Gesellschaft

Hilft uns der Tod?

Mit Epikur gegen Heidegger glücklich werden

27. 07. 2014, von Dr. Alexander Ulfig

Die Auseinandersetzung mit dem Tod gehört zu den zentralen Themen der Philosophie. Entscheidend ist dabei die Frage, wie der Mensch mit dem Tod umzugehen hat. Denn vom Umgang mit dem Tod hängt die Gestaltung des Lebens ab.

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Der deutsche Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) und der griechische Philosoph Epikur (341 v. Chr.-271 v. Chr.) haben hierzu zwei entgegengesetzte Vorschläge gemacht, die im Folgenden miteinander verglichen werden.

Der Tod ist für uns lebenswichtig

Heideggers Todes-Analytik bildet den Kern seines Hauptwerkes „Sein und Zeit“. Das Dasein (der einzelne Mensch) kann sich nur im Verhältnis zum Tod angemessen verstehen und bestimmen. Das wiederum ist die Voraussetzung dafür, dass es die Frage nach dem Sinn von Sein beantworten kann. Nach Heidegger ist demnach die Auseinandersetzung des einzelnen Menschen mit dem (eigenen) Tod von zentraler Bedeutung. Der Einzelne sollte an den eigenen Tod intensiv denken, ihn gedanklich immer wieder vorwegnehmen. Nur dadurch kann er eine eigentliche Existenz führen, dem Leben Sinn und Erfüllung geben.

Heidegger geht davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Mit dem Tod tritt das schlechthinnige Nichts ein. Insofern stellt der Tod die äußerste Grenzen des Lebens und der menschlichen Existenz dar. Über den Tod selbst können wir nichts sagen, nur die Rolle des Todes für das Leben kann für uns von Belang sein. Daher ist der Tod für Heidegger ein Phänomen des Lebens.

Der einzelne Mensch kann sich zum Tod auf zweierlei Weise verhalten. Verhält er sich in der Weise des Man, der Alltäglichkeit, so hat er ein uneigentliches Verhältnis zum Tode. Er meidet den Gedanken an den eigenen Tod, hält ihn fern oder verdrängt ihn, nach dem Motto:

„man stirbt am Ende auch einmal, aber zunächst bleibt man selbst unbetroffen“ (S. 253).

Kennzeichnend für das uneigentliche Verhältnis zum Tode ist das Ausweichen vor ihm. Für das Man ist folgendes Todesverständnis charakteristisch:

„´man stirbt`, weil damit jeder andere und man selbst sich einreden kann: je nicht gerade ich“ (S. 253).

Das Sterben wird als ein „Vorkommnis“ aufgefasst, das nicht dem je Einzelnen begegnet, sondern öffentlich zelebriert wird. Ein individuelles Todesverständnis wird damit verunmöglicht. Der Tod erscheint dem uneigentlich Lebenden als etwas Unpersönliches, als etwas, was ihn selbst zunächst nicht betrifft.

Anders sieht das eigentliche Verhältnis zum Tode aus. Der Einzelne setzt sich hier mit der Möglichkeit des eigenen Todes auseinander. Sie ist die äußerste Möglichkeit seines Lebens, die Grenze aller seiner Ziele und Pläne. Durch die gedankliche Vorwegnahme des eigenen Todes, durch das „Vorlaufen in den Tod“, wird dem Einzelnen seine Begrenztheit, Vergänglichkeit, aber auch seine Einzigartigkeit bewusst. Es wird ihm bewusst, dass er sterben muss und dass sein Tod jederzeit eintreten kann. Er weiß, dass er nicht unbegrenzt viel Zeit hat, um seine Pläne zu verwirklichen. Er entscheidet sich daraufhin, die ihm verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen, die von ihm gewählten Möglichkeiten zu verwirklichen. Er versucht, ein eigentliches Leben zu führen. Das Vorlaufen in den Tod ist Heidegger zufolge die Bedingung für die Gestaltung einer „eigentlichen Existenz“.

