Autoren

25. September 2014, von Tom Todd

Um das Ergebnis aus Sicht dieses Autors gleich vorwegzunehmen: Der Kongress war ohne Zweifel ein Erfolg – gemessen an dem Anspruch, fundierte und kritische wissenschaftliche Beiträge zu diversen Aspekten der seelischen Gesundheit von Jungen und Männern zusammenzutragen und einer interessieren (Fach-)Öffentlichkeit zu präsentieren.

men-shadowsAuch war in fast allen Vorträgen eine klare Bemängelung der nicht wirklich gendergerechten Praxis in der gesundheitlichen, politischen und betrieblichen Versorgung und Berücksichtigung von Männern und Jungen spürbar.

Auch und vor allem war wichtig, dass deutlich eine Lanze für die These "nature AND nurture" (Natur UND Kultur) gebrochen wurde und damit sich immer deutlicher die doch komplexeren psychogenetischen Bedingungen des Mannwerdens wie auch die naturgegeben Prädispositionen männlicher Eigenschaften herausstellen – wichtige Grundlagen einer selbstbewussten und emanzipatorischen Männerpolitik.

Aus Sicht politischer Initiativen wie AGENS (einige andere anwesenden Aktivisten dachten ähnlich) ergeben sich aber auch Wünsche für Verbesserungen. Darauf werde ich im Résumé dieses Beitrags noch zu sprechen kommen.

Der Kongress befasste sich mit den Themengruppen psychische Belastungen bei Jungen und Männern (ADHS, Depression, Drogenabhängigkeit), Gewalt, Psychotherapie für Männer und Präventionsarbeit.

Der Grundtenor des eröffnenden Vortrags "Die Enteignung des Phallischen" von Prof. Dr. Walter Hollstein, Autor des Buches "Was vom Manne übrig blieb", verdeutlichte die in allen Beiträgen mehr oder minder deutliche Kritik an den Folgen einer Benachteiligung der Männer in unserer Gesellschaft: Die Entmännlichung trage zur "Beraubung der Autonomie und Gestaltungsmöglichkeiten der Männer" bei. Selbstkritisch sieht er auch eine kollektive Verantwortung der Männer, die durch Technisierung zur Nivellierung der Geschlechtsunterschiede und so zur Selbstenteignung ("Selbstdomestikation") beigetragen haben.

Gleichzeitig aber beklagte er die entstandene Definitionsmacht der Frauen, die auch zu einer negativen Besetzung und "Entwertung" von Männlichkeit und männlichen Eigenschaften geführt hat. So sei etwa Leistung zu Karrieresucht und Autonomie zur Unfähigkeit zu Nähe umdefiniert worden. Zahlreiche Beispiele beleuchteten die von den Zuhörern mit Amüsement quittierten Auswirkungen: Bei einem gemeinsamen Fußballspiel gelten nur die Mädchentore und beim Volleyball wird den Jungen ein Arm hinter dem Rücken gebunden. Diese Entwertung und die daraus folgende Missachtung der Sorgen und Nöte der Männer haben Hollstein zufolge bei ihnen zu Passivität und Eskapismus geführt – von erhöhter Suizidität bis hin zur massenhaften Beziehungsverweigerung. 

„Hinter jeder Scheide lauert eine Mutter“

Aus einem andern Blickwinkel sah Dr. Peter Schneider in der Biologisierung von Krankheiten und einer biologistischen Anthropologie eine Ursache für die soziale Konstruktion psychopathologischer Kategorien, die beispielsweise die Beeinträchtigung der Entwicklung einer männlichen Identität in der Kindheit durch Überrepräsentanz der Mutter negierten. Es wirke befreiend, wenn man beispielsweise Autismus als nicht heilbar ansehen und diesen als eine Lebensform unter andern betrachten könne. Daraus, das möchte ich hier anmerken, sollte man allerdings keine Intoleranz gegenüber von der Mehrheit divergierenden Sexual- und Partnerpräferenzen ableiten. Es geht lediglich darum zu erkennen, dass (wie auch bei ADHS) scheinbar effektive Lösungen (biologistische Begründungen sozialen Verhaltens oder Psychopharmaka für natürliches expansives Verhalten wie sich raufen etc.) seelische Probleme und deren Ursachen und langfristige Auswirkungen verdecken können.

