Gesellschaft

Offener Brief an Cordt Schnibben, DER SPIEGEL

02. März 2015, von Arne Hoffmann

Einige meiner Leser haben die Bitte des SPIEGEL-Redakteurs Cordt Schnibben, ihnen über ihre Erfahrungen mit dem Niedergang des deutschen Journalismus zu schreiben, nicht nur erfüllt, sondern auch mich ins CC gesetzt. Einen dieser Briefe veröffentliche ich nach Rücksprache mit dem Verfasser gerne hier als Offenen Brief an den SPIEGEL.

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Dass immer mehr Journalisten zu Ideologen werden und ihnen dabei selbst elementare ethische Grundsätze verloren gehen, stellt leider ein wachsendes Problem dar und erfordert ein immer stärkeres Engagement der Bürger.

Sehr geehrter Herr Schnibben,

vielen Dank für Ihren Artikel im aktuellen Spiegel sowie die Einladung, Ihnen Feedback zukommen zu lassen. Ich stimme Ihrer Wahrnehmung grundsätzlich zu: Das Verhältnis von Medien und ihren Rezipienten hat sich in den letzten Jahren sehr stark verändert. Wie ich selbst diesen Wandel erlebte, möchte ich Ihnen gerne kurz erzählen.

Vor und während meines Informatikstudiums sparte ich mir mein Spiegel-Abo vom Munde ab. Ein gutes Stück meiner politischen Sozialisation hat ihre Grundlage in Ihrem Blatt. Ich würde mich heute selbst als progressiv-liberalen Humanisten identifizieren, mit einem Hang zum Misstrauen gegenüber Mächtigen. Dafür möchte ich auch Ihnen danken.

Im Rahmen meines Promotionsvorhabens mit einem evolutions- und wahrnehmungspsychologischen Schwerpunkt verfestigte sich bei mir die Wahrnehmung, dass der Spiegel

- Informationen selektiv präsentiert,

- stets einen moralischen Interpretationsrahmen (ungefragt und meistens subtil) mitliefert, und

- sich vor den Karren politischer Kampagnen spannen lässt.

Endgültig nicht mehr ertragen konnte ich diese Dinge mit Ausgabe 5/11, das war die zur Frauenquote.

Dort steht:

"Die Gegner sagen: Männer werden durch die Quote diskriminiert.

Stimmt. Aber nur für wenige Jahre, bis ein Drittel Frauen im Berufsleben Normalität geworden sind. Angesichts der Verteilung der Macht im Verlauf der Weltgeschichte kann von Ungerechtigkeit kaum die Rede sein. Es trifft eine halbe Generation. Das werden die Männer aushalten müssen, möglicherweise können sie sich von ihren Frauen ein paar Tipps abholen. Und es wären erst einmal noch 70 Prozent aller Stellen von Männern besetzt sein."

Ich habe diesen Absatz damals ungläubig wieder und wieder gelesen. Hunderte Male. Etwas zerbrach an diesem Tag: die Gewissheit, dass der Spiegel die tatsächliche Diskriminierung einer halben Generation Männer ernst nehmen und bekämpfen würde. Am Ende habe ich mein Abo gekündigt.

Mir ist klar, dass der Text als Streitschrift deklariert war und provozieren sollte. Dass er aber dabei Menschenrechtsverletzungen auf der Grundlage feministischer Ideologie propagiert, überschritt meine persönliche Grenze.

Seitdem habe ich mich intensiv mit dem Feminismus deutscher Prägung beschäftigt und glaube, mittlerweile jede diesbezügliche Propagandahalbwahrheit zu kennen. Es widert mich an, dass sich Ihr Blatt noch immer – zudem im wohlmeinenden, väterlichen Duktus – an deren Verbreitung beteiligt.

Der Beitrag erschien zuerst auf Genderama.

 

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