Die gedankliche Vorwegnahme des eigenen Todes ruft Angst hervor (S. 265f.). Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen Furcht und Angst. Furcht ist immer vor etwas, vor einem Objekt, beispielsweise vor Hunden, Spinnen oder anderen Menschen. Die Angst vor dem Tod ist hingegen eine besondere Furcht, die Furcht ohne ein Objekt, ohne ein bestimmtes „Wovor“. Der Tod als das schlechthinnige Nichts kann kein Objekt sein. In anderen Worten: Die Angst vor dem unbestimmten Tod hat eine andere Qualität als die Furcht vor bestimmten Objekten. Denkt der Einzelne an den eigenen Tod, so steht er vor dem Nichts. Dies führt im ersten Schritt zum Zusammenbruch der bisherigen Denk- und Lebensgewohnheiten. Im zweiten Schritt eröffnen sich ihm neue Möglichkeiten zu denken und zu handeln. Er entwirft sich nach seinen Möglichkeiten vom Tod, d. h. von der Zukunft, her.

Die Frage, was zur eigentlichen Existenz gehört, bleibt von Heidegger jedoch unbeantwortet. Jeder Einzelne muss selbst darüber entscheiden, was zu seiner eigentlichen Existenz gehört. Heidegger beschränkt sich daher nur auf die Angabe formaler Strukturmomente einer solchen Existenz. Und immer wieder betont er, dass sich diese Existenzweise wesentlich von der uneigentlichen Existenzweise des Man unterscheiden sollte. In seinen Schriften nennt er bloß Bereiche, in denen der Einzelne Eigentlichkeit und den Sinn von Sein finden kann. Zu ihnen gehören in erster Linie Philosophie, Religion und Kunst.

Fraglich ist, ob die in der gedanklichen Vorwegnahme des eigenen Todes hervorgerufene Grundstimmung der Angst tatsächlich das Entwerfen einer eigentlichen Existenz zur Folge hat. Aus psychologischer Sicht können die gedankliche Vorwegnahme des eigenen Todes und die damit einhergehende Angst zu negativen Stimmungen wie Sinnlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Resignation usw. führen. Sie können somit Depressionen und andere Krankheitsbilder auslösen. Dass die von Heidegger beschriebene existentielle Angst ein eigentliches Leben ermöglicht, ist eine Idealkonstruktion, die nur auf wenige Auserwählte zutrifft und mit der Lebensrealität nicht viel gemein hat.

Der Tod geht uns nichts an

Auch Epikur geht davon aus, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Als Materialist begründet er das folgendermaßen: Nicht nur die wahrnehmbaren Gegenstände (darunter der menschliche Körper), sondern auch die menschliche Seele besteht aus Atomen, und zwar aus besonders feinen Atomen, denen Vernunft innewohnt.

Tritt der Tod ein, so lösen sich nicht nur die Körper-, sondern auch die Seelenatome auf. Das bedeutet, dass die Seele nach dem Tod aufhört zu existieren. Der Tod bedeutet auch die Auflösung von Empfindungen, die als Grundlage des Fühlens und Denkens auftreten.

Dem Menschen die Angst vor dem Tod, dem vermeintlich Schrecklichsten, zu nehmen, ist ein wichtiges Ziel der epikureischen Ethik. Denn wenn wir erkennen, dass der Tod gar nichts Schreckliches ist, dann kann uns auch im Leben nichts als schrecklich erscheinen.

Der Tod ist nach Epikur ein Nichts, denn:

„Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.“ (S. 39)

Bei vielen Menschen verursacht die gedankliche Vorwegnahme des Todes, sein Bevorstehen, seelisches Leid. Viele Menschen denken: Wenn ich tot bin, kann ich meine Familienangehörigen und Freunde nicht mehr sehen, den Sonnenuntergang nicht mehr beobachten, meine Pläne und Ziele nicht mehr realisieren, kurz: Ich kann nicht mehr die schönen und sinnvollen Dinge haben, was zum seelischen Leid, z.B. zu Gefühlen von Sinnlosigkeit, Leere, Lustlosigkeit und Resignation, modern gesprochen: zu Depressionen, führt.

