Wissenschaft

Postmoderner Relativismus an Universitäten

07. November 2014, von Dr. Alexander Ulfig

Neulich hat mich ein Freund zu einer geschichtswissenschaftlichen Vorlesung an der Frankfurter Universität mitgenommen.

Studenten-mknj7638 In der Vorlesung, die einen einführenden Charakter hat, geht es um Vorurteile, die heute lebende Menschen gegenüber dem Mittelalter haben.

In der von mir besuchten Vorlesungsstunde beschäftigte sich der Dozent mit dem Vorurteil, die Menschen im Mittelalter hätten daran geglaubt, dass die Erde eine Scheibe sei. Der Dozent bemühte sich zu zeigen, dass die Sache differenzierter zu sehen ist, das heißt, dass Menschen im Mittelalter unterschiedliche Vorstellungen von der Erde hatten und sich einige Gelehrte die Erde schon damals als eine Kugel vorstellten.

Was mich bestürzte, waren die theoretischen Grundlagen des Dozenten, mit denen er wie mit Dogmen operierte: Es gibt keine übergreifende Wahrheit, alles hängt vom jeweiligen "Diskurs" ab, jeder "Diskurs" hat sozusagen seine Berechtigung und somit seine eigene Wahrheit, "Diskurse" werden durch "Wahrheitsregime" (Michel Foucault), durch die jeweilige Wahrnehmung und die herrschende Autorität konstruiert.

Demnach hat der "Diskurs", wonach die Erde eine Scheibe sei, die gleiche Berechtigung wie der "Diskurs", wonach sie eine Kugel ist. Er hat die gleiche Berechtigung und somit den gleichen Anspruch auf Wahrheit, denn was Wahrheit ist, hängt von dem jeweiligen sozio-kulturellen und historischen Kontext, der herrschenden Wahrnehmung und der herrschenden Autorität (Macht) ab.

Der Dozent hat nicht erwähnt, dass der "Diskurs", nach dem die Erde eine Scheibe sei, sich als falsch und der "Diskurs", nach dem sie eine Kugel ist, als wahr erwiesen hat. Menschen im Mittelalter hatten einfach nicht die (wissenschaftlichen) Mittel, um festzustellen, dass die Erde eine Kugel ist. Das Kriterium dafür, was wahr oder falsch ist, ist der Bezug auf die empirische Realität, die Überprüfung von Hypothesen anhand der empirischen Realität.

Ich war darüber erstaunt, dass Studenten bereits im Grundstudium mit dem postmodernen, relativistischen Gerede indoktriniert werden, wonach wissenschaftliche Theorien als gleichwertige und gleichberechtigte "Diskurse" nebeneinander bestehen und Wahrheit relativ zu dem jeweiligen "Diskurs" ist.

Da ich schon an der Uni war, habe ich mir das Vorlesungsverzeichnis angeschaut. Dabei fiel mir auf, dass ein großer Teil der Veranstaltungen an geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultäten mit "Gender" und "Frauenforschung" betitelt ist. Studenten erzälten mir, dass auch in Veranstaltungen, die nicht so betitelt sind, die "Gender-Aspekte" besonders hervorgehoben werden. Das Geschlecht, de facto das weibliche Geschlecht, avancierte zur zentralen sozial- und kulturwissenschaftlichen Kategorie.

Studenten erzählten mir ferner: Das Erste, was sie bis zum Ermüden eingehämmert bekommen, ist, dass alles soziale Konstruktion ist. Und als Beispiel dafür wird immer die Konstruktion von Geschlecht genommen. Dieses unhintergehbare und unbezweifelbare Dogma der Gender Studies geht auf den Postmodernismus zurück. Theorien oder "Diskurse" - wie es der postmoderne Historiker formuliert - sind auch soziale Konstruktionen, die gleichwertig und gleichberechtigt nebeneinander bestehen. In meinem Artikel "Der Mythos von der ´sozialen Konstruktion`" schreibe ich dazu:

"Wenn Theorien als soziale Konstruktionen gleichwertig und gleichberechtigt nebeneinander bestehen, dann können an Universitäten und Hochschulen zu den entsprechenden Theorien oder Themenfeldern Fachbereiche eingerichtet werden. Wenn die Gender-Theorie gleichwertig und gleichberechtigt neben anderen Theorien besteht, dann können an Universitäten und Hochschulen Fachbereiche, Institute, Zentren usw. für Gender Studies eingerichtet werden."

