Gesellschaft

Journalismus des Grauens – eine teuflisch praktische Anleitung

19. März 2016, von Matthias Heitmann

Ich habe anhand eines kurzen Artikels analysiert, wie offensichtlich und durchschaubar in deutschen Leitmedien Meinungsmache betrieben wird.

Teufel mnbh7685 Wieder einmal bewirbt sich der „Spiegel“ um den inoffiziellen und noch nicht sehr bekannten Award „Öko-ZAR“. ZAR steht hier für „Zentralorgan der apokalyptischen Reiter“. Ins Rennen um den Award schickt das Hamburger Nachrichtenmagazin den auf seiner Website erschienen Beitrag „Rohstoffe: WWF warnt vor weltweitem Wassermangel“.

In der Tat ist dieser Beitrag ein Paradebeispiel dafür, dass man mithilfe ganz einfacher Mittel eine zeitgeistkonforme apokalyptische Nachricht erstellen kann, ohne sich dabei dem Vorwurf der offenen Lüge auszusetzen. Nachfolgend werden sechs in diesem Spiegel-Artikel verwendete handwerkliche Kniffe anschaulich vorgestellt.

1. Die gezielte Begriffsentleerung durch alternierende Verwendung

Einfach den Begriff „Wassermangel“ abwechselnd mit „Trinkwassermangel“ verwenden, damit der Unterschied verwässert wird. Dies ist wichtig, denn eigentlich ist „Wasser“ kein „Rohstoff“, der verbraucht werden kann. Man kann ihn bestenfalls bewegen oder mit anderen Stoffen mischen, verloren geht „Wasser“ dadurch jedoch nicht. Was verbraucht werden kann, ist Wasser in einem trinkbaren Zustand. Der Mangel von Wasser in diesem Zustand ist in der Tat ein Zivilisationsmangel, der aber behebbar ist (Wasseraufbereitung ist kein Hightech mehr). Doch dieser Umstand eignet sich nicht, um zu einem planetaren Umweltproblem verallgemeinert zu werden. Mehr in den heutigen Zeitgeist passt es, den Eindruck zu vermitteln, der Planet tropfe ins All und sei nicht zu retten.

2. Die tendenziöse Verwendung objektiver Zahlen

Natürlich kann man feststellen, dass weltweit 780 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Das ist ein erschütternder Beleg für regionale Unterentwicklung. Dennoch ist er in Perspektive zu setzen, denn Fakt ist auch: Anfang 2015 lebten 7,285 Milliarden Menschen auf der Erde. Es haben also fast 90 Prozent der Menschen Zugang zu sauberem Wasser. Für eine Welt mit zivilisierten Ansprüchen sind das 10 Prozent zu wenig; gleichzeitig kann aber davon ausgegangen werden, dass sich die Trinkwasserversorgung in den letzten Jahrzehnten eher verbessert als verschlechtert hat – trotz Bevölkerungswachstum und trotz Klimaveränderungen.

3. Die zeitgleiche Erwähnung nicht zusammenhängender Krisenszenarien

So will das eine Umweltschutzorganisation wie der WWF natürlich nicht stehenlassen. Lieber verbeißt er sich in Szenarien, die Situation könne sich bis 2050 verschlechtern, was zu „sozialen Katastrophen“ führen könne. Und aber auch zu ökologischen, denn: „Bereits in den vergangenen 100 Jahren seien weltweit mehr als die Hälfte der Flusssysteme, Moore und Seen verschwunden.“ Erneut springt man also auf eine andere Ebene, wir sind wieder beim Wasser – Moore gehören nicht zu bevorzugten Bezugsquellen von Trinkwasser.

4. Rückkehr aus der untergehenden Welt in die eigene Schuld

Damit nicht nur global und abstrakt der Untergang betrauert werden muss, ist es unabdingbar, am Ende einer solchen Verlautbarung die Kurve nach Hause zu kriegen. Als beste Form der Betroffenheit hat sich die persönliche Schuld erwiesen, zumal sie so vielfältig konstruierbar ist: Schließlich betreiben wir ja weltweit Handel und beschaffen somit Produkte, die in der Herstellung enorm viel Wasser benötigen. Aber auch durch unser eigenes persönliches Verhalten (Duschen, Waschen, Zähne putzen) tragen wir zur weltweiten Austrocknung bei.

