Gesellschaft

Extremistisch? Populistisch?

Wenn Etiketten die Bewertung beeinflussen

Von Michael Klein   10. Mai 2012
Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org

Im deutschen politischen Diskurs ist es an der Tagesordnung, die Position des politischen Gegners oder den politischen Gegner gleich selbst als extremistisch oder populistisch zu bezeichnen. So schreibt die Badische Zeitung von der Rückkehr des “Populisten Guttenberg”, die Zeit weiß, dass Putin ein “nationaler Populist” ist, und Spiegel-Online kennt den Schweizer Populisten Christoph Blocher. Populismus werfen Lokalpolitiker von CDU und SPD in Grevenbroich dem “UWG-Vorsitzenden Carl Windler” vor, reiner Populismus ist in Goch am Werk, wo im Gemeinderat um die Erhebung von Elternbeiträgen für die Kindertagespflege gestritten wird, und selbst der Streit um die Westerhausener Turnhalle ist nicht davor gefeit, den Vorwurf reinen Populismus’ mit sich zu bringen. Der Zweck dieser Etikettierung von unliebsamen oder Gegenpositionen ist klar: Die entsprechenden Positionen sollen abgewertet, die Urteilsbildung von Beobachtern beeinflusst, gar manipuliert werden. Ob das klappt?

Dass es klappen kann, haben  Amos Tversky und Daniel Kahneman in den 1970er und 1980er Jahren in einer Reihe von Experimenten gezeigt. Das Urteil von Menschen, ist durch den Rahmen, innerhalb dessen es erfolgt, manipulierbar. Dies zu belegen, haben Tversky und Kahneman (1981) eine Reihe von Personen gebeten, das folgende Entscheidungsproblem zu lösen:

Die USA bereiten sich auf den Ausbruch einer ungewöhnlichen Asiatischen Krankheit vor. Es wird erwartet, dass die Krankheit 600 Menschen das Leben kosten wird. Zwei Alternativen stehen zur Bekämpfung der Krankheit zur Verfügung. Die exakten wissenschaftlichen Schätzungen der Wirkung beider Programme sind die folgenden [Angaben in Klammer geben den Anteil der Probanden an, die sich für das entsprechende Programm entschieden haben]:

Die erste Formulierung der Alternativen lautete:

  • Wenn Programm A eingesetzt wird, werden 200 Menschen gerettet [72%].
  • Wenn Programm B eingesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit, von einem Drittel, dass alle 600  überleben und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel, dass niemand überlebt [28%].

Die zweite Formulierung der Alternativen lautete:

  • Wenn Programm C eingesetzt wird, werden 400 Menschen sterben [22%]
  • Wenn Programm D eingesetzt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, dass niemand sterben muss und eine Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel, dass alle 600 Menschen sterben. [78%]

Obwohl beide Problemformulierungen mit exakt denselben Ergebnissen einhergehen, kamen die Versuchspersonen von Tversky und Kahneman zu ganz unterschiedlichen Entscheidungen. Die  positive Formulierung “niemand muss sterben” hatte eine Entscheidung für die zwei Drittel-Lösung zur Folge (Alternative D), die negative Formulierung “niemand überlebt” (Alternative B) hatte eine Entscheidung gegen die zwei Drittel-Lösung zur Folge. Die Experimente von Tversky und Kahneman haben in eindrücklicher Weise gezeigt, dass das Urteil von vielen Menschen durch den Rahmen, das so genannte Framing, determiniert wird, innerhalb dessen sie ihr Urteil treffen.