Die Beiträge von Dr. Bernhard Stier ("ADHS- Warum zappelt Philipp?") und Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber ("Ergebnisse empirisch-psychoanalytischer Studien zu ADHS") zeigten, wie eine Pathologisierung und vornehmlich pharmakologische Behandlung (Ritalin) der Fehlentwicklung in der Kindheit der Jungen von der tatsächlichen hormonellen und neurobiologischen Andersartigkeit von Jungen ablenke (Stier) und in der Prävention und Behandlung andere Lösungen ausblende (Leuzinger-Bohleber). Beispielsweise könne man – im Gegensatz zu der nicht bewiesenen These eines genetisch vorprogrammierten Dopaminmangels – durchaus davon ausgehen, dass der Mangel an Bewegungsreizen in der frühen Kindheit von Jungen zu einem gestörten Stoffwechselgleichgewicht zwischen Dopamin und Serotonin führt. Hormonelle Unterschiede (Testosteron) und gehirn neurologische Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen bestimmen entwicklungspsychologische Unterschiede (die Sprachentwicklung bei Mädchen geht schneller vonstatten, Jungs brauchen mehr Bewegungsreize).

Eindrucksvoll zeigte Prof. Leuzinger-Bohleber auf, wie psychoanalytische Intervention und Supervision in Kindertagesstätten genauso wirkungsvoll in der Behandlung und Prävention von ADHS ist wie die gängige Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikation mit Ritalin.

Nicht nur bei diesen beiden Wissenschaftlern wurde betont und von den Zuhörern mit großer Zustimmung begrüßt, dass sich die Schule an den Kindern und nicht die Kinder an der Schule ausrichten sollte – was vor allem durch Einführung eines "bewegten" Unterrichts geschehen könne, bei dem Kinder weniger am Stuhl kleben als bisher.

Männer brauchen (spielerische) Konfrontation

Prof. Dr. Franz (Veranstalter) machte in einem Vortrag zu Gewalt und dem männlichen Rollenkäfig abermals klar, wie wichtig in der frühkindlichen Entwicklung eine gelungene Ablösung eines Jungen von seiner Mutter ist und warum die fehlende Präsenz des Vaters – als Helfer zur Entwicklung eines positiven Bildes vom Manne im eigenen Körper – zu einer (männlich typischen) aggressiven Externalisierung des gestörten Selbstbilds führen kann. Sein Mitarbeiter André Karger zeigte differenziert auf, wie sehr die gängigen Klischees der Rollenverteilung in der Ausübung von psychischer und körperlicher Gewalt an der Realität vorbeigehen: Männer fühlen sich dreimal so viel als Opfer körperlicher Gewalt im Vergleich zu Frauen (9,2% ggü. 3,3%). Frauen und Männer üben körperliche Gewalt etwa im gleichen Maße aus, wobei Frauen häufiger häusliche, Männer eher öffentliche Täter sind. Eine intensive Debatte hierzu wird auf der Website des Robert-Koch-Instituts geführt.

Der Beitrag vom Psychotherapeuten Björn Süfke zur genderspezifisichen Behandlung gestörter männlicher Identität betonte, dass Männern strukturell den Zugang zur eigenen Gefühlswelt verwehrt wird und diese als Folge (für sich genommen nicht falsche) Abwehrmechanismen entwickeln wie Anspruch auf Objektivität, Konfliktvermeidung, Handlungsorientierung und Leistungsdruck. Die Nichtwahrnehmung von Gefühlen (die ja Informationssignale sind) führe zu Hilflosigkeit. In der Therapie brauchen Männer liebevolle Konfrontation. Ähnlich argumentierte Dr. Blass: Die väterliche Präsenz und Interkation ermögliche Konfliktspiele zur Überwindung der Mutterablösung – Spiele, die sowohl die Männlichkeit bestätigt als auch ihr Grenzen aufweist. Weitere Vorträge wurden zu anderen Themen, etwa zu Deprssion  und Arbeitsüberlastung, gehalten.

Résumé

Für mich lieferten die Beiträge der Redner unzählige Argumente zur Widerlegung der institutionalisierten Genderpolitik (mitsamt der Nivellierung der Geschlechterunterschiede und der damit einhergehenden Diskriminierung), wie sie hierzulande vorzuherrschen scheint.

