Gesellschaft

Armutsdebatte: Der Fisch stinkt vom Kopf her

12. Januar 2014, von Kai Rogusch

Die Vermögen konzentrieren sich und zugleich frönt das Bürgertum selbstgefälliger Zukunftsferne. Die oberen Etagen der Gesellschaft müssen wieder mehr investieren. Denn ohne Investitionen in die Realwirtschaft sinken die Lebenschancen aller.

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Machen wir uns nichts vor: Obwohl die offiziellen Arbeitslosenzahlen in den letzten Jahren deutlich gesunken sind und die Konjunktur im Vergleich mit so manchem Euro-Krisenstaat vergleichsweise gut läuft, verfestigt sich in Deutschland die Ungleichheit der Lebenschancen.

Die relative Armut wächst. Daran ändern auch faktisch zweifelsohne korrekte, in den Ohren der Betroffenen gleichwohl eher zynisch anmutende Verweise auf die absolute Armut anderer Epochen und Erdteile nichts, wo Menschen um ihr tagtägliches Überleben kämpfen mussten und müssen.

Die Ungleichheit der Einkommen und mehr noch der Vermögen ist trotz unseres teilweise progressiven Steuer- und Abgabensystems seit den 1970er-Jahren deutlich gestiegen. Ohnehin war es um die Aufstiegschancen der Unterschichten in der Bundesrepublik noch nie wirklich gut bestellt, und die Situation hat sich in den letzten Jahrzehnten sichtbar verschlechtert.

Dieser Missstand wird in der Armutsdebatte zu Recht angeprangert. Allerdings wird eine zentrale Ursache so gut wie nie thematisiert: das veränderte Selbstverständnis des Bürgertums. Während es sich einst mit elitärem Stolz als Motor des wirtschaftlichen Fortschritts begriff und Werte wie Unternehmergeist, Eigenverantwortung und Risikofreude hochhielt, scheint es sich aktuell zusehends selbstgefällig und bequem an den ziellosen Zeitgeist angepasst zu haben. Anstatt die Gesellschaft mutig durch unternehmerisches Wirken und gesellschaftliches Engagement tatsächlich voran zu bringen, nehmen die finanziell bestens versorgten oberen Etagen der Gesellschaft die politisch und rechtlich verankerte Kultur der Risikoscheu und niedrigen Erwartungen als gegeben hin – und kapseln sich gleichzeitig mehr und mehr vom Rest der Gesellschaft ab.

„Anstatt die Gesellschaft mutig durch unternehmerisches Wirken und gesellschaftliches Engagement voran zu bringen, nehmen die oberen Etagen der Gesellschaft die Kultur der Risikoscheu und niedrigen Erwartungen als gegeben hin.“

Es geht hier nicht um die zahlreichen Mittelständler, Wissenschaftler, Ingenieure usw., die nach wie vor hart und redlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten am Fortkommen der Gesellschaft arbeiten. Vielmehr ist jene nicht ganz einflusslose Kaste von elitären Managern, Abkömmlingen reicher Familien sowie anderer Hochdotierter gemeint, die sich im gegenwärtigen politischen Klima der Wachstums- und Risikoaversion gemütlich eingerichtet hat. Ihr Interesse besteht darin, die gegenwärtigen Verhältnisse zu konservieren, und sie leben sehr gut von Vermögenswerten und/oder auskömmlichen Jobs in Wirtschaft und Verwaltung. Unter ihnen finden sich nicht wenige Sympathisanten schwarz-grüner Regierungskoalitionen. Und sie werden zusehends zu einem Hemmschuh der wirtschaftlichen Entwicklung: Zwar vereinigen sie beträchtliche finanzielle Ressourcen in ihren Händen, nutzen diese jedoch immer weniger zur Investition in Neues und Innovatives.

Man gefällt sich in besseren Kreisen heute gerne in einer ökologisch angehauchten Wachstumsskepsis und unterbindet dadurch – ob gewollt oder nicht – jene gesellschaftliche Entwicklungsdynamik, auf die weniger privilegierte Bevölkerungskreise zur Entfaltung ihrer Talente und Arbeitskraft dringend angewiesen sind. Nicht wenige „Bürgerliche“ meinen heute, dass „wir alle“ doch eigentlich mehr als genug hätten. Ihre Sichtweise kapriziert sich vor allem auf die eigene komfortable Lebenssituation und speist sich aus einem wachsenden Unwillen, die Welt zu gestalten. Das „Bürgertum“ schwimmt heute im Geld, ohne jedoch so recht zu wissen, wohin damit. So entzieht es sich der Aufgabe, seine beträchtlichen Ressourcen für eine produktive Weiterentwicklung unserer Gesellschaft zu nutzen.

