Wissenschaft

Hausverstand oder empirische Forschung?

26. November 2013, von Dr. Tomas Kubelik

Unbestreitbar leben wir heutzutage in einer Expertokratie. Das Urteil so genannter Experten ist für politische und individuelle Entscheidungen von höchster Wichtigkeit.

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In vielen Fällen ist das wohl unvermeidbar, weil etwa technische oder organisatorische Prozesse für den Einzelnen kaum durchschaubar und dementsprechend wenig beurteilbar sind. Dennoch gibt es zahlreiche Streitfragen, die seit Jahrzehnten festgefahren sind.

Die Argumente scheinen ausgereizt zu sein, ein Konsens ist nicht in Sicht, die Kontrahenten beharren unverrückbar auf ihren Standpunkten. Das betrifft die meisten ethischen Fragen (Abtreibung, Euthanasie, Stammzellenforschung, Tierversuche), aber auch viele andere weltanschauliche Themen, wie z.B. Bildung und Erziehung. Zu glauben, Ethikkommissionen oder Expertenrunden würden einen höheren Grad an Objektivität in solche Diskussionen bringen, ist ein Irrtum. Die Wissenschaften haben nur das zum Gegenstand, was sich rational objektivieren lässt. Wo es aber um Bewertungen geht, ist das Wertegerüst des Einzelnen entscheidend. Insbesondere bei Fragen, die seit Jahrhunderten das Leben der Menschen begleiten, ist das Vertrauen auf das eigene Urteil, auf Gefühl und Intuition sehr wichtig. Dabei spielen persönliche Erfahrungen und philosophische Überlegungen ebenso eine Rolle wie religiöse Überzeugungen. Das gilt für die Kindererziehung wie für den Umgang mit der Umwelt oder mit dem Eigentum anderer Menschen.Kubelik Genug Gegendert COVER-page-001

Im Unterschied zu Wertefragen gibt es über mathematische Aussagen oder physikalische Gesetzmäßigkeiten keinen Streit, es herrscht das zwingende Argument und die Überzeugungskraft wiederholbarer Experimente. Dort aber, wo es um Hermeneutik, also die Deutung von Sinn geht, öffnen sich Räume für Interpretationen. Dabei ist der individuelle weltanschaulich-politische Standpunkt maßgebend. Daher gibt es in den Sozial- und Geisteswissenschaften so wenig Fortschritt. Archäologische Entdeckungen oder textkritische Auswertungen von Dokumenten können zwar gesichertes Wissen zutage fördern und historische Ereignisse in neuem Licht erscheinen lassen. Verbindlich in den Geisteswissenschaften ist aber das Wenigste. Auch herrscht in jeder Epoche ein anderer Zeitgeist, gelten andere Paradigmen. Dadurch entsteht oft der Eindruck eines echten Erkenntnisgewinns, in Wirklichkeit handelt es sich jedoch meist um Moden, die alte Ideen mit neuen Worten aufwärmen. Dabei scheitert selbst die so genannte empirische Forschung an ihren ideologischen Vorgaben: so hat trotz gewaltigen Forschungsaufwands niemand eine Lösung dafür gefunden, wie denn die beste Art der Erziehung aussieht, wie erfolgreicher Schulunterricht funktioniert oder von welchen Prämissen eine gelungene Ehe abhängt. Weder Philosophie noch Soziologie noch Politologie können die Frage beantworten, welche Verfassung die beste und gerechteste ist. Seit Jahrzehnten wird der Zusammenhang zwischen Medienkonsum von Jugendlichen auf der einen und Größen wie Intelligenz, Aggressionsbereitschaft und Sprachkompetenz auf der anderen Seite untersucht, ohne dass valide und für das Leben der Menschen handlungsleitende Erkenntnisse zu verzeichnen wären.

Ähnlich verhält es sich mit den Wirtschaftswissenschaften, in denen unterschiedliche ideologische Ausrichtungen vollkommen gegensätzliche Einschätzungen zeitigen. Besonders frustrierend sind die mageren Ergebnisse in einem Bereich, der sich sogar auf naturwissenschaftliche Fakten stützen kann: der Ernährungswissenschaft. Obwohl es für viele Menschen kaum eine wichtigere Frage zu geben scheint als die nach einer gesunden Ernährung, herrscht an dieser Front ein beinharter ideologisch durchtränkter Glaubenskrieg, wie ein Streifzug durch die Ernährungsabteilung jeder beliebigen Buchhandlung überzeugend demonstriert. Die erste Studie zu der Frage, ob vegetarische Ernährung gesünder sei als fleischreiche Kost wurde 600 v. Chr. durchgeführt. Eine Antwort ist die Forschung bis heute schuldig geblieben. Von Fortschritt also keine Spur. Selbst medizinische Forschung tappt häufig im Dunkeln und liefert höchst widersprüchliche Ergebnisse, wie etwa an der Diskussion um eine mögliche Schädlichkeit von Handystrahlen erkennbar ist.