Die Kritik Michael Kleins auf Sciencefiles entbehrt vielfach jeder Grundlage. Zwar stellten einige Vortragende fest, dass Männer auch Opfer der herrschenden Verhältnisse, aber keineswegs handlungsunfähig oder -unwillig sind. Die Behauptung Kleins, der Kongress habe "bestenfalls ... vorhandene Stereotype verfestigt", ist nicht richtig. Im Gegenteil: Jeder Beitrag hat auf irgendeine Weise gängige Vorurteile gegenüber Männern als Unkenntnis darüber entlarvt, mit welchen geschlechtsspezifischen Merkmalen Männer und Jungen geboren werden.

Auch nicht richtig ist die Behauptung, es gäbe keine "wissenschaftlichen Untersuchungen, die eine Wirksamkeit der psychoanalytischen oder psychotherapeutischen Ansätze belegen würden". Alleine die Frankfurter Studie von Professorin Leuzinger-Bohleber zur psychoanalytisch gestützten Intervention bei sog. ADHS-Kindern in den Kindertagesstätten zeigt genau das Gegenteil.

Letztendlich erscheint mir seine Polemik nur als Ausdruck einer (teils verständlichen) Frustration darüber, dass viel analysiert wird, aber nur sehr langsam Lösungen für das täglich erfahrene Leid der belächelten Väter und Männer gefunden und umgesetzt werden. Ansonsten leistet Klein den Männern jedoch einen Bärendienst mit der unsachlichen Behauptung, den Kongressteilnehmern ginge es nur um eine Psychologisierung der Männer und der folgenden Optimierung ihrer Verdienstmöglichkeiten. Damit erreicht er geradezu das Gegenteil dessen, was er vermutlich auch will: dass wir Männer mit unseren Rechten, Gedanken, Fähigkeiten UND Gefühlen ernst genommen werden – entgegen dem Motto: Männer weinen nicht, haben nichts zu beklagen und sollten brav weitermachen, womöglich als Pantoffelhelden ihrer selbstbewussten Frauen.

Aber auf dem Kongress wurden auch Stimmen laut, die eine praxisnähere Gestaltung der Veranstaltung forderten. Dazu sagte Dr. Bernhard Stier: Es gibt schon lange nicht nur Forschungsergebnisse, sondern auch Praxisbeispiele für andere als die hierzulande gängigen Strategien im Umgang mit den bekannten sozialen Missständen.

Immer dringender wird die Notwendigkeit einer Kooperation zwischen Wissenschaft und männerpolitischen Initiativen (und nicht nur dem Bundesforum!), um Möglichkeiten und Wege einer politischen Umsetzung dieser vielen nützlichen Erkenntnisse gemeinsam zu erörtern und zu beschließen.

Gegner haben wir genug. Was wir brauchen ist die konstruktive Zusammenarbeit der diversen Strömungen in kritischer Solidarität.

Weitere Artikel dieses Autors zum Thema ADHS:
http://agensev.de/aktionen/adhs-krankheit-oder-kulturdefizit
http://agensev.de/agens-meint/forderung-fur-madchen-ritalin-fur-jungen

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Die Diskriminierung des Mannes

3. Juni 2012, von Prof. Gerhard Amendt
Über die negativen Auswirkungen des Feminismus
Fast jede Form des sozialen Wandels kann zu Konflikten führen. Denn Wandel löst komplexe Alltäglichkeiten auf, die sich innerhalb von Kulturen, sozialen Schichten, Ethnien und im Arrangement der Geschlechter als Selbstverständlichkeiten etabliert haben. Solchen Wandel wollte auch die Frauenbewegung bewirken. Sie...

Geschlechterdebatte

Können Jungen und Männer in unserer Gesellschaft benachteiligt werden?

19. Juni 2012, von Monika Ebeling
Vortrag an der Ohm Hochschule Nürnberg (30. April 2012)
„Jeder von uns muss noch ein bisschen was dazu lernen“ hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Das gilt auch für mich. Gern lasse ich mich durch gute Argumente in der Sache eines Besseren belehren. „Die Gedanken sind frei“. Das sind Worte aus einem alten Volkslied, welches ich als Schülerin lernte. Dieser Satz...

Geschlechterdebatte

Infopaket zur Gleichstellungspolitik

04. März 2014
In den Leitmedien herrscht eine sehr einseitige Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik: Die Gleichstellungspolitik wird dort meist unkritisch propagiert, wobei unbegründete und falsche Informationen verbreitet werden.
Das betrifft beispielsweise die längst als falsch erwiesene Behauptung von einem 23 %igen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sowie die Mär von der...