5. Festigung der Message durch Verwendung flankierender Schlüsselbegriffe

Eine Nachricht ist ja nie nur eine Nachricht, sondern sie entfaltet ihre Wirkung erst in einem Gesamtzusammenhang. Diesen kann man auf verschiedene Arten beeinflussen und herstellen: zum einen durch die gezielte Entscheidung, eine WWF-Verlautbarung im hochgeschlossen-seriösen Wirtschaftsteil zu veröffentlichen, zum anderen durch die Bereitstellung zusätzlicher Informationen in Form von Verlinkungen, am besten durch das Setzen, Veröffentlichen und somit farbige Hervorheben von Schlüsselbegriffen. In dem hier behandelten Artikel ist dies außerordentlich gut gelungen, verlinkt wurden die Begriffe: „Menschenrecht“, „Trinkwasser“, „Katastrophen“, „Klimawandel“ und „Wirtschaft“.

6. Abschließende Veroffiziellung des Beitrags

Um dem Vorwurf der Meinungsmache gleich einen Riegel vorzuschieben, ist es ratsam, die Autorenschaft hinter Kürzeln zu verbergen. Dies ist insbesondere dann möglich, wenn als Urheber der im Artikel genutzten Informationen eine so hochangesehene und über alle Kritik erhabene Nichtregierungsorganisation von Weltruf angegeben werden kann wie die Umweltstiftung WWF. Noch sinnvoller ist es, am Ende des Artikels darauf hinzuweisen, dass der Beitrag mit Material der Deutschen Presseagentur (dpa) erstellt wurde. Wer dies beachtet, ist bestens geschützt, sozusagen „wasserdicht“.

In allen sechs Qualitätskategorien kann der analysierte Beitrag Bestnoten vorweisen. Der Spiegel gehört damit für mich zu den Favoriten bei der diesjährigen Verleihung des „Öko-ZAR“.

Der Artikel erschien zuerst auf Zeitgeisterjagd.

 

Kommentar schreiben

Sicherheitscode
Aktualisieren

Weitere Beiträge
Geschlechterdebatte

Sexismus: Die Lobby der jammernden Talkshowfeministinnen

14. Juni 2013, von Sabine Beppler-Spahl
In Zeiten des politisch-korrekten Puritanismus kommen Männer schon in Teufels Küche, wenn sie über Frauenkörper nur sprechen. Der unklare Begriff der sexuellen Belästigung und Harmonie um jeden Preis führen zu einer Kultur des Jammerns, meint Sabine Beppler-Spahl.
„Einmal war ich mit einer fanatischen Frauenrechtlerin im Fernsehen. Sie sagte, wie...

Geschlechterdebatte

Neues Antimännerlied von Udo Jürgens in „Wetten, dass...?“

11. März 2014, von Dr. Bruno Köhler
Er wolle Kritik am eigenen Geschlecht üben, rechtfertigt Udo Jürgens sein neuestes Männer-sind-Schuld-Lied, das er in der „Wetten, dass…?“-Sendung aus Düsseldorf vom 22. Februar darbot.
Bundesarchiv, Bild 183-1987-0302-032 / CC-BY-SA 3.0
Da aber Udo Jürgens ein alter Hase im Showbiz ist, weiß er vor allem, wie man Profit macht. Mit „Der Mann ist das Problem – er...

Geschlechterdebatte

Für eine ausgewogene Berichterstattung zur Gleichstellungspolitik

Offener Brief an den Deutschen Presserat 09. Januar 2014
Wir, die Unterzeichner des Offenen Briefes, wenden uns an Sie, weil wir über die Berichterstattung der deutschen Leitmedien zur Gleichstellungspolitik besorgt sind.
Seit Jahren werden wir fast täglich mit Artikeln konfrontiert, die sehr einseitig über die Gleichstellunspolitik, insbesondere über die Frauenquote, berichten. Wir beobachten mit...

Geschlechterdebatte

Wie uns die „Zeit“ wieder mal davonlief

13. September 2014, von Lucas Schoppe
Ich schaue ja immer gerne nach, wo Artikel des man tau-Blogs verlinkt worden sind. Als ich heute Abend nach Hause kam, fand ich in meinen Statistiken beispielsweise Besuche von der Seite der Zeit – dort hatte der Leser gran_torino77 einen Text von mir im Kommentarbereich verlinkt.
Vielen Dank dafür! Am selben Tag wurde mir noch ein weiterer Link aus der...

