Gesellschaft

Gesundheit und Kommerz

Von Prof. Adorján Kovács, 2. Mai 2012

Derzeit macht die Kunde vom geplanten Zusammenschluss zwischen Helios, einer Tochtergesellschaft des Pharmariesen Fresenius, und der Rhön-Klinik AG die Runde im deutschen Blätterwald. Die Gigantomanie, die gedanklich hinter diesem Plan zum Bau des größten deutschen Klinikkonzerns steckt, wird in der übrigen Wirtschaft immer öfter kritisiert, aber für den medizinischen Sektor ist sie noch relativ neu und wird darum umso unbedenklicher forciert.

Es gibt in der Tat Argumente für eine weitgehende Privatisierung der deutschen Kliniken. Immer wieder hört man, am Ende würde der Patient davon profitieren - und das ist ja das einzige Kriterium, das für ein Klinikum zählen sollte. Aber auch in den Diskussionsbeiträgen, die sich sprachlich so zurückhalten, dass sie nicht sofort als Marketinginstrumente erkennbar sind, geht es primär nie um den Patienten, sondern nur um Geld. Ausgangspunkt der Misere ist die finanziell klamme Situation der Bundesländer, die ja traditionell zuständig sind für die Investitionen in die Krankenhäuser. Den Kommunen geht es nicht besser. Ob aber schon diese Behauptung so stimmt, kann man als „normaler“ Bürger kaum beurteilen: Da wird von einer Kommune, die angeblich fast pleite ist, eher in ein Fussballstadion als in eine Klinik investiert. Vielleicht ist alles auch nur eine Frage der Prioritäten.

Es lässt sich aber nicht leugnen, dass etwa 12 Prozent der deutschen Krankenhäuser insgesamt und 21 Prozent der kommunalen Kliniken kurz vor der Insolvenz stehen. Es gibt einen Investitionsstau. Selbst wenn es in Sachen Medizintechnik und IT an einer Klinik stimmt, hapert es an der Ausstattung der Krankenzimmer und überhaupt bei der Bausubstanz. Der Autor hat selber jahrelang in einem Arztzimmer gearbeitet, in dem der Schimmel den Putz hat blättern lassen. Nachts huschten die Kakerlaken durch das Dienstzimmer, in dem man - man ist versucht zu sagen: glücklicherweise selten - schlief. Die Frischoperierten wurden in ihren Betten durch gruselige, stinkende, von Rohren durchzogene Katakomben auf die Intensivstation gebracht. Gut, dass sie meist noch bewußtlos oder so benommen waren, dass sie vom heftigen Rumpeln ihres Bettes auf dem holprigen Boden nicht erwachten und das sahen.

Nun ist die Tatsache, dass etwa 10 Prozent der deutschen Krankenhäuser werden schliessen müssen, kein Argument für eine Privatisierung, wie das immer wieder behauptet wird. Schon vor 20 Jahren war klar, dass es in Deutschland zu viel Klinikbetten gibt, und die sauberste Lösung wäre gewesen, wie auch Vertreter der Krankenkassen vorrechneten, überschüssige Kliniken zu schliessen. Damit wären die Nachteile auf jeden Patienten gleich verteilt worden - so wäre bei einer insgesamt geringeren Anzahl an Kliniken eben für jeden Patienten mit frischem Herzinfarkt der Weg in die nächste Klinik zumindest statistisch um eine identische Strecke weiter geworden. Auf eine solche Massnahme konnte sich aber die Politik nicht verstehen - aus verständlichen Gründen: Sie ist unpopulär. Also wurde der Weg der Ökonomisierung gewählt. Die Kliniken sollten sich in einem Konkurrenzkampf gegenseitig aus dem Rennen werfen. Der gute alte „Wettbewerb“ sollte es also machen. Ob das so klappen wird, ist keineswegs sicher: Die privatisierten Kliniken werden sich teilweise durch Spezialisierung, also eine Art von Gesundschrumpfung, bei höherem Durchsatz halten und/oder dadurch, dass neue Bereiche erschlossen werden, mit „Krankheiten“, die bis dato nicht als behandlungsbedürftig angesehen wurden: Stichwort Medikalisierung der Gesellschaft, Stichwort Schönheitschirurgie. Das Gesundheitswesen könnte also in seiner Gesamtheit trotzdem immer teurer werden. Ohne mehr private Beteiligungen an den Behandlungskosten wird es ohnehin nicht mehr gehen. Aber es wäre wünschenswert, wenn diese privaten Anteile nicht deshalb ansteigen, weil lukrative „Wellnesstherapien“ noch von der Krankenversicherung getragen werden und darum leicht verdientes Geld für Kliniken sind.