Dies  machen sich Politiker zu nutze, wie Thomas E. Nelson, Gregory Gwiasda und Joseph Lyons (2011) in einer Studie gezeigt haben. Um für die eigene Position zu werben, so Nelson, Gwiasda und Lyons, müssen Politiker sie in einem positiven Licht erscheinen lassen, oder, besser noch, die Position des Gegners in einem schlechten Licht. Da Politiker mit ihren Aussagen weniger an rationale Inhalte als an Werte appellieren, ist es eine erfolgversprechende Vorgehensweise, die eigene Position und die Werte, auf denen die eigene Position basiert, dadurch zu verbessern, dass man die Gegenposition abzuwerten versucht, dadurch, dass man die Gegenposition in einen Rahmen (oder Frame) rückt, von dem man weiß, dass er die Bewertung der entsprechenden Position negativ beeinflusst. Eine Möglichkeit besteht darin, die Gegenposition in die Extremismus oder Populismus-Ecke zu rücken: “With the extremism tactic, the communicator tries to manage public perception of groups on the opposing side. If the public reputation of the opponent is already shaky …, so much the better. Portraying opposing groups as radical or extreme undercuts any appeal they might make on the basis of consensus social values, thereby enhancing respect for any value invoked by the communicator” (Nelson, Gwiasda & Lyon, 2011, S.816).

Gelingt es, eine Position als extremistisch, radikal oder populistisch zu brandmarken,  dann verschlechtert dies die Bewertung der entsprechenden Position durch unabhängige Beobachter, ja sogar bei unabhängigen Beobachtern, die zuvor der abgewerteten Position positiv gegenüber standen. Dieses Ergebnis steht am Ende einer Reihe von Experimenten, die Nelson, Gwiasda und Lyons durchgeführt haben und die u.a. gezeigt haben, dass eine “political rhetoric that links an issue position to a group with a reputation for extremism can reduce support for that position. The surprising finding is that the reputation attack need not be particularly fierce to be effective” (Nelson, Gwiasda & Lyons, 2011, S.821). Je besser es gelang, eine Position als extremistisch zu etikettieren, desto zurückhaltender waren die Probanden von Nelson, Gwiasda und Lyons in der Unterstützung dieser Position, selbst wenn sie ursprünglich Unterstützer der  Position waren. Wem es also gelingt, seinen politischen Gegner in einen negativ bewerteten Frame zu setzen, der kann  dadurch die öffentliche Wahrnehmung seines politischen Gegeners zu dessen Ungunsten beeinflussen und dies selbst dann, wenn der politische Gegner in der öffentlichen Wahrnehmung bislang gut angesehen war.

Die Häufigkeit, mit der deutsche Politiker auf wertgeladene Floskeln und die hier dargestellte Taktik zurückgreifen und Positionen politischer Gegner als extremistisch, radikal oder populistisch bezeichnen, um sie dadurch abzuwerten, zeigt, dass deutsche Politiker mit der Taktik  gut vertraut sind. Darin zeigt sich jedoch auch eine Beschränkung, die Nelson, Gwiasda und Lyons in ihrer Studie nicht bedacht zu haben scheinen, denn, wenn viele Politiker aus allen politischen Lagern und auf allen politischen Ebenen, diese Taktik anwenden, ergibt sich ein Chaos aus Manipulationsversuch und Gegen-Manipulationsversuch, das den neutralen Beobachter vermutlich eher belustigt als beeinflusst. Nicht neutrale Beobachter beurteilen den Extremismusvorwurf dann vermutlich nach seiner Herkunft: Kommt er aus der politischen Ecke, der sich ein Beobachter zuordnet, dann wird er als richtig angesehen, kommt er von der Gegenseite, wird er als falsch angesehen. Damit ist  der Kreis zu den Experimenten von Tversky und Kahneman geschlossen, denn  ein Manipulationsversuch von individuellen Urteilen durch “Framing” basiert letztlich auf einem affektiven Appell an Personen. Der Manipulationsverusch ist dann erfolgreich, wenn bei den entsprechenden Personen die Emotion, die affektive Zuordnung bzw. die Bildung einer eigenen Identität durch Zuordnung an die Stelle einer rationalen Erwägung tritt.

Literatur

  • Nelson, Thomas E., Gwiasda, Gregory & Lyons, Joseph (2011). Vilification and Values. Political Psychology 32(5): 813-835.
  • Tversky, Amos & Kahneman, Daniel (1981). The Framing of Decisions and the Psychology of Choice. Science 211: 453-458.

 

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