In noch höherem Maße unfruchtbar ist die Erwartung, die Sprachwissenschaft könne uns sagen, wie eine gerechte Sprache auszusehen habe. Wer wie was meint oder versteht, welche Formulierung welche Gruppe in welchem Maße sichtbar oder unsichtbar macht, bevorzugt oder benachteiligt: das lässt sich auch mit Hilfe empirischer Untersuchungen nicht ermitteln. Der Anspruch, aus Häufigkeitsverteilungen bei standardisierten Befragungen normative Sprachvorschriften abzuleiten, zielt über jede Seriositätsgrenze. Kommunikation und Sprache sind extrem komplexe Vorgänge. Jeder Versuch, Einzelaspekte isolieren zu wollen, die eine Relevanz für das menschliche Miteinander haben, ist zum Scheitern verurteilt. Überhaupt ist es eine absurde Vorstellung, das eigene Sprachgefühl könne durch eine Handvoll statistischer Daten oder linguistischer Spitzfindigkeiten in Frage gestellt werden.

So geht es beim Gendern nicht primär um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung. Aufgabe der Wissenschaft ist es, Gesetzmäßigkeiten zu erforschen, nicht, sie zu bewerten. Werten bedeutet subjektives Urteilen. Alle Menschen, welche die deutsche Sprache verwenden, sollten sich daher folgende Fragen stellen:

* Ist es wünschenswert, dass eine Minderheit selbst ernannter Experten darüber befindet, was – im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit – als richtig und was als falsch zu gelten hat?
* Mit welchem Recht beanspruchen Feministinnen besser zu wissen als die Mehrheit der Sprecher, was mit einem Ausdruck oder einer Redewendung gemeint ist?
* Sollen Kinder möglichst früh zu einem völlig veränderten Sprachgebrauch erzogen werden, der weder auf der Tradition noch auf der Alltagserfahrung beruht noch ernst zu nehmende literarische Vorbilder hat?
* Sind Sprachvorschriften ein legitimes und geeignetes Mittel, um gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen? Und besteht über diese Veränderungen ein Konsens?
* Sind wir uns darüber im Klaren, wie hoch der Preis dafür ist, dass die Sprache zunehmend sexualisiert wird?
* Welche Rolle spielt Sprache für mich als Einzelnen?
* Was bedeutet sprachliche Tradition für mich? Lässt sich ein neuer Sprachgebrauch flächendeckend verordnen und falls ja, ist dies wünschenswert?
* Sind die historischen Erfahrungen mit Versuchen, über Sprachvorschriften gesellschaftliche Bewusstseinsmuster zu beeinflussen, nicht abschreckend?

Mit empirischer Forschung kommen wir bei solchen Fragen nicht weiter. Das bedeutet keinesfalls, dass man sich Argumenten verschließen und nur aus dem Bauch heraus urteilen sollte. Im Gegenteil, der Hausverstand, das eigene Denken, sie sind ganz im Sinne der Aufklärung immer noch die beste Voraussetzung, um zu vernünftigen Lösungen zu kommen. Um sich ein Urteil bilden zu können, bedarf es keines Philologie-Studiums. Jeder, der die deutsche Sprache beherrscht und ein wenig historisches Wissen besitzt, ist qualifiziert genug, auf voranstehende Fragen eine Antwort zu finden. Es handelt sich um Entscheidungen, die nicht Gegenstand der Wissenschaft sind, auch wenn uns die feministische Linguistik das Gegenteil suggerieren möchte. Letztlich geht es um die beiden Fragen Wie wollen wir leben? und Wie wollen wir miteinander sprechen? Dem Nachdenken über diese Fragen einen Anstoß zu geben, dazu ist dieses Buch entstanden.

In dem Buch unternehme ich den Versuch, die feministische Linguistik einer radikalen Kritik zu unterziehen. Ich möchte deren sprachrevolutionäre Vorschläge in ihren Grenzen, ihrer Widersprüchlichkeit und ihrer stilistischen Hässlichkeit entlarven. Dazu werde ich zunächst aufzeigen, wie weit sich die Ideologie des Genderns bereits ausgebreitet hat, und ihre weltanschaulichen Grundlagen beleuchten. Dabei werde ich versuchen deutlich zu machen, dass Sprachsteuerung durch Moralisierung einer autoritären Gesinnung entspringt.

Ich will zweitens darlegen, dass die seitens der feministischen Linguistik vorgebrachten Argumente wissenschaftlich unhaltbar sind und in erster Linie auf einer künstlich konstruierten Gleichsetzung von Genus und Sexus beruhen. Dabei werde ich auch auf Ergebnisse der empirischen Forschung eingehen.