Deutlich wird dies an der hierzulande immer geringeren Investitionsbereitschaft. Während der Anteil der Bruttoinvestitionen (d. h. einschließlich der Ersatzinvestitionen für Verschleiß bestehenden Kapitalstocks) am Bruttoinlandsprodukt (BIP) Anfang der 1970er-Jahre noch zwischen 25 und 30 Prozent lag, beträgt er heute nur noch 17 Prozent. Während sich also ein markanter Teil des Volksvermögens im oberen Segment der Gesellschaft konzentriert, wird immer weniger für neue Unternehmungen und Produktionsarten aufgewendet. So hat heute auch die Zahl der Unternehmensgründungen einen Tiefststand erreicht. Und nicht zuletzt der wenig ausgeprägte Unternehmergeist hierzulande ist ursächlich dafür, dass schon seit Jahrzehnten die Wachstumsraten sinken und die Produktivitätssteigerung erlahmt.

Das hat gravierende Folgen für das Leben der weniger privilegierten Menschen im Land: Ihre Arbeitskraft wird schleichend entwertet und ausgedünnt. Die Reallöhne stagnieren bestenfalls, und die Lohnquote am BIP ist deutlich gesunken. Weil sich der Produktivitätsfortschritt in den letzten Jahren sehr verhalten entwickelt hat, steht sogar das im Vergleich zur Nachkriegszeit sehr bescheidene Wirtschaftswachstum auf immer schwächeren Füßen. So stieg die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigem von 1995 bis 2005 noch durchschnittlich 1,0 Prozent jährlich, während der mittlere jährliche Anstieg von 2005 bis 2012 nur noch 0,5 Prozent betrug. Noch stärker hat sich gar der Anstieg der Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde verlangsamt: Stieg diese von 1995 bis 2005 noch durchschnittlich um bis zu 1,6 Prozent, so waren es von 2005 bis 2012 durchschnittlich 0,9 Prozent. Und im Jahr 2012 verzeichnet man gar eine unterm Strich sinkende Produktivität je Erwerbstätigem von minus 0,4 Prozent.

„Ein wachsender Teil der Erwerbstätigen muss sich heute mit unsicheren und schlechter bezahlten Jobs zufriedengeben.“

Ein bedeutender Teil der Produktivitätsrückgänge beruht auf einer Verschlechterung der Lohnstruktur und dem für weite Teile der erwerbstätigen Bevölkerung geltenden Lohnniveau. Die Lohnzurückhaltung hat zu einer „arbeitsintensiveren“ Produktion geführt, und inzwischen beträgt die Zahl der „atypisch“ oder in Teilzeit Beschäftigten etwa ein Fünftel der Kernerwerbstätigen. Ein wachsender Teil der Erwerbstätigen muss sich heute mit unsicheren und schlechter bezahlten Jobs zufriedengeben. Viele Jobs sind entstanden, die besonders stark durch bescheidene Produktivitätsraten geprägt sind. In Dienstleistungsbereichen der Copy-Shops, Call-Center, Gebäudereinigung oder der Arbeitnehmerüberlassung ist der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor inzwischen markant und die Wertschöpfung niedrig.

Das Bürgertum trägt eine erhebliche Mitschuld daran, dass unsere Erwartungen gegenüber wirtschaftlicher Dynamik und Wachstum heute einen Tiefststand erreicht haben. Einst konnte die selbsternannte „Elite“ ihre privilegierten Lebensverhältnisse mit Verweis auf persönliche Verdienste, Wagemut und Pioniergeist legitimieren. Heute werden Unternehmertum und Privatinitiative als wichtige Triebfeder der Menschheitsentwicklung nicht zuletzt auch deshalb von vielen Menschen kritisch gesehen und verkannt, weil die besitzenden Schichten passiv den Status Quo verwalten und vor allem mit der Verteidigung von Besitzständen beschäftigt sind, anstatt die Gesellschaft zu neuen Ufern zu führen. Dass sich so die sozialen Gräben immer weiter vertiefen, sollte deshalb nicht verwundern.

Der Artikel erschien zuerst auf NovoArgumente.

 

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