Wissenschaft

Ulrich Kutschera über den Gender-Kreationismus

Eine Rezension zu „Das Gender-Paradoxon“

21. Mai 2017, von Dr. Alexander Ulfig

Ulrich Kutschera ist Biologe und Professor für Pflanzenphysiologie und Evolutionsbiologie an der Universität Kassel. Dem breiten Publikum wurde er durch seine Kritik am religiösen Kreationismus bekannt. Seit geraumer Zeit unterzieht er eine andere Form des Kreationismus, den Genderismus, einer grundlegenden Kritik. Für diese Form des Kreationismus ist das Geschlecht etwas Konstruiertes, etwas, was man ändern und wählen kann.

kutsch tzgfuvd

Ulrich Kutschera (Bild: X. Wang, San Francisco, CA, USA, CC BY-SA 3.0)

Der US-Psychologe und Erziehungswissenschaftler John Money (1921 – 2006) hat vor 60 Jahren die „Gender-Theorie“ formuliert. Sie besagt, dass Menschen als geschlechtsneutrale Unisex-Wesen geboren werden. Erst durch Erziehung werden aus Unisex-Wesen Männer und Frauen. Es wird davon ausgegangen, dass das Geschlecht des Menschen nicht primär biologisch, sondern sozial konstruiert, formbar, wandelbar und wählbar ist. Nach Kutschera ist diese Sicht mit dem biblischen Kreationismus verwandt. Letztlich soll der Unterschied zwischen Männern und Frauen nivelliert, dekonstruiert werden.

kutsch parad hhzdfusisAuf den Überlegungen von Money basiert ein politisches Programm: das auf der Vierten Weltfrauenkonferenz beschlossene Programm des Gender-Mainstreamings. Dieses Programm hat nach Kutschera folgende Zielsetzungen:

  1. Auf der Welt sollten weniger Menschen existieren und mehr erotische Vergnügungen verfügbar sein. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie Vollzeitmütter sollten abgeschafft werden.

  2. Da mehr erotische Vergnügungen möglicherweise zu einem Überschuss an Kindern führen könnten, müssen Verhütungen und Abtreibung für alle verfügbar sein; weiterhin sollten homosexuelle Verhaltensweisen gefördert werden, da es hierbei zu keinem Nachwuchs kommt.

  3. Die Welt benötigt einen Sexualkundeunterricht für Kinder und Heranwachsende, der erotisches Experimentieren ermutigt. Des Weiteren sollten die Rechte der Eltern bzgl. Der Erziehung ihrer Kinder abgeschafft werden.

  4. Auf der Welt sollte eine 50 : 50 Männer/Frauen-Quotenregel in allen Lebens- und Arbeitsbereichen eingeführt werden (Grundsatz der Macht-Gleichstellung). Alle Frauen müssen möglichst zu allen Zeiten einer Erwerbstätigkeit nachgehen.

  5. Religiöse Glaubenssysteme, die mit dieser Befreiungs-Agenda im Widerspruch stehen, sollten diskreditiert und somit der Lächerlichkeit preisgegeben werden.“ (S. 44ff.)

Kutschera widerlegt anhand von vielen Beispielen die in der Gender-Theorie vertretene These, nach der das Geschlecht oder die sexuelle Orientierung in erster Linie soziale konstruiert ist. Er zeigt, dass Homosexualität nicht frei wählbar ist, sondern biologisch bedingt ist. Der Komponist Pjotr  Iljitsch Tschaikowski versuchte vergeblich, sich von seiner Homosexualität zu befreien. Er konnte nicht durch einen Entschluss seine sexuelle Veranlagung ändern.

Kutschera kritisiert auch die These, dass  es keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt. Obwohl es zahlreiche Bemühungen gibt, Frauen zu Komponisten auszubilden, weisen Frauen keine herausragenden kompositorischen Leistungen auf bzw. nicht so gute Leistungen wie Männer. Da es dafür keine sozio-kulturellen Erklärungen gibt, liegt es offensichtlich an biologischen Differenzen zwischen Männern und Frauen. Daraus folgt jedoch nicht, dass Frauen zweitklassige Menschen sind, hebt mit Nachdruck Kutschera hervor.  Männer und Frauen unterscheiden sich offenbar in ihrer biologischen Verfassung. Daraus folgt, dass bestimmte Fähigkeiten bei dem einen oder anderen Geschlecht besser ausgebildet sind.

