Wissenschaft

Hätte Einstein heute in Deutschland eine Chance?

Die Exzellenzförderung führt mit Großprojekten vorwiegend zur Auswalzung bekannten Wissens, kaum zu wirklich neuartigen Erkenntnissen. Deren Entdeckung bleibt wie eh und je Individuen vorbehalten.

Von Prof. Adorján Kovács   20. April 2012

Entsprechend der als „Modernisierung“ verkauften ökonomischen Ausrichtung der Universitäten ist der heutige Wissenschaftsbetrieb eine stete Quelle propagandistisch wiederholter, in die Köpfe gehämmerter Floskeln. Es ist eine Sprache, die nicht zum Bild einer freien und seriösen Wissenschaft passt. Aber diese Sicht ist veraltet, geradezu altmodisch. Die Kaufleute haben das Sagen. Und sie definieren heute, welche Sprache zur Wissenschaft zu passen hat. Es ist die Sprache der Quantität. Mit der Form ändert sich aber auch der Inhalt.

Caspar Hirschi, Wissenschaftsforscher, zitierte in der „FAZ“ vom 12. Januar 2010 drei Teilnehmer einer Podiumsdiskussion anlässlich eines Symposiums über „Wissenschaftsplanung und Förderpolitik“, das vom Arbeitskreis „Geschichte der Germanistik“ des Literaturarchivs Marbach veranstaltet wurde: „Ich kann mit dem Begriff der Exzellenz nichts anfangen“, sagte Peter Strohschneider (Vorsitzender des Wissenschaftsrats) und beteuerte, er rede stattdessen lieber von Qualität. (Da wäre er ja ein Rufer in der Wüste...) Wenig später verriet Axel Horstmann (Geschäftsführer für Geisteswissenschaften in der Volkswagenstiftung), beim Studium von Förderanträgen lese er über die drei „I“s – innovativ, international, interdisziplinär – konsequent hinweg, handle es sich doch nur um leere Worthülsen. Und schließlich verkündete Ulrich Herbert (Direktor der „School of History“ am Freiburg „Institute of Advanced Studies“ – Deutsch ist nicht mehr gefragt), sobald er das Wort „Interdisziplinarität“ höre, packe ihn ein unwiderstehlicher Fluchttrieb. – Was auffällt bei diesen Floskeln, ist das permanente Selbstlob, das einem schon aus Marketing und Werbung bekannt ist („Tue Gutes und rede darüber...“). Wenn aber schließlich alle nicht nur teilweise, sondern überwiegend fabelhaft sind, was hat das Selbstlob noch für einen Sinn? Es ist wie mit DSDS, wo schon auf Minitalente inflationär der inhaltsleere Begriff des „Superstars“ angewendet wird: mehr Schein als Sein.

Was wirklich zählt: Interdisziplinarität, Großprojekte, Verbundforschung, je größer, desto besser. Vor allem desto sichtbarer, denn das zählt heute in den Tagen des Shanghai-Ranking, so anfechtbar dessen Kriterien und Methoden auch sind. (Erstaunlich nur, wie die Chinesen es geschafft haben, dass sich alle nun nach ihren Berechnungen orientieren: eine Rating-Agentur der Wissenschaft.) Die deutsche Forschungsbürokratie hat sich jedenfalls gehorsamst in den Dienst des Größenwettbewerbs gestellt, zuerst mit der Gründung der Sonderforschungsbereiche 1968, dann mit der Exzellenzinitiative seit 2005. Caspar Hirschi weiter (am 9. März 2011 in der „FAZ“): „Da die Geisteswissenschaften die riesigen Fördersummen nicht für Laboreinrichtungen und teure Geräte ausgeben müssen, dürfen sie diese größtenteils in Personalstellen stecken, und so können mit einem einzigen bewilligten Antrag wenige Professuren mit Dutzenden neuer Mitarbeiterstellen geschmückt werden. Die deutschen Geisteswissenschaften haben dafür eine Form der Verbundforschung erfunden, die, anders als in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, weder einer präzisen Problemstellung, einer konkreten Kooperationsform noch eines klaren Erkenntniszieles bedarf, sondern gewaltige Wissenschaftlerschwärme in projektteilig inszenierten Formationen um Allgemeinbegriffe kreisen lässt. Funktional gesehen, stellen Großprojekte zu so trennscharfen Themen wie ,Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und Moderne‘ (Münster) oder ,Asia and Europe: Changing Asymmetries in Cultural Flows‘ (Heidelberg) nicht, wie Kritiker monieren, eine Verirrung, sondern die Vollendung der Verbundforschung à l’Allemande dar.“ Böse Zungen reden schon von den „Gott und die Welt“-Clustern, und „Verbund“ heiße doch nicht mehr als das Zusammenkleben von Publikationen. Sieht man sich die Veröffentlichungen des Exzellenzclusters „Formation of Normative Orders“ der Goethe-Universität Frankfurt an, so kann man den Lästerzungen leider nur recht geben... Cluster, auch eines der toll klingenden Marketing-Unwörter aus dem neudeutschen Wissenschaftsbetrieb.

