Gesellschaft

Kinder: Opfer der Emanzipation?

27. Oktober 2015, von Eckhard Kuhla

Kinder sind die Sehnsucht des Lebens nach sich selber……." (K. Gibran)

…wunderbare Worte einer längst vergangenen Selbstverständlichkeit. Erst seit einigen Jahrzehnten wird über das Kinderkriegen diskutiert, obwohl es zur Natur des Menschen gehört, so wie Essen und Trinken.

So antwortete ich auch meinem Sohn, als er mich vor seiner Eheschließung fragte, warum seine Mutter und ich denn Kinder haben wollten. Ich setzte noch hinzu, Kinder sind ein Geschenk, für uns Christen ein Geschenk Gottes. Diese Erkenntnis gerät für manche Paare zunehmend in den Hintergrund. Das Thema „Kinder", verbunden mit dem „Nutzen" von Kindern, ist in der Politik und in den Medien angekommen.

Eltern ändern ihre Prioritäten

Was ist passiert? Das Ursprüngliche des Kinderkriegens wird in den letzten Jahren überlagert durch gesellschaftliche Trends, Zwänge und Entwicklungen. Es sind dies beispielsweise die derzeitigen gesellschaftspolitischen Diskurse über die Rollen des „Vater-Seins" und des „Mutter-Seins". Die zunehmende Selbstbestimmtheit und die daraus folgende Diskussion über die Work-Life Debatte (Stichwort: Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie) schwächt den Fokus der Eltern auf ihre Kinder.

Unbewusst bekommen Kinder die Gespräche ihrer Eltern über das alltägliche Zeitmanagement in der Familie mit. Wehrlos, wie sie sind, werden sie zu würdelosen Objekten. Und ihre Sehnsucht nach Sicherheit nimmt zu, sind doch Eltern für sie so eine Art „Biotop" für ihr Sich-fallen-lassen. Dieses kleine Universum „Familie" gibt den Kindern die seelische Sicherheit, sich in der Welt zu bewegen. Dies gilt vor allem für die ersten 2 bis 3 Jahre der Kindheit, in denen die Grundlagen, so die Ergebnisse der Bindungsforschung, für Vertrauen und Empathie gelegt werden.

Besonders geben Eltern Gefühlswerte weiter - vor dem Hintergrund ihrer eigens gewonnener Identitäten. Dies geschieht größtenteils durch Vorleben. Dazu schreibt der Rabbiner Wayne Dosick:

„ Kinder beobachten uns und sammeln dabei Verhaltensmuster, Prinzipien und Maßstäbe. Selbst wenn es ihnen nicht bewusst ist, vermitteln Eltern also Werte und Maßstäbe durch ihr Verhalten und ihr Vorbild, ihre Haltung und durch die Antworten, die sie auf Kinderfragen geben. Kinder eignen sich Verhaltensweisen und Fähigkeiten ihrer Mitmenschen an, indem sie übernehmen, was ihnen vorgelebt wird."

Der meist genannte Wunsch von Kindern an die Eltern ist „Zeit"! Viele Eltern können diesen Wunsch in ihrem Zerrissensein zwischen Beruf und Familie häufig nicht erfüllen.

Kinder: Objekt der Lebensentwürfe Erwachsener

schlagseite nhuihiIm alten Koalitionsvertrag der Bundesregierung stand sinngemäß zu lesen: Kinder dürfen „ keinen Nachteil für die Gleichstellung der Frau bedeuten". Da trifft Ideologie auf den Wunsch der Frau nach Kindern. Gleichstellung zwischen Mann und Frau in der Familie ist eigentlich nur durch Arbeitsteilung möglich, realiter durch Arbeitsübernahme einzelner Tätigkeiten der Mutter durch den Vater. Das tun die Väter denn auch - nicht immer aus eigenem Antrieb.