Drittens möchte ich aufzeigen, dass die Vorschläge für ein so genanntes geschlechtergerechtes Formulieren schädlich sind für die Kommunikation. In der Praxis können sie – insbesondere in der gesprochenen Sprache – nicht konsequent durchgehalten werden, weil sie zu logischen Widersprüchen und gedanklichen Unklarheiten führen. Sie stellen eine Abkoppelung von der sprachlichen Tradition dar und eine Zumutung für Verständlichkeit, Prägnanz und guten Stil. Folglich werden sie von der Mehrheit der Sprecher beiderlei Geschlechts abgelehnt.

Viertens werde ich zu belegen versuchen, dass die eingeforderte Sexualisierung der Sprache emanzipatorische Anliegen keinesfalls fördert, sondern eher behindert.

Vermutlich wird man mir den Vorwurf des Sexismus machen. Ein Mann, der nicht jede Maßnahme befürwortet, welche die gesellschaftliche Stellung der Frauen verbessern soll, steht schon halb auf verlorenem Posten. Wer – wie viele Vertreterinnen der feministischen Sprachkritik – davon überzeugt ist, dass patriarchale Strukturen in den Köpfen der Männer nach wie vor für die Unterdrückung der Frau sorgen und sich dies in der Sprache manifestiert, der wird einen Mann wohl kaum als gleichberechtigten Gesprächspartner in diesem Diskurs ansehen. Dazu ist zu sagen: Ich unterstütze jede Maßnahme, welche die gesellschaftliche Situation von Menschen – Männern und Frauen – tatsächlich verbessert. Ein Staat kann aber nur Rechtsgleichheit garantieren, niemals Ergebnisgleichheit, d.h. Gleichheit in den Lebensvollzügen. Wir müssen einsehen: Jede Gesellschaft ist ungerecht. Das liegt schon daran, dass die Natur selber ungerecht ist. Sie stattet Menschen mit unterschiedlicher Gesundheit, unterschiedlicher Intelligenz, unterschiedlichen Begabungen, unterschiedlicher Schönheit und unterschiedlicher Körperkraft aus. Die Gesellschaft kann und soll diese ungleichen Voraussetzungen ein Stück weit kompensieren, dennoch ist Ungleichheit immer eine Chance: Sie ist Triebkraft für Anstrengung und Kreativität, sie schafft lebendige Vielfalt statt monotoner Gleichartigkeit. Jeder Versuch, eine perfekte Gesellschaft zu formen, endete in der Geschichte bislang im Desaster. Er schuf – ohne es zu beabsichtigen – meist größere Ungerechtigkeiten, als sie zuvor geherrscht haben, und führte in letzter Konsequenz zu Umerziehungslagern und offener Gewalt.

Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist unsere Sprache keineswegs nur ein Kommunikationsmittel, um Informationen auszutauschen. Vielmehr erfüllt sie eine tiefe humane Funktion. Ohne sie wäre menschliches Bewusstsein undenkbar. Sprache trägt unser Wissen und ermöglicht uns klare Gedanken. Sie lässt uns urteilen und verhilft uns, Gefühle auszudrücken. Indem wir unseren Wünschen und Sehnsüchten, unseren Freuden und Schmerzen, unseren Ängsten und Erinnerungen Namen geben, verleihen wir ihnen Lebendigkeit und Dauer. Indem wir sagen, was uns glücklich macht und was misslungen ist, was uns ängstigt und was wir hoffen, erschaffen wir eine eigene, greifbare Gegenwart. Ein altertümlicher Ausdruck macht uns längst vergessene Kindheitstage wieder lebendig; ein guter Witz löst uns aus einer inneren Anspannung; eine schöne Formulierung kann uns begeistern und ergreifen, sie kann uns zu Tränen rühren wie Musik oder Malerei. In Augenblicken der Freude, der Trauer, des Schmerzes drängen unsere Emotionen nach außen, sie suchen nach Wörtern und werden Sprache. Selbst dann, wenn niemand da ist, der sie hören kann. Nur in und mit ihr können wir fordern, drohen und bitten, beten, urteilen und verurteilen, beleidigen, verletzen und trösten, belehren, argumentieren, überzeugen und lügen. So begleitet uns Sprache in fast jedem Augenblick des Lebens, sie gibt uns Orientierung und stiftet unsere Identität. Sie bildet die Grundlage jeglicher menschlicher Gemeinschaft. Wie wir uns in ihr einrichten, wie wir die Welt in Worte fassen, ist viel zu wichtig, als dass wir Zugriffe staatlicher Überwachung oder ideologische Besserwisserei dulden dürften.

Dr. phil. Tomas Kubelik, 1976 in der Slowakei geboren, wuchs in Stuttgart auf und studierte Germanistik und Mathematik. Kürzlich erschien im Projekt-Verlag Halle sein Buch "Genug gegendert! Eine Kritik der feministischen Sprache", in dem er die Argumente der feministischen Sprachkritik überzeugend und allgemeinverständlich entkräftet.

Der Artikel erschien zuerst in Andreas Unterbergers Blog.

 

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