Die Bildungsforscherin Heike Diefenbach hat überzeugend gezeigt, wie aufgrund der Vorstellung, dass Gender eine soziale Konstruktion sei, an Universitäten und Hochschulen ein umfassendes Netzwerk von Instituten, Zentren, Professuren und „staatlich finanzierten Multiplikatoreneinrichtungen“ geschaffen wurde. Nach Diefenbach geht es daher in den Gender Studies nicht um Wissenschaft, sondern um politische Interessen, und zwar um die „Durchsetzung des politischen Programms des Gender Mainstreamings“, was konkret die Einrichtung von Stellen, Professuren, Zentren, Instituten usw. für eine bestimmte Gruppe von Frauen, also Lobby- und Klientelpolitik bedeutet. Das heißt, dass aus der meines Erachtens auf den postmodernen Relativismus zurückgehenden Ideologisierung von Forschung und Lehre eine Lobby- und Klientelpolitik folgt.

Ich bin im kommmunistischen System aufgewachsen, das ich natürlich abgelehnt habe. Ich muss aber ganz offen und ohne Übertreibung feststellen, dass in dem kommunistischen Land, in dem ich aufgewachsen bin, Forschung und Lehre an Universitäten nicht so durchideologisiert waren wie im heutigen Deutschland. Gut, es gab obligatorische Kurse in Marxismus-Leninismus, die jedoch von kaum jemandem ernst genommen wurden. Ansonsten konnten Wissenschaftler relativ frei forschen. In Einstellungsverfahren haben Qualität und Bestenauslese mehr gezählt als in der heutigen Bundesrepublik, schon aufgrund der viel strengeren Qualifikations- und Auswahlkriterien.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Die Marktlogik der Gender Studies

30. Oktober 2015, von Lucas Schoppe
Als vor einem Monat schon wieder ein Text zur Verteidigung der Gender Studies in einer überregionalen Zeitung erschien, hatte ich keine Lust mehr. Die Vielfalt zum Schweigen bringen heißt dieser Text, verfasst von der Gender-Forscherin Franziska Schutzbach, erschienen in der Schweizer Wochenzeitung.
Dass es Kritikern der Gender Studies irgendwie bloß um eine „Verunsicherung“...

Wissenschaft

Braucht unsere Gesellschaft „Gender Studies“?

09. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz
Der Anglizismus „Gender Studies“ bezeichnet in Deutschland faktisch nicht etwa „Geschlechterforschung“, die eine Forschung wäre, die Fragen im Hinblick auf beide Geschlechter und ihr wechselseitiges biologisches, soziales und kulturelles Verhältnis zueinander stellte und dann wissenschaftlich untersuchte, sondern sie ist einseitig Frauenforschung, also...

Wissenschaft

Rationalismus oder Irrationalismus, das ist hier die Frage

09. Mai 2015, von Prof. Günter Buchholz
Der Irrationalismus ist vermutlich die Urform menschlichen Bewusstseins. Und der Rationalismus ist das befreite, wahrhaft menschliche Bewusstsein. Diese Befreiung war sehr schwierig und langwierig, und sie ist, mit Blick auf die Gegenwart, ernsthaft gefährdet. Sie muss daher verteidigt werden.
Julian Jaynes hat eine psychohistorische Theorie entwickelt, die die...

Geschlechterdebatte

Polemischer antifeministischer Backlash, gruselige Verschwörungstheorien ...

... und andere sachliche Worte der Zeit für Kritik an den Gender Studies 22. Juli 2015, von Lucas Schoppe
In der Zeit hat die Kulturjournalistin und Deutschlandradio Kultur-Redakteurin Catherina Newmark gerade einen Text veröffentlicht, in dem sie Kritikern der Gender Studies vorwirft, ihre Kritik lediglich Aus Angst vor einem anderen Leben zu üben: aus Angst also vor einer Änderung bestehender...

