Wissenschaft

„Führungsposition“ - ein Unwort in der Wissenschaft

30. Oktober 2012, von Dr. Alexander Ulfig

Das Wort „Führungsposition“ hat sich in allen relevanten Bereichen unserer Gesellschaft fest etabliert. Überall ist von „Führungspositionen“ als dem höchsten Ziel der beruflichen Karriere die Rede.

crown

Feministinnen und Frauenpolitikerinnen sehen im Erlangen von „Führungspositionen“ durch Frauen die Vollendung von Emanzipation und Gleichstellung. Auch die Wissenschaft folgt diesem Trend. Es entsteht der Eindruck, eine „Führungsposition“ sei das Wichtigste in der Wissenschaft, das höchste Ziel des Wissenschaftlers.

Natürlich braucht man in der Wissenschaft Menschen, die andere Menschen leiten. Professoren leiten Studenten an. Es gibt Fachbereichs- und Institutsleiter. Andere Wissenschaftler leiten Forschungsteams, wiederum andere stehen an der Spitze von wissenschaftspolitischen Organisationen. Ob die Letzteren in der genannten Funktion noch Wissenschaftler sind, ist fraglich. Sie sind eher Wissenschaftspolitiker oder – falls sie über Gelder entscheiden – Wissenschaftsmanager.

frauenquotenquotenfrauen„Führung“ ist aber für einen echten Wissenschaftler etwas völlig Nebensächliches, eine Aufgabe, die er noch neben seiner eigentlichen Tätigkeit übernehmen kann, ein notwendiges Übel, das ihn von seiner eigentlichen Aufgabe eher ablenkt. In der Wissenschaft geht es nämlich nicht um Führungspositionen, sondern um Ideen, Erkenntnisse, Entdeckungen und Forschung.

Das Wort „Führungsposition“ ist in der Wissenschaft ein Unwort. Es spiegelt einen dort gegenwärtig herrschenden Ungeist wider. Für viele Wissenschaftler dreht sich nämlich alles darum, eine „Führungsposition“ zu erlangen. Ihr Lebensziel ist die Führungsposition „Professur“. Karrieremachen steht für sie über allem. Haben sie eine Führungsposition erlangt, können sie dann in akademischen Gremien vertreten sein, wo Gelder und andere Privilegien verteilt werden. Gegen diese Zweckentfremdung und Instrumentalisierung der Wissenschaft regt sich kaum Widerstand.

Es ist erstaunlich, dass sich ausgerechnet Verantwortliche aus dem linken politischen Spektrum, die früher Hierarchien, Autoritäten, Machtstrukturen und „instrumentelle Vernunft“ bekämpften, an dieser Entwicklung beteiligen. Sie verwenden das Wort „Führungsposition“, das hierarchische Machtstrukturen impliziert, völlig unreflektiert und unkritisch. Politikerinnen der „Grünen“, der „Linke“ und der SPD fordern im Einklang „mehr Frauen in Führungspositionen“, und zwar nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in anderen relevanten Bereichen, wie der Wirtschaft.

Ähnliches gilt für die Propagierung des Lebenskonzepts "Karriere" durch die Linken. Während noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Linken dieses Lebenskonzept völlig abgelehnt haben (es galt als das Gegenkonzept zu linken bzw. linksalternativen Lebenskonzepten), wird es gegenwärtig von linken Journalistinnen wie Bascha Mika oder Heide Oestreich völlig unreflektiert und unkritisch propagiert - offensichtlich aber nur dann, wenn es um Frauen geht. 

Als Gegenbild zu dem gegenwärtig in der Wissenschaft herrschenden Ungeist möchte ich die Haltung des russisch-jüdischen Mathematikers Grigori Perelman schildern.

perelman-big

Perelman hat ein mathematisches Jahrtausend-Problem gelöst: die Poincaré-Vermutung. Er publizierte im Jahre 2002 die Lösung des Problems nicht in einer Fachzeitschrift, wie es die Zunft verlangt, sondern im Internet. Perelman lehnte 2006 die ihm dafür verliehene Fields-Medaille, eine der höchsten Auszeichnungen in der Mathematik, ab. Auch den mit einer Million Dollar dotierten Millenium-Preis des US-amerikanischen Clay-Instituts lehnte er 2010 ab. Zur Begründung gab er an, ein amerikanischer Kollege hätte genauso viel zur Lösung des Problems beigetragen.

Perelman lebt zur Zeit bei seiner Mutter in Sankt Petersburg und ist arbeitslos. Er weigert sich, an akademischen Initiationsritualen wie der Verteidigung einer Habilitation teilzunehmen, lehnt Privilegien und Geld ab. Er möchte keine Karriere machen und keine Professur haben. Perelman pfeift auf Führungspositionen.

Dieser Beitrag ist eine erweiterte Fassung eines auf ef-online erschienenen Textes.

 

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Sex ist süß, macht aber dumm

30. Juli 2012, von Bernhard Lassahn
Wie der sexistische Blick und totalitäres Denken die Limbo-Latte niedrig hält
Stellen wir uns vor, aus dem Schwimmbecken im Olympiastation wäre das Wasser abgelaufen, und das Becken wäre stattdessen mit unzähligen kleinen Liebesperlen angefüllt. Die eine Hälfte der Perlen wäre rot, die andere weiß. Nun geht jemand mit verbundenen Augen an den Beckenrand und...