Politik

Warum ich die Petition gegen die Rundfunkgebühren unterstütze

17. Januar 2013, von Vera Lengsfeld, zuerst erschienen auf der Achse des Guten
Damit hatte von den Verantwortlichen wohl niemand gerechnet: seit Wochen reißt die Diskussion Neuordnung der Rundfunkgebühren nicht ab.
Entgeistert wird von den Gebührenprofiteuren darauf hingewiesen, dass die Neuordnung doch schon monatelang angekündigt war und jetzt nur umgesetzt wird, was von den...

Geschlechterdebatte

Die ARD verstößt gegen ihre Programmgrundsätze

27. Juli 2013, von Arne Hoffmann
Dieser Tage habe ich meine Korrespondenz mit einem Zuarbeiter der ARD in meinem Blog Genderama veröffentlicht. In dieser Korrespondenz kritisiere ich die manipulativen Praktiken der öffentlich-rechtlichen Sender.
Dieser Beitrag stieß in diversen Foren und sozialen Netzwerken auf einige Begeisterung, und Cuncti bat darum, ihn übernehmen zu dürfen. Diesem Wunsch...

Gesellschaft

Kampagnenjournalismus - diesmal ist Heiner Flassbeck das Opfer

Er wird zum Euro-Gegner und Anti-Europäer stilisiert 19. Juni 2013, von Albrecht Müller
Der gedruckte „Spiegel“ erschien in dieser Woche mit einem fünfseitigen Artikel „Die Taschenrechner“. Darin wird Heiner Flassbeck zum Gegner des Euro hochstilisiert und zu diesem Zwecke mit Olaf Henkel, Dirk Müller und dem AfD-Vorsitzenden Lucke vermanscht.
Flassbeck hatte schon bei der Anbahnung des...

Gesellschaft

Niedergang der Presse am Beispiel der „Brigitte“

30. Oktober 2014, von Hadmut Danisch
Ich fange das mal anders an. Ich war zweimal im Laufe meines Berufslebens bei Internet-Providern tätig. Trotzdem unterschieden sich die Tätigkeiten extrem.
Beim ersten Provider war ich bei einem der beiden ersten deutschen Provider, bei dem wir damals noch alles selbst machten und wirklich jede Schraube und jedes Bit persönlich und beim Vornamen kannten. Es...

Gesellschaft

Opferverliebte Journalistinnen - Unterwerfung, die sich genießen lässt

02. Juli 2013, von Prof. Gerhard Amendt
Wer reißt sich schon um den Job bei der Müllabfuhr oder den Fernfahrern, wenn er über die Option einer Philosophieprofessur verfügt. Dass das eine leichter als das andere zu haben ist, stellt niemand in Frage.
Da die Akademikerquote von Frauen aber nicht geringer als die von Männern ist, kommt es offenbar darauf an, was sie daraus machen. Und sie machen...

Gesellschaft

Wie wir zur Zensurgesellschaft werden

06. Juni 2013, von Hadmut Danisch
Ich sag’s ja immer: Bei uns ist der größte, schärfste und gefährlichste Zensor nicht der Staat, sondern die Gesellschaft selbst.
Und gerade der Feminismus betreibt das immer schlimmer, etabliert bei uns die Zensur immer stärker.
 

Politik

Mit zweierlei Maß

Zum medialen Umgang mit Pussy Riot und Assange 22. August 2012, von Sebastian Müller, zuerst erschienen bei le Bohémien
Die rebellische Kritik am System Putin in einer russischen Kapelle machte die bis dato völlig unbekannte Punkband Pussy Riot im Westen auf einen Schlag zu Helden. Die Medien nutzen die Gelegenheit, um die russische Junta an den Pranger zu stellen, während in der westlichen...

Geschlechterdebatte

„Neue“ Männer

27. Februar 2016, von Prof. Walter Hollstein
„Neue Männer braucht das Land“ – so sang es Ina Deter vor Jahren. Der Song hat sich gehalten, und die Forderung auch. Nun ist es nicht so, dass sich etwa nichts getan hätte. Der blosse Augenschein in unseren Städten zeigt, was vor dreissig oder vierzig Jahren noch unmöglich gewesen wäre: Männer, die Kommissionen machen, Väter, die Kinderwagen...