Wissenschaft

Sklerose im deutschen Wissenschaftssystem

11. Juni 2013, von Prof. Adorján Kovács

Die Politik beeinflusst die deutschen Universitäten zunehmend. Es sei besonders auf die sogenannte Exzellenzinitiative verwiesen.

excellent

Das hat Auswirkungen auf die Vergabe von Spitzenpositionen, denn immer weniger Universitäten bekommen immer mehr Geld. Das finanzielle Kapital in Form von Drittmitteln ist z. B. in medizinischen Fächern das wichtigste Zuweisungskriterium für eine universitäre Chefstelle. 

Dabei stellt sich erstens die Frage, ob es ein fachliches Verdienst ist, viel Geld eingeworben zu haben. Dann muss festgestellt werden, dass aufgrund der zunehmend ungleichen Verteilung von Geldern zwischen den Universitäten von einer echten Chancengleichheit nicht mehr gesprochen werden kann: Von einer drittmittelschwachen Universität aus braucht man sich gar nicht erst zu bewerben. Ein weiterer eklatanter Verstoß der Politik gegen die Chancengleichheit ist die Schaffung von Professuren nur für Frauen –– darauf soll hier nicht eingegangen werden.

Die Berufungsverfahren in der Medizin beschreiben sich zwar selbst als objektiviert und neutral, also ausschließlich den Verdiensten der Bewerber verpflichtet – aber stimmt das? Als eine wesentliche Entscheidungsgrundlage innerhalb eines Berufungsverfahrens hat sich in einer einem bestimmten chirurgischen Fach gewidmeten Studie (siehe http://cuncti.net/streitbar/141-berufungspraxis-in-deutschland) die Patronage von getreuen Schülern durch eine kleine Gruppe von Lehrstuhlinhabern, von deren Klinik aus sie sich beworben haben, herausgestellt. Es sind vor allem einflussreiche Netzwerke, nicht wissenschaftliche Reputation, die entscheidend sind. Es kommt damit zur Reproduktion des Führungspersonals aus großenteils denselben Kliniken und zur Ausbildung eines akademischen Kastensystems. Anders ausgedrückt: Es ist ein immer engerer Klüngel, der die Spitzenstellen unter sich verteilt.

Ob das in anderen Fächern auch so ist, kann die Studie natürlich nicht beantworten; es ist aber zumindest sehr wahrscheinlich. Auch daran ist eine falsche Politik schuld. Darauf deuten die Untersuchungen von Caspar Hirschi hin. Er ist promovierter Historiker und arbeitet an der ETH (Eidgenössischen Technischen Hochschule) Zürich. 2010 wurde Hirschi, wie seine Webseite mitteilt, ein Ambizione-Förderstipendium des Schweizerischen Nationalfonds zugesprochen, mit dem er seine Habilitation an der Professur für Wissenschaftsforschung und am Zentrum für Geschichte des Wissens abschließen kann.deutsche-befindlichkeiten

Hirschi hat in der „NZZ“ vom 7. Februar wie auch in der „FAZ“ vom 9. März 2011 Beiträge verfasst, die in vollkommen klarer Weise zeigen, wie ineffizient das deutsche Wissenschaftssystem ist und entsprechend reformbedürftig die Universität. Leider sind diese Artikel auch heute noch aktuell, denn die Politik hat - erwartungsgemäß - nicht reagiert. Nun wird ja ständig herumreformiert, aber Hirschi vermag plausibel zu zeigen, dass an den falschen Stellen reformiert wird. Wie in Deutschland vor allem der Soziologe Münch, so kritisiert auch Hirschi die seit 2005 ihr Unwesen treibende Exzellenzinitiative. Der Wahn der schieren Größe, der die Forschungsverbünde namens „Exzellenzcluster“ auszeichnet, führt dazu, dass ein solcher „bereits aufgrund seines personellen Umfangs als Leistungsausweis gilt, denn Größe und also Aufmerksamkeit sind der halbe Weg zum wissenschaftlichen Erfolg.“ Entsprechend sind die Mitarbeiterstellen an deutschen Universitäten zwischen 2003 und 2009 um 33 Prozent gestiegen, während die Professuren – inklusive Juniorprofessuren – um nur 2 Prozent angestiegen sind.