Und die Kinder? Kinder, pardon, als „Kollateralschaden" einer emanzipatorischen Gesellschaft? Die Folgen neuer Arbeitsteilungen entwickeln sich allmählich zu einem Tabuthema und zu einer seltsamen Schönfärberei: „ Kinder sind glücklich, wenn Mami eine Arbeitsstelle hat", so hieß es kürzlich in einer überregionalen Tageszeitung. Auf der anderen Seite haben heute junge Väter mehr die Chance, für sich selber UND ihre Kindern, Familie zu gestalten und zu erleben.

Wenig beachtet wurde bisher die schwindende Werteprägung von Kindern durch ihre Großeltern. Gerade sie könnten die Zwänge des elterlichen Zeitbudgets mit mehr Zeit für ihre Enkel ausgleichen. Über die Hälfte junger Erwachsener bestätigen in einer Umfrage den prägenden Einfluss der Großeltern auf ihr Wertebild. Die heutige notwendige Mobilität berufstätiger Eltern mit größer werdenden Entfernungen zwischen den jeweiligen Wohnorten erschwert indes das Zusammensein mit den Großeltern. Hinzu kommt noch der biologische Faktor, d.h. die älter werdenden Mütter haben auch älter werdende Großeltern zur Folge.

Kinder als Probanden für pädagogische Ideologien

Neue Geschlechtertheorien beeinflussen derzeitig die Pädagogik. Die Rede ist von der „emanzipatorischen Sexualkunde", die - beginnend mit der Grundschule - die klassische Rolle der „Mutter" als diskriminierend und Männlichkeit als ein Phänomen von vorgestern ansieht. Ein jüngerer Schulpsychologe erzählte mir neulich:

„….. die starren Bilder Mann - Frau sind out. Sie benachteiligen die Kinder, die diese starren Rollenbilder nicht erreichen können. Wir müssen in der Schule eine ganze Bandbreite von Rollenbildern bis hin zu homosexuellen anbieten. So können sich Kinder selber entscheiden, welches Rollenbild sie annehmen ".

Wie bitte? Wie sollen denn Grundschulkinder ihre geschlechtliche Identität - abweichend von ihrem „normalen" Umfeld von Vätern und Müttern - bestimmen können? Diese, in vielen Bundesländern bereits praktizierte emanzipatorische Sexualpädagogik, betrachtet bereits Kleinkinder als Individuen, die über ihre eigene sexuelle Identität selber „entscheiden" können, nach dem Motto „Junge, Du kannst auch schwul werden!"

Begleitet wird diese Sexualpädagogik durch den Unterrichtsstoff „Gendergerechte Sprache". So wird bereits heute in Schulbüchern die konsequente Mitnennung des weiblichen Geschlechts („Schüler und Schülerinnen", oder „SchülerInnen", oder im Satz: „Eine/r ist Zuhörer/in, der/die andere Vorleser/in ) den Schülern „eingeimpft". Bisher hat sich nur der österreichische Elternverband gegen diese Sprachverhunzung gewehrt. Dieser Verband betont die zusätzlichen Probleme dieser Kunstsprache beim Erlernen und Verstehen von Sprache, besonders auch bei Kindern von Migranten. Auch dieses Beispiel läßt den Blickwinkel auf das Kind vermissen.

Kinder ein Störfaktor?

Häufig hat man manchmal den Eindruck, dass Kinder, sei es von ihren Eltern, von Nachbarn oder von Hotelgästen als „Störfaktoren" erlebt werden. Damit geraten Kinder in die gleiche Wertekategorie, pardon, wie Hunde. Was ist das für eine Gesellschaft, die das beispielsweise in Zeitungsartikeln das Schicksal herrenloser Hunde mehr im Fokus hat als das Schicksal von Scheidungskindern oder Kleinstkindern in Krippen? Natürlich gibt es Fälle, die eine Krippenbetreuung erfordern, aber die propagandistische Forderung für alle Kinder „Bildung statt Bindung" unterstützt den größer werdenden Trend zum Outsourcen ehemals familiärer Aufgaben. Hinterher geschoben werden dann noch vom Familienministerium nicht nachprüfbare Analysen, die das Menetekel „Wachsende Zahl von Kindern in bedrohter Armut" als Argument für die Krippenbetreuung nutzen.