Menschen konstruieren sich nicht selbst, sondern entwickeln sich, „evolvieren“, im Laufe von Jahrmillionen. Natürlich spielen dabei Umweltfaktoren eine wichtige Rolle.

Bemerkenswert ist, dass Kutschera seine Aussagen mit Hilfe von gesicherten empirischen Studien belegt. Seine Äußerungen demonstrieren den neuesten Erkenntnisstand der Biowissenschaften.

Die Gender-Ideologie hat sich in der ganzen Gesellschaft, auch im akademischen Bereich, sehr stark ausgebreitet. An sozialwissenschaftlichen Fakultäten wurden Professuren und Institute für Gender Studies eingerichtet. Das reicht aber den Gender-Ideologinnen nicht aus. In neuester Zeit versuchen sie, mit ihren Meinungen auch naturwissenschaftliche Fächer zu beeinflussen. Kutschera zufolge „würde eine genderisierte Biologie den Status einer exakten Naturwissenschaft verlieren und Teil der Sozialkunde werden, was unakzeptabel ist.“ (S. 96) Es ist nicht einfach, diesem Einfluss Einhalt zu gebieten, „denn der irrationale Glaube ist viel stärker als das mühselig erarbeitete naturwissenschaftliche Faktenwissen.“ (S. 96)

Da 95% der Hochschul-Gender-Lehrstellen von Frauen besetzt sind, liegt die Vermutung nahe, dass diese Stellen dazu eingerichtet wurden, um den Anteil von Frauen, also die Frauenquote unter den Professoren zu erhöhen. Somit erscheint die Politik des Gender-Mainstreamings an Universitäten als „getarnte Frauen-Politik“, man möchte hinzufügen: als eine Lobby- und Klientelpolitik für eine bestimmte Gruppe von Frauen.

Es ist verwunderlich, dass es nur wenige mutige Wissenschaftler wie Ulrich Kutschera gibt, die die Ideologisierung der deutschen Universitäten bekämpfen. Das hat offensichtlich tiefere Ursachen, die in der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung liegen. Unsere Zeit ist vom postmodernen Nihilismus und Relativismus geprägt. Der Anspruch auf Objektivität wird immer häufiger abgelehnt, strenge wissenschaftliche Argumentation und empirische Überprüfung von Aussagen werden immer seltener verlangt. Es bleibt zu hoffen, dass Kutscheras Haltung und Kampf gegen die Ideologisierung der deutschen Universitäten zu einer Rückbesinnung auf fundamentale Ideale der Wissenschaft führen wird.

Ulrich Kutschera, Das Gender-Paradoxon. Mann und Frau als evolvierte Menschentypen, LIT Verlag, Berlin 2016.

 

Weitere Beiträge
Wissenschaft

Im Orbit um den eigenen Hintern

Wie man um sich selbst kreist und dabei Widerlinge produziert 25. November 2014, von Lucas Schoppe
Der Komet Tschurjumow-Gerasimenko, genannt Tschuri, ist 510 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sein Kern ist gerade einmal 4x3,5x3,5 Kilometer groß. Am 12. November gelang Wissenschaftlern trotzdem eine „schwierige und bisher noch nie gewagte Landung": Sie landeten eine kleine Raumsonde auf...

Wissenschaft

Exzellenz als Fake

Wie im Sog der Exzellenzinitiative die deutsche Universität ihre Unabhängigkeit und die Wissenschaft ihre Freiheit verliert.
Von Prof. Adorján Kovács   18. April 2012

Wissenschaft wurde früher, entsprechend dem Humboldt’schen Ideal, in Einsamkeit und Freiheit betrieben. So lautete die positive Selbstdarstellung, die selbstverständlich kritisch hinterfragt werden durfte: Wo blieb die Kooperation über...

Wissenschaft

Der Mythos von der „sozialen Konstruktion“

Und warum sich der Sozialkonstruktivismus sehr gut dafür eignet, Lobby- und Klientelpolitik zu betreiben 22. März 2014, von Dr. Alexander Ulfig
Der Begriff „soziale Konstruktion“ spielt eine Schlüsselrolle in den Gender Studies. Die Vorstellung, dass das soziokulturelle Geschlecht (Gender) eine soziale Konstruktion sei, wird dort als eine Selbstverständlichkeit betrachtet.
Sie bildet das...