Geschlechterdebatte

Burkhard Oelemann: „Die Lynchaufrufe sind ein logisches Produkt jahrzehntelanger Dämonisierung“

Von Arne Hoffmann   9. April 2012
Das folgende Interview mit dem Anti-Gewalt-Berater und -Pädagogen Burkhard Oelemann hatte ich bereits geführt, bevor das Thema häusliche Gewalt durch seine skandalöse Behandlung durch die Zeitschrift Chrismon noch einmal besonders aktuell wurde. Deshalb habe ich Burkhard Oelemann nicht eigens dazu befragt (er fand meine Analyse der Chrismon-Artikel allerdings "sehr, sehr...

Geschlechterdebatte

Vom praktischen Wert der Männertränen (Wozu ist Männerhass eigentlich gut? Teil 2)

05. Oktober 2014, von Lucas Schoppe
Möglicherweise klingt es übertrieben, über Männerhass zu schreiben – anstatt über Wut, über Ressentiments, über Vorurteile, also über irgend etwas weniger Dramatisches und Plakatives.
Es ist nicht übertrieben. Und natürlich wollte ich diesen Text auch mit vielen Belegen dafür versehen. Ich habe dann aber so viele gefunden, dass sie den Umfang gesprengt hätten...

Geschlechterdebatte

Immer neue Entmutigungen für junge Männer

10. Juli 2012, von Lars Bielefeldt
Chancen bedeuten nicht Ergebnisse. Ergebnisgleichheit ist die Feindin der Chancengleichheit und Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichstellung!
Wie von Bettina Weiguny am 02. Juni 2012 vollkommen zutreffend konstatiert, steuert unsere Gesellschaft auf „Lauter verlorene Männer“ zu. Die ‚weibliche Brille‘, die uns im Rahmen unserer Sozialisation, die sich am...

Gesellschaft

Frauen - Opfer der Gesellschaft?

12. November 2013, von Dr. Tomas Kubelik
Wir alle haben es längst internalisiert: Frauen sind das diskriminierte, das benachteiligte, das unterdrückte Geschlecht.
In der Berufswelt, in der Familie, in der Partnerschaft und nicht zuletzt in der Sprache: Frauen sind das Opfer patriarchaler Strukturen. Seit bald zwei Generationen wird die Öffentlichkeit mit diesem Dogma bearbeitet.
...

Geschlechterdebatte

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs „Die friedfertige Frau“

10. Juni 2014, von Lucas Schoppe
Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
...

Geschlechterdebatte

Die Angst vor dem Feminismus

27. September 2013, von Eckhard Kuhla
Befragt nach dem Grund seiner Zustimmung zu dem seltsamen „Herr Professorin“-Beschluss, antwortete der Senats-Vicechef der Uni Potsdam: „... es hätte sonst Ärger mit Feministinnen gegeben“.
Diese seltsame Kapitulation und die fehlende Zivilcourage verblüffen. Es zeigt: Ein Phänomen geht um. Es ist die A n g s t vor Folgen, nicht politisch korrekt zu handeln. Folgen,...

Geschlechterdebatte

Denkfehler

12. März 2014, von Prof. Günter Buchholz
Die taz will „eine taz-Volontariatsstelle für eine Frau mit Migrationsgeschichte“ besetzen. „Es gibt keine Altersbeschränkungen und spezifische Berufsabschlüsse sind nicht zwingend. Soziales Engagement, Lebenserfahrung sowie Interesse am Qualitätsjournalismus werden vorausgesetzt.“
Dagegen hat nun ein Mann vor dem Arbeitsgericht geklagt, wie die taz...

Geschlechterdebatte

Den Geschlechterkampf beenden!

Anmerkungen zum Internationalen Männertag am 19. November 2014 19. November 2014, von Prof. Günter Buchholz
„Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte die im Dunkeln sieht man nicht.“ - Bertolt Brecht, Dreigroschenoper -
Die mediale Öffentlichkeit widmet heute der Lage des weiblichen Geschlechts jede denkbare Aufmerksamkeit, während zugleich die...

Gesellschaft

Menschlichkeit zum halben Preis

11. August 2013, von Bernhard Lassahn
Andrea Nahles folgt, wie sie in ihrem Buch Frau, gläubig, links: Was mir wichtig ist selbstbewusst verkündet, der Weisung: „Mach’s wie Gott: werde Mensch“! Doch wie hält es die SPD mit Menschen, die keine Frauen sind?
„Wer die menschliche Gesellschaft will...“, heißt es ihrem Parteiprogramm – nun, das will jeder! Ich kenne keinen, der etwas dagegen hätte...