Gesellschaft

Universelle Menschenrechte versus partikulare Sonderrechte

26. Mai 2015, von Dr. Alexander Ulfig
Menschenrechte schützen den Einzelnen und legen seine grundlegenden Freiheiten fest. Sie sollen für alle Menschen gelten. Doch bis heute mangelt es nicht an Versuchen, ihre Allgemeingültigkeit, ihre Universalität, zu untergraben und partikulare – nur für bestimmte Gruppen geltende – Sonderrechte zu etablieren.
Im ersten Schritt werde ich die Attribute...

Geschlechterdebatte

Warum nur die feministische Wissenschaft zählt

16. September 2012, von Arne Hoffmann
Wie Ideologen die Wissenschaft vergewaltigen
Das Worldwide Web fördert immer wieder erhellende Fundstücke zu Tage. So widmet sich aktuell Christian Schmidt in seinem Blog "Alles Evolution" der Anmaßung feministischer Ideologen, die einzig gültige Form von Wissenschaft präsentieren zu wollen. Dabei bezieht er sich auf das Buch "Professing Feminism", verfasst von zwei...

Geschlechterdebatte

Master of Funds oder: Eine Hand wäscht die andere

30. Januar 2013, von Michael Klein, zuerst erschienen bei ScienceFiles.org
ScienceFiles bringt Licht in das Dunkel, das das Begutachtungsgremium des Professorinnenprogramms umgibt.
Das Professorinnenprogramm war auf ScienceFiles schon mehrfach Thema. 150 Millionen Euro gaben das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Kultusministerien der Länder im Zeitraum von 2008 bis 2012 aus, um...

Wissenschaft

Das Elend der Postmoderne

18. Juli 2016, von Dr. Alexander Ulfig
Die philosophische Postmoderne ist der größte intellektuelle Irrtum unserer Zeit. Ihr Hauptanliegen ist es, bestehende Strukturen zu zerstören, sie zu dekonstruieren.
Diesem Zweck dienen drei gedankliche Vorgänge: die Historisierung (alles ist historisch, alles vergeht), die Individualisierung (nur das Einzelne, das Singuläre zählt, es gibt kein...

Wissenschaft

Friedenstauben statt Erkenntnis – Deutsche Hochschulen üben sich in freiwilliger Selbstkontrolle

19. November 2012, von Dr. Heike Diefenbach und Michael Klein, zuerst erschienen auf ScienceFiles.org
Hätte Albert Einstein seine verflixte Relativitätstheorie nicht formuliert, dann hätte es keine Atombombe gegeben, zumindest wäre ihre Entwicklung schwieriger gewesen.
Hätte Alfred Nobel nicht sein Dynamit und damit den ersten industriell verwendbaren Sprengstoff erfunden, US-amerikanische Outlaws...

Wissenschaft

Berufungspraxis in Deutschland

Von Prof. Adorján Kovács   25. April 2012
Im „Berliner Journal für Soziologie“ (Jahrgang  20, Ausgabe 4, Jahr 2010, Seiten 499-526) hat der Autor eine wissenschaftliche Abhandlung („Patronage und Geld“) publiziert, die die Besetzung von Lehrstühlen in einem chirurgischen Fach während der letzten 30 Jahre untersucht. Die Ergebnisse sollen hier vereinfacht wiedergegeben werden. Die komplette Abhandlung...

Wissenschaft

Erstmals klar belegt: systematische Diskriminierung von Männern an Universitäten

22. Januar 2015, von Michael Klein
Vergessen Sie alles, was Sie über Meritokratie gehört haben! Meritokratie, das ist das Prinzip, nach dem diejenigen, die die besten Leistungen bringen, diejenigen sind, die mit begehrten Positionen belohnt werden. Professuren waren einst begehrte Positionen und Meritokratie das Prinzip, mit dem die Professuren besetzt wurden.
Unter der Ägide des...

Wissenschaft

Paradigma und Inkommensurabilität

15. Juni 2014, von Dr. Alexander Ulfig und Artur Z. Zielinski
Wie kaum ein anderer hat Thomas S. Kuhn mit seinem Werk Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen die Debatte zur Entwicklung von wissenschaftlichen Theorien beeinflusst. Dabei standen die Begriffe „Paradigma“ und „Inkommensurabilität“ im Zentrum der Auseinandersetzung.
Die beiden Begriffe wurden zu Modebegriffen in vielen...