Gesellschaft

Schlimmer als Helikopter-Eltern: Helikopter-Narzissten!

Über die Opfergesellschaft und das narzisstische, globalisierte Ich

1. Februar 2017, von Deborah Ryszka

Das Auftreten narzisstischer Persönlichkeitsstörungen hat über Jahrzehnte hinweg in unserer Gesellschaft zugenommen. Jedoch findet zugleich neben einer gesellschaftlichen Globalisierung auch eine individuelle, narzisstische statt. Nämlich die des eigenen Ich. Diese drückt sich in einer kollektiv, organisierten Opfermentalität aus, wie es z.B. der Radikalfeminismus oder die politische Korrektheit tut.

bquiwdiciiqwhio

Wir leben in einer Zeit des Schreckens. Überall lauert Gefahr. Von rechts, von links, von unten oder von oben (nicht im politischen, sondern im metaphorischen Sinne). Sie ist ständig da, kann unerwartet auftauchen und das Ich in Schrecken versetzen. Denn „Ich bin Ich, also bin Ich, und zwar Ich der Mittelpunkt der Welt". So kann man das heutige Lebensmotto der meisten beschreiben. Das Ich als das Zentrum, das Absolute der Welt, um das sich alles dreht.

Das Ich steht im Extremfall sogar als Synonym für die Welt. Nicht Helikoptereltern, sondern Helikopter-Iche, die alle kleinsten Gegebenheiten abtasten und registrieren. Alles stellt eine Gefahr dar: physisch und psychisch, aber vor allem für die labile Psyche der Helikopter-Iche. In psychologischen Termini spricht man von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung. Und diese - also ein hoher Selbstfokus auf sich selbst gepaart mit einer niedrigen Empathiefähigkeit - hat seit Jahrzehnten in der Bevölkerung (zumindest in den westlichen Gesellschaften) kontinuierlich zugenommen (Twenge, Konrath, Foster, Campbell & Bushman, 2008).

„Die Globalisierung des Ich"

Es ist nicht überraschend, dass dieses Epizentrum des Selbst stets Erschütterungen oder kleinsten Eruptionen ausgesetzt ist. Und ebenso nicht überraschend, dass sich alle verletzt fühlen oder empört sind. Denn jede kleinste Veränderung richtet sich definitiv gegen das Helikopter-Ich. So sieht es zumindest dieses Ich. Und dieses Helikopter-Ich beinhaltet nicht nur das Ich im engeren, sondern auch im weiteren Sinne. Es hat seinen Abtastradius um Kilometer erweitert. Anfangs schlug sein Radar nur bei Aspekten an, die konkret das Ich betrafen. Wie z.B. eine andere Geschmackspräferenz oder eine konträre Meinung. Mittlerweile aber überschreitet das Ich seine eigenen einstigen Grenzen und läutet viel schneller Alarm. Denn alles ist mit dem Ich auf irgendeine Art und Weise verbunden. Alles und alle gehören ihm, alle haben die gleichen Bedürfnisse und alle müssen das großartige Ich bewundern. Der gesellschaftlichen Globalisierung folgt somit eine individuelle, narzisstische. Und diese versucht das Nicht-Ich im Ich zu vereinnahmen. Nichts soll dem Ich mehr entgegengesetzt werden. Keine anderen Iche und auch keine Nicht-Iche. Das Ich wird durch solch eine Expansion zum Einen, zum Absoluten. Nur das Ich und sonst das Ich. Es ist einfach überall. Es ist das einzige.

„offener vs. verdeckter Narzissmus"

Dieser Menschentypus mit Behandlung des Selbst im engeren Sinne wird aus psychologischer Perspektive offener Narzissmus (Grandiosität-Exhibitionismus) genannt (Wink, 1991). Denn hier scheut sich diejenige Person nicht ihre subjektive Grandiosität offenzulegen. Dementsprechend erscheint sie selbstbewusst, extravertiert und braucht nicht notwendigerweise Kollektive, wie Vereine oder Gruppierungen, aus denen sie ihre Selbstbestätigung zehren kann. Diese Kollektive sind jedoch essentiell für eine zweite Art des Narzissmus: nämlich für den verdeckten Narzissten (Vulnerabilität-Sensitivität) (Wink, 1991). Diese Personen erscheinen auf den ersten Blick schüchtern, bescheiden und sozial. Sie versuchen auf indirektem Wege die Anerkennung ihrer Großartigkeit einzuholen, wie z.B. durch hilfreiche, altruistische Verhaltensweisen (Spenden für wohltätige Zwecke, Besuche von unterschiedlichen Institutionen, Teilnahme am gesellschaftlichen Geschehen usw.) oder mittels einer ausgeprägten Opfermentalität. Es soll in erster Linie dem Ich dienen. Andere sollen es noch mehr bewundern und naiv an seine Gutmütigkeit glauben. Dies beinhaltet auch nicht selten Kinder oder andere Familienangehörige für die eigene Selbstinszenierung auszunutzen. Sie werden als essentieller Teil der Theaterinszenierung oder sogar als Besitztum des eigenen Ich betrachtet. Es geht dem Ich nur darum seine eigenen Interessen und Ziele zu errreichen.