Wissenschaft

Ulrich Kutschera über den Gender-Kreationismus

Eine Rezension zu „Das Gender-Paradoxon“ 21. Mai 2017, von Dr. Alexander Ulfig
Ulrich Kutschera ist Biologe und Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel. Dem breiten Publikum wurde er durch seine Kritik am religiösen Kreationismus bekannt. Seit geraumer Zeit unterzieht er eine andere Form des Kreationismus, den Genderismus, einer grundlegenden Kritik. Für...

Geschlechterdebatte

Aufdringlicher Konservativismus

13. Juli 2012, von Prof. Gerhard Amendt
Über Frauenquoten und andere unverdiente Beförderungen
Quotenpolitik ist vordergründig als Debatte über Gerechtigkeit angelegt. Unterstellt wird, dass Frauen von Männern am Arbeitsmarkt diskriminiert werden und damit ihre Gleichheitsrechte eingeschränkt werden. Quotenpolitik wird in einer Zeit propagiert, in der Frauen angesichts demografisch bedingter...

Geschlechterdebatte

Frauen bevorzugt

19. Dezember 2012, von Eckhard Kuhla, zuerst erschienen in The European
Das Professorinnenprogramm ist schlicht Frauenförderung, um Chancengleichheit geht es dabei nicht. Auch Schirmherrin Annette Schavan profitiert in der aktuellen Plagiats-Affäre von unterwürfigen Männern, die Frauen ohne Rücksicht auf wissenschaftliche Evaluation unterstützen.
Das „Professorinnenprogramm“ mit der Schaffung von 200...

Geschlechterdebatte

Aufruf zur Rettung von Freiheit von Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen

{jcomments off}Offener Brief an die neue Bundesregierung 24. November 2013
Wir, die Unterzeichner dieses Offenen Briefes, fordern die Bundesregierung auf, die Verschwendung von Steuergeldern, wie sie im Rahmen des Professorinnenprogramms stattfindet, einzustellen und alle Versuche zu beenden, die Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft zu beseitigen und Wissenschaft zum Erfüllungsgehilfen der...

Wissenschaft

Die Angst vor der Objektivität

18. April 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Der Begriff der Objektivität ist in Verruf geraten. Postmoderne und feministische Autoren entwickeln ihre Positionen in Abgrenzung zur metaphysischen bzw. absoluten Objektivität.
Doch sollten wir deshalb auf Objektivität verzichten? Oder lässt sich ein Begriff von Objektivität finden, der nicht-metaphysisch wäre und an dem sich die wissenschaftliche...

Geschlechterdebatte

Quoten-Kunst-Kanon

01. Dezember 2014, von Prof. Adorján Kovács
Es gibt immer noch Bereiche, in denen Männer und Frauen nicht zu gleichen Teilen repräsentiert sind. Dazu gehören die Müllabfuhr und die Stahlgießerei. Auch in den Bergwerken und beim Militär kann es noch vorkommen, dass man auf mehr Männer als Frauen stößt.
Das macht den Genderideologen aber nichts aus, denn diese Jobs sind viel zu anstrengend und...

Geschlechterdebatte

So machen Sie Quotengegnergegner mundtot

4. Oktober 2012, von Stefan Sasse, zuerst erschienen auf Oeffinger Freidenker
"So machen Sie Quotengegner mundtot" verspricht die SZ anhand von den beliebtesten handentkräfteten Gegenargumenten zu erklären.
Was folgt, ist ein jeweils "beliebtes" Gegenargument zur Quote in Vorständen, um danach entsprechende Pro-Quote-Argumente zu bringen. Das ist natürlich ein Spiel, das zwei spielen können,...

Geschlechterdebatte

Herrn Prantl´s Panik

07. September 2014, von Prof. Günter Buchholz
Der Erfolg der jungen Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) in der sächsischen Landtagswahl hat Herrn Heribert Prantl erschreckt. In seiner Charakterisierung greift er Beobachtungen und Details auf, die ein vorläufiges Mosaik ohne klares Bild ergeben.
Prantl hält die AfD insgesamt für rückwärtsgewandt, bestreitet damit aber implizit, dass es...

Geschlechterdebatte

Gender Mainstreaming hält Einzug in die Wirtschaft

27. Juni 2012, von Eckhard Kuhla, zuerst erschienen bei AGENS
Wie der Standort Deutschland einer Ideologie geopfert wird.
Frauenförderung 2000 – 2010
In den letzten Jahren hat die deutsche Wirtschaft für die Frauenförderung Einiges getan. Die hierzu notwendigen Anstrengungen wurden seit dem Jahr 2001 weiter intensiviert. Hierbei hat sich die deutsche Wirtschaft am eigentlichen Zweck einer...

Politik

Europäische Meinungsmacher

Wie man Umfrageforschung für seine Zwecke missbraucht Von Michael Klein   7. April 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
EU-Kommissarin Viviane Reding ist nach eigener Aussgae “zu allem bereit”  [auch zum Rücktritt?]. Die ehemalige Journalistin Viviane Reding hat eine Mission: Sie will den Anteil von Frauen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen erhöhen. Nicht von sich aus, versteht sich....

Wissenschaft

Berufungspraxis in Deutschland

Von Prof. Adorján Kovács   25. April 2012
Im „Berliner Journal für Soziologie“ (Jahrgang  20, Ausgabe 4, Jahr 2010, Seiten 499-526) hat der Autor eine wissenschaftliche Abhandlung („Patronage und Geld“) publiziert, die die Besetzung von Lehrstühlen in einem chirurgischen Fach während der letzten 30 Jahre untersucht. Die Ergebnisse sollen hier vereinfacht wiedergegeben werden. Die komplette Abhandlung...