Kliniken sollen also nach den neuen politischen Vorhaben nicht mehr eine öffentliche gemeinnützige Aufgabe sein, gewissermaßen karitativ, sondern kommerziell. Das ist an sich nichts Schlechtes. Aber naiv ist, wer glaubt, dass diese grundsätzliche Weichenstellung nicht auch alles Andere an den Kliniken beeinflussen wird. Winand von Petersdorff hat am 29. April in der FAS zu diesem Thema geschrieben und gibt sich naiv, indem er folgende Vorstellung in seinem Artikel lächerlich macht: „In der Vorstellung der Kritiker [der Privatisierung; AK] streicht das Management von gewinngetriebenen Kliniken so viele Stellen wie gerade noch verantwortbar und triezt das übriggebliebene Personal, viele Patienten in kurzer Zeit zu behandeln.“ Der Autor des vorliegenden Beitrags hat den Wandel selbst erlebt und kann bestätigen, dass selbstverständlich genau das eintritt. Wenn eine Klinik ein Controlling und ein Qualitätsmanagement einführt, in dem Kennziffern die Abläufe bestimmen, wenn vom Patienten nur noch als einem „Kunden“ gesprochen wird, dann ist klar, dass nicht nur im Großen, sondern auch in der Klinik selbst die Prioritäten neu bestimmt wurden. Natürlich können dabei Investitionen frei werden. Aber sie dienen eben nicht mehr den Patienten, die es zuerst sprachlich und dann irgendwann auch inhaltlich nicht mehr gibt, sondern es geht nur um den Gewinn. Denn die Aktionäre wollen Geld sehen.

Ob diese privatisierten Kliniken die besten Leute bekommen, ist fraglich. Natürlich sind ehrgeizige Ärztinnen und Ärzte für eine Chefstelle bereit, auch gewisse Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn wenigstens das Gehalt stimmt. Aber wer schlecht verhandelt, wird bei niedrigem Grundgehalt auf Extras verwiesen. Doch diese Anreize (- der Ausdruck „Boni“ passt dimensionshalber nicht -), mit denen Chefs zu einer bestimmten Patientenpolitik gebracht werden sollen, sind für einen Menschen, der sich Arzt oder Ärztin nennt, auch in unserer Zeit noch grundsätzlich problematisch. Es gibt eben Fallpauschalen, die mehr bringen als andere, und da soll es hingehen. Mir unvergesslich ein Gespräch mit einem Chefarzt an einem Röhnklinikum, das auf Herzoperationen spezialisiert war: Er komme sich vor wie ein Hamster im Laufrad, seine Arbeit habe Fließbandcharakter, die wöchentlichen Treffen mit den Ökonomen seien schlimm, er würde unter Druck gesetzt, noch schneller und mehr zu arbeiten. Ob seine Entscheidung richtig gewesen sei? Er wolle lieber nicht darüber nachdenken. - Wer in diesen Kliniken das Sagen hat, geht aus diesem Statement klar hervor. Chefarzt zu sein ist keine wirklich erstrebenswerte Position mehr. Viele tun sich das nur darum an, weil ihr oberärztlicher Leidensweg einfach schon zu lang war, um abzubrechen. Anderen genügt es, wenigstens Macht über einige Angestellte zu haben. Wieder andere reden sich ein, immerhin etwas „bewegen“ zu können. Dabei sind sie nur Gehaltsempfänger wie viele. Ihre Position zeigt sich auf dem Klinikschild am Eingang: Oben stehen die Namen der wirtschaftlichen Leiter, unten, da wo die Hunde hinpinkeln, stehen die Namen der Chefärzte. Und das ist seltsam, denn die Patienten kommen immer noch nicht wegen der Ökonomen in die Klinik, sondern wegen der Behandlung durch Ärzte. Es ist eine verkehrte Welt.

Dass Privatisierungen kein Allheilmittel sind, hätte man hierzulande eigentlich schon an den Beispielen der Post und der Bahn sehen können. Auch im Gesundheitswesen sollte man hellsichtiger sein. Schliesslich war die Universitätsklinik Gießen-Marburg auch bisher schon privatisiert: Sie gehörte zu Rhön. Von überragender Qualität war nicht besonders viel zu hören. Sogar die hessische Landesregierung konnte nicht übersehen, dass Rhön zu viel gespart und zu viele Stellen gestrichen hat. Eine Uniklinik hat, jedenfalls bisher noch, den Auftrag, besonders schwer Erkrankte zu behandeln, für die noch keine Standardtherapie gefunden wurde, deren Behandlung lange dauert - mit einem Wort: an denen kein Geld zu verdienen ist.

Entscheidungen wie die Ökonomisierung des Gesundheitswesens sind kein Schicksal, sie sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind Menschenwerk. Wer nicht rechtzeitig die soziologische Grundfrage stellt (Wem nützt es?), darf sich nicht wundern, wenn langsam, aber sicher ein Ungeist in die deutschen Krankenhäuser einzieht. Wer selbst krank wird und von A untersucht, von B aufgeklärt, von C operiert, von D nachgesorgt worden ist, weil eine persönliche Betreuung angeblich ineffizient ist, kann froh sein, wenn C noch weiß, was A gefunden hat und mit B besprochen wurde. Es wäre gut, wenn mehr Menschen wenigstens ein wenig von Krankenhausbetriebswirtschaft wissen würden. Dann wüssten sie, wie die Ökonomen Lebenszeit, Behandlungskosten und Effektivität gegeneinander aufrechnen. Alles eine Frage der Statistik. Es muss sich eben lohnen. Für wen denn?

 

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