„ Die Opfergemeinden des verdeckten und globalisierten Narzissten: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns."

Dies reicht dem verdeckten und zugleich globalisierten Narzissten aber nicht mehr aus. Daher werden andere bereits relevant bestehende Kollektivgefüge in das Helikopter-Ich aufgenommen, wie z.B. das Heimatland oder die Religion. Was aber immer öfters der Fall zu sein scheint, ist die Gründung (passender helikopter-Iche) zugeschnittener Kollektiv- oder besser Opfergemeinden. Ein gutes Beispiel hierfür kann die Infiltrierung der Gleichstellungspolitik durch Radikalfeministinnen angesehen werden. Diese interpretieren, wie für Frauen nicht unüblich, je nach Lust und Laune oder je nach Menstruationszyklus diese eine Geste des „bösen" Mannes als gegen sie gerichtet (mittlerweile übernehmen viele sogenannte emanzipierte Männer diese Weltinterpretation der Lust und Laune). Diese Interpretation einer bestimmten Mentalität, nämlich der Opfermentalität. Alle sind schuld, nur nicht das grandiose Ich. Und da diese Anschuldigungen keinem rationalem Muster folgen, sondern rein emotional- und stimmungsabhängig sind, kann jede Bewegung des Mannes DIE falsche sein. Aber nicht nur DIE des Mannes ist gefährdet, auch DIEJENIGE all derer, die nicht auf der Seite der Radikalfeministinnen sind. „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Keiner ist mehr sicher, jeder ist ein potentieller Täter. Überall lauert Gefahr. Von rechts, von links, von unten oder von oben. Bestes Beispiel sind, wie gesagt, die Radikalfeministinnen. Aber auch die politische Korrektheit.

Grundsätzlich gilt aber für das Helikopter-Ich: Die Welt gegen das Ich. Das ist der wahre Kampf der Narzissten. Die Welt gegen den Narzissten. Oder eher gesagt gegen das Kollektiv der vereinzelten, einsamen Narzissten. Und der Radikalfeminismus stellt nur einen Kampf von vielen dieser verdeckten und zugleich globalisierten Narzissten dar. Denn wie gesagt, alles stellt eine Gefahr dar. Früher war es der Kommunist, heute ist es der Mann. Und was morgen kommen wird, kann man ruhig den Launen und Stimmungen der globalisierten Narzissten überlassen. Eins steht aber jetzt schon fest: Obwohl die Rollenverteilung die gleiche bleibt, nämlich sie, die Unschuldigen, in der Opferrolle und alle anderen in der des Täters, wird es mit ihnen bestimmt nicht langweilig. Vielleicht finden sie die ersten Täter bereits in ihren eigenen Reihen? Denn die Welt ist ja gegen das narzisstische, globalisierte Ich. Und sie, sie sind ein Teil dieser Welt.

Literatur

Twenge, J., Konrath, S., Foster, J., Campbell, W. K. & Bushman, B. (2008). Egos inflating over time: a cross-temporal meta-analysis of the Narcisstic Personaliy Inventory. Journal of Personality, 76(4), 875-902.

Wink, P. (1991). Two faces of narcissism. Journal of Personality & Social Psychology, 61 (4), 590-597.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

„Individuelle Freiheit oder kollektivistischer Feminismus“

8. Mai 2012, von Prof. Gerhard Amendt* (* Gründer des Instituts für Geschlechter und Generationenforschung der Universität Bremen)
Wer allen Ernstes glaubt, dass die Fortsetzung der Frauenbewegung der institutionalisierte Feminismus gewesen sei, der muss nicht minder verwegen behaupten, dass die kommunistischen Zirkel der 70er Jahre die Weiterentwicklung der 68er Bewegung gewesen seien. Beide...

Geschlechterdebatte

Wozu männliche Monstren und friedliche Frauen gut sind - Margarete Mitscherlichs „Die friedfertige Frau“

10. Juni 2014, von Lucas Schoppe
Angenommen, eine psychisch kranke Frau würde in den USA vier Frauen und zwei Männer erschießen –
angenommen, sie würde Videobotschaften sowie ein langes Manuskript hinterlassen, in denen sie die mangelnde Aufmerksamkeit von Männern und die Unwürdigkeit anderer, bei Männern erfolgreicher Frauen für ihre Taten verantwortlich macht –
...

