Gesellschaft

Propagandistischer Einheitsbrei

13. Juni 2013, von Prof. Adorján Kovács

Manchmal verrät sich die Systempresse. Drei Zeitungen, ein Bild.

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Drei Zeitungen, ein Bild. Drei Zeitungen, die in ihrer Selbstbeschreibung unterschiedlicher nicht sein könnten: die TAZ, die FAZ, die Süddeutsche. Drei Zeitungen, die vorgeben, ein breites Spektrum an Meinungen zu repräsentieren. Linksaußen, liberal-konservativ, gemäßigt links. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch aufgefallen ist: Alle drei titelten mit einem identischen Foto.

Klar, es handelt sich um eine fotographisch gelungene Aufnahme. Es zeigt, ganz offenbar, einen Mann, der, vom harten Strahl eines Wasserwerfers getroffen, gerade abhebt, um gleich nach hinten zu stürzen. Das Gesicht ist nicht erkennbar, aus der Gischt ragen die Beine, die den Halt verloren haben. Es ist aber nicht seine Qualität, die dem Foto dazu verholfen hat, zum Titelbild zu werden. Es sind die propagandistischen Möglichkeiten, die ihm von allen drei Blättern unterlegt worden sind.

Manchmal aber bekommt ein Bild eine symbolische Bedeutung, die gar nicht beabsichtigt war. Wie oft haben wir schon mediale Kampagnen beobachtet, die auf allen Kanälen zugleich losgetreten wurden? Wie oft scheinen Journalisten sich abgesprochen zu haben, ein und dasselbe, natürlich genehme Thema wochenlang durchzuhecheln? Wie oft kamen Andersdenkende scheinbar zu Wort, um in Wahrheit konzertiert medial erstickt zu werden? Wie oft bemerken wir nicht mehr, dass der Tenor der staatstragenden Meinungen in Presse, Funk und Fernsehen sich verdächtig gleicht? Merken wir überhaupt noch, dass manche Themen wie die sogenannte Gleichstellung buchstäblich jeden Tag gebetsmühlenartig in unser Gehirn gehämmert werden?

Es gibt Tabuthemen, es gibt geduldete Themen, es gibt erwünschte Themen. Menschen, die noch Erfahrungen mit der Propaganda im Ostblock haben, sind von der Subtilität der medialen Beeinflussung in der Bundesrepublik beeindruckt. Sie ist so unterschwellig wirksam, dass die Betroffenen selber nicht mehr gewahr werden, dass sie bestimmte Dinge von sich aus nicht mehr sagen, die sie früher sagten. Man kann behaupten, sie haben gelernt. Man kann auch feststellen, dass die Gehirnwäsche erfolgreich war.

Das Bild vom Mann und dem Wasserstrahl stammt vom Taksim-Platz in Istanbul. Es könnte aber auch in Frankfurt aufgenommen worden sein, wo man bekanntlich der EZB nicht zu nahe kommen darf. Es ist kein Zufall, dass das Bild aus der Türkei stammt und nicht aus Frankfurt. Es soll zeigen, wie böse der türkische Ministerpräsident Erdogan zu Demonstranten ist. Herr Erdogan war aber nie ein Ausbund an demokratischer Gesinnung. Das war den drei Blättern aber ziemlich egal. Bis jetzt.deutsche-befindlichkeiten

Den drei Blättern ist ziemlich egal, wie Journalisten behandelt werden in der Türkei. Erdogan ist dafür verantwortlich. Es ist ihnen völlig egal, dass die Türkei immer noch die Hälfte Zyperns besetzt hält. Erdogan hält das für richtig. Es ist ihnen wurscht, ob Christen in der Türkei verfolgt und getötet werden. Erdogan gibt nur Lippenbekenntnisse zur Religionsfreiheit ab. Es interessiert sie kaum, wenn die Türkei mal eben so Soldaten über die Grenze nach Irak schickt. Erdogan steht für die neue Großmannssucht der türkischen Aussenpolitik. Die zunehmende Islamisierung der Türkei ist ihnen gleichgültig. Erdogan betreibt sie forciert. Sie finden nichts dabei, dass Erdogan in Deutschland ausruft, Forderungen nach Integration seien menschenrechtswidrig. Wenigstens die TAZ dürfte das auch glauben. Das alles ist nicht erst seit gestern bekannt. Alles kein Grund, nicht für den Beitritt der Türkei in die EU zu sein.

Drei Zeitungen, eine Meinung. So auch jetzt. Von wegen Meinungsvielfalt. Von wegen breites politisches Spektrum. Hat die Sorge um die Bäume im Gezi-Park das in den Herzen aller Journalisten schlummernde grüne Gewissen geweckt? Wieso haben sie jetzt erst den Potentaten in Erdogan entdeckt, der er immer schon war? Stört der in freien Wahlen bestätigte Islamist beim um jeden Preis angestrebten EU-Beitritt der Türkei? Ich weiß es nicht. Bundesaußenminister Westerwelles Äußerung, das Ganze gefährde die Beitrittsverhandlungen, scheint aber der zweiten Vermutung recht zu geben. Das Einheitsbild auf den Titelseiten steht symbolisch für den medialen Einheitsbrei, den Mainstream, das Korrekte und Erlaubte. Ein entlarvendes Bild.

Der Artikel erschien zuerst in der Freien Welt.

 

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