In den Natur- und vielen Humanwissenschaften ist es nicht viel anders, außer dass hier mehr Geräte als Personen eingekauft werden. Bei ihnen, die sich für exakter halten als die Geisteswissenschaften, fällt aber besonders auf, dass es die Anträge sind, die zur Ausschüttung von Fördergeldern führen, nicht etwa exakte Ergebnisse. Es kommt also auf die „Antragsprosa“ an, eine neue Spielart der Rhethorik: Das Ergebnis muss so attraktiv dargestellt werden wie möglich, so präzise wie nötig, aber auf jeden Fall so nebulös wie gerade eben nicht auf Anhieb durchschaubar. Es darf auch auf keinen Fall außerhalb dessen liegen, was der begutachtende Mainstream der scientific community akzeptieren könnte. Doch je utopischer oder (wie man es eben sieht) absurder die Antragsziele innerhalb dieser Grenzen, umso mehr Geld kann eingeworben werden. Am besten sind Projekte, die zu Lebzeiten der Antragsteller nur Teilergebnisse zeitigen können. Mit diesen kann dann promoviert, habilitiert und auf Chefposten gelangt werden, ohne dass am Ende irgend jemand mehr nach dem ursprünglichen Ziel fragt. Die Sache ist inhaltlich längst im Sande verlaufen, hat dann aber schon ihren eigentlichen, gänzlich unwissenschaftlichen Zweck erfüllt. Es gibt wenige Bereiche, in denen vor erbrachter Leistung bezahlt wird: Das sind die Wäschereien, die Prostitution und der Wissenschaftsförderbetrieb.

Wirklich Neues kann schon strukturell dabei nicht herauskommen. Karlheinz Ohlig, katholischer Theologe und einer der Anreger von Inârah, dem Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Koran, führt gegen staatlich geförderte, weil den Mainstream nicht verlassende islamwissenschaftliche Großprojekte wie Corpus Coranicum an: „Nun sind in allen Wissenschaften Veröffentlichungen, die einen Para­dig­men­wechsel zur Konsequenz haben würden, eine Herausforderung an die Fachwelt – im Sinne einer Aufforderung zum ,Kreuzen der argumen­tativen Klingen‘: Wer zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Astronomie eine neue Galaxie entdeckt hat, hat das vorhandene Wissen sozusagen in die Brei­te vergrößert, wer aber – wie Albert Einstein im Jahre 1905 – die Licht­geschwindigkeit als konstante, nicht zu übertreffende Größe betrachtete und stattdessen die Zeit als etwas, was bei verschiedenen schneller oder lang­samer Eigenbewegungen schneller oder langsamer abläuft, tat dies nicht. Durch die Akzeptanz dieser völlig neuen Sehweise musste das gesamte da­ma­lige physika­lische Weltbild in seinen Grundfesten erschüttert werden. Hier handelt es sich nicht um die Verbreiterung des vorhandenen Wissens, son­dern um dessen Anheben auf eine andere Stufe, eben um einen Paradigmenwechsel.

Einstein, der zu dem Zeitpunkt, als er die Relativitätstheorie aufstellte, als Beamter 2. Klasse in einem Schweizer Patentamt saß und gegen die An­ordnung seines Chefs an seiner Publikation arbeitete, war kein Mitglied der damals etablierten Naturwissenschaft – er hatte noch nicht einmal eine Assis­tentenstelle an einer Universität bekommen. Wenn er heute leben wür­de, hätten seine Ausführungen wahrscheinlich noch nicht einmal in den da­mals renommierten ,Annalen der Physik‘ erscheinen dürfen, da durch das Vor­schalten von Begutachtungen durch Fachkollegen (,peer review­ing‘) sol­­chen Paradigmen­wechseln heute ein prinzipieller Riegel vorgescho­ben wird, vor allem wenn es um die Vergabe von öffentlichen Fördermitteln geht. Auch bei den heutigen Vorgaben der Exzellenz­för­derung hätte er bei seinen damaligen Referenzen keine Chance auf ein Stipendium gehabt. Natürlich wurde auch Einsteins Theorie nicht sofort von der gesamten Fachwelt akzeptiert; was man aber der damaligen Physikerwelt zugute halten muss, ist die Tatsache, dass auch seine Gegner die Theorie ernst nahmen, mit anderen Worten, die Herausforderung annahmen.“

Der komplett durchökonomisierte Wissenschaftsförderbetrieb soll Deutschland wieder an die wissenschaftliche Weltspitze bringen. Tatsächlich werden einige Universitäten im Ranking nach weiter vorne kommen, aber nur, weil das in Shanghai Gemessene getan wird. Ein gewisser, durchaus nicht zu vernachlässigender, aber letztlich bescheidener Fortschritt wird sich mittels der Verbreiterung, um nicht zu sagen Auswalzung des Wissens ergeben. Wirklich Neues, das den Namen eines Ergebnisses wirklich verdient, kann man mit Geld und in Verbünden nicht erzwingen. Das wird wie zu jeder Zeit nur von Individuen hervorgebracht werden, die aber im jetzigen gesellschaftlichen Großklima weniger Chancen auf Entfaltung haben.

Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Textes, der im kürzlich beim Verlag Die Blaue Eule erschienenen Buch des Verfassers („Deutsche Befindlichkeiten“) publiziert wurde.

 

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