Schulsystems ist wirklich ungewöhnlich. Sie hat ganze historische Epochen überstanden: das deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, das sogenannte „Dritte Reich“, und auch innerhalb der Bundesrepublik hat sich diese Struktur mit kleineren oder größeren Modifikationen bis in die Gegenwart behauptet.

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Weder pädagogische Kritik noch ausländische Beispiele besserer schulischer Strukturen haben daran etwas ändern können.

Allerdings ist einzuräumen, dass es nicht nur um institutionelle Strukturen, sondern dass es ebenso um Ressourcen geht: um ein finanziell hinreichend ausgestattetes Bildungssystem und - vor allem - um gut ausgebildete, befähigte, motivierte, leistungsstarke und gesellschaftlich angesehene Lehrer.  

Die Ursache für diese fragwürdige Stabilität dürfte nach meiner Vermutung in einer verfestigten, bewussten und konfliktfähigen Strukturierung des akademischen Kleinbürgertums zu finden sein, das immer bestrebt gewesen ist, sich und seiner Nachkommenschaft eine qualifizierte und lukrative Berufstätigkeit zu sichern. Mit zwei Risiken musste und muss dabei immer gerechnet werden: erstens mit dem Risiko der Abwärtsmobilität im Falle eines „Schulversagens“ und zweitens mit dem Risiko der Aufwärtsmobilität aus anderen Schichten oder Klassen - und der sich daraus ergebenden steigenden Wettbewerbsintensität auf den speziellen Teilarbeitsmärkten. Für das erste Risiko standen und stehen Privatschulen und Privathochschulen bereit, und das zweite Risiko wird durch Ausschlussstrategien bearbeitet.

Kinder, die aus Arbeiterfamilien oder aus kleinbürgerlichen Familien ohne Hochschulreife und ohne akademische Tradition stammen, haben es schwer, sich beim Eintritt in eine Hochschule, so sie denn trotz vorhandener Hemmnisse gelingt, an das völlig ungewohnte Soziotop anzupassen. Ohne sozialpsychologische, habituelle und intellektuelle Lernprozesse (z. b. in zusätzlichen Brückenkursen) läuft so etwas nicht ab, und es kommt schon darauf an, dass die Hochschullehrer diese Lernprozesse akzeptieren, ermöglichen und fördern und damit der meist unbewussten Versuchung widerstehen, den anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten durch Ausgrenzung (z. B. durch Arroganz und „Herausprüfen“) zu begegnen.

Hierauf wird in dem Artikel von Maximilian Haase „Das Handicap der Herkunft“ berechtigterweise aufmerksam gemacht, und darin hat auch eine Initiative wie Arbeiterkind.de eine gewisse Berechtigung. Andererseits müssen auch die Probleme benannt, und sie dürfen nicht beschönigt werden. Aktuell geht es in diesem Zusammenhang um die an sich wünschenswerte Öffnung der Hochschulen (Politisches Konzept der „Offenen Hochschule“).

Es gibt kein Studium ohne Studierfähigkeit, und diese Fähigkeit muss mit dem Ende der Brückenphase erreicht werden. Nicht akzeptabel und schädlich wäre es, die Standards zu senken, denn das führt lediglich in eine Illusion, nämlich eine Qualifikationsillusion. Mit der Erzeugung einer illusorischen Qualifikation wird aber weder sozialen Aufsteigern, noch Migranten, noch Frauen, noch überhaupt irgendjemandem gedient. Es ist dies einfach ein selbstbetrügerischer Irrweg. So etwas gibt es durchaus auch bei Promotionen, wie wir das sogar bei Regierungsmitgliedern gesehen haben, und auch bei  Professuren, wie wir das gegenwärtig beobachten können.

Aber wer einen hohen Berg besteigen will, der muss das selber tun, Schritt für Schritt. Allerdings gibt es auch solche, die meinen, man könne ja auch die Seilbahn zum Gipfel nehmen. Ja, sofern es eine gibt, zum Beispiel in Gestalt einer politischen Seilschaft stimmt das wohl, aber wer die Seilbahn nimmt, hat die eigene Leistung der Bergbesteigung gerade nicht erbracht. In den Bildungsprozessen verhält es sich genauso. Ohne eine starke Motivation, ohne den Willen zum Durchhalten auch bei Rückschlägen, ohne Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten, sich zu bemühen und sich ernsthaft anzustrengen kann zumeist nichts erreicht werden. Auch besser begabte Menschen kommen daran nicht vorbei; sie erreichen nur schneller mehr als andere.

 

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