Stiefkinder der Scheidungsgesellschaft

Lernen sich heute ältere Kinder kennen, ist häufig einer der ersten Frage: „Sind Deine Eltern noch zusammen?" Die Zahl der neuen Scheidungskinder liegt derzeit bei fast 150 000 jährlich, das sind über 500 Kinder jeden gerichtlichen Arbeitstag. Dazu kommt noch eine ähnlich hohe Zahl von Trennungskindern aus Lebenspartnerschaften. Unvorstellbar! Dieses Phänomen scheint in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabu zu sein. Die Scheidungskinder leben größtenteils bei ihren Müttern, meist mit erschwertem oder verhindertem Zugang zu ihrem Vater. Allererste Analysen zeigen eine markant erhöhte Anfälligkeit dieser Kinder für seelische Erkrankungen und wie sieht es aus mit den psycho-sozialen Spätfolgen dieser vaterlosen Kinder? So wird das „Kindeswohl" in Scheidungsprozessen zu einer Farce, weil es für die betroffenen Kinder immer eine Trennung von einem Elternteil bedeutet. Nachweisbar ist die Trennung der Eltern ein Ereignis im Leben der betroffenen Eltern, was sie noch bis ins Erwachsenwerden verfolgt.

Gehen getrennte Eltern eine neue Partnerschaft ein, werden Kinder in diese gleichsam hineingeworfen. Mit solchen Flickwerk- (Patchwork-) Familien müssen Kinder doppelt Leid ertragen: Erst durch die Trennung ihrer eigentlichen Eltern und dann werden sie - nolens volens - von jetzt auf gleich zu „Stiefkindern".

Kinder als Botschafter

  Die UNICEF hat vor einiger Zeit sogenannte „UNICEF Junior-Botschafter für Kinderrechte" ernannt. Sie sollen für Kinderrechte im Grundgesetz eintreten. Offiziell vertreten werden diese Kinder in politischen Gremien von den Kinderschutzbünden - nicht von den Eltern. In einem Land ohne Verfassung mag das Sinn machen. Aber in der Verfassung der meisten westlichen Nationen sind die Menschenrechte niedergelegt, das inkludiert auch die Rechte der Kinder, vertreten durch ihre Eltern. Wozu also dieser Popanz? Er soll schlicht die Entrechtung der Eltern vorantreiben und die „Lufthoheit" des Staates auf die Familie sichern.

Inzwischen gibt es auch noch Kinder als Botschafter für den Klimaschutz oder für das Energiesparen. Das Infame bei diesem Botschafterunwesen ist: Kinder werden für die Interessen der Erwachsenen instrumentalisiert, nach dem Motto der „Kindermund spricht die Wahrheit". Die Millionen anderer Kinder haben davon überhaupt nichts. Kinder als Kontrollinstanz für die Erwachsenen ? Welch absurdes Verständnis von Kindern in der Erwachsenenwelt und im Miteinander der Generationen!

Aber: Kinder bringen uns zur Umkehr….

Die Entwicklung zu einer nicht gerade kinderfreundlichen Gesellschaft ist bei genauerem Hinschauen unfassbar. Dennoch: Ich bin hoffnungsfroh. Kinder zeigen uns immer wieder unsere verloren gegangene Ursprünglichkeit. Das fröhliche Strampeln der Babybeine beim Windelwechseln, das übermütige Lachen meines Sohnes, was regelmäßig zu einem Schluckauf führte, das volle Zutrauen meiner Tochter beim Fallenlassen in die Arme des Vaters, das begeisterte Aufspüren einer kleinen Gänseblume zwischen Pflastersteinen, die immer wiederkehrenden „Warum" Fragen, das Entdecken der Welt mit Kinderaugen, das fröhliche Gewusel auf einem Kindergeburtstag. Das Alles schenkt uns Erwachsenen eine andere, eine kindliche Wahrnehmung der Welt. Es bereichert und lehrt uns Zeit zu finden und zu geben.

Kinderherzen zeigen uns den Weg zu uns selber. „Ohne meine Tochter wäre mein Leben sinnlos", so der Gegenwartsphilosoph Peter Sloterdijk.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei AGENS