Der Grund liegt in der sklerotischen Struktur der deutschen Universitätsspitze. Den unbefristet angestellten Professoren (nur gut zehn Prozent des wissenschaftlichen Personals) gehört nach wie vor die ganze akademische Macht. Die befristet angestellten Mitarbeiter umgeben diese Professoren wie früher die Günstlinge bei Hofe die fürstlichen Patrons – und natürlich „trägt die Größe des Hofstaates zur Größe des Fürsten bei.“ Hirschi weiter: „Um sich im akademischen Betrieb zu halten, müssen sie den Ruhm ihres professoralen Patrons durch treue Dienste und wissenschaftliche Taten erhöhen.“ Dabei ist es „für die hierarchische Stabilität der Patronagebeziehung von Vorteil, Günstlinge möglichst lange im Ungewissen zu lassen, ob sie es auf eine Professur schaffen oder nicht.“ Wenn diese überzähligen Wissenschaftssklaven „zwischen vierzig und fünfzig noch immer ohne Professur dastehen, haben sie die Wahl zwischen dem Abwandern ins Ausland oder dem Absinken in Armut.“ Der Wissenschaftsrat höhnt diesen Wissenschaftlern nach dem Ende der Förderung hinterher, „das globale Wissenschaftssystem“ böte „vielfältige Optionen“. In den Geisteswissenschaften ist das eine zynische Prognose, da bekanntlich überall in diesem Bereich Stellen reduziert werden. Da bleibt nur die Umschulung in die IT-Branche oder das Taxifahren. Für Naturwissenschaftler mag das Ausland eine reellere Option sein.

Nebenbei erwähnt Hirschi noch eine weitere Absurdität der Exzellenzcluster: Überall in der normalen Welt wird nicht die Absicht bezahlt, sondern die erbrachte Leistung. Im Gegensatz dazu werden diese Großprojekte, die zudem noch „weder einer präzisen Problemstellung, einer konkreten Kooperationsform noch eines klaren Erkenntniszieles“ bedürfen, nicht nach, sondern vor der erbrachten Forschungsleistung bewertet. Die Gelder fließen also für den besten Märchenerzähler und hemmungslosesten Visionär. Es fällt einem eigentlich nur ein einziger weiterer spezieller Bereich ein, wo vor der erbrachten Leistung bezahlt wird. Ich meine nicht die Wäschereien.

Hirschi nennt konkrete Maßnahmen zur Verbesserung. Vorbild sind Großbritannien und Nordamerika, wo „mehr als die Hälfte der hauptberuflichen Wissenschaftler auf unbefristeten und unabhängigen Stellen“ forscht. „Man müsste die meisten Ordinariate samt Mitarbeiterstellen bei der Emeritierung ihrer Inhaber auflösen und, je nach Größe, in zwei oder mehrere unbefristete und unabhängige Lehr- und Forschungsstellen umwandeln, auf die man sich mit einem Doktorat bewerben kann und auf denen man bei hervorragenden Leistungen bis zum Professor aufsteigen kann. Wie in Großbritannien müsste die Stelle nach der Pensionierung ihres Inhabers wieder auf die Ausgangsposition zurückgestuft werden.“ Damit würden solche Patronagen, wie sie oben beschrieben wurden, zumindest erschwert.

Es ist wohl selbstverständlich, dass eine derartige umfassende Strukturreform der deutschen Universität, die den Namen verdiente, „nie aus Professorengremien heraus erfolgen“ wird. Der Wissenschaftsrat müsste wenigstens als Konsequenz aus Studien wie der oben genannten seine Empfehlungen zur Ausgestaltung von Berufungsverfahren überarbeiten – er tut aber nicht einmal das. Kein Wunder, wenn man sich ansieht, wie er zusammengesetzt ist – lauter Professoren und Professorinnen. In der  Wissenschaftlichen Kommission ist die „Gleichstellung“ bei mehr als 50% Frauen sogar übererfüllt! (Siehe http://www.wissenschaftsrat.de/ueber-uns/mitglieder.html). Stromlinienform pur! Und welche Politikerin, welcher Politiker wird die Kraft haben, eine solche Reform zu stemmen? Hirschi erwähnt, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg schon die Amerikaner am deutschen Lehrstuhl die Zähne ausgebissen haben; das veranlasst leider nicht zum Optimismus.

Dieser Artikel ist die erweiterte Fassung eines im Buch des Verfassers "Deutsche Befindlichkeiten" im Verlag Die Blaue Eule publizierten Textes.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Wissenschaft

Hätte Einstein heute in Deutschland eine Chance?

Die Exzellenzförderung führt mit Großprojekten vorwiegend zur Auswalzung bekannten Wissens, kaum zu wirklich neuartigen Erkenntnissen. Deren Entdeckung bleibt wie eh und je Individuen vorbehalten.
Von Prof. Adorján Kovács   20. April 2012
Entsprechend der als „Modernisierung“ verkauften ökonomischen Ausrichtung der Universitäten ist der heutige Wissenschaftsbetrieb eine stete Quelle...

