Wirtschaft

Leidet die deutsche Volkswirtschaftslehre unter Grünem Star (Glaukom)?

10. Februar 2014, von Prof. Günter Buchholz

Grüner Star ist eine Augenkrankheit, bei deren Verlauf es von den Wahrnehmungsrändern her zu einem allmählichen und weitgehend unbemerkten Gesichtsfeldausfall kommt. Es entwickelt sich dadurch zunehmend das, was man einen Tunnelblick nennt.

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Dabei wird alles dunkel - bis auf das berühmte Licht am Ende des Tunnels. Allerdings wird dieses - in einer ähnlichen Metapher ersehnte - Tunnelende nie erreicht, sondern das restliche Sehvermögen erlischt endgültig.

Diese Metapher kennzeichnet m. E. bedauerlicherweise den heutigen geistigen Zustand der deutschen Volkswirtschaftslehre. Das ist für uns alle fatal, weil die Politik von führenden Vertretern dieser Volkswirtschaftslehre beraten wird.

Der AStA der Goethe-Universität Frankfurt/Main veröffentlichte einen Offenen Brief, in dem gefordert wird, diese gefährlichen Gesichtsfeldverengung nicht länger zuzulassen, sondern ihr entgegenzuwirken.

Offener Brief der Kritischen Ökonomen bezüglich der inhaltlichen Umstrukturierung des Bachelor-Kurses „Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ (vom 5.2.2014):

Die Kritischen Ökonomen an der Universität Frankfurt bedauern mit diesem offenen Brief ausdrücklich, dass der volkswirtschaftliche Einführungskurs im Bachelor Studiengang Wirtschaftswissenschaften ab dem kommenden Semester weniger Raum für pluralistische und theoriengeschichtliche Inhalte bieten wird.“

Dieser Offene Brief und seine inhaltlichen Forderungen werden durch den Allgemeinen Studierendenausschuss der Goethe Universität Frankfurt unterstützt.“

Die Argumentation des AStA ist m. E. sachlich zutreffend und angemessen formuliert, so dass ich mich diesem Offenen Brief anschließen kann. Überdies geht es um ein Problem, das alle deutschen oder sogar alle deutschsprachigen Hochschulen mit dem Fach Volkswirtschaftslehre betrifft.

Man sieht an diesem Beispiel auch, wie nachteilig sich das Bachelor-Master-Konzept auswirkt, nämlich u.a. in einer schädlichen Ausdünnung und inhaltlichen Verkürzung der Bachelor-Studiengänge. Ich habe mich 2007 hierzu geäußert.

Ich biete nach meiner Pensionierung neben Wirtschaftsethik noch eine VWL-Lehrveranstaltung „Geschichte des ökonomischen Denkens“ an. Weiter unten finden sich einige der Quellen, die in diesen Zusammenhang gehören. Denn es ist einfach hochgradig töricht, auf die reichhaltige Geschichte des ökonomischen Denkens von Aristoteles über Quesnay, Smith und Ricardo, Marx, Walras, Schumpeter und Keynes bis Davidson, Minsky und Krugman zu verzichten und statt dessen nur noch eine empirisch leere statische mathematische Theorie wirtschaftlichen Handelns zu vermitteln, die auf der Stufe von Newtons physikalischer Mechanik, ihrem großen Vorbild, stehen geblieben ist.

Einen Zugang zur Frage des Grundverständnisses von Wirtschaft und ihres Verhältnisses zur Gesellschaft soll der folgende Text ermöglichen:
http://www.grundrisse.net/grundrisse36/wirtschaft_grundlagen.htm

Bezüglich des Neomarxismus sei verwiesen auf:

http://de.wikipedia.org/wiki/Praxisphilosophie

und

http://www.praxisphilosophie.de/start.htm

mit den dort angegebenen Quellen.

Ein Vergleich zwischen Neoklassik, Keynesianismus und Marxismus findet sich hier:
http://f4.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/f4/Aktivitaeten/Veroeffentlichungen/2009/gb-09-04.pdf

Im Hinblick auf Keynes und den Postkeynesianismus (Davidson, Minsky) sowie auf die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise sei hingewiesen auf „Globale Finanz- und Wirtschaftskrise - Ursachen, Verantwortung, Konsequenzen“:
http://f4.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/f4/Aktivitaeten/Veroeffentlichungen/2009/GB-JM-09.pdf

„Die Wirtschafts- und Finanzkrise mit Blick auf Marx und Keynes – Teil I“:
http://f4.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/f4/Aktivitaeten/Veroeffentlichungen/2011/gb-02-11.pdf

„Die Wirtschafts- und Finanzkrise - Teil II: Präsentationen“:
http://f4.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/f4/Aktivitaeten/Veroeffentlichungen/2011/gb-11-03-10a.pdf

Zur aktuellen wirtschaftspolitischen Problemlage sei abschließend auf die makroökonomischen Beiträge von Flassbeck und Spieker hingewiesen; sie stehen in der Tradition Keynes´schen Denkens:
http://www.flassbeck-economics.de/author/heiner-flassbeck/

 

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