Diese Sorge bzw. Befürchtung ist völlig unbegründet und unnötig, denn wenn wir tot sind, bedauern wir nicht, dass wir unsere Familienangehörigen und Freude nicht mehr sehen können, den Sonnenuntergang nicht mehr beobachten können usw. Wir vermissen nichts, weil wir nicht mehr da sind. In Epikurs Worten:

„Sagt aber einer, er fürchte den Tod ja nicht deshalb, weil er Leid bringt, wenn er da ist, sondern weil sein Bevorstehen schon schmerzlich sei, der ist ein Tor; denn es ist doch Unsinn, dass etwas, dessen Vorhandensein uns nicht beunruhigen kann, uns dennoch Leid bereiten soll, weil und solange es nur erwartet wird!“ (S. 39)

Der Tod geht uns nichts an. Deshalb sollten wir keinen Gedanken an ihn verschwenden und uns mit aller Vernunft und Kraft der Gestaltung eines glückseligen Lebens widmen.

Im Gegensatz zu Heidegger liefert Epikur eine ethische Konzeption, nach der sich der Einzelne richten kann. Er behandelt konkrete Lebensphänomene, darunter psychische Phänomene. Ferner gibt er im Rahmen seiner Konzeption konkrete Handlungsanweisungen dafür, wie ein glückseliges Leben zu gestalten ist.

Epikur zufolge sollte die Freude das höchste Ziel der Lebensgestaltung sein. Ein Leben voller Freude können wir dann führen, wenn wir Schmerzen, und zwar sowohl körperliche als auch seelische Schmerzen, vermeiden.

„All unser Tun richten wir ja doch nur darauf, keinen Schmerz erdulden und keine Angst empfinden zu müssen.“ (S. 42)

Die körperlichen Schmerzen können durch die Pflege des Körpers, also durch Bewegung und gesunde sowie mäßige Ernährung vermieden werden. Die seelischen Schmerzen, zu denen in moderner Terminologie Ängste, Nervosität (Unruhe), Trauer und Depressionen gehören, können wir nur dann vermeiden, wenn wir ihre Ursache erkennen und unsere Haltung sowie unser Handeln ändern.

Gemäß Epikur ist die Ursache des seelischen Schmerzes das zu starke Verlangen nach etwas, das unaufhörliche Streben nach etwas, z.B. nach Geld, Ruhm, Macht, aber auch nach Lust. Das Immer-mehr-haben-wollen und Immer-mehr-erleben-wollen verschaffen keine dauerhafte Befriedigung. Der Mensch ist in dieser Haltung mit dem Erreichten letztlich nicht zufrieden. Außerdem muss er sich immer davor fürchten, seinen Besitz zu verlieren.

Epikur schlägt als Alternative zur Haltung des Immer-mehr-haben-wollens die Haltung der Selbstgenügsamkeit vor. Nur wenn wir uns einschränken, uns mit weniger begnügen, können wir den seelischen Schmerz vermeiden.

Der Verzicht und die Einschränkung sind freiwilliger Natur, weswegen Epikur betont:

„Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit.“ (S. 72)

Eine besondere Rolle kommt dabei der Vernunft zu; mit ihrer Hilfe können wir abwägen, was zu viel und was zu wenig ist, d.h. das richtige Maß finden. Auch hier zeigt sich ein Unterschied zu Heidegger. Während nach Epikur die Gestaltung des glückseligen Lebens auf rationalen Überlegungen und Erfahrungen, die überprüft werden können, beruht, gründet Heidegger zufolge der Entwurf einer eigentlichen Existenz in einer besonderen Stimmung, die rational nicht zugänglich ist und empirisch nicht überprüft werden kann.

Quellenangaben

Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 200619
Epikur, Philosophie der Freude, Stuttgart 1956

 

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