Geschlechterdebatte

Der Streik der Männer

29. Juni 2013, von Arne Hoffmann
"Wenn Sie ein Waschlappen sind, ist dieses Buch nichts für Sie." Mit diesen Worten beginnt "Men on Strike", der aktuelle Instant-Bestseller der renommierten US-amerikanischen Psychologin Dr. Helen Smith, die damit für einige mediale Aufmerksamkeit sorgte.
"Die Vorschläge, die ich in diesem Buch mache, sind schwierig und verlangen Opfer", setzt Smith ihre...

Geschlechterdebatte

Bin ich jetzt ne Frau?

16. Dezember 2012, von Hadmut Danisch, zuerst erschienen in Hadmut Danischs Blog
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau zu bewerben? Nur mal so zum Zwecke des Disputs, um Schwächen und Disploits gegen die Politik zu diskutieren:
Was hindert mich eigentlich daran, mich als Frau auf Vorstandsposten, Aufsichtsratssitze und Professuren zu bewerben und die Frauenquote für mich in Anspruch zu...

Geschlechterdebatte

Münchner SPD will angeblich „Mädchen-Zonen“ auf Kinderspielplätzen

10. März 2014, von Hadmut Danisch
Behauptet Focus. Schön so. Damit die lieben Kleinen schon im Kindergartenalter lernen, dass die Gesellschaft zweigeteilt ist, in Ober- und Untermenschen, in von Geburt aus Adlige mit Sonderrechten und Privilegien und das gemeine Proletariat.
Klar, dass so ein Aufbau einer Zweiteilung der Gesellschaft in Privilegierte und Fußvolk, das draußen bleiben muss, sowas...

Gesellschaft

Die Innenwelt

05. Juli 2013, von Bernhard Lassahn
Nun werden auch Männer als „Professorinnen“ bezeichnet. Jedenfalls an der Universität Leipzig. Das hat einigen Wirbel ausgelöst. Deshalb wird ein Projekt gestartet, das die Sprachregelung mit der umstrittenen „-innen“-Form und die aufgeregte Resonanz, die es ausgelöst hat, wissenschaftlich aufarbeiten möchte.
Dazu möchte ich meinerseits einen kleinen,...

Geschlechterdebatte

Von der Frauenemanzipation zur Frauenprivilegierung

22. Mai 2012, von Prof. Günter Buchholz
Warum die Gleichstellungspolitik keine linke, sondern eine rechte Politik ist
Gleichheit meint in logischer Hinsicht immer die Gleichheit des Verschiedenen, denn sonst würde es sich um Identität handeln. Nur was verschieden ist, kann gleich sein. Gleichheit meint weder Identität noch enthält sie den Impuls, Ungleiches gleich machen zu wollen, sondern sie...

Geschlechterdebatte

Hatr.org: „Antifeministische hate speech“ unter der Lupe

Von Arne Hoffmann   1. April 2012

In letzter Zeit wurde Feminismuskritikern immer wieder der Vorwurf der "hate speech" gemacht. Dabei handelt es sich einer Definition der Wikipedia zufolge um "sprachliche Ausdrucksweisen, die zur Ausgrenzung oder Benachteiligung von bestimmten Personen oder Personengruppen, oder sogar zur Gewalt gegen diese, anreizen sollen". Eine bekannte Website, auf der...

Geschlechterdebatte

Der ritterliche Justizminister als galanter Retter schwacher Frauen

15. September 2016, von Prof. Gerhard Amendt
Podcast:
Auf einer Konferenz über Männergewalt hat in den 80er Jahren in Frankfurt am Main eine Psychoanalytikerin die strafrechtliche Utopie entworfen, der zufolge Frauen allein darüber entscheiden sollten, ob ihnen Gewalt angetan wurde oder nicht. Schließlich seien sie dafür Spezialisten – und niemand sonst.
Irgendwo am Rande sollte ein Richter,...

Geschlechterdebatte

Die Antisexualisten und ihr Krieg gegen den Mann

16. Januar 2015, von Kevin Fuchs
In der westlichen Welt geht eine neue Mode um. Nach einer Jahrzehnte fortdauernden Hypersexualisierung unserer Kultur, der Pornographisierung einer ganzen Jugend und nach anrüchigen Aufklärungsköfferchen mit putzigen Plüschvaginas und Plüschpenissen für Grundschüler irritiert uns ein neuer Kanon, der sich so gar nicht dem uns Gewohnten fügen mag. Ich nenne es...

Geschlechterdebatte

Facebook: Nazi-Mist ist okay, Feminismus-Kritik muss weg

06. Juni 2013, von Lucas Schoppe
Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten (und letzten) Mal ein Bild bei Facebook gemeldet. Das Bild vom 4.1. zeigt eine Dose Nüsse, beschriftet ist sie mit den Worten „Buchenwald’s Beste“, darunter steht „Cash-Jews“ (also etwa: Geldjuden), neben den Schriftzug „Nur echt mit dem Stern“ ist ein Judenstern gezeichnet, unten prangt ein Hakenkreuz mit dem Satz...