Wissenschaft

Die Professur als Billigartikel

06. Dezember 2013, von Prof. Adorján Kovács
Was jetzt folgt an Anmerkungen zu akademischen Titeln, mag dem einen oder anderen etwas orchideenhaft vorkommen, um nicht zu sagen vollkommen unwichtig. Das stimmt jedoch nicht.
Einmal handelt es sich um eine Tradition, die durchaus ehrwürdige und sehr verdienstvolle Seiten hat. Dann aber handelt es sich um die gerade anlässlich der aktuellen...

Wissenschaft

Erstmals klar belegt: systematische Diskriminierung von Männern an Universitäten

22. Januar 2015, von Michael Klein
Vergessen Sie alles, was Sie über Meritokratie gehört haben! Meritokratie, das ist das Prinzip, nach dem diejenigen, die die besten Leistungen bringen, diejenigen sind, die mit begehrten Positionen belohnt werden. Professuren waren einst begehrte Positionen und Meritokratie das Prinzip, mit dem die Professuren besetzt wurden.
Unter der Ägide des...

Wissenschaft

Postmoderner Relativismus an Universitäten

07. November 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Neulich hat mich ein Freund zu einer geschichtswissenschaftlichen Vorlesung an der Frankfurter Universität mitgenommen.
In der Vorlesung, die einen einführenden Charakter hat, geht es um Vorurteile, die heute lebende Menschen gegenüber dem Mittelalter haben.
 

Wissenschaft

„Führungsposition“ - ein Unwort in der Wissenschaft

30. Oktober 2012, von Dr. Alexander Ulfig
Das Wort „Führungsposition“ hat sich in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft fest etabliert. Überall ist von „Führungspositionen“ als dem höchsten Ziel der beruflichen Karriere die Rede.
Feministinnen und Frauenpolitikerinnen sehen im Erlangen von „Führungspositionen“ durch Frauen die Vollendung von Emanzipation und Gleichstellung. Auch die...

Wissenschaft

Gegen den Staatsfeminismus

11. Dezember 2013, von Dr. Inge Schuster
Auf Grund meiner Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht war ich bereits vor einem halben Jahrhundert und bis jetzt weder in Deutschland (an einem MPI) noch in Österreich (Uni, Pharma) irgendeiner Benachteiligung ausgesetzt.
Dieser Genderunfug ist eine Mißachtung aller Frauen, die sich ihre Karrieren durch Wissen, Können und Leistung erarbeitet haben! Der...

Wissenschaft

Schavanplag? Es gibt einen weit schlimmeren Skandal!

14. Februar 2013, von Prof. Adorján Kovács
Die Bundesministerin für Bildung und Forschung wird immer noch als eine in diesem Amt relativ erfolgreiche Politikerin bezeichnet. Jetzt wurde in den Medien erst groß berichtet über die Aberkennung ihres Doktortitels durch die Universität Düsseldorf, dann war ihr Rücktritt ein Titelthema.
Aber der eigentliche Skandal bei Annette Schavan ist doch nicht,...

Wissenschaft

Paradigma und Inkommensurabilität

15. Juni 2014, von Dr. Alexander Ulfig und Artur Z. Zielinski
Wie kaum ein anderer hat Thomas S. Kuhn mit seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen die Debatte zur Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien beeinflusst. Dabei standen die Begriffe „Paradigma“ und „Inkommensurabilität“ im Zentrum der Auseinandersetzung.
Die beiden Begriffe wurden zu Modebegriffen in vielen...

Gesellschaft

Das Gespenst der Hate Speech

19. Februar 2017, von Dr. Alexander Ulfig und Kevin Fuchs
Hate Speech wird immer häufiger Andersdenkenden unterstellt, um sie zu diskreditieren und mundtot zu machen. Der Begriff Hate Speech dient somit dazu, die Meinungsfreiheit einzuschränken.
Auf Youtube ansehen...
 

Wissenschaft

Der Teufel und das Weihwasser ...

Vertreterinnen der Gender Studies illustrieren vor breitem Publikum (einmal mehr) ihre Unwissenschaftlichkeit 22. Dezember 2014, von Dr. habil. Heike Diefenbach
Sabine Hark und Paula Villa haben im Tagesspiegel einen neuen Angriff gegen alle Personen getätigt, die sich fragen, worin die Wissenschaftlichkeit von Gender Studies oder auch nur deren Nutzen bestehen soll.
Die Autorinnen des Textes...

Bildung

Zur Situation an den Fachhochschulen

8. Juni 2012, von Prof. Günter Buchholz und Prof. Jost W. Kramer, zuerst erschienen in "Solidarische Bildung" (VSA-Verlag)
Fachhochschulen wurden etwa ab 1970 mit dem Schwerpunkt der praxisorientierten Lehre und der anwendungsorientierten Forschung gegründet. Oft waren hierfür bereits bestehende Ausbildungseinrichtungen, z. B. für Ingenieure oder Sozialarbeiter der institutionelle...