Gesellschaft

Im Billerland – Anmerkungen zu Maxim Billers Tirade in der „Zeit“

22. Februar 2014, von Prof. Adorján Kovács

Der Schriftsteller Maxim Biller, der zumindest mit seinem Roman Esra zweifelhaften Angedenkens etwas Leben in die deutsche Literaturszene gepustet hat, wütet dieser Tage in der „Zeit“ gegen die „unglaublich langweilige deutsche Gegenwartsliteratur“.

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Sie sei wie „der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.“ Welche Pathogenese liegt dem nach Meinung Dr. Billers zugrunde? Zählen wir auf, bevor wir zusammenfassen:

Die „jüdischen Ruhestörer“ (und als letzter Protagonist der mit dieser Bezeichnung zitierte Marcel Reich-Ranicki) seien weg aus der Literaturszene, damit auch ein öffentlicher Diskurs, der den Namen verdiente. Deutschland versinke in einer „stummen, repressiven und aggressiven Stille“, in der „jeder Gedanke eine Uniform [ist], jeder Satz [...] wie der andere [klingt]“ und niemand wagt, die „große Koalition der sich gegenseitig belauernden Hausmeister, Sozialarbeiter und Blogger“ anzugreifen.

Gut gebrüllt, Löwe! Dr. Biller hat aber auch ein Heilmittel parat. Es könnten die Autoren und Autorinnen mit Migrationshintergrund sein, die gewissermaßen die vertriebenen und umgebrachten Juden ersetzen würden. Es gebe, wohl richtig, an die 20 Millionen Menschen in Deutschland, die entweder einen ausländischen Pass haben oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind. Warum aber sind von dieser Masse so wenige sichtbar als Intellektuelle und Schriftsteller? Weil, so Dr. Billers Behauptung, warum diese Medizin nicht wirke, weil diese Autoren unter dem Druck der „repressiven Toleranz“, die die „Autochthonen“ ausübten, einknicken würden. Sie passten sich dem „deprimierenden, pseudo-liberalen Angela-Merkel-Konsens“ an, auch in der Sprache ihrer Arbeiten, in der Themenwahl. Konflikte, Widersprüche, die aus dem echten Migrantenleben resultieren, kämen aus Angst davor, aufzufallen, nicht vor, Migration sei bei ihnen nur „Folklore oder szenische Beilage“. Letztlich wirft Maxim Biller ihnen vor, sich von Literaturpreisen und Geld bestechen zu lassen.

Der Text Billers ist ein Pamphlet. Manches ist wirklich lächerlich, so zum Beispiel die Klage, dass Romane und Erzählungen von Autoren nicht deutscher Herkunft „manchmal kurz nach oben gespült, wahrgenommen [werden] und [danach für immer] verschwinden.“ Als ob das biodeutschen Autoren nicht auch geschähe! Auch ist es weltfremd, von Autoren nicht deutscher Herkunft zu erwarten, sittlich gefestigter zu sein als ihre indigenen Kollegen – sie wollen natürlich den Erfolg und der korrumpiert fast immer, besonders in der Kunst, wenn man auf ihn schielt.

Aber Biller hat natürlich auch recht. Im Gegensatz zu, sagen wir, Frankreich, wo eine Marie N’Daye selbstverständlich französische Schriftstellerin ist ohne Wenn und Aber, sind hierzulande Autoren und Autorinnen deutscher Sprache, die aber ausländische Namen haben, entweder geduldet oder gehätschelt, jedenfalls nicht ernst genommen. Man kann das an dem in der FAZ publizierten Artikel des urdeutschen Schriftstellers Dietmar Dath erkennen, der eine Antwort auf Billers Wutausbruch sein soll.

Er hält sich für subtil ironisch, aber im Grunde antwortet Dath mit der gleichen indigenen Arroganz, die Biller anklagt. Natürlich trägt Biller dick auf, wenn er die Deutschen, nicht ganz falsch, als „echte oder habituelle Christen, Kinder der Suhrkamp-Kultur und Enkel von halbwegs umerzogenen Nazisoldaten“ bezeichnet. Aber Dath wirkt wirklich beleidigt und fängt tatsächlich an, ein wenig von oben herab zu sagen: Reg’ dich doch mal ab. Er beginnt dann umständlich, zu erzählen, dass auch er Nichtdeutsche in seiner Schulklasse hatte, sogar auf der Uni, aber dass sie ihm eigentlich egal waren. Genauso egal wie im Übrigen die deutsche Gegenwartsliteratur, die er gar nicht kenne. Ein guter Trick, vielleicht sogar wirklich und nicht nur gespielt ignorant, mit dem er Biller aalglatt ins Leere laufen läßt.

