Gesellschaft

Freud, Epiktet und die Meinungsfreiheit

25. April 2013, von Dr. Alexander Ulfig

Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut. Sollte man ihr Grenzen setzen? Oder lassen sich Argumente für uneingeschränkte Meinungsfreiheit finden?

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Zur Meinungsfreiheit gehören zwei Seiten: derjenige, der eine Meinung äußert, der Adressant, und derjenige, der eine Meinung empfängt, der Adressat. Wenden wir uns zunächst dem Adressanten zu. Die Psychoanalyse fordert, dass ein Patient über alles frei, offen und somit tabulos sprechen soll. Nur so kann er seine unbewussten, verdrängten Probleme bewusst machen und sie gegebenenfalls lösen. Tut er das nicht, leben diese Konflikte im Unbewussten weiter und äußern sich irgendwann im Verhalten des Patienten, etwa in Gewaltausbrüchen.

Diese Erkenntnis kann man auf soziale Sachverhalte übertragen. Vorurteile, die Menschen gegenüber anderen Menschen oder Gruppen von Menschen haben, sollten geäußert und genau thematisiert werden, ansonsten leben sie im gesellschaftlichen Unbewussten weiter und brechen irgendwann unkontrolliert auf. Demnach dürften auch die als extremistisch bezeichneten politischen Meinungen öffentlich geäußert werden, weil man sich dann mit ihnen rational auseinandersetzen und sie widerlegen kann. Meinungen zu tabuisieren, ist deshalb immer falsch.

Betrachten wir die andere Seite: den Adressaten einer Meinung. Man sagt, dass bestimmte Meinungen nicht geäußert werden dürfen, weil man mit ihnen andere Menschen oder Gruppen von Menschen beleidigen oder verletzen könnte. Dagegen kann behauptet werden, dass es von den Adressaten selbst abhängt, wie sie Meinungen auffassen und auf sie reagieren, das heißt, ob sie sich durch Meinungen verletzen oder beleidigen lassen.

Der griechische Philosoph Epiktet unterscheidet zwischen Dingen und den Vorstellungen von den Dingen. Nicht die Dinge selbst sind es, die die Menschen affizieren (auf sie einwirken), sondern die Vorstellungen von den Dingen. So ist beispielsweise der Tod nichts Schreckliches, sondern unsere Vorstellung, er sei etwas Schreckliches, ist das Schreckliche. Wie der Mensch etwas auffasst, hängt alleine von ihm ab. Ob er z.B. eine Äußerung als eine Känkung, Beleidigung oder harmlose Bemerkung auffasst, hängt alleine von seiner Haltung bzw. der Deutung der Äußerung ab. Es hängt auch alleine von ihm ab, wie er auf eine Äußerung reagiert.

Epiktet schreibt: „Sei dir dessen bewusst, dass dich derjenige nicht verletzen kann, der dich beschimpft oder schlägt; es ist vielmehr deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen. Wenn dich also jemand reizt, dann wisse, dass es deine eigene Auffassung ist, die dich gereizt hat.“

Wenn sich jemand abwertend über andere Menschen, Einzelmenschen oder Gruppen von Menschen, äußert, müssen sich die Adressaten deswegen nicht gleich beleidigt fühlen und Redeverbote fordern. Es ist viel sinnvoller, sich mit solchen Äußerungen, auch wenn sie extremistisch sind, auseinanderzusetzen und sie zu widerlegen. Und es ist die Aufgabe aller an einem rationalen Diskurs Interessierten, auf solche Äußerungen immer wieder einzugehen und sie zu entkräften. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist zu kostbar, um eingeschränkt zu werden.

 

 

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