Geschlechterdebatte

Spielen im Opfer-Modus

12. März 2014, von Birgit Kelle
Schöne neue Welt: Jetzt sollen also auch noch Kinderspielplätze gendersensibel gestaltet werden.
Was haben Aufsichtsräte und Spielplätze gemeinsam? Beide sind nicht gendersensibel genug, die großen und kleinen Mädchen haben nicht genug Spielraum. Für die einen gibt’s demnächst die Frauenquote, um die Spielplätze kümmert sich jetzt die SPD.
...

Geschlechterdebatte

Ungleichheit ist nicht gleich Diskriminierung

Entideologisierung des Gender Pay Gaps
Von Michael Klein, 4. Mai 2012Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org
Seit Jahren finden es die Betreiber von Sciencefiles.org immer wieder erstaunlich, dass ungleiche Verteilungen, wie sie z.B. zwischen den Einkommen von Männern und Frauen bestehen, als Beleg für Diskriminierung bewertet werden, und zwar von zumeist denselben Personen, die nie auf die Idee...

Geschlechterdebatte

Infopaket zur Gleichstellungspolitik II

07. Juni 2014
In den Leitmedien herrscht eine sehr einseitige Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik; Die Gleichstellungspolitik wird dort meist unkritisch propagiert, wobei unbegründete und falsche Informationen verbreitet werden.
Das betrifft beispielsweise die längst als falsch erwiesene Behauptung von einem dreiundzwanzigprozentigen Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen sowie die Mär...

Geschlechterdebatte

Christian Schmidt: „Es muss wieder möglich werden, im Geschlechterbereich neutral zu diskutieren“

Von Arne Hoffmann   2. April 2012

Christian Schmidt ist seit Mai 2010 der Betreiber des Blogs "Alles Evolution", der sich mit Geschlechterunterschieden, Evolutionsbiologie, der Männerbewegung und Pickup beschäftigt. Damit ist er einer der wohl meistgelesenen Blogger dieser Bewegung und gibt auch immer wieder Anstöße zu Diskussionen über ihr Auftreten und ihre Themen.
Arne Hoffmann: Christian, wie bist du...

Geschlechterdebatte

Debatte in Schweden: Ist man mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu weit gegangen?

18. Mai 2012, von Nathalie Rothschild - www.nathalierothschild.com
An schwedischen Schulen wird zunehmend eine geschlechtsneutrale Politik vorangetrieben. Unter anderem gehört hierzu die Verwendung einer geschlechtsneutralen Bezeichnung – „hen“ (es) statt „han“ und „hon“ (er und sie). Nun schlagen einige Schweden zurück.
Schweden trägt den langanhaltenden Ruf, ein egalitäres Land mit nur...

Geschlechterdebatte

Nur schön und sexy?

02. Januar 2015, von Prof. Walter Hollstein
Ist die Emanzipation der Mädchen am Ende? Driften sie von der „Überholspur“ zurück in den „Boxenstopp“? Das signalisiert – auch in dieser bildhaft blöden Sprache - die Studie „Mädchen in der Schweiz“. Urheberin ist das „Institut Gender & Diversity“ der Fachhochschule Ostschweiz, verantwortlich dessen Leiterin Gabriella Schmid.
Folgt man der...

Gesellschaft

Leitkultur? Leitkultur!

14. Oktober 2016, von Prof. Günter Buchholz
Wenn wieder einmal der von Bassam Tibi eingeführte Begriff der Leitkultur  fällt, dann sind zwei Reaktionen zu beobachten. Die einen, die Kulturelativisten, stammeln abwehrend etwas von einem angeblichen  Rassismus, die anderen, die liberal-säkularen, ebenso geschichtsvergessenen wie irgendwie aufgeklärten Individualisten reagieren ob ihrer eigenen...

Geschlechterdebatte

Rundfunkrat entscheidet: "Hart-aber-fair"-Sendung muss in den Giftschrank

21. August 2015, von Arne Hoffmann
Es war die vielleicht einzige Sendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, bei der Feminismus und Gender nicht als Nationalheiligtümer dargestellt wurden, die man auf keinen Fall kritisch in Frage stellen darf: die "Hart-aber-"Fair"-Talkrunde am 2. März dieses Jahres mit dem Titel "Nieder mit den Ampelmännchen – Deutschland im Gleichheitswahn?"
Viele...