Ein Beispiel aus der europäischen Literatur mag zeigen, was mit der Haltung des deutschen Literaturestablishments, die Biller anklagt, gemeint ist. Der Ungar Imre Kertész, in seiner Heimat ziemlich unbekannt, wird in der Schweiz und Deutschland entdeckt. Warum? Weil er über Auschwitz schreibt. Er ist dankbar für den Erfolg und dient sich den Deutschen an (in seinem jüngsten Tagebuch nennt er sich denn auch voll Bitterkeit den Holocaust-Clown). Er erhält tatsächlich den Nobelpreis. Nun spürt er die Diskrepanz zu seinem begrenzten Erfolg in Ungarn noch mehr und zieht nach Berlin. Die Deutschen sind glücklich – ein Jude, der die Shoa überlebt hat und doch die Deutschen mag! Und jetzt kommt das Entscheidende, denn wir reden von Literatur: Als Schriftsteller ist den Deutschen Imre Kertész so egal wie sie sich überhaupt nicht für die ungarische Literatur interessieren. So ist es auch mit den Autoren nicht deutscher Herkunft – sie sind ein Alibi für eine deutsche Offenheit, die es in Wirklichkeit nicht gibt, und die „Entgegnung“ Daths atmet diesen Geist. Er verweist am Schluß seines Artikels denn auch weit weg auf die Politik, welche die „Zustände“, die Biller kritisiert, ändern soll, nur um nicht über Literatur reden zu müssen, der er offenbar nichts zutraut.

Dath redet herum. Dabei gibt es knallharte Einwände. Billers Tirade wirkt jammrig, wie das immer so ist, wenn man Schuld nicht bei sich, sondern bei den Anderen sucht. Man kann seine Vorschläge auch so sehen, dass er die Migranten thematisch und sprachlich auf ihre Migrantenrolle festlegen will. Vielleicht wollen die Migranten das nicht. Ausserdem: Die deutsche Literatur gehört den Deutschen; warum auch sollten sich Deutsche, wie Biller vorschlägt, für bosnische Massaker, die ein bosnischer Migrant, oder türkische Familienprobleme, die eine Deutsche türkischer Herkunft beschreibt, interessieren? Das ist der Unterschied zu den von ihm vorbildhaft beschworenen USA, wo Einwanderer zwar Migrantenprobleme beschreiben, aber zweifellos als US-Amerikaner und als amerikanische Probleme. Kein Wunder, denn da sind alle Migranten und es gibt keine Autochthonen, die verhindern, dass ein Buch auf die Verkaufstische kommt. Die migrantischen deutschen Autoren haben ein Problem, für das weder sie noch die indigenen Deutschen wirklich etwas können: Migranten haben es nirgendwo leicht und nirgendwo werden sie begeistert begrüßt. Sie sind Konkurrenten. Es wird konsequente Arbeit und herausragende Leistung sein, die eines Tages nicht nur im offiziellen Literaturbetrieb, sondern auch in der ehrlichen Wahrnehmung von Kritikern, Verlegern, Lektoren, Buchhändlern und Lesern honoriert werden wird.

Schließlich: Biller hält die deutsche Gegenwartsliteratur für langweilig. Er hat recht. Aber das liegt nicht an den Enkeln von Nazis, also den biodeutschen Autoren, auch nicht am Scheitern der Migranten und Migrantenkinder, die es nicht geschafft haben, sich gegen den herrschenden Duktus durchzusetzen, sondern an der langweiligen bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Was Biller über die Käseglocke der Wohlanständigkeit, Kleinkariertheit und politischen Korrektheit schreibt, die über dieses Land gestülpt ist, stimmt ja. Deutschland ist provinziell und langweilig. Das hat aber auch etwas Gutes, denn die von Biller literarisch so gelobten 20er Jahre des letzten Jahrhunderts waren in Wirklichkeit so schön auch wieder nicht. Hingegen heute: Die lange Friedenszeit, die satte Bürgerlichkeit, all das erinnert an die Situation der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (die Kriege waren sehr begrenzt und tangierten die Mehrheit der Deutschen nicht). Auch damals gab es wilde und aufgeregt-aufregende Literatur. Aber wertvoll und geblieben sind die langweiligen Romane von Keller und Fontane, die ihre Zeit wahrhaftiger abgebildet haben als die „brutalen“ Sachen, nach denen Biller sich sehnt.

 

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